Was vom Leben übrigbleibt


Da kennt man jemanden, der sitzt ein Büro weiter. Ist vielleicht 10 Jahre älter als man selbst.

Tag für Tag. Irgendwas war seltsam. Man redete nicht drüber. Aber so ganz koscher war das nicht.

Jetzt sitzt dieser Jemand nicht mehr in seinem Büro. Und es dauert nur Minuten, bis das erste Gerüchte aufkommen. Geflüstert über die Flure: Der hat getrunken. Hinter vorgehaltener Hand, denn über Tote sagt man nichts negatives.

Langsam sickert die Todesursache durch. Leberzirrhose.

Die Frage stellt sich mir, aber eigentlich auch jedem: Warum haben wir geschwiegen?

Insbesondere die, die jetzt sagen: „Ich habs doch immer gewusst.“

Sicher. Jeder ist seines Glückes Schmied. Und wenn man sich die Leber wegsäuft, dann ist das eine Hausnummer – das sind mindestens 10 Jahre starker Alkoholmissbrauch.

Aber wir achten zuwenig auf den anderen. Wir haben alle viel zuviel Angst, aufzufallen, derjenige zu sein, der die Omerta bricht. Ich habe mal meinen Verdacht geäußert, auch bei den richtigen Stellen. Aber offensichtlich nicht mit genügend Nachdruck und mit sehr unangenehmen Konsequenzen.

Hätte er noch leben können, wenn ich durchsetzungsfähiger gewesen wäre? Habe ich irgendwo versagt oder binde ich mir wieder zuviel ans Bein?

Denn da waren auch Vorgesetzte, die es definitiv wussten, dass da jemand zuviel trinkt. Es gibt eine Dienstvereinbarung über den Umgang mit Alkoholkranken. Und gegen die wurde in jeder einzelnen Phase verstoßen.

Ich wünsche den Kollegen, dass sie das nächstemal mehr Fingerspitzengefühl an den Tag legen. Und mir wünsche ich, dass ich das nächstemal den Mund weiter aufmache und auf die Konsequenzen scheiße. Denn noch einmal will ich mich nicht fragen müssen, ob ich die Tragödie hätte verhindern können, wenn ich den Hals aufgerissen hätte.

Schwieriges Thema. Schwierige, sehr unerfreuliche Gerüchtesituation.

In memoriam an eine nette, hilfsbereite Kollegin, die ich nie anders als ängstlich und wenig durchsetzungsfähig erlebt habe.
Die oft um Hilfe gebeten hat – und nie erhalten.

Veröffentlicht am 9. Juni 2009, in Allgemein. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 7 Kommentare.

  1. Hm
    manche Schicksale stimmen einen schon traurig aber in Bezug auf "mit Nachdruck" bei "zuständiger Stelle" darauf hinweisen wüsst ich nicht ob der Person helfen würde. Im allgemeinen ist die Reaktion von Arbeitgebern die Kündigung. Und ob das die Sache nun besser macht wage ich zu bezweifeln. Das direkte Gespräch sollte eigentlich eher das erste sein was man sucht wobei mir auch bewusst ist das einem das sehr oft sehr schwer fällt.
    Aber egal wir groß mein Problem ist … das mich jemand "anscheißt" würd ich übel nehmen. Ok ein Gesprächsversuch würd ich wohl auch mauern aber ich würds auch keinem übel nehmen wenn er mich danach meinem Schicksal überlässt.

  2. Tantchen Jay

    Es gibt eine Dienstvereinbarung, wonach die Leute eben NICHT zu kündigen sind. Sondern wo aktiv in Zusammenarbeit mit dem Suchtbeauftragten nach Hilfe gesucht werden soll.

    Und genau das ist hier nicht passiert. 😦

  3. Alkoholsucht ist eine Krankheit. NUR, der *Kranke* muß sie als solche erkennen und anerkennen und DAS ist oft der Knackpunkt. Da wird vehement verneint, nur manchmal, wenn ich Ärger habe…. aber das man nicht mehr ohne auskommt, das vor sich selber zuzugeben ist der schwerste Kampf. Wenn diese erste Hürde genommen ist, wird man auch Hilfe, egal welcher Art annehmen…..

    Heckse

  4. Tantchen Jay

    Richtig. Nur – dazu gehören Freunde, die das Maul aufmachen. Leute in der Umgebung, die nicht weggucken, die Ängste ernst nehmen und die bereitstehen, auch wenn es Bequemlichkeit kostet.

    Das ist doch das, was Freundschaft ausmacht. DA zu sein, wenn man gebraucht wird. Auch wenn es lästig ist.

    Auf der Beerdigung waren sehr viele Freunde. Und ich kann nur hoffen, dass die jetzt HINgucken. Und nicht WEGgucken. Unter denen sind nämlich auch noch ein paar Kandidaten, die dasselbe Problem haben.

    Oder – um es anders zu sagen: Eine meiner Lehrerinnen hat heute festgestellt, dass wir in Deutschland eine Kultur des wegsehens haben. Man nimmt nicht wahr, was nicht sein kann und darf.
    😦

  5. Yo. Deine Äußerungen bzgl. der Freunde kann ich unterstreichen, die sind in der moralischen Pflicht. Andersrum – und das speziell an Dich als Oberaltruistin -: Deine Arbeitskollegen sind grundsätzlich nicht Deine Freunde. Für die solltest Du also auch nicht mehr riskieren als für das merkwürdig oft heulende Kind aus dem zweiten Stock. Glaubs einem, der beides durch hat. Der erste Kommentar da oben kommt schon hin.

  6. …und zwar ein anderer Anonymer:
    Ich kann aus eigener Erfahrung mit zehn, elf Jahren Alk-Missbrauch und vor allem körperlicher Abhängigkeit dazu sagen: Man kann keine verallgemeinernden Aussagen treffen, was "richtig" ist, wenn man im Bekannten-, Kollegen-, Freundes- oder Familienkreis auf einen Alkoholiker trifft.

    Einerseits: Was den einen paradoxerweise aus dem Suff herausbringt (bei mir: Arbeitsplatzverlust, sich abgrenzende Bekannte und Familie) mag dem anderen psychisch und sozial so weit den Rest geben, dass der Suizid der kaputten Leber zuvorkommt.

    Wenn mir in meiner "nassen Zeit" ein Nicht-Betroffener seine "Hilfe" angeboten oder aufgedrängt hätte – ich glaube, ich hätte mir ersteinmal einen darauf gesoffen.

    Andererseits: Prediger der sozialen Härte und Kälte, die einen Suchtkranken ersteinmal in den Dreck stoßen möchten, um ihn Drillsergeant-mäßig wieder aufzubauen – die können natürlich auch eher etwas zum Nassbleiben sein.

    Mich hat eine Selbsthilfegruppe weitergebracht. Wenn ich inzwischen höre, wie schlecht sogar Ärzte oder hauptamtliche Suchthelfer mit der Abhängigkeit anderer Menschen oft umzugehen wissen – es spielt ja auch immer ein materielles Interesse an der eigenen Profession hinein -, scheint mir der Weg zu den Anonymen Alkoholikern, den Blaukreuzlern oder Guttemplern – bei allen Vorbehalten gegen manchen religiösen Quark – das einzige Mittel zu sein, das man als Außenstehender mit positivem Feedback begleiten sollte.
    ———-
    Ein wirklich tolles Buch zum Thema, das man bei seinem Buchhändler auch ganz schamfrei bestellen kann:
    Simon(e) Borowiak
    Alk. Fast ein medizinisches Sachbuch.

  7. Tantchen Jay

    Ich halte von Bootcamps, "in den Dreck stoßen" und wasweißichnichtnochalles überhaupt nichts. Sucht hat einen Grund, die Leute fangen nicht einfach so an zu saufen oder was man eben als Sucht definiert.

    Und gerade wegen dieser Suchtgeschichte ist der Drill-Sergeant die völlig falsche Lösung. Verständnis, echte Hilfe und Ehrlichkeit hilft den meisten eher.

warf folgenden Kuchen auf den Teller