Stück für Stück sterben


Angefangen habe ich „mein“ Internet bei AOL. Da hab ich die ersten Laufversuche gemacht und irgendwann bin ich bei den „Scouts“ gelandet. Die ehrenamtlichen Mitglieder, wie es so schön hieß. 😉

Soweit so bekannt, das wurde hier schon thematisiert. Im Laufe der Zeit wuchs die Kritik an AOL, da die ja schließlich Arbeitskraft für umsonst bekommen haben. Aber diese Rechnung ging so nicht auf. Denn die Scoutaccounts waren begehrt, da kostenfrei zu Zeiten wo man sich anderweitig blutig gezahlt hat.

In den Anfangszeiten gabs sogar noch Telefongebühren dabei. Und wer einmal wegen Indernett ne 600-DM-Rechnung hatte, hat diese Gelder wertgeschätzt.

Letztlich war AOL die erste „Web 2.0“-Anwendung bereits in den 90er Jahren. AOL hat das Internet massentauglich gemacht, als erstes eine Community geschaffen und innerhalb der Community einzelne Bereiche, in denen man spielen konnte. Naja, genauso sahs dann stellenweise auch aus 🙂

Irgendwann kam ein Onkel mit Rotstift und etwas, das sich „Corporate Identity“ nannte und bereitete der fröhlichen Urständ ein Ende. Das Label AOL musste innerhalb eines festgelegten Designs arbeiten. Damit fielen dann viele schlecht gepflegte Inhalte hinten rüber, aber am Ende auch die guten. Der legendäre 11er z.b., mit lebhaftem Chat und Forum. Oder „Mitglieder fragen Mitglieder“ – die Scoutjauchgrube. Wer HIER überlebt hat, der war gestählt für ALLES.

Mein persönliches Menetekel, als ich mal Vertretungen gemacht hab, waren immer die Flirtchats. Bäh, nie ohne Ganzkörperkondom. Allerdings: Direkter Cybersex wurde da nicht gemacht. Das lief alles über Telegramme. Aber der Zuckerschock war regelmäßig zuviel für mich 🙂

Und in der Nachschau liegen genau da die Fehler, die AOL jetzt endgültig aus Deutschland hinwegführen. AOL lebte davon, dass man anders war. Dass man zwar Mainstream war, aber eben individuell und für jeden was dabei.

Als man das zurückgefahren hatte, alles nivelliert auf Corporate Identity, als man die Scouts „reorganisierte“ und damit auch ein Stück weit die Kreativität der Leute einengte, als man versucht hat, über Werbung und „professionelle Inhalte“ Geld zu verdienen, unterschied AOL nix mehr von web.de, yahoo.de oder einem anderen x-beliebigen Diensteanbieter.

Man hat damals einfach verkannt, was AOL eigentlich war. Das es durch die Mitglieder lebte. Dass man dem Wort „Community“ Leben gab, als die meisten noch im Usenet abhingen und sich gegenseitig geflamed haben.

Ich kenne die inneren Strukturen nicht gut genug, um zu wissen, ob man das hätte anders machen können. Ob es nicht besser gewesen wäre, den Communitygedanken konsequent weiterzuführen anstatt alles, was irgendwie nach Individualität roch, wegzubügeln.

Möglicherweise wäre AOL auf diesem Wege besser gefahren und immer noch eine Option im Internetgeschäft.

Denn dass ist es nicht mehr. AOL ist konsequent und mit Macht an die Wand gefahren worden. Die letzten machen – leider – das Licht aus.

Es war eine schöne Zeit. Vieles, was web 2.0 ausmacht, hatte seine Wurzeln bei AOL. Aber wie so häufig hat sich der Vorreiter selbst umgebracht.

Wenn AOL Deutschland die Pforten endgültig schließt, stehen weitere 140 Leute vor dem Nichts. Ein Abschied auf Raten, der nicht hätte sein müssen.

Aber nach allen Entwicklungen der vergangenen Jahre letztlich doch nur ein weiterer Diensteanbieter wie alle anderen, der geschlossen wird, weil es schon zuviele davon gibt.

Veröffentlicht am 12. Januar 2010, in Allgemein. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

warf folgenden Kuchen auf den Teller