Zu spät


„Mensch, den hast doch früher immer gern gehabt und das zu Recht. Wattn netter Kerl“ – das waren meine Gedanken auf der Hochzeit meiner Cousine, als ich meinen Onkel wiedertraf.

Viel zu kurz haben wir miteinander gesprochen, aber wir versprachen uns, das nachzuholen. Es folgten einige Telefongespräche und das Versprechen, dass wir uns besuchen.

Das werde ich früher einhalten müssen, als ich dachte. Und auf eine so andere Weise, als ich hoffte.

Ich hätte lieber auf seiner Goldenen Hochzeit getanzt als auf seiner Beerdigung die Witwe getröstet.

So viele Jahre, die wir uns nicht gesehen hatten. Aus so unendlich vielen Gründen. Und jetzt werde ich diesen wirklich interessanten Menschen nie wieder genau kennenlernen.

Ein Mensch, der die kleine Tante Jay damals auf den Knien schaukelte, als sie vor lauter Heimweh untröstlich bei Oma und Opa war bei der alljährlichen Abschiebeaktion zu den Großeltern in den Sommerferien. Der das verschüchterte Kind getröstet und liebgehabt hat.

Mein Onkel. Liebevoll und geradlinig. Mit Fehlern – nicht der geringste war der Umgang damals mit seiner Tochter, die ohne Unterarm geboren wurde und wo man über die Jahre immer wieder verzweifelt versuchte, das „Manko“ zu verdecken. Mit katastrophalen Folgen für meine Cousine.

Sie haben es gemeinsam überwunden. Sie haben erkannt, was sie ihrem Kind angetan haben und sich nach Kräften bemüht, es wiedergutzumachen. Was auch tatsächlich funktioniert hat. Sie ist heute, nach allem was ich weiß, glücklich und im Leben angekommen, wie man so schön sagt.

Mein Onkel.

Und alles was mir bleibt, ist Adieu zu sagen.

Ich sagte neulich noch jemandem, dass die Zuneigung bleibt. Und die Gefühle, die man für jemanden gehegt hat, dass die nicht verschwinden.

Ein guter Mensch ist gegangen. Und die verlorene Zeit, die bringt uns niemals jemand zurück…

Veröffentlicht am 4. Februar 2010, in Allgemein. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

warf folgenden Kuchen auf den Teller