Altersunterschiede
Was haben eine 95jährige und eine 18jährige gemeinsam? Und was unterscheidet sie? Banale Frage? Eigentlich nicht.
Die Antwort ist so naheliegend wie traurig: Beide können sterben. Und wir, die wir zurückbleiben, stehen vor der Frage, wie wir damit umgehen, dass ein Mensch, den wir kannten, den wir mochten, plötzlich nicht mehr da ist.
Auf der einen Seite steht ein junges Mädchen, fast eine junge Frau, mit einer schlimmen Diagnose: Leukämie. Sie kämpft, sie legt jeden Zentimeter ihres Weges mit Klauen und Zähnen zurück, wird durch die Behandlung, die sie nicht gut verträgt, zum Pflegefall und doch findet sie immer wieder Dinge, die sie zum Lachen bringen, die ihr Freude machten.
Bis die Kraft nicht mehr reichte. Bis das eine kam, was sie nicht ertragen konnte. Bis sie aufgeben musste, weil sie keine weiteren Therapien ertrug.
Und am Ende siegte die Krankheit über eine großartige junge Frau, mit der man lange Zeit mitgezittert hat und die einen berührt hat.
Sonja selbst sprach von einem Stück Gepäck, dass sie mit auf die Reise gegeben hat. Man steigt in einen Zug, trifft dort Leute und steigt irgendwann wieder aus, wenn die Reise des Lebens zu Ende ist. Und während dieser Reise hat man das Gepäck der anderen bereichert.
In diesem einen Punkt stimme ich ihr nicht zu. Gepäck ist sperrig und belastet. Doch das, was sie gegeben hat, einfach, indem sie sie selbst war, war weder sperrig noch hat es belastet.
Wärme, Lebensfreude, Hoffnung – das pralle Leben in einer zu kurzen Geschichte. Ich hätte gerne gesehen, zu welch ungewöhnlichen Erwachsenen sie sich entwickelt hätte.
Es bleiben die Angehörigen, denen ich von Herzen wünsche, dass sie zu einem normalen Leben zurückfinden werden, zuviel ist geschehen, als dass das schnell gehen könnte. Tipp von der Tante: Legt beim Bloglesen Taschentücher daneben. Ihr werdet sie brauchen.
Und auf der anderen Seite die 95jährige, die ihr Leben sicherlich gelebt hat. Wenn man sie fragen könnte, würde sie wahrscheinlich etwas sagen: wie „Ach Kind, ich bin müde, lass mich schlafen.“
Und doch – auch sie fehlt. Weisheit, Mutterwitz, Wärme und die Abgeklärtheit des Alters, all das ist weg. An der Stelle wo eben noch eine Präsenz war, ist jetzt nichts mehr.
Und hier kommt eine weitere Gemeinsamkeit:
Freundlichkeit, innere Wärme, Liebe – all das ist nicht verschwendet und vergeben. Die Personen selbst mögen gegangen sein, sie haben uns zurückgelassen um ihren eigenen Weg zu gehen. Doch jeder einzelne, der sich an sie erinnert, trägt ein Stückchen von ihnen mit sich herum, sie sind nicht spurlos gegangen.
Und das mag ein Trost für alle sein, die gerade trauern.
Veröffentlicht am 18. Juni 2010, in Allgemein. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 7 Kommentare.
Und nach unsrem Mailaustausch von gestern weiß ich wirklich nicht, ob du Heidi Kabel meintest…
Ich danke dir für dieses Wort.
Nein, nicht Heidi Kabel – und gern geschehen. Das war mir z.B. ein inneres Bedürfnis.
Jeder Mensch (m/w), der einen das Leben über – oder zumindest ein Stück davon – begleitet hat, hinterlässt eine Lücke. Die schliesst sich, wie auch eine Wunde sich schliesst, aber eine Narbe bleibt.
Und diese Narbe (ist meine Philosophie) sind die Erinnerungen, die man sich „im Herzen“ bewahrt.
Pfleg‘ die Erinnerung aber versuch‘, zu verhindern, dass sie Dich Überwältigen: davon hat auch der/die Verstorbene nichts.
Ganz liebe Grüße
Hajo
Das werden sie nicht tun, ich bin halt nur gerade sehr traurig vor allem, weil ich es mir in dem einen Fall so sehr anders gewünscht hätte. Ich kannte beide Frauen nicht persönlich, von der alten Dame habe ich sogar nur über Wolfram erfahren – aber es war auch eine Art philosophischer Betrachtung – und wie man es sich erklären kann.
Sinn haben diese Tode beide nicht. Der Tod gehört zum Leben, daher stellt sich die Sinnfrage nicht. Aber trotzdem ist da eine Stimme, die eine Erklärung benötigt.
aber liebe Tante Jay, eine Erklärung zum Tod eines Menschen wird es niemals geben, höchstens eine Beschreibung der Umstände, die dazu geführt haben.
Wer weiss, wozu das gut ist.
Zu nichts. Der Tod gehört zum Leben, er ist der natürliche Lauf der Dinge, warum einer zu diesem Tag und dieser Stunde sterben muss – ich sehe keinen Sinn darin. Ich vermisse denjenigen nur, wenn er nicht mehr da ist. 😦
Mit diesem bewegenden Text erinnerst du mich an ein Ereignis, welches jetzt 17 Jahre zurückliegt. Damals erkrankte die Tochter meines ehemaligen Physiklehrers an Leukämie, die Anteilnahme und Hilfsbereitschaft war zwar groß (es wurde sogar im lokalen Radio berichtet), aber geholfen hat es letztendlich nicht, sie starb im Alter von 17 Jahren. Der nächste Tag war nicht leicht für alle Beteiligten, im Physikunterricht hätte man eine Stecknadel fallen hören können.
Da ich am Montag eh zum Hausarzt muss, werd ich mich bei der Gelegenheit auch typisieren lassen. Kostet ja nichts, ausser vielleicht fünf Minuten Zeit. Und wer weiss, wem man damit helfen kann…