Qualitätsjournalismus Anno 2010


Heute am Beispiel des Spiegels. Oder besser SpOn.

Das Rolling Stone Magazin hat nen ziemlichen Scoop gelandet. Indem recherchiert wurde, indem sich der Reporter an den zu porträtierenden gehängt hat, aber OHNE sich mit ihm gemein zu machen. Er hat offiziell alle Äußerungen mitgeloggt, das Tonband lief die ganze Zeit. Er hat sich umgesehen mit offenen Augen – aber ist zu keiner Zeit dem Irrtum unterlegen, dass die Militärs, die er interviewte, seine Freunde waren.

Am Ende stürzte ein General.

Was ich von einem Nachrichtenmagazin, dass sein Geld wert ist, erwarte, ist nicht weniger als dass das Rolling Stone Magazin gemacht hat: Sich hinter Leute klemmen, Nachrichten suchen und finden und sie vor allem gut recherchiert und fundiert und NEUTRAL raushauen. Die besten Artikel waren die, die unter widrigsten Umständen recherchiert wurden.

Der Spiegel konnte das mal, er hat über Korruption berichtet, über Skandale – nicht wenige Skandale, die bis in die 80er hinein aufgeflogen sind, wurden vom Spiegel angestoßen. Weil seine Reporter wussten, dass die, über die sie recherchierten, nicht ihre Freunde sind.

Neue Heimat, Franz-Josef Strauß, sie alle stürzten, wenn auch gut gepolstert 😉

Und was ist der Spiegel heute?

Eine Nacherzählungsmaschine des Reportertraums vom Rolling Stone. Bzw. ist SpOn die Aufwärmabteilung des Spiegels, doch auch der gedruckte ist nicht sein Geld wert, wie ich in letzter Zeit feststellen musste. Das Interview mit v. Guttenberg birgt unglaublich viel Zündstoff, wo man mal hätte nachhaken sollen. Wo sich der Rolling Stone-Reporter mit Sicherheit dran festgebissen hätte und nicht lockergelassen, bis er eine zufriedenstellende Antwort gehabt hätte.

Nicht so der Spiegelreporter. Er hat seine Antwort von Guttenberg und ging dann zum nächsten Punkt weiter. Jede Antwort muss natürlich autorisiert werden und jede Frage wird vorher abgesprochen. Das ist bekannt – und schlecht. Denn so verkommt der Journalismus zum Selbstdarstellungshelferlein.

Warum will Herr v. Guttenberg denn, dass die Wehrpflicht abgeschafft wird? Kostengründe? Ja, sicher, die spielen eine Rolle. Aber viel eher ist doch der Fall, dass die Bundeswehr demnächst noch woanders ihre Pfoten drin hat und dann eben Wehrpflichtige dafür unbrauchbar sind. Anhaltspunkte dafür gibt es in dem Interview genügend, aber ein Nachhaken? Fehlanzeige.

Beispiel:

Spiegel: Und die sagt: Auf die Wehrpflicht können wir verzichten?

Guttenberg: Ja, und zwar nicht nur „können“, sondern man muss sogar unter gewissen Umständen auf die Einberufung verzichten.

Weitere Nachfrage, WELCHE Umstände denn dazu führen, dass man auf eine Einberufung verzichtet? Nein, nichts dergleichen. Oder:

Das Interview, hier nachzulesen, ist gekürzt, die fiesesten Passagen sind rausgestrichen. Ich wünschte, ich hätte den gedruckten noch, aber der ist mir halt in die Ablage P gefallen 😉

Aber wenn einer ne Quelle hat, her damit. Das Ding hat Zündstoff – in beide Richtungen.

Veröffentlicht am 25. Juni 2010, in Allgemein. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Ein Kommentar.

  1. Ist das was neues, dass sich Politiker „ihre“ Journalie ‚raussuchen und dass die Interviews zensiert sind?

    Und da macht nicht nur der Spiegel mit! Und wenn mal einer nachfragt, wird er von den „Verantwortlichen“ seiner Zeitung/Redaktion/Senders abgemahnt oder gefeuert!

    Daher – geh mir wech mit den sogenannten etablierten Journalisten!!!

warf folgenden Kuchen auf den Teller