Schwierig
Heute hatte ich nach sehr langer Zeit mal wieder die Gelegenheit, mit meiner Cousine zu sprechen. Ich kenne sie als sehr patente und selbstsichere Person. Sie hat studiert, ist Ärztin.
Ihre Lebensplanung hat sich aber seit einiger Zeit gründlich in Luft aufgelöst. Denn sie hat MS.Und da sie noch sehr jung ist, hat sie eine recht aggressive Verlaufsform. Diagnostiziert ist das ganze seit 5 Jahren und bereits jetzt kann sie ihre Beine nicht mehr richtig bewegen.
Die patente und selbstsichere Persönlichkeit – sie gibt es fast nicht mehr. Eingezwängt in mütterliche Fürsorge, ist sie fast erstickt. Sie traut sich nichts mehr zu, macht kaum noch einen Handgriff alleine. Und ich konnte jetzt am Wochenende beobachten, dass in dem Moment *wo* sie mal was alleine machen will, meine Tante stante pede ankam und ihr sofort alles aus der Hand genommen hat.
Ich kann sie ja verstehen. Sie macht sich furchtbare Sorgen um sie. Und ein wenig hab ich das Spiegelbild in meiner eigenen Mutter gefunden, die nach meiner Erkrankung ebenfalls zur Glucke mutiert. Aber es hilft ja nun mal alles nix.
Als wir spazierengegangen sind, sind wir beide ein wenig „hinterhergehinkt“. Ich weil ich keine Luft kriegte und Cousinchen, weil sie nicht richtig laufen konnte. Vorgeblich. Und sie erzählte mir, dass sie die Möglichkeit hätte, doch in die nächste Großstadt zu gehen. Dort könnte sie in eine Forschungsgruppe gehen und als betroffene Ärztin mitforschen.
Doch sie traut sich nicht. Alle erzählen ihr die größten Horrorgeschichten. Sie ist in Rente, sie ist nicht mehr in der Lage ihren geliebten Beruf auszuüben. Und alle sagen ihr, dass sie doch zu Hause im Nest bleiben soll. Hier hat sie Freunde, Familie. Und ohne Familie könnte sie doch nichts mehr machen. Wäre quasi pflegebedürftig. Hier hast du deine Therapien, hier hast du was du brauchst. Bleib doch hier im Bekannten, hier hast du immer jemanden, der sich um dich kümmert. Das kommt vor allem wohl von ihren Freunden. Nur:
Die arbeiten, die haben ihr eigenes Leben. Und wenn sie dann mal Zeit haben, sie zu besuchen, dann ist das für sie ein Highlight, weil sie eben den ganzen Tag zu Hause hockt, die Wände anstarrt und auf den nächsten Therapietermin wartet. Die Freunde haben ihr eigenes Leben und das ist gut so – aber sie hat das auch und das läßt man sie grad offensichtlich nicht leben.
Die Folge ist, dass die erfrischende Persönlichkeit einer wunderschönen und intelligenten Frau fast völlig erstickt wird von dieser Art Bevormundung. Sie ist nicht mehr selbständig. Jeder erzählt ihr, was sie nicht mehr kann und dass man es doch nur gut meint und ihr helfen will.
Und nun kommts Tantchen ins Spiel. Ich hab nur Fragen gestellt:
„Was kann dir passieren? Was wären die Konsequenzen, wenn du tatsächlich scheiterst?“
„Was wären die Konsequenzen, wenn du nicht gehst?“
Und die wichtigste:
„Willst du das machen?“
Nun, die Antworten sind klar, oder? Na-tür-lich will sie das machen. Die Konsequenzen, wenn sie scheitert, wären schlichtweg: Zurück ins Nest. Aber sie hats wenigstens versucht. Und genau darauf kommt es an. Auf nichts anderes. Und sie wäre der mütterlichen Fürsorge entflohen, die sie gerade um den Verstand bringt.
Ich habs ihr auf den Kopf zugesagt: Mutti ist doch sicher zwei- bis dreimal täglich bei dir, wenn nicht ruft sie an, richtig? Jo, Nagel auf den Kopf getroffen. Es ist IHRE Wohnung, aber Mutti macht alles, zur Folge hat das, dass es eben NICHT mehr ihre Wohnung ist, sondern eher eine Art Kinderzimmer mit Vollausstattung.
Und die Konsequenzen, wenn sie nicht geht, sind auch klar: Verpassten Gelegenheiten kann man lange nachtrauern und die belasten. „Was hätte ich tun können“.
Die Folge dieses Gesprächs wird wohl sein, dass sie in die Großstadt geht. 🙂
Meine Tante hat wirklich versucht, den Kontakt zwischen mir und Cousinchen so schmal wie möglich zu halten. Und nicht unbeobachtet oder ungelenkt. Weil sie *genau* wusste, was ich ihr sagen würde.
Noja. Ich glaub, da wird demnächst ne Tante sehr sauer auf die Tante sein. Aber ehrlich?
Sie kann meine Cousine nicht ihr Leben lang beglucken. Cousinchen ist auch schon knapp an die 40, die ist der mütterlichen Fürsorge entwachsen. Und es ist ja auch nicht schlimm, hinzufallen.
Schlimm ist nur, wenn man liegenbleibt. Aufstehen, Mund abwischen, weitermachen, es geht schon irgendwie weiter.
Das hat sie heute, glaub ich, ein bisschen begriffen.
Egal wie sie sich entscheidet: Wenn sie jetzt im Dorf bleibt, dann, weil es IHRE Entscheidung ist. Und nicht die der anderen, die sie wie mit zähen Spinnfäden festhalten. Wenn sie geht, wird es eben so IHRE Entscheidung sein. Die Freiheit der Entscheidung, die soll und muss sie haben.
Wär schön, wenn das geklappt hat 🙂
Ich find meine Cousine toll. Ich bin richtig stolz auf sie. 🙂
Veröffentlicht am 9. Januar 2011, in alltägliche Katastrophen, Familienbande. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 9 Kommentare.
warf folgenden Kuchen auf den Teller
Schwierig
Heute hatte ich nach sehr langer Zeit mal wieder die Gelegenheit, mit meiner Cousine zu sprechen. Ich kenne sie als sehr patente und selbstsichere Person. Sie hat studiert, ist Ärztin.
Ihre Lebensplanung hat sich aber seit einiger Zeit gründlich in Luft aufgelöst. Denn sie hat MS.Und da sie noch sehr jung ist, hat sie eine recht aggressive Verlaufsform. Diagnostiziert ist das ganze seit 5 Jahren und bereits jetzt kann sie ihre Beine nicht mehr richtig bewegen.
Die patente und selbstsichere Persönlichkeit – sie gibt es fast nicht mehr. Eingezwängt in mütterliche Fürsorge, ist sie fast erstickt. Sie traut sich nichts mehr zu, macht kaum noch einen Handgriff alleine. Und ich konnte jetzt am Wochenende beobachten, dass in dem Moment *wo* sie mal was alleine machen will, meine Tante stante pede ankam und ihr sofort alles aus der Hand genommen hat.
Veröffentlicht am 9. Januar 2011, in Allgemein. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 9 Kommentare.
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Dein Handeln war 100% richtig. Auch bei der Fürsorge sollte man es ab einem bestimmten Punkt wie Paracelsus halten, denn bei extrem viel Fürsorge wird diese schädlich.
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Die beste Therapie ist glücklich zu sein auch wenn sie nicht heilt. Wenn deinem Counsinchen die Forschung und das Arzt sein Spaß machen soll sie das solange tun wie es geht. Am ende gibt sie , auf ihre weise, dieser Welt etwas zurück wovor ich nur salutieren kann.
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Familie ist ja ganz nett, vor allem wenn die einen auffangen, wenn man Hilfe braucht (bei meiner Familie ist das glücklicherweise so), aber wenn die Hilfe in Bevormundung oder (Quasi-)Entmündigung endet, dann ist das zuviel des Guten.
Daher ist’s schon ganz ok, dass dein Cousinchen sich überlegt, was sie will: Richtig was schaffen und (wahrscheinlich) Spaß dabei haben, was machen, selbst sagen, was eingekauft wird; oder andere machen lassen, nix selbst schaffen und (vielleicht) dahinvegetieren.Denn solche Sachen wie Haushalts- oder Einkaufshilfe oder behindertengerechte Wohnungen und Arbeitsstellen sollten in Deutschland nicht gar zu schwer zu finden sein (kommt halt d’rauf an, was deine Cousine braucht). Und ’ne Therapie kann sie sicherlich in’er Großstadt auch machen. Und je mehr man selbst machen, aussuchen, bestimmen kann, desto besser.
Jeder der hier mitliest, weiß wahrscheinlich, wie geil es war, endlich die eigene Bude (ohne Muttern) zu beziehen – scheiß egal wech, das mit dem Einkaufen oder den Stadtwerken, dem TV und der GEZ, der Wäsche etc. bekam man irgendwie auf die Reihe. Hauptsache wech! Geht alles – man muss es nur wollen.
Falls ihr Hilfe beim Umzug braucht, kannste mir ja kontaktieren. 😉
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Datt is hoch im Norden. Dürfte bissi von dir wech sein. *g*
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Verehrteste! Ich wohne hoch im Norden (naja – fast).
😀
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Ich finde es gut, dass Du ihr den Rücken stärkst.
Wenn ihre Mutter so besorgt um ihr Wohl ist, sollte sie sie gehen lassen. Mit Wohlwollen!
Man muss seine Kinder auch mal fliegen lassen, erst recht, wenn sie schon lange alt genug dafür sind. Und wenn sie fallen, dann hilft man halt , dass der Fall nicht zu tief und der Aufschlag nicht zu hart wird.
Und wenn die Tante aufs Tantchen sauer ist: Solange sie mit Dir zugange ist, hat sie keine Zeit, ihre Tochter zu bevormunden. 😉S.
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ich weiß schon, warum ich meinen Eltern die Diagnose gar nicht erst mitgeteilt habe…
MS ist die Krankheit der 1000 Gesichter. Es kann schlimm sein, kann schlimmer werden, muss aber nicht so bleiben und muss auch gar nicht so werden… (orakelorakel)
Interessant war dazu auch der Blog von Frau Multiples (leider nicht mehr fortgeführt).Aber das Allerwichtigste ist wirklich sich selbst wohl zu fühlen!
Und wie Du richtig sagst: Was kann schief gehen? Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.
Spricht Deiner Cousine auch mal in meinem Namen Mut zu. Als Betroffene an der Forscherfront klingt wirklich gut.
🙂-
Email rausgeixt und den anderen Kommentar gekillt, wie gewünscht 😉
Und gerade den Aspekt – als betroffene Ärztin in die Forschung – finde ich so toll. Denn sie hat dann die im Grunde einmalige Gelegenheit, dass ganze von zwei Seiten zu betrachten.
Distanz wird dann evtl. ein Problem – aber nur dann, wenn sie es dazu kommen läßt. Und *dafür* wiederum ist sie zu professionell.
-
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Manchmal muss man Leuten einfach zu ihrem Glück verhelfen.
Hoffentlich klappt alles, wie angedacht und gewünscht.
Dein Handeln war 100% richtig. Auch bei der Fürsorge sollte man es ab einem bestimmten Punkt wie Paracelsus halten, denn bei extrem viel Fürsorge wird diese schädlich.
Die beste Therapie ist glücklich zu sein auch wenn sie nicht heilt. Wenn deinem Counsinchen die Forschung und das Arzt sein Spaß machen soll sie das solange tun wie es geht. Am ende gibt sie , auf ihre weise, dieser Welt etwas zurück wovor ich nur salutieren kann.
Familie ist ja ganz nett, vor allem wenn die einen auffangen, wenn man Hilfe braucht (bei meiner Familie ist das glücklicherweise so), aber wenn die Hilfe in Bevormundung oder (Quasi-)Entmündigung endet, dann ist das zuviel des Guten.
Daher ist’s schon ganz ok, dass dein Cousinchen sich überlegt, was sie will: Richtig was schaffen und (wahrscheinlich) Spaß dabei haben, was machen, selbst sagen, was eingekauft wird; oder andere machen lassen, nix selbst schaffen und (vielleicht) dahinvegetieren.
Denn solche Sachen wie Haushalts- oder Einkaufshilfe oder behindertengerechte Wohnungen und Arbeitsstellen sollten in Deutschland nicht gar zu schwer zu finden sein (kommt halt d’rauf an, was deine Cousine braucht). Und ’ne Therapie kann sie sicherlich in’er Großstadt auch machen. Und je mehr man selbst machen, aussuchen, bestimmen kann, desto besser.
Jeder der hier mitliest, weiß wahrscheinlich, wie geil es war, endlich die eigene Bude (ohne Muttern) zu beziehen – scheiß egal wech, das mit dem Einkaufen oder den Stadtwerken, dem TV und der GEZ, der Wäsche etc. bekam man irgendwie auf die Reihe. Hauptsache wech! Geht alles – man muss es nur wollen.
Falls ihr Hilfe beim Umzug braucht, kannste mir ja kontaktieren. 😉
Datt is hoch im Norden. Dürfte bissi von dir wech sein. *g*
Verehrteste! Ich wohne hoch im Norden (naja – fast).
😀
Ich finde es gut, dass Du ihr den Rücken stärkst.
Wenn ihre Mutter so besorgt um ihr Wohl ist, sollte sie sie gehen lassen. Mit Wohlwollen!
Man muss seine Kinder auch mal fliegen lassen, erst recht, wenn sie schon lange alt genug dafür sind. Und wenn sie fallen, dann hilft man halt , dass der Fall nicht zu tief und der Aufschlag nicht zu hart wird.
Und wenn die Tante aufs Tantchen sauer ist: Solange sie mit Dir zugange ist, hat sie keine Zeit, ihre Tochter zu bevormunden. 😉
S.
ich weiß schon, warum ich meinen Eltern die Diagnose gar nicht erst mitgeteilt habe…
MS ist die Krankheit der 1000 Gesichter. Es kann schlimm sein, kann schlimmer werden, muss aber nicht so bleiben und muss auch gar nicht so werden… (orakelorakel)
Interessant war dazu auch der Blog von Frau Multiples (leider nicht mehr fortgeführt).
Aber das Allerwichtigste ist wirklich sich selbst wohl zu fühlen!
Und wie Du richtig sagst: Was kann schief gehen? Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.
Spricht Deiner Cousine auch mal in meinem Namen Mut zu. Als Betroffene an der Forscherfront klingt wirklich gut.
🙂
Email rausgeixt und den anderen Kommentar gekillt, wie gewünscht 😉
Und gerade den Aspekt – als betroffene Ärztin in die Forschung – finde ich so toll. Denn sie hat dann die im Grunde einmalige Gelegenheit, dass ganze von zwei Seiten zu betrachten.
Distanz wird dann evtl. ein Problem – aber nur dann, wenn sie es dazu kommen läßt. Und *dafür* wiederum ist sie zu professionell.
Manchmal muss man Leuten einfach zu ihrem Glück verhelfen.
Hoffentlich klappt alles, wie angedacht und gewünscht.