Abgewirtschaftet


Ich glaube, die Nachrichten dazu brauche ich nicht zu verlinken.

Der gesamte Westen ist in heller Aufregung, weil in Ägypten die Leute die Schnauze voll haben von einem Despoten und Unterdrücker. Und weil sie den jetzt mal in die 7. Hölle wünschen.

In jeder Revolution kommt ein Knackpunkt, der da heißt: Es klappt oder es wird blutig niedergeschlagen.

Wenn Zigtausende auf der Straße stehen, die Armee gegen sich und sagen: „Wieviel wollt ihr noch erschießen? 1000? 2000? 5000? Wir stehen hier und gehen nicht mehr weg. Schießt, wie ihr wollt, wir bleiben hier.“- das ist dieser Knackpunkt, um den es sich dreht.

In Ägypten hat sie nicht mehr geschossen. Sie blieb in der Kaserne, dem Diktator Mubarak wird letztlich nur die Flucht und das Exil bleiben.

Auch wenn er momentan vielleicht noch glaubt, das Ruder wenden zu können: Er hatte in dem Augenblick verloren, als er das Internet abschalten ließ. Das war sein Untergang – zu solchen Mitteln greift man nur, wenn man schon weiß, dass man nicht mehr gewinnen kann und nur noch die Augen vor der Wirklichkeit verschließt.

Quo vadis, Ägypten? Was kommt jetzt, nachdem ihr den Diktator los seid? Ich wünsche den Ägyptern alles gute.

Und – so nebenbei, um eine alte Diskussion aufzugreifen:

Diese Revolution ist ein schallender Schlag ins Gesicht all derer, die glauben, dass man mit Waffengewalt Demokratie erzwingen kann, weil das Volk zu schwach ist um die Unterdrücker selbst loszuwerden.

Ich wette mal, dass auch Afghanistan früher oder später eine moderatere Regierung bekommen hätte. Ja, das hätte viele Opfer gerade unter der weiblichen Bevölkerung gefordert. Aber das hätte man lösen können, indem man afghanischen Frauen Vorrang im Asylrecht gewährt hätte. Um nur ein Beispiel zu nennen.

Und der Iran hat weiterhin die Macht in den Händen der Mullahs konzentriert als Reaktion auf den Druck von außen. Der Kessel im inneren brodelt, aber der Druck von außen ist noch höher, so dass er nicht explodiert.

Aber anstatt entsprechend zu reagieren und die Mullahs sich selbst zu überlassen (und damit ihrem Untergang, alle extremen Regierungen scheitern irgendwann an der Differenz zwischen dem Anspruch und der Realität), erhöht man den Druck, was es den Mullahs erlaubt, weiter zu handeln wie bisher.

Gerade die Amerikaner müssten das doch inzwischen wissen, wenden sie diese Taktik doch seit langer Zeit selbst an: Hast du eine Krise im Inland, dann überhöhe die Bedrohung von außen, so dass die Leute Seit‘ an Seit stehen, damit es im Inland nicht explodiert.

So haben die USA die Weltwirtschaftskrise überstanden, den 2. Weltkrieg und diverse andere Krisen: Immer wenns im Inland eng wurde, sind sie wo einmarschiert und haben aufs Maul bekommen, was aber immer noch besser war für einige anstatt mal die Politik zu überdenken.

Weit gespannter Bogen, aber nach meinem Gefühl hängt hinter der Causa Ägypten sehr viel mehr als nur die Absetzung eines einzelnen Machthabers…

Veröffentlicht am 1. Februar 2011, in Allgemein. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 10 Kommentare.

  1. Wie recht Du hast Tantchen! Aber auch wenn eine neue Regierung kommt sehe ich das Problem das der Krater zwischen Arm und reich einfach zu groß ist um diesen alleine durch die, meiner Meinung nach überfällige, Revolution zu schließen oder zu verkleinern. Bis in Ägypten und Tunesien sowas wie echte Demokratie herrscht, werden noch 20-30 Jahre ins Land ziehen.

    • Selbst wenn die nicht das bekommen, was wir Demokratie nennen (sehr demokratisch ist das aber alles nicht, was hier grad abläuft), es ist DEREN Regierung. Dafür haben die gekämpft, dafür haben sie viele Jahre ihres Lebens gearbeitet um die Regierung zu etablieren, die das bestmögliche hergibt.

      Das muss nicht zwangsläufig eine Demokratie sein. Aber es ist auch eben keine Kleptokratie.

  2. Möglich dass es in Ägypten (und nicht nur dort) etwas freier (besser?) wird. Aber – ach – mir fehlt der Glaube. Ich fürchte, dass da noch irgendwer reinpfuscht, seien es Extremisten, Israel und USA oder doch das ägyptische Militär (wobei das eher unwahrscheinlich ist). In jedem Falle wird’s schwer für die Ägypter – aber ich wünsche ihnen, dass hinhaut, wie sie’s wollen.
    Auch jemand wie El Baradei kann da nur eine Notlösung sein – besser als Mubarak dürfte er sein. Schau’n wa ma‘!

    Ich hoffe nur, dass auch in den anderen arabischen Ländern (Jemen, Jordanien, Libanon, etc.) bald ’n Volksaufstand losgeht, der die Despoten und Diktatoren hinwehfegt, bei dem das Militär dann sagt, es könne und wolle nicht gegen den Willen des Volkes handeln und schon gar nicht auf die Leute schießen.

    Oh – und wo wir gerade dabei sind – vielleicht wachen die Italiener ja auch bald ma‘ auf und hauen Berlusconi welche auf die Fresse und jagen ihn mit Schimpf und Schande davon!

    Und irgendwann ist dann auch Deutschland dran… und China… und die USA und alle anderen Länder in denen die Leute von den Mächtigen und Regierenden verarscht werden.

    Und nein – ich bin kein Kommunist (nicht mal näherungsweise) – ich lasse mich aber auch nur äußerst ungern veräppeln.

    • Das mit Berlusconi würde mir auch gefallen. Der wird ja immer mehr zur Witzfigur.

      Hier in Deutschland wirds keine Revolution geben, die Leute revolutionieren hier nicht, denn trotz aller Klagen gehts uns hier noch gut. China wird schwierig. Die Chinesen habens einfach: Wenn im Norden eine Revolte ist, wird die von Soldaten aus dem Süden niedergeschlagen und umgekehrt. USA – das funktioniert bei denen perfekt: Innenpolitische Probleme werden durch Militäraktionen im Ausland kaschiert. Das hat immer funktioniert und wird auch künftig funktionieren. Einen Bürgerkrieg sehe ich dort auf viele Jahre hin nicht kommen.

      • Revolution in Deutschland geht ja auch gar nicht – das Betreten des Rasens vor dem Reichstag ist verboten.

        Auch ich denke, dass China ’n schwieriger Fall ist.

        Und was die USA anbetrifft, muss es ja nicht gleich ’n Bürgerkrieg werden 😉 – wenn alle nach’e Wallstreet hingehen und den ganzen arroganten Bänkerschnöseln mal ordentlich die Leviten lesen, wäre für mich die Welt schon wieder ein klein wenig besser 😀

      • Die letzte Revolution in Deutschland ist doch gar nicht so lange her. Und z.B. Stuttgart 21 hat doch auch bewiesen, dass eben doch nicht alle alles mit sich machen lassen.

        • Die Montagsdemonstrationen waren ’ne Art Revolution – da kann ich zustimmen.

          Den Deutschen geht’s zu gut, sie lassen sich einlullen vom ewig selben Geseiere der Politiker und ziehen keinerlei Konsequenzen aus gebrochenen Wahlversprechen und der offen zur Schau getragenen Arroganz der handelden Personen. Wir werden nicht nur für dumm verkauft, sondern offen als dumm bezeichnet; anders ist es nicht zu erklären, dass „unsere“ Politiker etwas gegen Mitbestimmung des Volkes haben (ja – doch – Angst hamm se auch – zurecht).

          Mal seh’n – vielleicht mach‘ ich mal ’n Aufstand hier wo ich woh’n tu.

          😀

  3. So ein Mullah oder Diktator ist doch für den Westen oft viel besser als eine Demokratie – zumindest was die Wirtschaftspolitik angeht. wenn man mal nach Israel und Palestina schaut merkt man schon wie hilfreich so einer sein kann. Eine Agyptische Demokratie wird sich wohl nicht so rumscheuchen lassen bzw. ist sie nicht so berechenbar wie ein Herr Mubarak.

    Auch was Rüstungsexporte etc angeht sind solche so kleine Despotien gut geeignet Agypten hat ja Jahrle lang bei deutschen exporten gern zugelangt.

    Interresant wird es jetzt wohl mit der Gründung des Süd-sudanesischen Staates und wie die sich integrieren und die anderen statten drumherum beeinflussen werden.

  4. Tja, das tunesische Virus – mal gucken, wie ansteckend das ist.
    Ich glaube nicht daran, dass die Deutschen keine Revolution machen, sie haben es schon bewiesen, dass sie es können. Ich hoffe bloß, dass wir die korrupten Beamten anders weg bekommen. Eine Revolution hat ihre eigenen Gesetze und Dynamiken. Ich wünsch mir das nicht.

warf folgenden Kuchen auf den Teller