Dumm gelaufen


Mann mann mann, die Merkelsche dreht sich ja schneller als der Bohrkopf einer Bohrmaschine.

Nu willse nen Ausstieg mit „Augenmaß„. Also dann doch nicht aussteigen aus der Atomkraft, oder wie? Sieht fast so aus, als hätten die Bosse der Energiewirtschaft ne Audienz bei der Dame gehabt, dass die sich wieder so dreht…

Außerdem sieht Frau Merkel keine Auswirkungen auf die globale Wirtschaft durch das Desaster.

Zeit, das ganze mal Revue passieren zu lassen.

Zunächst einmal die abenteuerliche These, dass das Unglück in Japan keine signifikanten Auswirkungen auf die globale Wirtschaft hat.

Wem glaubt Madam da eigentlich was vorzumachen? Eine der größten Industrienationen der Welt liegt am Boden, die komplette Infrastruktur zerstört, Fabriken flächendeckend hinüber, ganze Städte sind weg. Und das soll auf die Weltwirtschaft keine Auswirkungen haben? Ich nenne mal nur ein paar Namen: Sony, Toyota, Honda, Suzuki, Yamaha. Neben Kraftfahrzeugen bauen diese Firmen z.b. auch Unterhaltungselektronik (Sony Playstation), Musikinstrumente, Boote und anderen Kram.

Aber: Was dem einen sin Uhl is dem annern sin Nachtigall. Ja, die japanische Wirtschaft ist am Boden. Und alle anderen machen jetzt ein dickes Plus in doppelter Hinsicht: Sie helfen den Japanern gegen Cash beim Wiederaufbau (imho ist das Land jetzt zum Ausplündern freigegeben) und durch die fehlenden japanischen Produkte können die anderen Firmen ihre Marktanteile vergrößern. Ich würde jetzt nicht sagen, dass das *keine* Auswirkungen sind. Aber passt natürlich nicht ins Weltbild des altruistischen Westens. Und damit hier keine kognitive Dissonanz aufkommt hat das ganze mal eben „keine signifikanten“ Auswirkungen auf die Weltwirtschaft.

Kommen wir zum Ausstieg mit Augenmaß von Frau Merkel.

Wieder mal Neusprech. Die *will* nicht aus der Atomkraft raus. „Deutschlands Kraftwerke sind die sichersten der Welt. Sie lehne es ab, Strom aus anderen Meilern zu beziehen um den Strombedarf zu decken.“

Also wieder das Märchen von der Versorgungslücke. Es gibt Veröffentlichungen, wieviel Energie in Deutschland produziert wird. Das *muss* veröffentlicht werden.

Also gucken wir doch mal bei der Strombörse Leipzig, wieviel Strom in Deutschland produziert wird und wieviel davon Atomstrom ist. Wir nehmen nur die Anlagen, die mehr als 100 MW/Jahr produzieren. Ich klau hier mal bewusst von Fefe, die Seite ist tatsächlich so lahmarschig wie er angekündigt hat.

Generatorkapazität (also wieviel Strom erzeugt werden *könnte*):

Gesamtstromproduktion: 133 Gigawatt

Davon Atomstrom: 20,5 Gigawatt

Den Prozentanteil rechne ich mal nicht aus, das geht eh schief. Mir fehlt ein wenig der Zeitraum, ich nehme aber an, dass sich das auf 24 h bezieht.

So und die tatsächliche Produktion sieht so aus:

55 Gigawatt Gesamtproduktion, davon hat Fefe nicht geschrieben, wieviel von Atomstrom gedeckt wird.

So, wir verkaufen bereits jährlich etwa 6 Mrd. Kilowattstunden (oder warens Gigawattstunden) Strom an das Ausland.

Das heißt: Wir haben, wenn man den Atomstrom abzieht, eine Kapazität von 113 Gigawattstunden, wenn die Generatoren ausgelastet wären. 55 werden produziert, von diesen 55 Gigawattstunden wird ein Anteil bereits ins Ausland verkauft.

WO ZUM HENKER IST DIE STROMLÜCKE, FRAU MERKEL???? Für mich sieht das eher aus wie ein Haufen Überkapazität und dass uns die Abschaltung von Atomkraftwerken mal so gar nicht wehtun würde….

Veröffentlicht am 17. März 2011, in Allgemein. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 12 Kommentare.

  1. Ich habe mir jetzt die Originalzahlen nicht angeschaut, daher die Frage: Beziehen sich die Angaben auf die maximal erreichbare Leistung? (Leistung ist übrigens zeitunabhängig: P = U * I als Watt (W, kW, MW, GW…), wenn du wissen willst, wieviel Leistung in 24 Std. erzeugt wurde, hast du die ARbeit oder Energie: W = P * t = U * I * t als Joule (J, kJ, MJ, GJ) oder Wattstunden (J, kJ, MJ, GJ bzw. kWh, MWh, GWh))
    Du musst immer daran denken, dass Kraftwerke immer auch für Wartungsarbeiten oder bei Problemen ausgeschaltet / heruntergefahren werden müssen. Ich habe mal in der Vorlesung „Elektrische Energievorlesung“ gelernt, dass man so 10-15% Redundanz einbauen *muss*, um zumindest turnusmäßige Wartungsarbeiten etc. abfedern zu können. Wie weit wir da ohne Kernkraft ‚drüber liegen, dazu habe ich jetzt keine Lust zu rechnen.
    Sollte unsere eigene nicht-atomar erzeugte Energie nicht ausreichen, ist mir trotz allem ein Kraftwerk in D lieber als einer hinter der tschechischen Grenze, wo wir noch weniger als bei uns wissen, was dort läuft.

  2. Ja, bei manchen Sachen sollte man doch mal genauer auf die Einheiten hinter den Zahlen schauen, auch bei Fefe geht das recht gut durcheinander mit Leistung und Arbeit (Verbrauch) und auch bei den Präfixen (Kilo, Mege, Giga) herrscht ein bisschen Verwirrung. Die Originalquelle, von der ich annehme, dass sie wohl mit den richtigen Größen arbeitet, war ja leider nicht verlinkt.

    Es gibt aber diverse andere Infos, die besagen, dass zumindest die 6-8 ältesten Meiler selbst unter Berücksichtigun aller Sicheherheitszuschläge und _ohne_ Zukäufe abgeschaltet werden könnten. Selbstverständlich muss dann auch zügig und umfassend in alternative Erzeugung investiert werden und vor allem die Speichertechnologie weiterentwickelt (z.B. Druckspeicher) bzw. ausgebaut (Pumpspeicher in Skandinavien) werden, um die der Enegieerzeugung mit erneuerbaren Trägern inhärenten Produktionsschwankungen auszugleichen, und auch die vorhandenen konventionellen Kapazitäten werden nicht jünger und müssen Zug um Zug ersetzt werden.
    Ein gewaltsamer Hauruckkomplettausstieg ist m.E. auch wenig sinnvoll, aber das muss einen ja nicht davon abhalten, die vorhandenen Meiler durch entsprechende Auflagen sicherer zu machen und ihnen damit auch einen Teil ihrer Attraktivität für die Energierzeuger zu nehmen. Man darf ja aus Japan auch was dazulernen, z.B. dass die Achillesfersen der AKWs offenbar weniger eine möglichst gute Panzerung gegen äußere Gewalt sondern die Kühl- und Notkühlsysteme sind, die im Übrigen, weil i.d.R. außerhalb der Containments befindlich, auch deutlich empfindlicher und angreifbarer als die eigentlichen Reaktoren sind.
    Die alten Gurken sollten allerdings wirklich vom Netz, und an denen kann man auch schon mal üben, wie man den Schrott entsorgt, ein Problem, dass uns auf lange Sicht sowieso noch ins Haus steht.

    Insofern sind die jetzigen Aktionen wohl allesamt reine Wahlkampfmaßnahmen.
    Meine Empfehlung wäre: Laufzeitverlängerung zumindest teilweise zurücknehmen, die 6-8 ältesten oder besser unsichersten Gurken schnellstmöglich aber nicht überstürzt vom Netz nehmen, umfassendes Konzept für sichere Kühlsysteme entwickeln und als Auflagen für die bestehenden Meiler konsequent durchsetzen.
    Zusammen mit der Auflage eines vernünftigen Programms zur Förderung alternativer Energiegewinnung sollte sich der Rest schon von selbst regeln. Wenn es Geld zu verdienen gibt, werden die Konzerne irgendwann schon zugreifen, und wo es sich aus Gründen verschärfter Auflagen nicht mehr lohnt, werden sie auch irgendwann die Finger von lassen.

    • Da gebe ich dir voll und ganz Recht.

    • Mit Einheiten scheint es übrigens ein generelles Problme zu geben.

      In fast allen Berichten werden Dosis und Dosisleistung bzw. Dosis/Zeit teilweise im gleichen Satz munter durcheinandergeschmissen.

      Wenn es heißt, man habe die zulässige Dosis für die Arbeiter von 100 auf 250 Millisievert erhöht, macht diese Angabe keine Sinn, wenn nicht der Bezug zur Zeit hergestellt wird (Lebenszeitdosis, Jahresdosis ?) vermutlich Jahresdosis.

      Dann liegt plötzlich der Grenzwert für ein Jahr unter „normalen“ Umständen bei 1-10 Sievert , na da würde ich mich aber schön bedanken, vermutlich sind 1-10 Millisievert gemeint.
      Dann halten die Arbebeiter trotz „Angst vor 400 Millisievert“ durch, ja pro was denn, Minute, Stunde, Jahr? Sie werden nach jeweils 10-15 Minuten ausgewechselt, also vermutlich 400/Stunde?. Es geht dort ziemlich wild durcheinander.

  3. zuerst einmal: ich halte das Ganze für eine riesige Wahlkampagne, per se schon widerlich und zum K..
    „die Opposition“ ist doch nur beleidigt, dass sie bisher nicht in der Lage war, auch nur im Ansatz vernünftig zu handeln.
    Und so wird jetzt der ganze Prozess unnötig verzögert. Was wollen „die“ eigentlich?
    Die 3 Monate der Mediation gäbe doch ausreichend Zeit, entsprechende Beschlüsse/Gesetzesänderungen oder was auch immer auf den Weg zu bringen.
    Aber: erst einmal stänkern – koste es was es wolle!

  4. Man sollte bei dem ganzen Ausstiegsszenario aber nicht vergessen, dass es mit der Abschaltung der Kraftwerke nicht getan ist. Siehe Fukushima 4!

    • Eben, daher hilft blinder Aktionismus in Form von „Hauptschalter sofort auf aus“ gar nichts. Was nicht heißt, dass wir sehenden Auges in eine „strahlende“ Zukunft sollten. Aber auch der Ausstieg muss geplant und organisiert werden.
      Und auch die Querschüsse der Opposition kommen mir teilweise verlogen vor – ganz richtig, Hajo – „sie“ bekommen doch zumindest in Ansätzen das, was sie wollten. Weil aber leider das Unglück und nicht die eigene Arbeit dazu führte, wird gestänkert.

  5. Das ist das, was Kall sagte: Die Kraftwerke haben ne Nachlaufzeit. Und solange müssen die Brennstäbe gekühlt werden, sonst Kernschmelze. Soweit hab ich das verstanden. Danke übrigens dass ihr die Bezüge hergestellt habt, das ist Wissen, was mir einfach fehlt.

    🙂

  6. so (beinahe) ohne direkten Bezug empfehle ich mal den Artikel aus der FAZ (die ich eigentlich nicht mag): http://www.faz.net/s/RubB08CD9E6B08746679EDCF370F87A4512/Doc~ED76AB24B8FAC4F79A95B004FEAD1EADB~ATpl~Ecommon~Scontent.html
    Hier geht es um die Arbeiter, die sich unter Lebensgefahr bemühen, die „Kuh vom Eis“ zu schieben.
    Auch nicht ganz uninteressant, jedoch wenig erwähnenswert, zumindest für die Mehrheit der Papier-Vollschmierer.

  7. Irgendwo auf Spiegel.de wird vorgerechnet, was der Atomausstieg so kosten könnte, da ist von 400 Milliarden und ein paar Zerquetschten die Rede. Und dabei gehts nicht um Müllentsorgung, sondern um Ausbau von regenerativen Energien, neue Strippen ziehen und so weiter.

    Und vorallem geht die Rechnung davon aus, dass ein Gutteil der Kohle- und Gaskraftwerke weiterhin munter vor sich hin dampfen darf … tolle Wahl! Entweder nehm ich den Dauerumweltverschmutzer oder den, der zwar sauber ist, aber im Störungsfall eben noch weit schlimmer ist.

    Der Strompreis wird sich dann mal so munter verdreifachen, wenn nicht noch mehr. Und im vernetzten Europa wird es dann auch sicher möglich sein, sich seinen billigeren Alternativstrom von französischen Atommeilern zu besorgen. Und glaubt jemand ernsthaft, dass sich ganz Europa bis rüber nach Russland bis 2025 auf einen kompletten Atomausstieg geeinigt hat, wenn in Deutschland der letzte Meiler runterfahren soll?

    Letztlich sind beide Positionen nicht haltbar: einerseits sollten wir so bald wie möglich weg von der Atomkraft, aber andererseits, liebe Opposition, isses halt auch nicht damit getan, nur „ausschalten, gleich, am besten gestern“ zu brüllen.

  8. Naja – das Netz muss sowieso irgendwann ausgebaut werden – Kohle, Gas und Uran wird’s nicht mehr ewig geben – also kann man ja schon mal anfangen, muss ja nicht alles auf einmal gemacht werden (genausowenig wie alle KKW auf einmal abgeschaltet werden sollen).

    Und irgendwer muss ja mal anfangen, aus der Kernenergiegewinnung auszusteigen – warum nicht wir? Es soll ja sogar Nationen geben, die gar keine KKW haben (Österreich z.B. – wenn ich mich nich‘ irre).

    Den (Atom-) Müll haben wir ja jetzt schon und wissen nicht wohin damit – da sollte man nicht noch mehr produzieren (mal abgesehen davon, dass große Teile der KKW-Gebäude auch strahlender Sondermüll werden/sind).
    Das Zeuch muss mehrere zehntausend Jahre sicher gelagert werden; eines der Plutoniumisotope besitzt ’ne Halbwertzeit von ca. 24000 Jahren. Und man hat noch keine Stelle gefunden, die wirklich über einen (nach menschlichem Ermessen) recht langen Zeitraum sicher ist. Man stelle sich vor, die Neadertaler hätten Atommüll gehabt – was damit wohl inzwischen geschehen wäre? Und selbst diese Zeiträume wären wahrscheinlich zu kurz (30000-160000 Jahre vor unserer Zeit).

    Aber ist schon ok – was schert uns das was nach uns kommt?

warf folgenden Kuchen auf den Teller