Zwischenmeldung
Ich weiß nicht, ob es so eine gute Idee ist, grad zu posten, aber auf der anderen Seite les ich ja auch die Kommentare.
Flugzeugabsturz triffts ganz gut grad.
Die Pechsträhne reißt nicht ab.
In der Reha wurde ja ne Diabetes diagnostiziert.
JAAAAAAAAAAAA ich weiß. Haben ungefähr drölf Millionen andere auch. JAAAAAAAAAAAAA ich weiß. Wenn ich abnehme, wird alles gut. JAAAAAAA ich weiß, das ist alles nicht schlimm. Könntet ihr diesbezüglich alle mal die Schnauze halten? Danke.
Es mag ja sein, dass das ne Massenkrankheit ist – das hilft MIR aber nicht weiter, weil ICH damit klarkommen muss, dass ich noch ne Geschichte mehr hab, die mein Leben einschränkt. ICH muss damit klarkommen. Nicht die drölf Millionen, die schon priiiiiiiiima damit leben und die das alles ganz doll viel schlimmer haben.
Klugscheißer bitte alle jetzt das Maul halten, ich bin diesbezüglich gerade wirklich nicht mehr zu Zugeständnissen bereit.
Es ist aktuell sowieso sehr seltsam, wie sehr man gerade versucht, alles zu bagatellisieren. Krebs? Nicht so schlimm, mit der OP ist doch alles weg und anderen gehts viel schlimmer. Wundheilungsstörung? Selbst schuld, wärst nicht so dick, hättst die auch nicht bekommen, wär nix passiert. Diabetes? Ist doch Typ II, also Insulinresistenz – wärst nicht so dick…siehe oben.
Fakt ist, dass die Mischung von alle dem mich grad stellenweise tierisch umhaut. Nach wie vor hab ich Depressionen, ich krieg auch aktuell Medikamente dagegen (für die Experde: Citalopram, ein Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, offenbar stimmt das Dopamin/Serotoningleichgewicht nicht mehr). Das Zeug hilft – aber nur, wenn ich nicht vergesse, es einzunehmen.
Es gibt Tage, da frag ich mich ernsthaft, was ich hier noch soll. NEIN; schickt mir bitte jetzt nicht die Polizei auf den Hals, ich bring mich schon nicht um. Aber die Fragen sind da und ich kann sie nicht wegnegieren.
Hinzu kommt, dass aktuell mein Schwesterlein, dass auch nicht grad auf Rosen gebettet ist, richtig ins Klo gegriffen hat. Freundlich ausgedrückt.
Sie wollte so Kunststoffleisten an den Fenstern anbringen, die eigentlich der Handwerker anbringen sollte (Kunststoffenster, die in die alten Holzfenster eingesetzt wurden und dann mit Kunststoffleisten die Rahmen abgedeckt, imho Pfusch am Bau, aber scheint zu funktionieren). Eine Leiste war zu lang, die wollte sie einkürzen – mit einem Cuttermesser.
Das Messer ist abgeruscht und sie hat sich in den Finger geschnitten. Die Stelle war mies: Linke Hand, Mittelfinger, mittleres Gelenk. Und zwar GENAU ins Gelenk. Bis tief rein, die Sehne war auch angeritzt.
Geblutet wie Sau, ab zum Unfallchirurgen, der meinte nur: „Handchirurg, da geh ich nicht ran“ – hat oberflächlich Octenisept drübergekippt, das ganze zugeklebt und dann mit Verband ab zur Handchirurgie. Die haben dann gesehen, dass die Oberfläche zu war, sich gefreut, dass der Unfallchirurg schon so schick gearbeitet hat und haben sich nur um die Sehne gekümmert.
Cuttermesser sind nicht sauber. Die Wunde wurde nicht gereinigt und es kam wie es kommen musste: Es hat sich entzündet. Und zwar sehr sehr schlimm. Allein eine Woche bei Intravenösen Antibiotika und täglichem Spülen war notwendig, um die Entzündung herauszubekommen. Das Gelenk wurde dabei völlig zerstört. Die Knorpel sind schlichtweg nicht mehr vorhanden, die Beweglichkeit – es ist fraglich, ob die Beweglichkeit je wiederkommt. Von dem Aussehen des Fingers reden wir mal nicht, die mussten an 3 Stellen aufschneiden, um überhaupt an den Infektionsherd ranzukommen, entsprechend sieht das ganze jetzt auch aus. Das Gelenk ist als solches nicht mehr zu erkennen, es wirkt, als hätte man dort einen Ballon angebracht und der Finger selbst ist versteift – und wird sich wohl nie wieder richtig bewegen lassen.
Ich muss ja nicht sagen, wie es jemandem, der eh unter schweren Depressionen leidet, mit sowas geht. Seit Wochen hat sie unerträgliche Schmerzen, im Krankenhaus hat selbst Dipidolor nicht mehr geholfen, um die Schmerzen einigermaßen in den Griff zu bekommen. Heute war dann Ende – ein Häufchen Elend hatte ich im Arm und wir haben eigentlich zusammen über das geweint, was wir verloren haben.
Ich die Kinder, die ich – egal was ich sagte – eigentlich immer haben wollte, aber jetzt nie mehr bekommen kann. Und wir beide über die verlorene Gesundheit.
Das Leben ist zu kostbar, um verlorenen Gelegenheiten hinterherzutrauern. Die Gesundheit ist zu wertvoll, um sie leichtsinnig wegzuwerfen.
Doch was leichtsinnig ist, was wegwerfen bedeutet, dass muss jeder für sich selbst entscheiden. Wie genau es mit mir weitergehen wird, weiß ich nicht. Ich selbst stehe gerade buchstäblich an einem Scheideweg. Zum erstenmal in meinem Leben weiß ich nicht mehr, was ich tun soll, wie es weitergehen soll, wie es auch nur weitergehen kann.
Schwierige Kiste. Und ein ziemlich harter Kampf mit mir selbst.
Veröffentlicht am 16. Mai 2011, in Allgemein. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 10 Kommentare.
*reinschleich*
Denk dran es kann nicht immer nur BERGAB gehen, irgendwann geht es wieder bergauf.
*eine GANZ DICKE UMARMUNG liegen lass*
*Rausschleich*
/me Tantchen einfach nur in den Arm nimmt
*nur eine auch nicht soo schmale Schulter zum Ausheulen bietend* *hug*
*knuff* Nicht unterkriegen lassen. Wenn Du jemanden zum Quatschen brauchst, schick mir Deine Telefonnummer per Mail, ich hab ne Festnetzflat.
Du bist nicht allein…
puh, liebes Tantchen, das zu lesen ist schon „schlimm“, es zu erleben muss nahezu die Hölle sein. Mir fällt dazu nichts ein, kein Trost (alles was ich schreiben würde, wäre sicherlich daneben). Daher auch von mir das Angebot, ausserhalb des Blogs zu kommunizieren.
Liebe Grüße
Hajo
Das ist ja alles richtig fies. Ich wünsche Dir und Deiner Schwester jedenfalls von Herzen alles Gute und viel Kraft, auf dass Ihr das durchsteht!
Nachdem ich mitbekam wie ein Freund Diabetes bekam und wie schwer das für ihn war, weiß ich, dass man es nicht verharmlosen sollte.
Vermutlich hängen Dir Durchhalteparolen genau so zum Hals raus wie die von Dir genannten oberschlauen Ratschläge. Aber ich will Dir dennoch sagen, dass ich Dich als starke Persönlichkeit einschätze. Und auch wenn Du gerade kein Land siehst: Du kommst aus dem finsteren Tal wieder raus! Ich glaube an Dich!!
Da bekommt man ja vom Lesen schon ’n Depri – und mächtiges Fingeraua (habe beides – Depri wie auch Finger fast ab – selbst erlebt).
Wünsche euch beiden alles Gute.
PS: Wenn es schlimm aussieht und sich schlimm anfühlt, dann ist es schlimm – leider…
Ich schreibe ja selten, lese meist nur, und ich habe keine Ahnung was Dir persönlich gerade helfen würde, aber ich würde helfen – so ich denn kann.
Von Fremden gedrückt werden ist blöd, aber ein paar positive Gedanken, die den Geruch von Sommer am Kanal mit sich bringen, den Duft von Leder und Benzin, das wummern von Motorrädern in der Hitze an der Ampel, den Geruch von frisch geschnittenem Gras und das Geräusch von Nachbars Rasenmäher, all das kann ich rüberschieben.
lg
S.
Puh,
das klingt ja alles hart. Und ihr beide habt mein Mitgefühl.
Ratschläge kann ich keine bieten, Trost ebensowenig. Mir fällt schlichtweg nichts ein 😦
Und ja, du wirst wissen, dass andere natürlich auch in ähnlicher Situation sind. Hilft nix. Vielleicht hilft es, wenn du dir das Leid deiner Schwester nicht so zu Herzen nimmst wie dein eigenes. Helfen kannst du nur, wenn du stabil stehst. Ansonsten müssen die zu Rettenden erst einmal warten, bis du wieder Boden unter den Füßen hast. Klingt hart, ja. Und man macht sich nicht gerade beliebt damit, ja. Aber man erhält sein Leben damit. Und kann danach immer noch helfen.
Tante, du bist stark. Sonst hättest du das alles nicht ausgehalten bis hierher. Und du hast in der Reha sicher auch eine Menge gelernt. Mach dich ans Umsetzen.
Nachdenken ist ok. Richte deinen Blick nach vorne. Wie du selbst schreibst: (Momentan) hilft es nix, wenn du nur nachtrauerst. Mach es, gib dich dem aber nicht ganz hin. Und denke nicht gleich schon wieder 10 Jahre weiter. Das macht momentan keinen Sinn. Du wirst den für dich passenden Weg finden.
*big-hug*
Liebe Tante
ich behaupte nicht, nachfühlen zu können, was Du gerade durchmachst. Ich bin dankbar, meine wahrscheinlich schlimmste Zeit hinter mir zu haben. Als Kind und Jugendlicher oft gehänselt, als Azubi (Krankenpflege) gefühlt wie ein Vollversager. Damals hatte mir der Himmel dann meine (jetzt seit 11 Jahren ) Frau geschickt. Sie und mein Glauben (trotz Kirche) haben die Gedanken an die nächste 50 Meter hohe Brücke verscheucht. Nachdem ich dann doch nach dem zweiten Anlauf eine Lehre erfolgreich abgeschlossen habe, durfte ich entdecken, dass ich vieleicht doch zu etwas zu gebrauchen bin. Geblieben ist mir aus der dunklen Zeit die Einsicht (im Nachhinein), dass das ganze Leben eine Lehrzeit ist – keine Strafe. Am meisten habe ich in meiner schwersten Zeit gelernt.
Nach der Geburt unseres zweiten Kindes hat es meine Frau erwischt mit einer schweren Depression. Als Partner ist diese Krankheit auch nicht viel angenehmer. Die eigene Ohnmacht mag einen schier in die Verzweiflung treiben. Trotzdem ist mir eine gewisse Leichtigkeit geblieben (nachdem ich mit dem Leben eigentlich fast abgeshlossen hatte), dass ich zwar dafür verantwortlich bin, jeden Tag meine Aufgaben bestmöglich zu erfüllen, aber das Ergebnis kann ich getrost in eine andere Hand legen.
Ich wünsche Dir von Herzen viiiel Kraft. Du bist nicht allein!
Gruß,
Matti