Schulspeisung


Erinnert sich noch jemand an das Trara, was die Politik um die katastrophale Ernährung der Kinder gemacht hat? Die würden sich ja nur von Kürriwuäss un Pommes ernähren und die Eltern waren wahlweise zu besoffen oder zu bekifft oder zu hart am arbeiten, um sich adäquat um die Ernährung der Kinder zu kümmern.

Und da kam das Bob-der-Baumeister-Prinzip der Politik zum Tragen: „WIR SCHAFFEN DAS“.

Die Lösung hieß: Schulspeisung. Denn wenn die Eltern zu doof sind, die Kinder ordentlich zu ernähren, muss der Staat ran.

Da Schulen Ländersache ist, durfte jedes Land den Scheiß für sich alleine regeln. Und so kunterbunt wie die Schullandschaft ist jetzt auch die Schulspeisenregelung.

Zunächst mal die Finanzierung. Wenn ich das noch richtig im Kopf habe (ist ein Weilchen her), gabs vom Land ne Anschubfinanzierung. Die laufenden Kosten werden dann theoretisch von den Eltern bezahlt.

Wie das bei HartzIV aussieht, weiß ich nicht, könnte mich da mal einer aufklären? Rechnen die die Kosten für die Schulspeisung aus dem Regelsatz raus und stocken um die erhöhten Kosten auf? Denn die Kosten für die Schulspeisung liegen im Regelfall höher als die Beträge, die für die Kinder im Regelsatz erhalten sind.

So. Wir haben jetzt ein bisschen Geld vom Land bekommen und wollen den Auftrag mal vergeben. Wer hat denn so die beste Qualität im Angebot?

*TADAAAAA* eingesprungene Schraube mit doppeltem Flip von der Vergabestelle: MÖÖÖÖP. Und es blinkt eine rote Radauleuchte auf und die Trötstimme im Hintergrund brüllt „VERGABERECHT VERGABERECHT“.

Jahaaaa. Wir sind im Bereich VoL und da muss ab einer bestimmten Wertgrenze ausgeschrieben werden. Wettbewerb. Wissenschon.

Die Vergabestelle stellt den VoL-Alarm ab und freut sich schon drauf, dass sie wieder was zu tun hat und endlich mal ne Ausschreibung reinkommt.

Die Kollegen sind also jetzt erstmal damit beschäftigt, ne Leistungsbeschreibung zu erstellen. Und wer glaubt, es reicht, da reinzuschreiben: „5x die Woche Mittagessen, in Ausnahmefällen auch Samstags“, der glaubt auch, dass der Weihnachtsmann die Geschenke bringt. Mit SO einer Ausschreibung bekommste fritierte Kakerlaken und Rattenkebap. Außerdem muss ja sichergestellt werden, dass:

– die Leute, die kein Fleisch essen, die Möglichkeit haben, vegetarisch zu futtern

– die Leute, die kein Schweinefleisch essen, die Möglichkeit haben, eben ohne Schwein zu futtern

und überhaupt: stellt euch mal den Arsch voll Speisevorschriften vor, die an einer handelsüblichen Hauptschule im Ruhrgebiet zu finden sind. Da muss dran gedacht werden. Was ja auch richtig ist – aber es machts nicht einfacher.

Dann: Wenn du das in der Ausschreibung nicht explizit reinschreibst, bekommste 5x in der Woche denselben Kantinenfraß. Also muss da noch rein, dass bitte die Gerichte abwechslungsreich zu gestalten sind.

Obst und Gemüse solls enthalten (und das auch bei den Fleischgerichten), wenn das nicht drinsteht, gibts allenfalls ne durchgeschossene Mirabelle im Fruchtsalat.

Das heißt, die Kollegen hocken dann da und basteln sich ne Leistungsbeschreibung zusammen, die na-tür-lich auch noch enthalten muss, in welchem Zeitraum gegessen wird (nein, nachts um drei sind zwar die Arbeitskräfte toll billig, aber da pennen die Kinder), und bitte: Auf Porzellan und nicht mit Plastikbesteck.

Die Anschubfinanzierung reicht dann noch aus, um eine Wärme- und Anrichteküche für den Cateringservice einzurichten.

Die Leistungsbeschreibung geht dann an die glücklich guckende Vergabestelle, die natürlich prompt ihre Aufgabe erledigt und die Ausschreibung mindestens 3x mit Monierungen zurückschickt. Wenn sie dann erfolgreich nen Nervenzusammenbruch beim Sachbearbeiter provoziert hat, wird dann die Ausschreibung gnädigerweise an die in Frage kommenden Caterer rausgeschickt.

Juchu. Feddich.

DENKSTE. Wir sind auf Kommunalebene und ich denke, das geht dann in allen Kommunen gleich vonstatten: Es wird vergeben und leider dann auch vergessen. Und spätestens wenn die Vergabe raus ist, kommen die ganzen nicht bedachten Vereine aus der Ecke und beschimpfen sich gegenseitig als Kindervergifter und unfähige Dosenöffner. Und ein bisschen politischer Druck wird auch ausgeübt, wie denn der bescheuerte Sachbearbeiter aus-ge-rech-net an DEN Verein vergeben konnte.

Der hat das gemacht, womit er auf der sicheren Seite war: An den günstigsten vergeben, von dem er WEISS, dass der nicht die beste Qualität hat, aber die Seitenlange Begründung zu schreiben, warum er einen teureren Anbieter nimmt, der aber halt die bessere Qualität in seinen Augen hat – das tut er nicht. Weil er mit so einer Begründung mit einem Bein in der Abmahnung wegen Korruption steht. Oder sonst nem Grund, sucht euch einen aus.

Der nächste Nervenzusammenbruch von Kollege Vergabespezi vorausgesetzt, können wir jetzt zur nächsten Phase übergehen:

DIE DURCHFÜHRUNG. *tadaaa*

Der Gewinner des Catering-Contests nimmt den Versorgungsbetrieb auf. Er war der günstigste und trotzdem soll sich das für ihn rechnen. laßt euch nicht davon blenden, dass das ein gemeinnütziger Anbieter ist (was hier nicht selten ist). Die wollen trotzdem Gewinn machen, sonst sind sie die längste Zeit gemeinnütziger Anbieter gewesen.

Auf Seiten der Kommune liegen dann Einkommensüberprüfungen, Festsetzung der Eigenanteile der Eltern und alles, was richtig Arbeit macht. Die Caterer habens leicht – die liefern nur und kassieren.

Lest euch das da oben bitte nochmal mit Verstand durch. Verliert ihn nicht unterwegs.

Und dann sagt mir bitte, wieso sich noch EINER wundert, wieso DIESER Artikel hier geschrieben werden musste.

Also bitte – DAS hätten auch zugekiffte und besoffene HartzIV-Eltern besser hinbekommen als „Vater“ Staat.

Nein, kein Kommunenbashing, sondern Politikerbashing. Die sind nämlich im Regelfall zu dämlich und zu ignorant, um einzusehen, was sie mit ihrem Aktionismus anrichten. Die brüllen nur „wir schaffen das“ und meinen „ihr schafft das schon“ – ohne dran zu denken, dass das auch finanziert werden muss.

Ganz schlimm ist sowas, wenn grad irgendwo Wahlkrampf ist. Dann kommen die Ideen wie ein Sturzbach. Ich sag nur: Schulobst. Ein Apfel für jedes Kind am Tag. Auch hier: Einkommensprüfungen, Eigenanteilsfestsetzung – und Beitreibung der Beträge, wenn die Eltern nicht zahlen.

So kannst das bei JEDEM Projekt ansehen. Schule von 8 – 1, Ganztagsschule…die Vereine kassieren und die Verwaltungsarbeit liegt bei den Kommunen.

Tolle Privatisierung die wir da haben.
*kotz*

Veröffentlicht am 4. Februar 2012, in Allgemein. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 8 Kommentare.

  1. Lochkartenstanzer

    Und dann noch versuchen, mit Verbot die Schule während der Mittagszeit zu verlassen, die Kinder daran zu hindern sich bei den lokalen Ladengeschäften sich etwas zu essen zu besorgen. (Hier in Nordbaden schon erlebt).

    lks

    • Alternative ist das, was es bei uns gibt, um die Leute in die mehr als miserable Mensa zu zwingen: 1km Bannkreis um den Campus für sämtliche Arten von LEbensmittelgeschäften, Imbiss und Gaststätten, von der Stadt verordnet, gebilligt und durchgesetzt… 😦

    • noch besser sind dann aber diejenigen Eltern die laut Aufsichtspflicht schreien wenn den Kindern ausserhalb der Schule was passiert. Oder noch besser die mit Klage drohen wenn der Lieblingssohn beim Ladendiebstahl im Discounter um die Ecke erwischt wurde. Dieser hat so seinen Nachschreibetermin verpasst und wurde eben nicht versetzt.

    • zartbitterdenken

      Bei uns war eher das Problem, dass in der MIttagspause die Mensa derart von Lehrern bevölkert war, das kaum ein Schüler noch Interesse daran hatte dort zu essen. Noch dazu war das Angebot doch eher karg und nur an manchen Tagen auch genießbar.
      Und da wir eine Pizzeria, einen Mexikaner, zwei Bäcker, eine Dönerbude und zahlreiche Bistros und Cafes in der unmittelbaren Nähe hatten, konnte man problemlos ausweichen.
      Allerdings sehr zum Unmut der Elternvertreter, die auch nur dann auf dem Plan erschienen, wenn der eigene kleine Kevin betroffen war. Aber da der Besitzer dieser Cateringfirma nunmal Schwippschwager in Spe (oder was auch immer) von jemandem an der Schule war, wird sich da wohl vorerst auch nichts ändern. Für die nachfolgenden Jahrgänge tut mir das sehr leid.

  2. Ach ja. Es geht aber auch anders:

    Berufsschule Lichtenfels, Bistro von Schülern betrieben: http://www.bs-lif.de –> „Eat@school“

    Und aus eigener Erfahrung weiß ich, das Essen ist lecker, gesund und abwechslungsreich! Ach ja – und günstig ohne Ende.

    • Ja, die brauchen auch nur den Materialeinsatz zu kalkulieren. Und nö ich rede nicht von den exorbitanten Gewinnspannen im Catering. Sondern davon das Köche, Hilfskräfte, Technik, und Energie ja auch bezahlt werden wollen. Ohne all das kann jeder, wirklich jeder extrem günstig kochen.

  3. An dem Tage, da eine Privatisierung dafür sorgt, dass eine Aufgabe günstiger oder qualitativ höherwertig erledigt wird, werde ich Bundespräsident und Kaiser von China in Personalunion.

    War bisher nicht so, wird nicht so werden. Als Beispiele mag ich nur die Bundespost und die Bundesbahn anführen (da wären noch mehr Sachen zu nennen: Stadtwerke, Krankenhäuser, ÖPNV, …).

  4. Für den Regelsatz im ALG II ist es erstmal egal, wo die Kinder essen, da es sich um Pauschalzahlungen handelt. Es gibt also immer einen Satz, bei Kindern von 6 -13 Jahren liegt der bei ca 3 € für Essen am Tag (wenn ich mich nicht verrechnet habe).
    Schulessen wurde früher in vielen Kommunen für ALG II Empfänger/ Wohngeldempfänger etc. bezuschusst, im Regelfall verblieb 1 € Zuzahlung am Tag. Inzwischen haben wir BuT von Frau von der Layen – nun wird bundesweit einheitlich bezuschusst, auch hier bis zu 1 € Eigenanteil pro Essen. Für die Eltern müsste sich das rein theoretisch sogar rechnen, weil für das Mittagessen mehr als 1 € im Regelsatz enthalten ist (das war jetzt mit ausreichend Ironieanteil, nur zur Sicherheit nochmal verdeutlicht)

warf folgenden Kuchen auf den Teller