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"Wir können da nicht raus"


Ich nehme mal die Kommentare von weiter unten auf 😉

Man hört immer wieder, dass „wir“ nicht aus Afghanistan „raus können“, weil wir sonst das „Gesicht verlieren“ würden und „der Terrorismus“ gewonnen hätte.

Ich fürchte, das artet jetzt in Wehrkraftzersetzung aus.

1. Was ist Terrorismus?

Unter Terrorismus versteht man laut Wikipedia Gewalt und Gewaltakte, die darauf abzielen, eine politische Ordnung umzustürzen oder einen politischen Wandel einzuleiten.

Welchen politischen Wandel in Afghanistan um Himmels willen wollen die Afghanen denn einleiten? Die wollen in der überwiegenden Mehrheit einfach in Ruhe gelassen werden. Selbst Karsai hat von seinen „Verbündeten“ die Schnauze voll und will dass die Besatzungstruppen (und als das werden sie von den Afghanen völlig zu Recht gesehen) nur noch verschwinden.

Den Widerstand gegen Besatzungstruppen jedoch nennt man nicht Terrorismus. Sondern schlichtweg Widerstand. Was in Afghanistan passiert, ist kein Terrorismus sondern (legitimer) Widerstand gegen eine widerrechtliche Besatzung.

Dass er in Europa umgedeutet wird als Terrorismus ist ebenso nachvollziehbar wie ekelhaft: Keiner WILL zu den „bösen“ gehören. Doch letztlich ist es das, was Deutschland gerade tut: Einen Angriffskrieg auf fremdem Boden führen.

Darüber hinaus: Glaubt auch nur einer der Leser hier, dass das Bombardieren und Abknallen von Zivilisten wie auf dem Moorhuhnschießplatz (DANKE@Neues von der Anstalt) dafür sorgt, dass es WENIGER Terroristen gibt? Der Vater eines Kindes, dass erschossen wird, dass weggebombt wird, der wird wohl danach kaum sagen: „Hmne, lieber nicht ins Terrorcamp, die hauen mir sonst die Familie weg“. Wahrscheinlicher ist doch, dass der sofort nach der Bombardierung fragt: „Wo gehts hier ins nächste Camp“ und die Taliban ihn sofort mit offenen Armen aufnehmen.

Die ganze Aktion dort macht die Welt UNsicherer. Nicht sicherer.

2. Das Gesicht verlieren

Das ist Rhetorik der Stärke, die aus Imagegründen Menschenleben kostet. Wer will für ein wie auch immer geartetes Image verantworten, dass Menschen sterben? Wir reden hier nicht nur von toten Soldaten, sondern auch von toten Zivilisten und toten Widerstandskämpfern.

Das Prinzip vom Gesichtsverlust heißt auf den Punkt gebracht: Man ist aus einer vermeintlichen Position der Stärke heraus auf ein kleines Land losgegangen, man meinte, mit der überlegenen Technik die Muschiks in den Bergen zu Paaren treiben zu können. Und die „Think Tanks“ dachten, dass die Afghanen die Vertreibung der Taliban begrüssen würden.

Jetzt muss man sich eingestehen, dass dem (bis auf die Taliban und selbst die erscheinen den meisten Afghanen inzwischen als das geringere Übel) nicht so ist. Die Briten waren nicht nur schlecht ausgerüstet, als sie in Afghanistan abgewatscht wurden. Die Russen waren nicht nur schlecht versorgt und es lag auch nicht an den von den USA finanzierten „Freiheitskämpfern“ aka Taliban, dass sie in Afghanistan so aufs Maul bekommen haben.

Es lag an Afghanistan und den Strukturen und den Menschen dort.
Afghanistan ist ein Land, was kaum eine Ebene größer als ein paar Kilometer hat. Aufgrund der bergigen Landschaft findet man hier auch noch Stammeskulturen. Die einzelnen Stämme darf man sich ungefähr so wie die Schotten vor Culloden vorstellen: Man bekämpft sich bis aufs Blut und rauft sich widerwillig angesichts eines übermächtigen Feindes zusammen und versucht den (während man sich das Land unter sich aufteilt) rauszuwerfen. Und das untereinander zankend und prügelnd.

Hier wäre das ungefähr so, als würde man Bandidos und Hells Angels in einer Kneipe aufeinander loslassen und nachdem die sich da lustig gegenseitig zerlegt haben, schickt man ein Sondereinsatzkommando rein. In dem Moment, wo die Grünen stürmen, schließen die sich zusammen und vermöbeln die Polizei. Nur um sich anschließend wieder der Tätigkeit von vorher zu widmen.

Die dem zugrundeliegende Geisteshaltung kann man gut oder schlecht finden (ich mag sie aus den naheliegendsten Gründen nicht, in einer solchen Gesellschaft ist kein Platz für die Schwachen und Kranken), allein: Es ist nicht Aufgabe des Westens, mit aller Gewalt dafür zu sorgen, dass sich das ändert.

Und genau das hat der Westen hier versucht. Er hat versucht, mit Lügen („Taliban forcieren Opiumanbau“ der Witz in Tüten, die CIA finanziert sich doch durch den Afghanischen Opiumanbau) und rhetorischer Vernebelung diese Tatsachen zu drehen, so dass wir als die Retter der Welt dastehen.

Sind wir aber nicht. Wir sind – mal wieder – die Kriegstreiber der Welt. Und wenn man das nicht so sieht und wenn man das nicht langsam mal in die Köpfe der Leute bekommt und denen klarmacht, dass für das Image in der Welt von Angela Merkel gerade Soldaten geopfert werden, werden weitere Soldaten sterben.

Diese widerliche Perversität muss man sich mal klarmachen: „Wir können nicht aus Afghanistan raus, weil wir sonst Gesicht verlieren“ heißt doch nichts anderes: „Weil es zu peinlich ist, zuzugeben, dass wir in Afghanistan total versagt haben, müssen die Soldaten leider weiter sterben. Und, oh…ja, auch die Zivilisten dort“

Der Satz passt genau so. Und er macht vielleicht klar, was hinter dem Gesichtsverlust steckt.

Was ist übrigens das Gegenteil von Gesichtsverlust?

Größe.