Unausrottbar
*seufz*
Woher kommt eigentlich dieser unausrottbare Gedanke, dass man Windows „bereinigen“ muss, damits nicht langsamer wird? Dass man „regelmäßig die Registry putzen muss“ weil sie sonst langsam wird. Weil das da nur vor „übriggebliebenen Einträgen“ wimmelt.
Das die Festplatte regelmäßig defragmentiert werden muss weil sonst die Datenzugriffszeiten so un-glaub-lich erhöht sind?
Versuchen wir mal ein wenig Urban-Legend-Bashing.
Registry:
Zu Zeiten von WinNT war die Registry eine .dll-Datei, die stur von oben nach unten abgearbeitet wurde. „Leere“ Einträge oder Reste von Deinstallationen haben damals aufgrund dieser Struktur natürlich dafür gesorgt, dass die Lesegeschwindigkeit start verlangsamt wurde. Die Geburtsstunde der Registry-Putz-Tools.
Heute ist die Registry eine Datenbank. Jedes Programm hat in seinem Kern genau hinterlegt, wo es wann welche Einträge zu suchen hat. Demzufolge wird auch eine 100 MB-Registry jederzeit nur zu den KB (!) in den Speicher geladen, die die aktuellen Programme wirklich brauchen. Und der Zugriff erfolgt nicht mehr linear sondern seriell: Die Programme wissen genau, wo die Einträge stehen, die sie brauchen. Lange Suchzeiten entfallen. Sollte die Registrydatenbank irgendwo inkonsistent werden und Windows-Probleme verursachen, repariert sie sich eigenständig. Notfalls setzt man auf einen früheren Zeitpunkt zurück. Das alles funktioniert hervorragend mit Windows-Bordmitteln.
Kommen wir jetzt also zu den Registry-Putz-Tools: Diese Tools stammen aus einer völlig anderen Windows-Generation. Sie sind heutzutage völlig überflüssig. Im Gegenteil, einige sind sogar ausnehmend gefährlich, da sie die Selbstheilungsmechanimen der Registry-Datenbank zerstören und einfach nach dem Gießkannenprinzip „überflüssige“ Einträge löschen, ohne dass der Nutzer weiß, ob die tatsächlich überflüssig sind. Meist sind sie es nämlich nicht.
In _ALLEN_ Fällen (keine Ausnahme, wirklich alle!!), wo so ein Putztool tätig wurde, haben sich die Probleme kumuliert. Wenn Windows Probleme hat, ist putzen häufig nicht das Mittel der Wahl. Ein Virenscanner wär da hilfreicher *g*
Festplatte defragmentieren:
Auch so ein Tipp aus dem vorigen Jahrhundert.
Zu früheren Zeiten wurden die Festplatten via IDE angeschlossen. Waren es schnelle Zugriffe, hat man ein SCSI-System genutzt. Windows selbst hatte eine Datenträgerverwaltung, die zum jaulen war. Man darf sich das so vorstellen: Windows hat am Anfang eine dicke Wurst aus allen Daten gedreht. Mit der Zeit wurden Stückchen aus der Datenwurst gelöscht. Wenn jetzt etwas an die Datenwurst drangehängt wurde, dann geschah das nicht so, dass die freigewordenen Stellen mit Wurststückchen aufgefüllt wurden, sondern man hat das gesamte Wurststück hinten an die Datenwurst drangehängt. Irgendwann hatte man eine Schweizer-Käse-Datenwurst. Und da wir Festplatten mit langsamen Zugriffsraten hatten, gabs hier wirklich Probleme, weil man *gääääääääähn* so lange auf die Daten warten musste, bis der Lesekopf alles zusammengesammelt und durch die Leitung geschoben hatte.
So. Das mal für Laien gesprochen. Access krankt übrigens meines Wissens nach bis heute an dem Problem.
Wie siehts heute aus? Windows guckt sich die Datenwürste schon inzwischen recht genau an, und schiebt passend zwischen. Auch sind mit den neuen S-ATA-Schnittstellen sehr viel schnellere Datentransporte möglich als noch zu früheren Zeiten. Flachbandkabel war so der Bummelzug, der an jeder Milchkanne hält. Im Vergleich hierzu ist man mit S-ATA mitm ICE unterwegs. Und wenn man noch ne Flashplatte drinhat, hockt man im ICE Express. Plattenzugriffe in Echtzeit. *träum*
Geht man jetzt mit einem Putztool hin, hat man im schlimmsten Fall alles verschlimmbessert. Defragmentieren kann man ja gerne tun, aber bitte doch nur mit den Bordmitteln. Da weiß Windows, dass man die Datenwurst zusammengeschoben hat und richtet sich drauf ein. Macht man das mit einem Fremdtool, zieht man schlimmstenfalls Windows den Boden unter den Füssen weg, weil die Indizes auf einmal nicht mehr stimmen und Windows erstmal wieder mühselig alles zusammenklauben muss.
Nein, den Indexdienst zu kippen ist keine Alternative. Davon wirds auch nicht schneller.
Wie kann ich meinen PC denn nu schneller machen?
1. Lass neue Hardware einbauen. Tu es nicht selbst, wenn du nicht weißt was du tust. Windows installiert sich und kompiliert seinen Kernel exakt auf die vorhandene Hardware. Neue Hardware drunterschieben heißt, dass der Kernel nicht mehr auf das Zeug abgestimmt ist, was zu Instabilitäten führen kann. DARUM wird ja immer wieder ne Windows-Neuinstallation angefragt, wenn man neue Hardware drin hat.
Man kanns patchen, sollte da aber wissen was und warum man es tut.
2. Müll den Autostart aus.
Nahezu jedes Programm, was mit einer autorun.inf auf der CD daherkommt, hält sich für so unglaublich wichtig, dass es _un-be-dingt_ bei jedem Systemstart mitgeladen werden muss. Ob es nun der Scanner ist, den man 1x im Jahr braucht oder ein Programm, dass man jederzeit aus der Iconleiste aufrufen können soll: Bullshit.
Wenn ich ein Programm häufig brauche heißt das noch lange nicht, dass ich das auch bei jedem Start automatisch mitgeladen haben möchte. Nein, auch nicht das Brennprogramm und nein, auch nicht mein Curse Updater. Den lad ich nach Bedarf. Ich brauch kein Programm, dass permanent online ist und jeden Mausklick nach Hause telefoniert.
Das einzige Programm, das ich im Autostart hab, ist mein Virenscanner. Alles andere brauchts nicht.
Macht nen schmalen Fuß im System. Das auch mit meiner betagten Hardware ganz flott läuft. 🙂
So.
Und jetzt geh ich den Müll wegräumen, den so ein Tool hinterlassen hat.
Das hat nämlich knallhart die Netzwerkverbindungen als Vireneinfallstor erkannt und darum konsequent alles kaputtgemacht, was mit „N“ wie „Netzwerk“ zusammenhing.
Und jetzt geh ich den Onkel mal verhauen, der da unbedingt ein System „putzen“ wollte… *fluch*
Veröffentlicht am 20. April 2010, in Allgemein. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 2 Kommentare.
Servus Tante Jay.
Als dummer „Nur-Benutzer“ von so einem Rechenknecht rate ich Dir: Veröffentliche solche laien(und -lehrer)verständlichen Kenntnisse/Erklärungen in Buchform! Würde ich, falls ich mal wieder zu mehr Geld komme, kaufen. Das habe ich jetzt nach 1x Durchlesen kapiert, oh Wunder (und ich bin `n Kerl!). Werde öfter vorbeikommen wenn ich bei TOM nicht Detlef, Gernot und Siggi bespaße (falls diese Bielefelder überhaupt was merken) 🙂
🙂 B. A.
Habe in beiden Rechnern SSD`s als Windows Laufwerk. Braucht man nicht aufräumen. Im Gegenteil: Defrag oder andere Tools machen die Laufwerke kaputt. jedenfalls auf dauer. Festplatte hängt als Ablage dahinter. Die brauche ich nicht aufräumen, das lohnt nicht.