Odenwaldschule und Gerold Becker


Das Thema Odenwaldschule ist ja inzwischen mehrfach durchgekaut.

Was da passiert ist, ist unbeschreiblich und unglaublich. Inzwischen liegt auch der Bericht der Opferanwältinnen vor, die versucht haben, die Fälle aufzudecken.

Das erste Fazit: Die Zahl 50 bei den Missbräuchen ist nicht zu halten. Es war mehr.

Das zweite Fazit ist genausowenig überraschend: Gegenwehr wurde systematisch gebrochen und die Fälle totgeschwiegen.

Das ist – leider – das übliche bei sexuellem Missbrauch, dass sich die Täter-Opferrolle verkehrt. Vor allem in den Augen von Außenstehenden. Die Opfer oder besser die Überlebenden, die unsere Hilfe brauchen, die unser Verständnis brauchen – sie werden oft genug als Nestbeschmutzer behandelt und noch zusätzlich unter Druck gesetzt.

Die Täter hingegen läßt man ungeschoren.

Warum ist die Erkenntnis so überraschend? Man muss sich doch nur den Runden Tisch zum Thema angucken, um zu sehen, dass sich NICHTS geändert hat. Vertreter von Überlebendenverbänden findet man dort nicht. Man findet dafür aber einen ganzen Haufen Vertreter der Täterorganisationen. Die Überlebenden – mit denen will man sich nicht beschäftigen, denn das ist schmerzhaft. Man muss sich in der Diskussion mit Überlebenden einer Reihe von unangenehmen Wahrheiten stellen und nicht selten wird das eigene Weltbild komplett auf den Kopf gestellt.

Und nun dies: Die Odenwaldschule hat über Jahrzehnte hinweg konsequent alle Hinweise auf Missbrauch gedeckt. Sie hat Druck auf Schüler ausgeübt, zu schweigen. Wenn ein Schüler nicht schweigen wollte, wurde er aus der Schule gemobbt, weil nicht sein kann was nicht sein darf.

Und dann die  Causa Gerold Becker. Mehrfach erklärte der alte Mann, dass er sich keiner Schuld bewusst sei. Mehrfach hat er öffentlich erklärt, dass das alles ein großes Missverständnis ist und er hat Gespräche angeboten. Für mich waren diese Gesprächsangebote immer mit einem Beigeschmack versehen: „Sprecht mit MIR und nicht mit der Presse. Haltet den Mund.“

Und es sieht fast so aus, als hätte ich recht gehabt.

Wenn es stimmt, was in dem Artikel steht, wähnte sich Gerold Becker unangreifbar. Er war der Reformpädagogikpapst, der Eigentümer der Kinder, die er heranbildete.

Und der Kreis schließt sich: Missbrauch findet nur woanders statt. Nicht hier. Es sind immer die anderen.

So wurde offenbar Er selbst habe Becker mit seinem Wissen über zahlreiche Missbrauchsfälle konfrontiert und deren Offenlegung angedroht, schreibt der Altschüler in seinem Bericht. Becker habe nur sanft erklärt, er habe nichts zu befürchten. Bei seinen Nachforschungen sei der Altschüler zu der Erkenntnis gelangt, dass „nur diejenigen nichts wussten, die nichts wissen wollten.“

Und der Kreis schließt sich:

Nochmal: Über Jahrzehnte wollten die Schulleiter der Odenwaldschule den Missbrauch weder sehen noch bekämpfen. Und heute will der Runde Tisch den Missbrauch zwar sehen, aber nicht bekämpfen. Hier richten die Täter über sich selbst.

Das spottet jeder Beschreibung.

/update: Doppelt gemoppeltes gestrichen. Und nu endgültig im 2. Update. Danke Wolfram für den Holzhammer – ich habs echt nicht gesehen 😉

Veröffentlicht am 9. Juli 2010, in Allgemein. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 16 Kommentare.

  1. might be paranoid

    Copy Paste Fehler? Ein Absatz ist doppelt

    • Nö, fängt nur doppelt an. Kommt davon, wenn man gleichzeitig tippelt und telefoniert. 😉

      • Doch, der Absatz vor dem durchgestrichenen „und der Kreis schließt sich“ ist wortgleich mit dem vor dem nicht durchgestrichenen „und der Kreis schließt sich“ – nur die Formatierung ist anders (ich nehme an, das zweite Mal ist ein blockquote).

  2. Da sollte nochmal die Qualitätssicherung über den letzten Teil des Artikels rüberschauen.

  3. Aussitzen, lange genug ignorieren, irgendwann ist das Thema „ausgestorben“…
    Leider haben Täter genug Vitamin „B“, viel Geld, die gesellschaftlich, oder zumindest psychologisch akzeptierte, böse Kindheit… letztendlich sind sie schlimmer dran, als die Opfer…
    Ich war mal als Zuschauer in eine „Therapie“ geraten, wo ein Opfer mit Hilfe der „Familienaufstellung“ nach Hellinger an diesem Thema saß und die Therapeutin ihm einbläute, er müsse seinem Vater verzeihen, weil er das alles ja nur aus Liebe tat…
    Es mag sein, dass die Therapeutin da eine eigenmächtige Interpretation dieser Therapieform hatte, ist mir auch egal, Fakt ist, dass es tatsächlich so läuft. Entweder der Täter wird als noch ärmeres Opfer dargestellt oder es wird solange rumgerätselt, wie denn nun alles tatsächlich gewesen ist, weil DER kann das doch nicht gemacht haben. So integer, so solide…

    Sorry… es k… mich an.

    Ich selbst wollte einen Missbrauch anzeigen und musste mir von mehreren Behörden anhören, es würde mittlerweile gern Missbrauch mit dem Missbrauch begangen, man würde diese Anklage halt gern verwenden, um anderen zu schaden. Man nahm mich nicht ernst…

    Selbst wenn es so ist, ja, sicherlich, auch Falschanklagen werden dabei sein, trotzdem muss man doch jedem Fall nachgehen!

    Was ich mit meinem Sexualtrieb verursache, scheint entschuldbar zu sein. Sollte ich je einen derartigen Hass gegen jemanden haben, dass ich gar Mordgedanken hege, dann werde ich ihn im sexuellen Wahn erschiessen… das ist entschuldbar in diesem Staat. Dann krieg ich Therapie und gut. Muss nur aufpassen, dass ich nicht einen Kratzer in seinen Autolack dabei mach. Das könnte eine Strafe zur Folge haben.

    Das ist echt der Nährboden für Selbstjustiz.

    • Das ist auch keine Lösung.
      HINsehen ist die Lösung. Schulungen müssen her bei den Leuten, die sich damit beschäftigen. Und die Ausstattung muss stimmen, sowohl bei Beratungsstellen als auch bei den Ermittlungsbehörden.

      Solange das nicht der Fall ist und solange die Überlebenden stigmatisiert werden, solange wird es auch dusselige Therapeutinnen wie die von dir angesprochenen geben.

  4. Die Hellinger-Familienaufstellung ist berühmt-berüchtigt. Sie ist keine anerkannte Therapieform. Man muss wohl ausdrücklich vor dieser obskuren sektenähnlichen Nicht-Methode warnen. Hier werden die Opfer-Täter-Verhältnisse zementiert – dies nutzt nur den Tätern und ist wohl so auch gewollt.

  5. Zu Hellinger:
    http://www.esowatch.com/ge/index.php?title=Familienaufstellung_nach_Hellinger

    Stark emotional eingefärbt, aber es gibt ein gutes Bild von dieser „Therapie“ wieder. Ne, danke.

  6. Nur der Vollständigkeit halber: Gerold Becker ist gestern Nacht verstorben. Ich weiß, dass das für die Betroffenen sehr schwierig ist diesen Fakt auszuhalten, da die Adresse ihrer Wut sich für immer entzogen hat.

    Wenn es den Kreislauf (Wiedergeburt) der Seelen gäbe, würde ich jetzt alle Würmer zertreten.

  7. Ja – die „armen“ Täter mit ihrer schweren, schweren Kindheit, die gar nichts dafür können. Also ehrlich da _muss_ man doch Mitgefühl zeigen!

    SCHEISSE sach ich!

    Ich hatte auch ’ne schwere Kindheit, ich habe auch nicht alles in den A… gesteckt bekommen und – ob ihr’s glaubt oder nicht – ich bin dennoch kein Straftäter, Gewalttäter, Kindesmissbraucher* oder Vergewaltiger geworden!

    SCHEISSE sach ich!

    Die Täter müssen sich ihrer Verantwortung stellen und gefälligst Wiedergutmachung betreiben – nur das, was wir hören ist meistens „ist verjährt“, „war nicht so schlimm“, „die wollte es doch auch“, „das ist eine Hetzkampagne“. Dass die Opfer da noch Jahrzehnte lang an den Folgen zu tragen haben und dass jeder Missbrauch dauerhafte Schäden anrichtet, das hört man komischerweise gar nicht! Statt dass mal einer sagt: „Ich habe Scheiße gebaut! Ich werde mich ertsens in Therapie begeben und ich werde zweitens alles aufklären und ich werde drittens mal schauen, ob und wie ich meinen Opfern helfen kann!“ Nö – da wird immer abgewiegelt und relativiert!

    SCHEISSE sach ich!

    PS: * ich benutze den Begriff „Pädophil“ nicht, da er eine Freundlichkeit suggeriert, welche nicht vorhanden ist!

    • Mal langsam. Es geht nicht um „nicht alles in den A*** gesteckt bekommen“ – das ist oft eine schwerere Kindheit als die voller Entbehrungen. Es geht um Menschen, die als Kinder selbst mißhandelt oder mißbraucht wurden. Aus Opfern werden oft genug Täter – das ist eine traurige Wahrheit. Ob es um Mißbrauch geht oder um Mißhandlung. Wer nie etwas anderes unter dem Namen „Liebe“ erfahren hat als Mißbrauch – wie soll der anders handeln?
      Das rechtfertigt nichts und macht erst recht für das Opfer nichts besser. Um einen Vergleich heranzuziehen: Ob ich am Steuer träume oder meine Bremsen versagen: wenn mir jemand unters Auto kommt und verstirbt, der ist tot – ob ich was dafür kann oder nicht. Aber genau deshalb muß Verantwortung differenziert festgestellt werden. Und zwar von neutralen Richtern, nicht von Opfern und nicht von Opferanwälten.
      Es hilft dem Opfer nicht, den Täter zu lynchen für etwas, wo er letztlich genauso Opfer ist. Es hilft, wenn die Täter-Opfer-Beziehung erst einmal aufgebrochen ist, nicht mal weiter, wenn der Täter bestraft wird. Da müssen ganz andere Dinge geschehen, die in den Bereich der Psychotherapie (Seelenheilung) gehören. Vielleicht hilft das Schuldanerkenntnis. Vielleicht will das Opfer auch einfach nur nie wieder was von diesem Menschen hören. Nicht mal im Prozeß…
      Wiedergutmachung ist ein oft gebrauchter Begriff, der aber keinen Sinn enthält. Wiedergutmachung geht nämlich nicht. Der Mißbrauch oder die Mißhandlung kann nicht rückgängig gemacht werden. Aus dem Beispiel: der Tote unter meinem Auto wird nicht wieder lebendig. Die sogenannte Wiedergutmachung, der Begriff wurde meines Wissens nach dem Ende der Nazizeit geprägt, ist immer nur der hilflose Versuch, irgendwie die Folgen abzumildern, meist mit Geld. Aber auch das Zehnjahregehalt von Schweinsteiger macht nichts ungeschehen, gibt keinen verlorenen Tag einer verlorenen Kindheit zurück. Wiedergutmachung gibt es nicht.
      Was gibt es dann? Genugtuung, Satisfaktion? Bullshit.
      Heilung? Im Einzelfall. Ein Geheimrezept gibt es nicht… außer vielleicht Vergebung. Vergebung bedeutet u.a., daß das Opfer sich von diesem erlittenen Unrecht lösen kann, daß es seine Gegenwart und Zukunft nicht mehr über dieses Unrecht definiert… und dahin zu kommen ist Gnade. Ich wünsche es jedem Opfer, gleich welches Unrechts…

      • Wolfram, du wirst überrascht sein, wie sachlich viele Überlebende (!) mit dem Missbrauch umgehen können. In ihnen brodelt häufig genug eine ungeheure Wut, aber sie haben oft genug gelernt, damit umzugehen.

        Zur Vergebung gehört aber meines Erachtens auch immer, dass zumindest ein Schuldeingeständnis vorhanden ist – ein ehrliches. Dass der Täter einsieht, was er getan hat. Und genau hier hapert es zu oft.
        Glaubt ihr denn wirklich, dass Täter hingehen und sagen: „Ich hab Bock ein Kind zu missbrauchen, das mach ich jetzt mal“?

        Viel häufiger (man mag mich hier berichtigen) ist es doch so, dass der Täter sich selbst einredet, dass er dem Kind Gutes tut, dass er ihm Liebe zeigt. Und die glauben das tatsächlich. Ohne diese Lüge, diesen unglaublichen Selbstbetrug könnten die meisten Missbrauchsfälle imho nicht stattfinden. Sie sehen sich als Wohltäter. Nicht als Täter.

        Und das Einsehen, dass sie etwas falsch gemacht haben, das ehrliche zugeben, auch vor sich selbst: Nach meinem Dafürhalten ist das für viele (wiederum nicht alle) Überlebenden unabdingbar, um dem Täter vergeben zu können.

        Das Thema ist so unglaublich vielschichtig. Du hast einige Punkte angesprochen, die auch sehr wichtig ist. Täter-/Opferausgleich gehört da imho absolut dazu. Denn vielen Tätern gehts vergleichsweise gut – während die Überlebenden am Hungertuch Grundsicherung nagen. Und da muss einfach was passieren, damit nicht auch noch Geldsorgen zu den übrigen Sorgen hinzukommen.

        • Ich glaube nicht mal, das wir da weit auseinander sind… nur:
          viele reden sich da nicht erst was ein, die kennen es einfach nicht anders. Denen ist ihrerseits schon von anderen Tätern derart eingebleut worden, Liebe wäre das, was mit ihnen gemacht wurde, daß sie tatsächlcih glauben, den Kindern gutes zu tun. So wie die Mütter, die ihre Kinder schreien lassen, um die Lungen zu stärken – das war generationenlang geltende Lehre. So wie die, die meinen, eine Tracht Prügel hat noch keinem geschadet… und sie selbst sind das erste Gegenbeispiel. Sie reden sich nichts ein, sie wissen es wirklich nicht besser.
          Genau das macht aber die Einsicht so schwierig. Kann man hier eine Parallele zu Menschen ziehen, die in diktatorischen Systemen aufgewachsen sind? Ich meine, ja.
          Und ich meine weiter, daß es nicht möglich ist, denjenigen Menschen, die aus ihrem Opfersein eines Tages Täter wurden (und das sind im Bereich Mißhandlung und Mißbrauch sehr, sehr viele), die Einsicht in die Verwerflichkeit ihrer Tat abzuverlangen und gleichzeitig ihnen zu verwehren, ihr Opfersein ebenfalls anzunehmen. Das ist nämlich, anders als JoyntSoft es hinstellt, keine billige Ausrede.
          Wer aber diesen Opferstatus verwehrt, ist pervers: er verlangt von jemandem, der getan hat, was ihm angetan wurde, daß er seine eigene Tat als schlecht bewertet – aber gleichzeitig gutzuheißen hat, was ihm selbst angetan wurde und unter dieselben Maßstäbe fallen müßte. Konkret: „du hast deinem Neffen Böses getan, dein Neffe ist dein Opfer; aber auch wenn dein Onkel dasselbe mit dir gemacht hat, bist du kein Opfer.“ So gehts nicht.

        • Ich würde sagen, dass das mit „der schweren Kindheit“ durchaus als billige Ausrede benutzt und zwar eben genau dann, wenn sich die Täter (früheren Opfer) nicht mit ihrer Rolle als Opfer, das zum Täter wurde auseinandersetzen wollen und können. Genau damit verwehren sie aber ihren Opfern genau dieses – eine Auseinandersetzung mit und Verarbeitung des Geschehenen. Und zwar damit die Opfer nicht ihrerseits wieder zu Tätern werden – egal ob an anderen oder „nur“ an sich selbst.
          Viel zu häufig wird dieses Argument (schwere Kindheit) übrigens nicht von den Tätern selbst, sondern von ihrem Umfeld gebraucht – Familie, Freunde, Anwälte, Arbeitgeber, Therapeuten, etc. Statt dass diese den Täter unterstützen, seine Tat zu verstehen und aufzuarbeiten, wird die Chose kleingeredet, relativiert und unterm Deckel gehalten.

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