Schurke oder Heiliger?
Die Rede diesmal ist – wie kann es auch anders sein – von Julian Assange. Nein, Druffgugger, du nich. Deine Rolle is klar *g*
Wenn man sich derzeit mal so durch die Nachrichten klickt, die von Wikileaks handeln, sind sich viele einig: Julian Assange gefährdet durch die Veröffentlichung Menschenleben. Und er tut es, weil er eitel ist. Nicht, weil er aufklären möchte.
Nichts könnte falscher sein.
Das unsere Medien inzwischen mit Qualitätsjournalismus soviel am Hut haben wie Wikileaks mit Geheimhaltung, dürfte sich ja herumgesprochen haben.
Trotzdem ist es nachgerade erstaunlich, wie einhellig diese Anklage der US-Regierung übernommen wird.
Julian Assange und Wikileaks gefährden Menschenleben, weil sie die Namen mit veröffentlichen. Mindestens ein Kollaborateur wäre schon von Taliban getötet worden.
Wer das glaubt, glaubt auch noch an den Weihnachtsmann. Da sind so einige Punkte, die beim Nachdenken aufstoßen.
1. Die dörfliche Struktur in Afghanistan.
Das sind keine anonymen Städte wie hier. Da kennt jeder jeden. Und jeder weiß genau, was der andere macht. Das muss auch so sein, denn angesichts der unglaubilchen Zerstörungen in dem Land rücken die Leute enger zusammen, um überleben zu können. Wenn also jemand Informant der US-Streitkräfte ist und den Taliban entgegenarbeitet – und das möglicherweise auch noch in einem Gebiet tut, wo die Taliban auch die Macht haben, ist der in kurzer Zeit geliefert. Das ist nicht zu verheimlichen. Und wer was anders behauptet, kennt keine Dörfer. Macht doch mal bei euch selbst den Test: Überlegt euch doch mal, wie ihr Treffen mit Ausländern heimlich machen wollt? Wie ihr Informationen sammeln wollt und die unauffällig jemandem übergeben? Und das tut ihr ja nicht umsonst, ihr habt dann Geld, was ihr nicht haben solltet, weil jeder im Dorf eure Einkommenslage kennt.
Wikileaks gefährdet Agenten – ja neee. Is klar.
2. Wikileaks hat die Dokumente, entgegen der Behauptung der US-Regierung, natürlich anonymisiert. Und sie haben vorher bei der US-Regierung und verschiedenen Medien um Unterstützung gebeten, weil eben genau das nicht passieren sollte: Das Menschenleben gefährdet werden. Sowohl die US-Regierung als auch die meisten Medien haben sich geweigert, bei der Anonymisierung zu helfen, offenbar in der (irrigen) Annahme, dass es den Leuten von Wikileaks zu mühsam wird, das zu anonymisieren und sie die Veröffentlichung sein lassen.
Wenn man sich dann irrt und die Dokumente dann doch veröffentlicht werden, darf man nicht rumjammern. Wikileaks hat die Möglichkeit zum Informantenschutz gegeben.
Das Problem ist halt die schiere Menge an Informationen und die überschaubare Mitarbeiterzahl bei Wikileaks.
3. Julian Assange ist ein eitel und sonnt sich in der Aufmerksamkeit. Und darum veröffentlicht er die Dokumente.
Man muss hier 2 Dinge trennen. Einmal die Person Julian Assange, die na-tür-lich eitel ist (sind wir alle) und Wikileaks als Plattform für Dokumente.
Julian Assange ist ein Mensch. Und er hat menschliche Schwächen. Eitelkeit gehört _natürlich_ dazu und natürlich sonnt er sich in der Aufmerksamkeit. Ich wage die Behauptung, dass das etwa 95% der Weltbevölkerung tun würden. Der Preis, den er zahlt, ist Angst. Die hat er, das merkt man. Und die hat er nicht zu Unrecht. Und das ist eine menschliche Stärke von ihm: Mut. Denn diese Sachen zu veröffentlichen, ohne Rücksicht auf die eigene Reputation (es ist klar, dass er als erstes persönlich angegriffen wird, um die Informationen zu diskreditieren) und die eigene Sicherheit, das ist persönlicher Mut für den ihm hoher Respekt zu zollen ist.
Und dann die Plattform Wikileaks: Die Dokumente sind offenbar echt. Der Aufgeregtheit der US-Regierung nach zu urteilen, sind die Daten auch gut geeignet, kein so richtig gutes Licht in der Öffentlichkeit auf die Machenschaften eben jener Regierung zu richten. Sie können sich bis zu einem gewissen Grad drauf verlassen, dass die 75.000 Dokumente nicht jeder lesen wird. Aber einige werden es tun. Und sie verlieren damit die Deutungs- und Meinungshoheit in Afghanistan. Wie das endet, kann man prima in der Geschichte sehen. In Korea und mehr noch Vietnam.
Die US-Regierung fürchtet nichts mehr, als ein Kippen der Bevölkerungsmeinung zum Krieg in Afghanistan. Und daher wird alles getan, um die öffentliche Meinung zu manipulieren. In den Medien zeigt man die Soldatensärge nicht mehr, die aus Afghanistan ankommen. Dafür aber werden viele verstümmelte und geschändete Frauen gezeigt. Und das als Begründung genommen, dass man doch dableiben muss.
Es ist nicht weit hergeholt, zu vermuten, dass die Dokumente ein völlig anderes Bild des Konflikts UND der Kriegsverbrechen der USA zeichnen werden.
Als Konsequenz greift man Julian Assange persönlich an und versucht so, seine Arbeit in Misskredit zu bringen.
Trotzdem darf man die PsyOP, die gerade gefahren wird, nicht unterschätzen. Weder von Julian Assanges Seite noch von Seiten der Alliierten.
Julian Assange spielt ein wenig mit der Bedrohung, der er ausgesetzt ist. So hat er sich z.B. bei einer Konferenz nur mit Videostream zugeschaltet und dazu noch mit gefärbten Haaren. Das ist auf Dauer ein zweischneidiges Schwert. Denn so setzt er sich selbst einer „Attentats-Erfolgsquote“ aus. Jemand der sich so vor Attentaten schützt, muss irgendwann eins bekommen, sonst wird er unglaubwürdig, bzw. er gibt seinem Feind die Möglichkeit in die Hand, ihn unglaubwürdig zu machen. „Sehr her, er bekommt Angst vor seiner eigenen Courage. Andere Menschen reißt er ins Unheil, aber sich selbst sichert er ab.“
Im Golemforum kann man auch sehen, dass genau das schon begonnen hat.
Daher nochmal zum Mitschreiben:
Nicht Julian Assange gefährdet Menschenleben. Das tun alle die, die Soldaten in Krisengebiete schicken, die die Kriegsgründe dazu verschleiern (glaubt noch einer an das Märchen von den Menschenrechten, die da geschützt werden sollen?), und die Einheimische als Agenten anwerben.
Nicht Wikileaks ist für die Sauereien verantwortlich, die in Afghanistan passieren. Das sind einzig und alleine diejenigen, die diese Schweinereien angezettelt haben. Und der Aufschrei der jetzt kommt, ist der des ertappten Verbrechers, der ausruft: „Hätt ich gewusst, dass das rauskommt, hätt ich das doch nie gemacht“.
Also: Die Berichterstattung zu Wikileaks hübsch verfolgen. Und zwar hübsch kritisch. Und mal die Argumente sinnvoll hinterfragen.
/update
Und als Fazit (nachgeschoben): Julian Assange ist weder Schurke noch Heiliger. Er ist ein Mensch mit einer Mission. Und die ist unterstützenswert.
Veröffentlicht am 17. August 2010 in Allgemein und mit Julian Assange, PsyOP, Taliban, Wikileaks getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 3 Kommentare.
Schwieriges Thema. Der Julian hat schon mut aber es ist auch sehr gefährlich. Solche Leute gelten schnell als Verräter und gerade bei konservativen Republikanern gilt das als Hochverrat.
Das natürlich solche Dokumente kein gutes Licht auf Militär und Regierung werfen, ist verständlich. Ich will nicht wissen, wie das bei uns aussehen würde. Auf der anderen Seite ist die Armee natürlich auch für sowas da. Zum Beispiel die Einsätze im Golf von Somalia find ich schon sinnvoll, um Schiffe vor Piraterie zu schützen. Wie sinnvoll die Afghanistan Einstätze noch sind,w eiß ich nicht, aber Fakt ist, solang das Land nicht „stabilisiert“ ist, wird es Einsätze geben. So sinnvoll oder sinnlos sie auch sein mögen.
„Schwieriges Thema“, richtig.
An Afghanistan haben sich schon West-und Ostgroßmächte seit hunderten von Jahren die Zähne ausgebissen.
`türlich werden dort von ALLEN die Menschenrechte mit Füßen getreten.
Gaanz schwieriges Thema, Gewalt gegen Gewalt.
Aber mit dem Hinhalten der anderen Backe geht es halt auch nicht, oder?
Und eine Lösung die alle Interessen unter einen Hut bringt wäre nobelpreiswürdig, darum liegt das in weiter Ferne. Utopia, sozusagen.
Druffgugger (weder Schurke noch Heiliger, heute etwas müde, rettet mit Sicherheit nicht die Welt)
Ach weist du Tantchen viele schurken sahen sich als heilige und so mancher heilige war auch schurke in so manche sinne.
Julian ist für mich frei von jeder Wertung nur ein Mensch der seine Idee von einer frei zugänglichen Warheit lebt in welchem Gebiet diese Warheit seiner (und seiner Mitarbeiter bzw. Leser/User ) Meinung benötigt wird.
Er hat für ted auch nen Talk über Wikileaks und sich selbst gehalten
Zum Thema presse: Ja da geht viel schief und es werden zu viele DPA-meldungen ungeprüft übernommen etc. Da hilft nur selbst auf Quellensuche zu gehen oder sich nach einem neuen Anbieter umzusehen.