Wenn die Welt stillsteht


Es war heute so ein Tag. Ich war hundsgemein müde vom Wochenende und dachte mir irgendwann kurz vor Mittag – ruf mal den Gyn an und frag nach dem Ergebnis der Histologie. Waren ja alle so unaufgeregt, wird schon nix sein.

Ich hab Gyn am Telefon und er meinte: „Ich würde sie gerne sehen, können sie vorbeikommen?“
Mhm, ok. „Jo, hab aber erst um 12 Mittagspause, früher geht nicht und da habt ihr zu. Wie wärs mit heute nachmittag?“
„Ich verschieb meine Mittagspause, kommen sie einfach rein.“
Ich hab aufgelegt und mir kurz überlegt, WAS der mir da grad gesagt hat. Bzw. durch die Blume, weil er mir das nicht am Telefon sagen wollte. Und die Welt stand mit einemmal ganz ganz still.

Ich hab den Kollegen gefragt, ob ich noch vor der Mittagspause hingehen kann und ihm erklärt, warum.
Der meinte: „Geh hin und frag nach, sonst hast eh keine Ruhe“ – er kennt mich halt. Wir sind im Laufe der Zeit sowas wie Freunde geworden, er weiß ne Menge von mir und auch wenn sich die Kontakte fast ausschließlich auf die Arbeitszeit beziehen, ich mag ihn und ich glaub es geht im auch so 😉

In strömendem Regen bin ich also in Richtung Gyn gestiefel. Den Regen hab ich eigentlich gar nicht so bemerkt, nur irgendwie so gleichgültig nebenbei: Oh, da plätscherts ja ganz schön…ach es regnet.
Die Stimmung kann man eigentlich nicht beschreiben. Angst wars definitiv nicht. Eher so eine Art innerer Duckhaltung vor dem Einschlag.

Der dann auch prompt kam. Ja, es ist Krebs. Und keiner kann mir zu diesem Zeitpunkt sagen in welchem Stadium, ob der schon gestreut hat, welche Chancen ich habe. Das Ding kann jetzt gut einige Jahre gemütlich vor sich hingewuchert sein – kein Mensch weiß es.

Also wird operiert, es wird alles ausgeräumt, was da unten eh keine Miete zahlt. Je mehr je besser. Es wird keine leichte OP, aber DAS zumindest kenn ich ja schon. Raus damit und das so fix wie möglich.

Auch wie es weitergehen wird – Chemo, Bestrahlung…keiner weiß es. Wir werden es sehen, wenn die OP vorbei ist. Und es mag tröstlich gemeint gewesen sein, dass der Doc sagte: „WENN ich mir nen Krebs aussuchen müsste, wärs so einer“
Es ist derzeit alles offen – es kann mit der OP alles in Ordnung sein, oder man stellt fest, dass alles zu spät ist. Mit dem kompletten Zwischenbereich von gleichbleibend gut bis gleichbleibend beschissen. Die Statisiken sprechen für mich, das ist alles was ich weiß. Ich sehe es derzeit als Vorteil an, das der Krebs nicht sichtbar war, dass er ausschließlich über die Histologie nachgewiesen werden konnte.

Alles andere werden wir sehen.

Wie es mir grad geht? Mhm, sowas wie Schreckstarre, nehme ich an. Ich hab das alles noch so gar nicht verinnerlicht. Es ist alles noch ziemlich weit weg. Aber grundsätzlich hab ich die Haltung „Mund abwischen, weitermachen“. Ich habe keine Möglichkeiten, irgendwo eingreifen zu können. Ich habe nur die Handlungsfreiheit, zu sagen „ich will Behandlung“ oder „ich will keine Behandlung“. Und da ist die Wahl recht fix getroffen und da gibts auch keinerlei Diskussionen. Also: Augen zu und durch und wird schon irgendwie gutgehen. Und wenn nicht – MICH wirds dann sicher nicht mehr stören *g*

Und meine Familie weiß mal grad noch von gar nix, weil ich, ehrlich gesagt, nicht weiß, wie. „Hallo Mama, wenn ihr umzieht kann ich nicht helfen, kann sein, dass ich grad noch Chemo krieg“. Oder „Hallo Papa, wenn du ins Krankenhaus gehst zur Aneurysma-OP kann ich mich ja ins Nachbarzimmer legen, die werden da dann ein Uterus-CA bei mir operieren“

Sowas kann man echt nicht erklären. Vor allem dann nicht, wenn man genau weiß, dass man Mutti hinterher trösten muss, weil sie so weint und weil sie so traurig ist. Nicht sie wird mich trösten – ich werde sie trösten müssen. Und meinen Vater auch. Und ehrlich gesagt – DAS pack ich grad nicht wirklich.

Veröffentlicht am 23. August 2010, in Allgemein. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 26 Kommentare.

  1. Jo – es den eigenen Eltern zu erzählen, ist fast noch härter, als es selbst zu erfahren (hatte vor 25 Jahren mal ’nen schwarzes Melanom 😉 )

    Ich wünsch dir alles Gute, und lasse deine Eltern nicht zu lange im Ungewissen – die können dir helfen, falls es hart auf hart kommt!

  2. Jetzt fehlen mir doch ehrlich gesagt die Worte. Was soll man sagen, ohne dass es abgedroschen klingt? Du bist eine Kämpferin, schon immer gewesen, das lese ich jedesmal aus deinen Beiträgen heraus. Also kämpfe, und besiege diesen verdammten Krebs.

    Falls du mal jemanden zum Reden brauchst, meine Mail-Adresse hast du ja.

  3. Ich kann mich Oliver nur anschließen *hug* Du packst das bestimmt. Kämpfen, Kopf hoch, Augen zu und durch… 🙂

    Und das mit den Eltern wird nicht leichter – weihe sie ein, sobald deine eigene Schreckstarre es zulässt – die Belastung, es evtl. noch vor dir zu haben, ist noch schlimmer. Glaub mir, ich weiß das, wenn auch wegen wesentlich ungefährlicher Sachen (*nur* die Sache meiner Mail, bei der du eh den Nagel voll auf den Kopf getroffen hast…)

  4. Ach ja – hast Du schon einen Termin?

  5. Das mit dem „wenn ich mir einen aussuchen könnte, dann …“ hab ich auch schon mal gehört, ok, bei mir war’s ein bischen weiter oben, im Hals um genau zu sein. Hm ja, das sagen die so, die müssen ja nicht unters Messer usw. Was damit gemeint war, war vermutlich, dass sie sich im Zweifel auch eine solche Prognose wünschen würden, und dann kann man mal davon ausgehen, dass sie ganz gut ist.

    Die Information der Verwandtschaft würd ich auch nicht lange aufschieben, geheimhalten bringt nix und ist nur stressig. Ich bin mit offensiver Information ganz gut gefahren, hat nicht überall genützt aber eigentlich nirgends geschadet.

    Nu lass sich den Einschlag erstmal setzen, und dann mach, was getan werden muss.

    Ach ja, NIEMAND IS SCHULD, Du am allerwenigsten. Nur für den Fall, dass Dich jemand fragt „warum kriegt man eigentlich sowas?“, und die Frage kommt mit Sicherheit. Die Antwort kann Dir niemand sicher geben, und sie würde Dir vor allem nix mehr nützen.

    Ich wünsch Dir alles erdenklich Gute, und ich weiß aus eigener Erfahrung, dass Du die nötige Kraft finden wirst.

    Ach ja, ich muss mich langsam von einer netten kleinen Nordseeinsel verabschieden, weil die lange aufgeschobene onkologische Reha fast vorbei ist, kann ich aber wärmstens empfehlen.

  6. Ach ja – ich hoffe, die ganzen Scharlatane, Geistheiler und Krebsbesprecher stehen hier schon auf deiner Spamliste?

  7. Spamfilter: aktiv und füllt sich 😉
    Eltern: Mal sehen, wie ich das drehe, momentan weiß ich das noch nicht wirklich.

    Schuldfrage: Jo, die ist auch schon gekommen: „Was haste denn nu wieder angestellt?“

    Ich geh mich mal in schlechtem Gewissen üben – bin ich etwas ungeübt drin.

    @kall: ich lass das jetzt langsam auf mich zukommen und igel mich ein. Stacheln angespitzt nach draußen. Ich habe vor, die Regie zu übernehmen. D.h. ich lasse nur das zu, was ich glaube, verpacken zu können. Wenn ich was nicht verpacke, brech ich Kontakte ab. So einfach kann Bergbau sein. Ich zieh das auch durch – ich hab derzeit keine Lust mich noch beschissener zu fühlen, weil ich Leute trösten muss die eigentlich helfen wollen.

    Mein Arbeitskollege hat großartig reagiert. Kurz geschluckt. Dann: Nimm dir die Zeit die du brauchst. Wenn was ist, weißt du wo ich bin.

    SO und genauso muss das. Und nicht anders. Ich brauch keine Leute, die sich erschrocken die Hand vor den Mund halten um ihrem Entsetzen Ausdruck zu verleihen.

    • Pu der Zucker

      Genau die richtige Einstellung, um den Kampf aufzunehmen!
      Herzliche Grüße (und das ist wörtlich gemeint!) von Pu

  8. Ich lese bisher nur, aber bei der Gelegenheit: *drück* und ich wünsch dir viel Kraft und Glück.

    MfG, Arno

  9. Dein Eintrag stand oben, als ich wordpress aufgemacht habe und da hab ich einfach mal so reingelesen. Ich kenn Dich nicht und doch bist Du nun in meinem Zimmer.
    Ich weiß nicht, wie ich mit so einer Nachricht umgehen würde. Weiß wohl keiner vorher und man reagiert wohl oft so, wie man es selbst nicht erwartet hätte.
    Du bist Du und wie ich da oben rausgelesen habe, wirst Du Dir sowas nicht gefallen lassen. Lass Dich von lieben Menschen unterstützen.
    Meine Mutter würde wohl so reagieren, wie Du es von Deiner beschreibst. Mütter leiden eben auch, wenn ihre Kinder leiden, aber dann haben sie oft auch eine Stärke in sich, die wir bei ihnen nicht erwartet hätten und machen uns damit stark.
    Ich wünsche Dir Kraft für die bevorstehende Zeit, hoffe, dass Du bald wieder andere Gedanken denken kannst als den immer wiederkehrend einen und schicke Dir einen großen Topf mit Glück.
    Alles Gute!

  10. Ich kenn dich nich wirklich … les hier nur gern … aber ich drück die Daumen das es gut läuft.

  11. Die Schuldfrage ist überflüssig. Selbst wenn du sie beantworten könntest – was würde es nützen? Nix! So bleibt halt nur: Kopf hoch und durch.

    Ich denke – und wünsche es dir – dass du es schaffst. Weihe dein Umfeld ein. Mußt ja nicht ins Detail gehen. Krebs – OP – dies und das. Das reicht. Fragen werden eh kommen.

    Und sei ehrlich. Dir gegenüber. Und den anderen. Sag, wenn du dich nicht fühlst – oder wie du dich fühlst. Das hilft. Weil man als Umstehender manchmal selbst nicht weiß, wie man reagieren soll oder gar helfen kann.

    Ganz viel Kraft auch von meiner Seite für dich.

  12. Hallo, Tante Jay!
    Jetzt ist die Zeit gekommen, dass ich auch mal den Mund aufmache. Ich lese hier schon seit langer Zeit mit und fühle mich Dir unbekannterweise verbunden, weil Du mir meistens aus der Seele sprichst. Die Nachricht hat mir heute morgen einen Schlag in die Magengrube versetzt. Aber: Siegen ist immer einmal mehr aufstehen, als man hingefallen ist. Also kämpfe!!! Die Kraft, die Du dafür brauchst, können Dir hoffentlich zum Teil auch die Leute hier geben, die Dir zeigen, dass sie an Dich denken.
    Ich wünsch Dir ganz viel Kraft und Kampfeswillen! Denk jetzt vor allem daran, was Dir gut tut – nicht an Arbeit, auch nicht so sehr daran, wie Deine Familie mit der Nachricht umgeht. Jetzt gehts um Dich!!! Kämpfe!!!
    In Gedanken bei Dir
    Chatwoman.

  13. Du kennst meine E-Mail-Adresse.
    Wenn ich was für dich tun kann, melde dich. Ich habe immer ein offenes Ohr und Herz für dich.

  14. ich drücke dir einfach die Daumen,
    was anderes kann ich leider nicht tun.
    Einen Tipp kann ich dir allerdings gebe,
    scheue nicht,auch psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen.

  15. Ich lerne gerade ein wenig von dir kennen, lese seit einiger Zeit diesen Blog und stiefle so durch deine älteren Einträge, sehe, dass wir häufig einer Meinung sind und dass ich den Teil, den ich von dir kenne sympathisch finde. Also schaue ich nun jeden Morgen in freudigen Erwartung auf neue Beiträge hier rein – und nun hat es mich kalt erwischt. Ich kenne dich kaum und doch mache ich mir Sorgen – so schnell kann man jemanden ins Herz schließen.
    Diese Diagnose zu verkraften und das, was da auf dich zukommt, ist sicher nicht leicht. Die Familie wird deinen Trost brauchen, obwohl du sie brauchst, die Welt wird dich mit allerlei Scharlatanerie nerven und dir vorwerfen, dass du selbst schuld bist, wenn du nicht bei Mondlicht dreimal mit Heilsteinen um die Wette springst und dabei Stärkekügelchen einnimmst und es wird sicher ernste Tiefpunkte geben. Ich hoffe, deine Blogfans – also auch ich – werden dir dann helfen können und sei es nur, dass wir dich ablenken und dir zuhören.

  16. Tante Jay,
    Ruf an wenn dir danach ist oder schicke Elektropost.
    Druffgugger, daumen-und-große-Zehen -drückend.

  17. Hallo Tante Jay,

    sonst lese ich hier nur mit, aber diesmal muss ich auch was loswerden:

    Kopf hoch, Ar…backen zusammengekniffen und durch. Ich drücke Die ganzfest allle Daumen und großen Onkel, welche ich habe.

  18. Tante Jay,

    Kopf hoch sagen sie jetzt alle, dabei möchtest du dich eigentlich verkriechen, um das erstmal richtig sacken zu lassen. Nein, mach es nicht, je eher du a) einen Termin für OP bekommst und b) deiner Familie mal einen Tritt in den Allerwertesten gibst, damit sie einmal für dich da sind und nicht immer umgekehrt, umso besser wird es. Jammert Deine Mutter, das es doch soooooo schlimm ist, das ihre Tochter Krebs hat, geh, geh einfach, vielleicht begreift sie dann, das es um DICH geht und nicht um Sie.

    Ich drück Dich, ja heute trau ich mich

    Heckse

  19. Ich wünsche Dir die Kraft, die Du benötigst und drücke Dir beide Daumen!

  20. Zu schreiben, dass ich sprachlos bin, ist irgendwie albern – aber ich bin es. Ich wünsche von Herzen viel Kraft und Mut und Glück und einfach alles, alles Gute.
    Ich werde Dich in meine Gebete mit einbeziehen – und beten, dass es hilft.
    Falls gewünscht, biete ich eine tröstende Umarmung, ansonsten einfach stilles Dastehen und hoffen.

  21. Falls du mit jemanden reden möchtest, der diese ganze Scheiße hinter sich hat und dich am besten verstehen kann, melde dich bei mir. Ich vermittele gern ein Gespräch mit meiner Mama, wenn du das möchtest.

    Mac

  22. Hallo Tante Jay!

    Wie alle anderen hier drücke ich Dir ganz fest alle vorhandenen Daumen! Und auch ich leihe Dir gerne ein offenes Ohr. In meinen ICQ-Kontakten stehst Du noch drin, ich auch in Deinen? Wenn nicht, hast Du ja die E-Mail-Adresse.

    Alles Gute!
    Garfield, a.k.a. McB

  23. Tja, bisher war ich auch nur stille Mitleserin, heute möchte ich aber mal was sagen: Ich wünsche Dir alles Gute und bewahr Dir Deine Kämpfernatur! Wenn die Statistik für Dich ist, hoffe ich das das Schicksal sich jetzt auch dran hält! Ich kann Dir nur raten, wenn Du Dich überfordert fühlst, hol Dir früh Hilfe, die hast Du verdient! Sei es durch Freunde oder Profis.
    Ich kenne Dich zwar nicht persönlich, aber ich habe Dich durch Deine „Netzpräsenz“ durchaus lieb gewonnen und werde in nächster Zeit häufig mit guten Wünschen an Dich denken.
    Gruß,
    Felidana

  24. Auch ich habe erst jetzt mitbekommen, dass Du diese schlechte Nachricht verdauen musst.
    Von Herzen alles Gute und dass Du schnell wieder ganz gesund wirst.
    VIOLETTA

  25. Hallo Tante Jay,

    ich bin ja meist auch nur Mitleser auf Deiner Seite, die jedoch fest eingeplant ist bei meinem fast täglichen Streifzug durch das Netz. Wie oft habe ich schon festgestellt, daß wir einer Meinung sind.
    Auch heute, als ich wieder einmal bei Dir vorbei geschaut habe und mich auf einen interessanten und oder lustigen Beitrag gefreut habe.
    Ein schlag vor den Kopf ist nichts dagegen, als ich dieses las.

    Ich drücke Dir beide Daumen ganz fest und wünsche Dir viel Glück. Ich bin überzeugt, Du wirst den Kampf gewinnen.

    Ganz liebe Gedanken und Grüße aus Hamburg, Nicki

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