Lange Zeiten


Meine Zimmeroma is ja nu mal 86. Wie sie mir erzählte, hat sie mit 19 geheiratet, da haben sie und ihr Mann noch studiert. Der Ehemann kommt täglich vorbei und ist rührend besorgt um sie.

Heute wurde Ömchen halt operiert. Und wie das in dem Alter so ist: Die Narkose ist knackig. Den Rest verpacken die blind aber grad die Narkose sorgt für Zwischenfälle. So kam Ömchen halt auch erst abends auf die Station, weiterhin mit Anweisung: Nüchtern. Hatte jetzt aber offenbar auch nicht mehr so Appetit.

Ihr Männe kam, wie es seine Art ist, leise still und ruhig herein, hängt seine Mütze akkurat an den Haken, darunter sein Sakko.

Und dann saß er bei Ömchen. Und mit einem Mal waren alle skurrilen Eigenheiten bei ihr „an ihrem Platz“ und fanden ihr Pendant bei ihm. Sie ist 86 und hat ihn mit 19 Jahren geheiratet. 67 Jahre verheiratet, wenn ich das richtig sehe.

Und es bricht einem fast das Herz, wenn man diesen ruhigen, feinen alten Mann vor seiner Natalja sitzen sieht. Man sieht ihm an, dass Natalja für ihn keine Altersflecken hat. Er liebt sie und er findet sie nach wie vor schön.

Er saß 3 Stunden auf dem Stationshocker. Er wollte keinen Stuhl, der hätte ihn zu sehr von Natalja entfernt. Und diese, sehr unruhig und sehr „wehrig“ als er nicht da war, war butz die Ruhe selbst. Er hat nicht ihre Hand gehalten – das hätte sie stören können, da sie immer wieder einschlief. Aber er war da, wenn sie nach ihm fragte, gab er leise Antwort. Und ansonsten war er einfach da – eine besorgte, liebende Präsenz, die hilflos war, was seiner Natalja dort angetan wurde. Irgendwann flossen die Tränchen und ich hab mich dabei ertappt, dass ich seine Hand gehalten habe. Mehr war nicht drin, hätte er nicht zugelassen und ich nicht ertragen. Aber er weinte, die Tränen liefen ohne Schluchzen….das hätte Natalja stören können. Und immer wieder das fast lautlose Gemurmel: „Sie ist stark, sie kann das. Sie schafft das. Sie ist stark.“

Die beiden haben im Leben mit Sicherheit Höhen und Tiefen durch. Sie sind Spätaussiedler aus Rußland, sie hatten es sicher nicht leicht. Sie sprechen kaum Deutsch, beide nicht. Aber sie sprechen eine universellere Sprache, die man sehen kann, wenn man sie sieht:

„Ich liebe dich“ – in Wort, Geste und Verhalten.

Und es war schön, das sehen zu dürfen. Denn es ist zu selten geworden in unserer kalten Welt.

Veröffentlicht am 21. September 2010, in Allgemein. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 7 Kommentare.

  1. Tantchen, du hast es mal wieder geschafft – gerade schießen mir die Tränen vor Rührung in die Augen. Und hoffe, dass die beiden noch ein paar Jahre miteinander haben mögen… 🙂

  2. 67 Jahre verheiratet! Heute kaum mehr zu schaffen, wo doch schon 25 selten geworden sind. 😦 Diese Welt ist nicht mehr geschaffen für Zweisamkeit, obwohl sie dringend nötig wäre …
    Ich wünsche ihr und dir, dass es stetig aufwärts geht.

  3. Vielleicht schaffen meine Zukünftige und ich ja 67 Jahre – wir heiraten zwar erst am 20.10. und sind schon 41 (icke) und 53 (sie), aber da ich vorhabe, mindestens 100 zu werden und sie nicht vor mir sterben will, wird das wohl noch klappen können.

    Im Übrigen musste auch ein paar Tränen wechdrücken – _so_ stelle ich mir eine schöne Partnerschaft vor!

  4. Schööööön.
    Mal die Feuerzeuge anzünd, damit rumwedel und laut sing: „Liebe ist alles, alles was wir brauchen…“

  5. Och Mönsch..mußt Du mich zum Weinen bringen?

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