Oleg und Natalja


Inzwischen weiß ich etwas mehr von Ömchen auf dem Zimmer (die übrigens wirklich eine liebe ist, auch wenn sie Adoptionsbestrebungen hegt *g*).

Oleg hat seit 12 Jahren Prostatakrebs. Er ist ja nun nicht mehr der Jüngste, er ist schwerkrank und seine Natalja sorgt für ihn. Sie hat den Ärzten immer wieder gesagt, dass sie nicht krank sein kann, weil sie sich doch um Oleg kümmern muss.

Heute kam das Ergebnis von Nataljas Operation. Die feingewebliche Untersuchung. Wenig überraschend: Bösartig.

Natalja hat Lymphdrüsenkrebs. Mit 86.

Und ich hatte eben eine zutiefst erschütterte Frau im Arm, die nicht weinte, die immer nur wiederholte: „Kann ich nicht krank werden. Muss ich mich kümmern um Oleg. Das nicht geht, dass ich krank bin…“

Natalja geht gleich nach Hause, zu ihrem Oleg. Sie wollte es ihm erst nicht sagen, damit er sich keine Sorgen macht, doch dann ist sie schnell davon ab, weil Oleg ja die Fragen stellen muss, die sie nicht stellen kann, weil ihr Deutsch nicht gut genug ist.

Sie weiß, dass das wohl ihr Todesurteil ist, da es sich nicht mehr um ein Frühstadium handelt. Aber sie hat furchtbare Angst davor, ihren Oleg alleine zu lassen. Das ist in der Tat ihre einzige Angst. Dass sie sich nicht mehr um ihn kümmern kann, dass sie ihn zurücklassen muss.

Ich weiß ja, dass das Leben manchmal einen verdammt schrägen Humor hat. Aber DAS war jetzt echt unnötig 😦

Veröffentlicht am 24. September 2010, in Allgemein. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 10 Kommentare.

  1. Neeeh – Humor geht anders. Da bleiben einem die Worte weg.

  2. Schräger Humor ist arg untertrieben.. Versuche es von der positiven Seite zu sehen, so eine Liebe ist durch nichts zu ersetzen und wird auch über den Tod hinaus weiterbestehen. Die beiden können nicht ohne einander und werden nicht lange getrennt sein, denke ich.
    So möchte ich das Alter auch erleben dürfen..

  3. *snief* Nicht lustig. Eindeutig – nicht lustig *tränchenwegwisch*

  4. Wenn Natalja stirbt, das wird Oleg nicht lange überleben. Ein paar Tage, vielleicht Wochen, dann wird er seine Natalja folgen.

    • Ja, das fürchte ich auch – obwohl es vielleicht sogar in seinem Sinne ist, wenn er seiner Natalja schnell folgen darf. Ich durfte das selber mal erleben, wie wahnsinnig schnell jemand abbauen und sterben kann, wenn er einen sehr sehr geliebten Menschen verloren hat. So etwas lässt einen – auch als Agnostiker – über ein paar Sachen nachdenken…

  5. Nein lustig ist das ganz und gar nicht.
    Aber je nachdem was es für ein Lymphom (Hodgkin/NonHodgkin, Variante) ist, hat sie auch im relativ fortgeschrittenen Stadium evtl. noch eine gute Chance auf etwas Zeit, auch wenn wahrscheinlich keine Aussicht auf Heilung besteht. Und es sieht ja so aus, als würde sie sich möglichst viel Zeit wünschen.

    Da müsste ihr jetzt jemand zur Seite stehen, der mit den Ärzten auf Augenhöhe reden kann und ihr hilft, das Beste für sich und Oleg rauszuholen.

    Nochwas: Sie hat verständliche Angst, dass sie wg. Krankheit Oleg allein lassen muss. onkologische Rehas/AHB, ggf. auch länger, kann man mit dem Partner gemeinsam machen, was sich in diesem Fall ja ganz bestimmt auch medizinisch begründen lässt (bei mir waren mehere ältere Paare dabei und ich weiß von einem Paar sicher, dass beide vom Kostenträger bezahlt wurden)

    Ich würde den beiden so sehr noch ein bischen gemeinsame Zeit gönnen.

  6. Da die Dame ja schon bisschen älter ist, kann sie Glück im Unglück haben, dass die ganze Chose nicht gar zu schnell wächst, dann haben die beiden noch ein wenig Zeit, um sich auf ihr beider Ableben vorzubereiten (sofern sie das nicht eh schon getan haben) und machen ja noch mal was, das sie schon immer mal machen wollten, sich aber nicht getraut oder einfach verschoben haben. Das Ganze ist zwar wirklich nicht komisch, aber wie Natalja sagt: „Das ist Leben.“ Und wie drkall sagt: Vielleicht ist sogar ’ne Heilung drin.

    Ich würde da jetzt auch eher das Positive dran sehen wollen – die beiden wissen, was sie aneinander haben und du hast da ja auch was Gutes für dich ‚rausziehen können. Ich kann mir außerdem nicht vorstellen, dass du die beiden jemals vergisst!

    Und immer ordentlich trinken…

    😉

  7. Vielleicht ist mein Timing mies und ich mache mich unbeliebt aber:

    Ich finde solche Frauen wie Natalja deutlich stärker als jede Emanze, die dafür kämpft einen Mann in einem Beruf ersetzen zu wollen. (Ja, mir ist bekannt, was die Tante für Geld tut.)
    Es mag zwar auf den ersten Blick nach dem klassischen Modell aussehen, Hausfrau und Mutter, Leben am Herd, nie was anderes kennen gelernt.
    Aber Oleg wäre ohne sie wahrscheinlich nichts wert. Wir reden hier davon, ein Leben lang eine Person zu leiten, sie zu unterstützen, sie vor Schaden (und wahrscheinlich sich selbst) zu bewahren. Ohne auch nur das Gefühl zu haben, nicht ausreichend belohnt zu werden für die Mühen.
    Das muss man erst mal bringen.
    Ihre Sorge ist dann ja auch nicht, sterben zu müssen, oder krank zu sein. Ihre Sorge ist, ihrer Aufgabe nicht mehr nachkommen zu können.
    So wie Tante Oleg beschreibt, ist er sich dessen wohl bewußt. Oder sagen wir es anders, tief in seinem Unterbewußtsein weiß er, was er Natalja alles zu verdanken hat.
    Auf der einen Seite haben wir Frau Schwarzer, die in Bild neben dem Seite 1 Mädchen einfach mal was gegen einen Moderator sagt, um einfach mal was gegen einen Mann sagen zu können. Auf der anderen Seite eine Frau, die einfach ihr Leben lang den Buckel krumm gemacht hat, ohne großartig zu murren.

    Damit möchte ich nicht sagen, dass ich die alte Rollenverteilung wünsche oder irgendjemanden eine Rolle zuweisen will.
    Ich möchte einfach nur sagen, dass ich für Frauen wie Natalja mehr Respekt habe, als ich in Worte fassen kann.

    Ich wünsche mir auch, dass die beiden och möglichst lange zusammen haben. Ich fürchte, die brauchen dafür aber erst mal jemandem, der Natalja klar macht, was sie hat und wie sie damit umgehen muss, um sich möglichst weiter um Oleg kümmern zu können. Ich sehe sie schon versuchen, einfach weiter zu machen und dann umkippen.

    • Neee, die beiden ergänzen sich gut. Oleg war ja auch schwer besorgt, dass seine Natalja sich bloß nicht verhebt. Sie stützen sich gegenseitig – auf mich machte das jederzeit den Eindruck einer echten Partnerschaft, wo die Stärken des einen die Schwächen des Anderen ausgleichen.

      Da greift ein Rädchen ins andere… es war schön, das zu sehen. Und schön zu sehen, dass es so etwas gibt. Ich hoffe einfach, dass sie nicht zu sehr gequält wird. Denn Chemo kann ziemlich mist sein. Und Montag kriegt sie den Port für die Chemo 😦

  8. Das Leben kann ganz schön scheiße sein…… es wäre Oleg und Natalja zu wünschen, dass sie sich abends zusammen ins Bett legen und morgens einfach nicht mehr aufwachen.
    wie gesagt, ein Wunsch….

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