Komm ich getz in Fernseeeehn?


So oder so ähnlich muss sich Stephanie, Freifrau zu Guttenberg, nach Drehschluß geäußert haben. Mehr Intelligenz haben die Protagonisten auch nicht gezeigt. Betina Winsemann und Stefan Niggemeier haben die Sendung analysiert – mit Verve und auch mehr Hintergrund als ich Nicht-Journalist haben kann. Trotzdem senfe ich dazu, denn diesen Dreck kann man nicht unkommentiert stehen lassen.

In  der Sendung ist viel von Kindsmissbrauch die Rede gewesen. Und die versammelte, sensationsgeile Journaille vor Ort hat inzwischen viel Erfahrung mit dem Thema.

Als Täter.

Wenn Kinder, die im Internet Opfer von Grooming geworden sind, unverpixelt vor die Kamera und damit vor ein Millionenpublikum gezerrt werden, wenn über dieses Kind (denn laut Frau v. Guttenberg sind Teenager Kinder, keine Jugendlichen) die peinlichsten Details vom Sprecher lauthals krähend durch den Äther geblasen werden, dann ist das der Missbrauch dieses Kindes.

Wenn man sich als Kind ausgibt, um Erwachsene dazu zu bringen, sich strafbar zu verhandeln, ist das nicht nur moralisch verwerflich. Ich traue weder Udo Nagel noch Stephanie v. Guttenberg genügend Kenntnisse zu, als dass sie an der Wortwahl erkennen können, ob dort ein Erwachsener oder ein Kind sitzt.

Auch das „zur Rede stellen“ der Opfer des Journaille ist meines Erachtens nicht nur moralisch fragwürdig. Ich kann nur hoffen, dass einer der „Ertappten“ die Journalistin anzeigt.

Doch bei allem möchte ich zumindest wissen, welchen Sinn so ein Pamphlet hat? Welchen Zweck verfolgt diese mediale Dreckschleuder?

Und ich fürchte, die Frage ist einfach beantwortet: All diejenigen, für die „datt Netz“ ein Buch mit 7 Siegeln und bestenfalls fragwürdig ist, sollen abgeschreckt werden. Und es sollen Gesetze befeuert werden, die nicht mehr mit unserem Rechtsstaat vereinbar sind.

Die richtigen Fragen wären gewesen: „Warum, Frau Mutter, durfte ihre Tochter unbeaufsichtigt chatten? Warum haben sie nicht mit ihr über die Gefahren diesbezüglich gesprochen? Warum haben sie sich nicht informiert? Es gibt an nahezu jeder Schule Informationsmöglichkeiten.“

Und – als Denkanstoß: Auf unseren Autobahnen wird gedealt, gemordet, getötet, zu schnell gefahren, missbraucht, Tiere ausgesetzt: Das gesamte Spektrum der Kriminalität dürfte sich dort abspielen. Aber kein Mensch käme auf die Idee, an beliebten Dealertreffpunkten Stopschilder hinzustellen, damit klar ist, dass dort hinten eine strafbare Handlung stattfindet und man sich strafbar macht, wenn man dort hinguckt.

Nicht die Autobahn (das Internet) ist das Problem. Es sind die Menschen, die sich dort bewegen. Und an DIE muss man rankommen, wenn sie sich strafbar machen. Nicht jedoch an die Autobahn. Die liegt nur da, damit man von A nach B kommt.

Veröffentlicht am 8. Oktober 2010, in Allgemein. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 6 Kommentare.

  1. Danke, Tantchen!

    Gott sei Dank habe ich diese Sendung nicht sehen müssen… Meine Kollegen, die sie sahen, äußerten sich aber ähnlich.
    Mit dem Beispiel vom Straßenverkehr versuche ich den Eltern bei meinen Informationsveranstaltungen zum Thema Jugendliche, Kinder und Internetsicherheit klarzumachen, um was es geht: Nicht darum, ein Medium zu verteufeln, sondern um den bewussten Umgang damit:
    „Liebe Eltern, Sie bringen Ihren Kindern von klein auf bei, dass man auf der Straße Acht geben muss, Überqueren nur an Ampeln, nicht mit Fremden mitgehen, immer gucken – die Kinder lernen das schrittweise, erhalten immer mehr Freiheiten, bis sie sich sicher im Straßenverkehr bewegen können. Und trotz aller Vorsicht passiert leider immer mal wieder etwas. Und genauso ist es mit dem Internet, auch hier müssen die Kinder schrittweise von kompetenten Erwachsenen (die Sie ja u.a. sind oder werden wollen, sonst wären Sie nicht hier…) herangeführt werden. Und dazu taugt ein ans Internet angeschlossener PC im Zimmer des achtjährigen Kindes sicher nicht – oder geben Sie Ihrem Kind in diesem Alter Ihre Autoschlüssel zum Erkunden der Stadt? Und schreien hinterher, dass der Staat das Kind nicht geschützt hat? Nein? Und warum tun es dann so viele bezüglich des Internets?“

    • Das Beispiel mit den Autoschlüsseln find ich gut und sollte wirklich den einoder anderen zum Nachdenken anregen.

      Ein Problem haben die Eltern in Diesem Fall auch noch, um beim Autofahrbeispiel zu bleiben: Einem 8-10 jährigen sind die Eltern rein technisch bzgl. der Bedienung eine Autos wohl in den meisten Fällen noch überlegen, beim Internet kann das bisweilen doch etwas anders aussehen ggf. sogar umgekehrt sein, was natürlich NICHTS über die Fahrkünste und das Risikobewusstsein im Internet aussagt. Damit hat man dann natürlich auch ein Autoritätsproblem, um beim Bild zu bleiben: Wie bringe ich als rein vom technischen Wissen Unterlegener einem selbstbewussten Kiddy bei, dass seine Fahrkünste noch lange nicht ausreichend sein müssen, wenn es über Motor und Technik des Fahrzeugs besser Bescheid weiß als ich.

      • In dem ich es mit ihm zusammen mache.

        Als ich alt genug war, um den Viertaktmotor zu verstehen und zu beschreiben, durfte ich auf dem Schoß meines Vaters unser Auto durch unsere Wohnstraße lenken. Immer begleitet von Ermahnungen, vorsichtig zu sein, nicht zu schnell zu lenken, all diese Dinge.

        Der Vergleich hinkt natürlich, weil ich rein körperlich noch gar nicht in der Lage war, die Pedale zu bedienen, was beim Internet anders ist. Dennoch sollte es eben so sein, daß Kinder und Jugendliche das Internet gemeinsam mit ihren Eltern durchstreifen. Vielleicht auch verbunden damit, daß sich die Eltern das Internet von ihren Kindern zeigen lassen. Mich machte das stolz: Ich konnte meinem Vater was zeigen.

        Ich denke aber, daß das unter anderem auch daran scheitert, daß man sich als Elternteil mit seinem Kind beschäftigen muß und wollen muß… Wenn das Interesse am eigenen Kind aber erst aufwacht, wenn man dafür ins Fernseeeeehn kommt, dann wundern mich solche Sendungen nicht (mehr). Und dann wird es auch keine Lösung dafür geben, die im Sinne von „erwachsenen, rechtschaffenen Netzbewohnern“ ist.

        • Genau so ist es – es ist bequemer die Kinder vor dem Fernseher oder PC zu platzieren anstatt sich zu beschäftigen.
          Und mit einem Achtjährigen kann man selbst als _interessierter_ Laie in der Regel mithalten – wenn man sich denn kümmert. Und ja, warum nicht auch einmal was von den Kindern zeigen lassen? Das schmälert bei einem guten Verhältnis in keinster Weise die Autorität der Eltern!

          • Natürlich schmälert eine sinnvolle Beschäftigung mit den Kids in keinster Weise die Autorität der Eltern, wenn sie denn vorher überhaupt vorhanden ist Das Problem sind nicht die _Interessierten_ Laien. Aber wie viele (Laien-)Eltern sind _wirklich_ interessiert (daran, was ihr Kind im I-Net treibt, wenn man bedenkt, was sie selbst dort treiben)? Und wie erreicht man die _nicht_ interessierten?

            Ich hab da auch gar kein Problem mit, jetzt sowieso nicht mehr, bei einer 21 jährigen hab ich in dieser Beziehung nicht viel zu melden, obwohl wir uns bisweilen immer noch drüber unterhalten.

            • Tja, das ist das Problem. Leider erreiche ich mit meinen Abenden und Seminaren nur die eh schon interessierten… 😦

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