Rückblick
Langsam setzt sich alles. Meine Stimmungen schwanken momentan extrem von Himmelhoch jauchzend bis unterste Kellersohle – aber das wird sich hoffentlich bald geben.
Zeit, mal die Geschehnisse zurückzuverfolgen. Fakt ist (für mich), dass zumindest im ersten Krankenhaus die fehlende Drainage den Abszess vielleicht nicht verursacht hat – hilfreich war sie aber auch nicht.
Die Begründung, dass durch Drainageschläuche möglicherweise Bakterien in den Bauchraum kommen, halte ich für vorgeschoben. Die Drainage wurde schlicht vergessen – so meine These.
Im anderen Krankenhaus waren die mit dem Abszess viel zu vorsichtig, haben viel zu zaghaft gehandelt und mir dadurch mindestens 2 Wochen Krankenhausaufenthalt mehr beschert.
Es gibt Anwälte, die würden verklagen. Und vielleicht ne Menge Geld rausholen. Preisfrage. Verklage ich die Häuser?
Aller Wahrscheinlichkeit eher nicht.
In _beiden_ Häusern haben die Ärzte offenbar nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt. Ich kenne Menschen und ich kann sie einschätzen – und es waren keine schlechten Ärzte. Ich war möglicherweise nur nicht die richtige Patientin für sie.
Wenn ich jetzt verklagen würde, würde das für die beteiligten Ärzte zunächst erstmal beruflich und auch persönlich Konsequenzen haben. Aber:
Ich hab die Ärzte dort gesehen. Wie oft sie da waren, und wie lange. Ich habe die Operateurin, die die Total-OP gemacht hat (und mich 6 Stunden auf dem Tisch hatte, muss ein ziemliches Gewühle gewesen sein), gesehen, als sie abends noch reinkam. Und ich hab die Ringe unter den Augen gesehen, wie sehr sie sich verausgabt hatte, um den Leuten zu helfen.
Ich habe tagtäglich das Pflegepersonal Dinge vollbringen sehen, wo Leistungssportler eingeknickt wären. Einen Marathonlauf kriegen die doch locker noch zwischen Betten machen und Infusion legen hin. Und ich hab mitbekommen, was die bezahlt bekommen.
Und auch im 2. Krankenhaus habe ich Leute gesehen, die am Leistungslimit laufen. Viele Leute. Viel zuviele.
Fehler dürfen nicht in dem Bereich passieren – aber sie passieren nun mal. Weils Menschen sind, die dort handeln. Aber jetzt verklagen würde bedeuten, dass ich den Leuten den Job und möglicherweise auch deren Leben ruiniere. Und wozu? Um Geld zu machen? So wichtig ist Geld nicht. Und sie haben es ja auch nicht mit Absicht gemacht. Sie wussten es entweder nicht besser oder sie haben einfach gepennt. Darf nicht passieren – passiert aber.
Ich will in erster Linie, dass es mir besser geht. Und das habe ich mit dem Krankenhauswechsel erreicht. Die Wunde heilt allmählich zu, ich muss erst Freitag wieder zum Verbandswechsel/Wundkontrolle, engmaschiger muss es nicht werden. Es tut alles weh, aber das ist normal. Und die Fäden sind auch nicht grad schmerzlindernd, die gesetzt wurden. Und so dick wie die sind, bin ich auch nicht scharf drauf, die gezogen zu bekommen *g*
Aber verklagen, noch eine Baustelle aufmachen, noch nicht zur Ruhe kommen, die Prozesse, der ganze Schriftwechsel… Och nöööööööööö.
Ich werd lieber fix gesund. Aber ich gestehe, dass der Gedanke, die Leute zu verklagen, mich eine ganze Weile lang hochgehalten hat, als ich ziemlich am Boden war.
Veröffentlicht am 19. Oktober 2010, in Allgemein. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 17 Kommentare.
Da würde es mir ähnlich gehen. Einerseits diese schon fast unmenschliche Belastung der Mitarbeiter im Krankenhaus (ich erinnere mich an meinen Cousin, der bei der Beerdigung meiner Mutter beinahe beim Leichenschmaus vor Müdigkeit in den Kuchen fiel – er hatte gerade eine 24h-Schicht mit mehreren Notfällen und zu wenig Ärzten im Haus hinter sich – und irgendwann ist das interne Adrenalin nun mal aufgebraucht), zu sehen dass gerade die Schwestern und Pfleger sich für wenig Geld den Ar*** aufreißen.
Andererseits kann sich nur dann etwas ändern, wenn wirklich jeder Fehler angezeigt wird und man evtl. belegen könnte, dass genau diese Situation daran Schuld war.
Nee. Ich würde es wahrscheinlich doch nicht tun. Haste Recht. Werd gesund, freu Dich, wenn erstmal alles gut verheilt ist und beschere uns weiter mit deinen LEhrerlis…
LG
Simop
Ich bin ja auch nicht so für’s verklagen. Oft ist es ja so, dass man es anders hätte machen _können_, die Frage aber ist, ob man es auch anders hätte machen _müssen_.
Ich denke, die Folgen für die Ärzte dürften im Klagefall nicht sooo gravierend sein. Die Kosten trägt ja in der Regel die Berufshaftpflicht (ist ja teuer genug), und viel hängt auch davon ab, _wie_ gravierend die Fehler wirklich waren, ob sie z.B. lebensgefährlich waren, und ob es sich um eindeutige Kunstfehler gehandelt hat.
In manchen Fällen können Klagen natürlich helfen, eine durch die Fehler eingetretene Notsituation zu mildern. Mir ist ein Fall bekannt, wo zunächst ein OP-Präparat fälschlicherweise als benign beurteilt wurde. Nachdem später (nach zunächst unterlassener Behandlung) Metastasen gefunden wurden, wurde das Präparat nochmals untersucht und als malign beurteilt. Die Schadensersatzzahlung war dann eine gute finanzielle Absicherung für die minderjährige Tochter der Betroffenen, die sie hinterließ, als sie einige Jahre später an den Folgen der Erkrankung verstarb.
Wenn man sowas nicht notwendig braucht, bin ich auch der Meinung, dass man fairerweise auch den Ärzten Fehler zugestehen sollte, besonders, wenn man erkennen konnte, das man sich trotz allem bemüht hat. Man selbst ist ja auch nicht in jeder Situation perfekt.
Ich habe ja nun beruflich auch mit Ärzten zu tun und weiß, daß die oft wegen der unsinnigsten Dinge verklagt werden… und: das ist vielleicht, wenn die Hpfl. hoch genug abgeschlossen ist, kein wirtschaftliches Risiko für den Arzt und seine Familie, aber der Stress, die Nerven, die er an dieser Sache läßt, die fehlen dann wieder im OP.
Zumal bei einem nachgewiesenen Kunstfehler ja auch noch was nachkommt: das Krankenhaus wird das nicht einfach so hinnehmen, es hat ja einen Ruf zu verlieren; die Ärztekammer kommt womöglich auch noch nach…
Wir haben in unserer Gesellschaft ein großes Problem: wir wollen alles perfekt haben. In der Medizin, von der Geburtshilfe bis zur Palliativmedizin, geht das aber nicht – allein schon deshalb, weil jeder Patient einzigartig ist. Weil wir das aber trotzem wollen, werden die Ärzte mit Kunstfehlerprozessen zugrundegerichtet. Und noch imperfekter als eh schon, weil ja Menschen.
Nein, Tantchen, laß dich nicht nerven, du hast schon die richtige Entscheidung getroffen.
Im Prinzip gebe ich Dir Recht – jeder Mensch macht Fehler, dumm nur, dass es bei Ärzten hin und wieder endgültige Fehler sind. Dennoch möchte ich keiner PErson, die das aus ihrer Sicht bestmögliche getan hat, unnötig Schwierigkeiten machen.
Schlimm ist nur, dass der Druck und Stress, die langen Schichten und die oft zu dünne Personaldecke die Fehlerhäufigkeit immens erhöht. Und daran müsste gearbeitet werden. Am Limit arbeitend passiert schneller was. Und die Motivation für eine Klage wäre für mich, nicht den Einzelnen ‚drankzukriegen, sondern die allgemeinen Rahmenbedingungen zuerst ins Bewusstsein zu bringen und nach Möglichkeit zu verbessern.
Nur treffen die direkten Auswirkungen – auch psychischer Art – leider zunächst das schwächste Rad am Wagen – nämlich die Menschen, die direkt vor Ort mit den Patienten arbeiten.
Vor allem aus diesem Grund würde ich vermutlich auch auf eine Klage verzichten.
Das mit dem Verklagen ist so eine Sache. Bei einer so folgenreichen Falschbeurteilen wie der von drkall geschilderten geht das nicht anders, vor allem wenn so gravierende wirtschaftliche Folgen dranhängen.
Aber sonst… es dauert ewig, ein Gutachten nach dem anderen, es kostet Nerven ohne Ende, und ob am Ende überhaupt was dabei rauskommt (nicht nur finanziell), ist ungewiss.
Wenn ich im Krankenhaus das Gefühl habe, falsch oder nicht angemessen behandelt worden zu sein, dann gehe ich an Ort und Stelle auf die Barrikaden, falls ich dazu fähig bin. Bin ich das nicht, schreibe ich später dem Chef (persönlich, vertraulich) einen Brief.
Bisher konnte damit alles geklärt werden. Das hat mir mehr geholfen als ungewisses Prozessieren. Denn manchmal reicht es auch, wenn einer sagt:“Ja, da ist was schief gelaufen. Ich werde dafür sorgen, dass so etwas nicht mehr passiert“ und sich im Idealfall noch entschuldigt.
Bis man nach so einem Erlebnis wieder in den Alltag zurück kommt, das kann ein bisschen dauern. Lass Dir Zeit dazu und tu Dir die Ruhe an.
Re Verklagen:
Erstmal ganz egoistisch gesehen – ich würde mir gründlich überlegen, ob ich mir den Stress antun will. Und dann kann man auch noch eine Abschätzung machen, mit welcher Wahrscheinlichkeit was dabei rumkommt, und das mit dem Aufwand in Beziehung setzen.
Wie drkall denke ich, dass eine Klage für die Ärzte keine unziemliche Belastung darstellen würde. Andererseits weiß ich wie Du aus eigener Erfahrung, dass die Jungs und Mädels zum Teil jenseits ihrer Möglichkeiten belastet werden. Deswegen habe ich bei Fehlern (die bei mir aber auch wesentlich harmloser waren) oft nicht mal eine Bemerkung losgelassen.
Es kann aber durchaus sinnvoll sein, auf ernste Fehler hinzuweisen, damit sie nicht nochmal passieren. Zumindestens in meinem Krankenhaus gibt es so was wie eine Patientenvertretung oder einen Patientenobmann, wo man mit so einem Anliegen wahrscheinlich den besten Erfolg hat. Vielleicht wäre das eine Möglichkeit für Dich. (Nee, ich meine jetzt nicht, dass Du Dich bei meinem Krankenhaus beschweren sollst 🙂 )
Und zur Ermutigung und Motivation noch ein Video, bei dem einem (ok, dem Sänger) die Haare zu Berge stehen:
Zu Hause ist’s am besten!
Wenn keine bleibenden Schäden absehbar sind, dann würde ich auf ’ne Klage verzichten – wenn aber was bleibt, dann: „Gib’s ihnen!“
😀
Seh‘ ich genauso! 😉
Liebes Tantchen
Ich bin froh, geht’s Dir wieder einigermassen besser. Gut, dass Dich Gedanke an eine Klage zum Durchhalten „ermutigt“ hat.
Aber wie Du selber und schon einige Kommentare vor mir sagen: der Stress, der eine Klage mit sich bringt, ist höchstwahrscheinlich nicht das Geld wert.
Allerding ist es wichtig, dass die Ärzte wissen, dass sie nicht ganz so gute Entscheidungen in Bezug auf Deine Behandlung getroffen haben. DAS würde ich denen auf jeden Fall in einem Brief, an Telefon oder gleich persönlich mitteilen. Und wie Pu der Zucker schon gesagt hat, im Idealfall gibt’s eine Entschuldigung.
Vielleicht hilfts Dir dabei, das Ganze auch irgendwann abzuschliessen.
Ganz liebe Grüsse
Tanja
Klagen dürfte in diesem Fall nicht hilfreich sein, aber es ist doch wichtig, das Krankenhaus wissen zu lassen, daß etwas falsch gelaufen ist und woran es lag (Überlastung der Mitarbeiter). Ansonsten wird sich daran nicht viel ändern.
Gute Besserung,
lks
Finde ich die richtige Entscheidung. Eine Klage würde in jedem Fall einen Riesenaufwand bedeuten, und was rauskäme, steht absolut in den Sternen. Selbst eine Rechtsschutzversicherung würde dir nicht den Aufwand dafür ersetzen, dass du am Ende von einem Gutachter zum nächsten springen darfst.
Mal ganz am Rande: Die Frage ist nicht, ob ein Behandlungsfehler vorliegt, sondern ob ein GROBER Behandlungsfehler vorliegt. Ein „hätte man auch besser machen können“ reicht also für einen „Sieg“ nicht aus, sondern man braucht ein „so hätte es der Arzt keinesfalls machen dürfen“.
Hintergrund ist zum einen, dass sich die Juristen nicht an Kausalvorgänge im menschlichen Körper herantrauen … zu unberechenbar. Bei Krankheiten und Heilungsverläufen gibt es eben nur selten ein eindeutiges Wenn-Dann, sondern es bleiben immer gewisse Zweifel, welche Handlung letztlich zu welchem Ergebnis geführt hat.
Und hier greift dann die Beweislast. Im Falle eines GROBEN Behandlungsfehlers muss nämlich der Arzt beweisen, dass der Behandlungsfehler nicht für das Resultat ursächlich war. Bei einem normalen Behandlungsfehler bleibt es dabei, dass der Patient beweisen muss, dass es genau aufgrund des Fehlers jetzt Aua macht.
Diesen Beweis kann in der Praxis keine Seite erbringen. Und deshalb kann man vereinfacht sagen: Grober Behandlungsfehler = Haftung, einfacher Behandlungsfehler = Pech gehabt.
Wer entscheidet über den Grad des Fehlers? Letztlich irgendein Gutachter in zweiter oder dritter Instanz nach ein paar Jahren. Und deshalb völlig unkalkulierbar.
Gute Besserung, Tantchen!
Wie gesagt, ich hab mir auch die Frage gestellt: Soll ich oder soll ich nicht.
Das Geld könnte ich brauchen – wer nicht. Aber der Aufwand, da ranzukommen, das Risiko, dass danach der Ruf und das Leben eines Menschen zumindest angeknackst sind (ich seh das wie Wolfram, die Kliniken reagieren bei Behandlungsfehlern ziemlich sensibel) und der ganze Zores rund um so eine Klage: ne.
Was aber nicht heißt, dass ich nichts tue. Ich werde die entsprechenden Ärzte auf jeden Fall anschreiben und denen die Sache schildern. Da sind offenbar Abläufe zu verbessern und Dinge zu lernen – ich muss ja nicht die Schnauze halten. Aber klagen muss ich nicht.
Ich will erstmal zur Ruhe kommen.
Guckt jemand? Nö. *Tantchendrückend* Alles, alles Liebe und Gute bei deiner Genesung!!! 🙂
Dann mal von meiner Seite Glückwunsch zur bisherigen Besserung und alles Gute für die weitere! 🙂
Auch ich wünsche Dir von Herzen alles Gute und dass Du bald wieder top fit und gesund bist.
VIOLETTA
Schön, dass es dir wieder besser geht. Hoffentlich musst du nicht nochmal ins Krankenhaus, nachdem du gesehen hast, was die Lehrerlis in deiner Abwesenheit angestellt haben. Du weisst schon, kaum ist die Katze aus dem Haus, tanzen die Mäuse usw…
Fein,
dass es Ihnen wieder besser geht. Sollten Sie klagen, läge der Stress auch auf Ihrer Seite. Ist nicht zu verachten.
Ansonsten finde ich die Idee mit dem Anschreiben nicht schlecht. Sollten Sie aber so formulieren, dass auf jeden Fall eine Antwort kommt.
Und genesen Sie endlich mal …