Kachelmann und die (möglichen) Folgen


Joha, Sanna hat mir im Kommentar zu meinem Kerlchen unten das Stichwort gegeben. So eine Art Gedächtnisstütze. Kachelmann spukt ziemlich in meinem Kopf rum, die Sache hat so viele Facetten, dass ich mal versuchen (!) möchte, dass zusammenzutragen. Leicht wirds nicht, denn das Fazit ist bislang recht eindeutig:

Die Wahrheit wird niemand mehr herausfinden. Und leider gehts auch nicht darum. Ging es meiner Meinung nach von Anfang an nicht.

Die erste Facette – ist der Rechtsstaat.

Bei uns herrscht Unschuldsvermutung und daran haben sich die Richter zu halten. Der Richter selbst hat stellenweise schon zu erkennen gegeben, dass er eine Verurteilung von Kachelmann wünscht. Er hat bereits einmal von der höheren Instanz eine Watschn kassiert, weil er ihn zu lange ohne triftigen Grund inhaftiert hatte. Und nimmt man die Aussagen des Richters als Ganzes, so z.B. dass er das Opfer nicht mehr als „mutmaßlich“ sieht, dass er sich beharrlich weigert Entlastungsgutachter zuzulassen und dass er die Belehrung des mutmaßlichen Opfers auf die Strafbarkeit von Falschaussagen unterlassen hat UND dass er Vereinskumpel des Vaters des mutmaßlichen Opfers ist, dann kann man unter der Gesamtwürdigung schon eine Befangenheit annehmen.

Wenn er seinen Beruf ernst nehmen würde und wichtig, würde er sein Amt niederlegen. Ein neutrales Urteil wird er nicht mehr fällen können (so neutral wie es eben geht). Jedoch werden reihenweise Befangenheitsanträge abgeschmettert, was eigentlich nur einen Schluß zuläßt:

Kachelmann wird in der ersten Instanz zu mehreren Jahren Haft verurteilt, geht in Revision und dann wird er von der Folgeinstanz möglicherweise freigesprochen. Allerdings ist in dem Fall zumindest eins erreicht: Die Karriere und das Leben des Mannes ist zerstört. Und nach allem, was ich gesehen hab, war das eigentlich das Primärziel.

Rechtsstaatlich jedoch ist das nicht. Der Rechtsstaat hatte in dem Moment verloren, als die Staatsanwaltschaft ohne Not Details an die Presseöffentlichkeit gegeben hat. Es scheint sowieso momentan bei den Staatsanwaltschaften in Fällen Prominenter Beschuldigter Mode zu sein, Aktendetails an die Presse weiterzugeben, um so gerade bei Fällen wo eine Verurteilung eher nicht wahrscheinlich ist, zumindest die Karriere als „Strafe“ für moralisches Fehlverhalten zu zerstören. Nur – mit Rechtsstaat hat das nichts, aber auch gar nichts mehr zu tun.

Die zweite, wichtigere Facette: Wer bitteschön, wird nach DEM Theater als Opfer noch die Traute haben, sich der Polizei gegenüber zu äußern? Wer, bitteschön, wird als gedemütigtes Vergewaltigungsopfer noch den Mut aufbringen, ein ZWANZIGSTÜNDIGES Verhör vor Gericht über sich ergehen zu lassen, um den Mann verurteilt zu sehen, der einem das angetan hat?

Postulieren wir einmal, dass Kachelmann die Tat wirklich begangen hat (was wir alle nicht wissen, möglicherweise hat er – oder auch nicht). Mit dem Verhör wurde alles, was in puncto Opferschutz erreicht wurde, völlig über die Wupper geworfen. Das mutmaßliche Opfer wurde wie in der Frühzeit der bundesrepublikanischen Rechtsordnung, Anfang der 60er Jahre, behandelt, als wärs selbst dran schuld, dass es vergewaltigt wurde – schließlich sind Miniröcke ja dazu angetan, Männer zu sowas anzustacheln. Das war damals geltende Rechtsauffassung.

Entsprechend wurden diese Frauen auch behandelt. Und eine ähnliche Behandlung sehe ich hier auch bei dem mutmaßlichen Vergewaltigungsopfer.

Hier wurde nicht nur der Rechtsstaat mit Füßen getreten, sondern ganz genauso der Opferschutz. Das Gericht, die Staatsanwaltschaft, die Verteidigung – sie alle setzen sich konsequent über ALLES hinweg, wofür Jahrzehnte schwer gekämpft wurde. Und wenn das mutmaßliche Opfer kein mutmaßliches ist, dann ist sie – schwer getriggert – jetzt erneut traumatisiert.

Was für mich übrigens ein weiteres Indiz dafür ist, dass das vorgebliche Opfer keins ist. Denn der Richter ist mit dem Vater befreundet. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass der Richter zulassen würde, dass dem Kind etwas in seinem Gerichtssaal geschehen wird. Also weiß der Richter doch, dass hier nur heiße Luft verhandelt wird.

Die dritte Facette: Die Rolle der Presse in dem Fall.

Alice Schwarzer vs. Gisela Friedrichsen. Dieses selbsternannte Flaggschiff der Emanzipation demontiert sich hier endgültig selbst, verspritzt ein Gift in Richtung Kachelmann und Friedrichsen, dass einem nur übel werden kann. Motto: Wenn du eine Frau bist, dann musst du zum Opfer halten. Das Wort „in dubio pro reo“ hat für Kachelmann nicht zu gelten, denn er ist ein Mann, angeklagt eines der schlimmsten Verbrechen, die man einer Frau antun kann. Und somit schuldig im Sinne der Anklage. Das Verhalten von Frau Schwarzer und der gesamten Yellow Press ist ja so: „Wäre nichts dran an den Vorwürfen, hätt der Staatsanwalt nicht angeklagt. Also guck doch mal, ob du ein Nacktfoto von Kachelmann findest, am besten mit Handschellen.“

Die Presse giert nur nach der Sensation. Sie ist einseitig und wird von Alice Schwarzer und dem Spiegel noch zusätzlich in allen Richtungen befeuert. Da der halbe Prozess unter Ausschluß der Zuschauer gemacht wird, werden auf einmal die Prozessbeobachter der Presse selbst zu Protagonisten des Dramas. Sie wechseln die Rollen und es fällt ihnen noch nicht einmal auf, so sehr hecheln sie der nächsten skandalösen Enthüllung hinterher. Und das Wort „Privatsphäre“ fällt völlig flach.

Denn was interessiert es schon – zumindest im strafrechtlichen Sinne, wie viele Frauen Kachelmann hatte oder welche Art Sex er hatte? Alice Schwarzer konstruiert sich hier auch wieder ein Gerüst zusammen, dass selbst beim ersten Anhusten komplett zusammenstürzt, Motto: „Wer S/M betreibt, der vergewaltigt auch Frauen.“ Wohl wissend übrigens, wie schon gesagt, dass genau diese Praktiken eigentlich ein hohes Maß an Vertrauen zwischen den Beteiligten voraussetzen, da immer einer die Möglichkeit hat, die Macht, die ihm gegeben wurde, auszunutzen.

Die Rolle der Presse, die schon bei Tauss‘ Verurteilung widerwärtig war, potenziert sich hier in einem Pressesumpf, der seinesgleichen sucht. Es ist fast, als ob jeder der anwesenden Journaille darum wetteifert, wer noch tiefer sinken kann als ein Bildzeitungsreporter. Fieberhaft werden die widerlichsten Details ausgegraben und (unzulässigerweise) als Schuldindiz gewertet.

Schlimm, peinlich, abstoßend und widerlich. Egal welche Zeitung.

Die vierte Facette ist das Verhalten von Kachelmann selbst.

Über seine sexuellen Vorlieben haben ja viele schon berichtet. Ziemlich detailliert, ich erspar uns das hier mal. Doch – sind diese Vorlieben, so bizarr sie auch sein mögen, tatsächlich strafwürdig? Wohl eher nicht. Sind sie strafverschärfend? Eher auch nicht. Denn diese Praktiken fußen auf gegenseitigem Einverständnis.

Ist es strafwürdig oder strafverschärfend, wenn ein Mann viele Frauen hat und ihnen die Ehe versprach? Ebenfalls wohl eher nicht. Moralisch verwerflich – ja. Er hat den Frauen viel angetan und sie lange hingehalten.

Aber auf der anderen Seite: Sie haben sich hinhalten LASSEN. Wenn mir ein Mann über viele Jahre hinweg die Ehe verspricht, warum bleibe ich dann bei ihm, wenn er es doch nicht einhält? Wenn alle Versprechen dauerhaft gebrochen werden? Wenn er mich konsequent von seiner Seite in der Öffentlichkeit fernhält? Wieso bleibe ich bei ihm? So groß kann die Liebe nicht sein, als das ich meinen Stolz dafür komplett über die Wupper werfe. Und wenn ich so tue, dann liebe ich den Mann nicht, sondern ich brauche ihn aus anderen Gründen.

Und hier kommt der Promibonus zum Zuge. Ich glaube, dass das genau daran gelegen hat. Kachelmann ist/war prominent. Wenn man mit ihm zusammen war, hat man einen berühmten Mann an der Seite. Und es spricht einiges dafür, dass Kachelmann auf genau die Frauen steht, die bei sowas dann bei allen Warnsignalen alle Augen zumachen, weil er ja berühmt ist. Weil man stolz ist, dass man einen berühmten Mann hat.

Und irgendwann ist ihm das wohl derbst zu Kopf gestiegen und er hat genommen, was ihm geboten wurde, ohne daran zu denken, dass er Gefühle massiv verletzt, dass er die Frauen, die er zu lieben vorgab, nur benutzt hat. Er ist kein attraktiver Mann, und plötzlich lagen ihm die schönsten Frauen zu Füssen. Das hat er offenbar nicht gut verkraftet.

Insofern ist das jetzt (nach meinem persönlichen Dafürhalten) auf ihn zurückgefallen.

Aber strafrechtlich relevant? Vergewaltigung? Glaube ich nicht. Hier wird ein Exempel statuiert.

Auf dem Rücken künftiger Opfer von Vergewaltigungen (männlich oder weiblich) und auf dem Rücken des Rechtsstaates.

Veröffentlicht am 30. Oktober 2010, in Allgemein. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 16 Kommentare.

  1. Das Eheversprechen ist schon rechtlich bindend, wenn ich nicht irgendwo falsch informiert bin…

    aber:
    die Belehrung des Opfers
    ich korrigiere: des vermeintlichen Opfers.
    Ist ja nicht mal mutmaßlich…

    • Eheversprechen: Zivilrechtlich bindend, ja. Aber nicht mehr strafrechtlich. Der Kranzgeldparagraf ist gestrichen.

      Zur Formulierung: Ich änder das gleich 😉

      • Das heißt, Heiratsschwindelei interessiert den Staatsanwalt nicht mehr?
        Da tun sich ja Perspektiven Abgründe auf!

        • Ein Anspruch auf Einlösung des Heiratsversprechens besteht nicht, aber ein Anspruch auf Schadensersatz für Aufwendungen (Geschenke etc.) die in Erwartung der Eheschließung gemacht wurden.

          Wenn die Brauteltern großzügig waren (Häuschen oder so) kann das schon versammt teuer werden 😉

          Drum prüfe, wer sich ….

        • Du musst unterscheiden zwischen Heiratsschwindel und dem Versprechen auf eine Ehe.

          Heiratsschwindler versprechen die Ehe um an das Vermögen der Opfer zu kommen. Das ist betrügerisch und wird zu Recht bestraft.

          Hier siehts aber anders aus. Er hat zwar betrogen, aber im moralischen, nicht im strafrechtlichen Sinne. Er hat die Ehe versprochen, aber nicht mit dem Ziel, die Damen um ihr Vermögen zu erleichtern.
          Moralisch verwerflich. Ja. Aber strafrechtlich nicht relevant.

  2. mutmasslich ? freisler lässt grüssen !

    /edit
    Ich editiere in dem Senf mal rum. Hab mir das Blog von dem Kerlchen grad mal angetan. Entweder ist das eins von den Spammerblogs, wo nur Unsinn drinsteht oder der tickt wirklich so schräg, dann will man das auch nicht lesen 😉

    Ich lass das mal stehen, aber ich würde Paule jetzt nicht unbedingt große Aufmerksamkeit einräumen. In dem Blog steht wirklich nur Müll.

  3. Du sprichst mir aus der Seele. Ich habe Kachelmann im Gegensatz zu vielen meiner Bekannten nie sonderlich gemocht. Ich bin mir auch keineswegs sicher, ober er das getan hat was ihm vorgeworfen wird, oder nicht. Ich halte immer noch beides für möglich.

    Aber völlig unabhängig davon sind hier so viele Grundprinzipien des Rechtsstaats über den Haufen geworfen worden, dass es eigentlich schon aus diesem Grund keine Verurteilung mehr geben dürfte, slebst wenn er schuldig sein sollte, da sich die Schuld oder Unschuld längst nicht mehr beweisen lässt. Und solange er nicht rechtmäßig schuld gesprochen werden kann, was jetzt eigentlich nicht mehr möglich ist, hat er als unschludig zu gelten, auch wenn die Tat, wenn sie geschehen sein sollte, noch so verabscheuungswürdig ist.

    Die Promiprozesse nehmen immer mehr die Züge amerikanischer Strafprozesse an, wo es oft weniger um die Wahrheitsfindung als um einen „sportlichen“ Wettkampf zwischen unter Erfolgsdruck stehenden Staatsanwälten und der Verteidigung geht. Im Ergebnis spielt dann auch der Ausgang für den Angeklagten nur noch eine untergeordnete Rolle. Was mehr zu zählen scheint, ist ein weiterer Strich auf der Liste der „Siege“ beim Staatsanwalt oder beim Verteidiger. Dem einen bringt der Strich vielleicht einen weiteren Sprung auf der Karriereleiter ein, den anderen bringt es einen weiteren Schritt voran in Richtung lukrativer Mandate.

  4. Ich mag Kachelmann auch nicht besonders – obgleich er ja schon ’n bisschen was Anderes in die Wettervorhersage/-berichterstattung gebracht hat.
    Aber: Der Mann hat als unschuldig zu gelten, bis ihm eine Schuld nachgewiesen wurde, genau das wird aber von vielen missachtet. (wie hier ja schon gesacht wurde)
    Und (wie auch schon kolportiert): wenn sich Frauen hinhalten lassen, aus welchem Grunde auch immer, dann sind sie selbst schuld!
    Mal ganz ehrlich: Mir wären mehrere Frauen viel zu anstrengend! Aber wer’s braucht…

  5. Da stimme ich Ihnen zu. Die Prinzipien des REchtsstaats sind hier haufenweise über Bord geworfen worden. Und ich denke auch, daß es primär um eine Verurteilung eines Prominenten geht.

    Und der Richter ist mit Sicherheit befangen. Es ist traurig, daß er nicht von sich aus in dem Fall ablehnt. Noch viel trauriger ist jedoch, daß die Befangenheitsanträge als nicht gerechtfertigt erscheinen. Schlimm so etwas.

    Die Wahrheit wird wahrscheinlich nicht mehr ans Tageslicht kommen – oder zumindestens als solche erkannt werden bei den vielen Details, die da schon „enthüllt“ wurden. Find ich auch sehr schlimm. Letzendlich wirds nur darum gehen, wer den längeren Atem vor Gericht haben wird. Die Karriere von ihm dürfte jedoch dahin sein. Zumindestens im deutschen Fernsehen. Und das nennt sich dann Rechtsstaat.

  6. ich stimme Dir voll umfänglich zu, liebes Tantchen!
    .. und ednong kann ich nur auf seine Feststellung in puncto Karriere sagen: vielleicht ist das neue Zie die Politik, dort gehört das Erscheinen in Negativ-Schlagzeilen doch zum Image, oder? 😦

  7. Hat er nun, oder hat er doch nicht…?!?! Wer weiß, vor allem: wer will es eigentlich wirklich wissen? Wahrscheinlich nur die Zeitung mit den vier Buchstaben.

    Aber ich muß dir Recht geben. Unser Recht (an das ich lange Zeit geglaubt habe) wird mit Füßen getreten. Daß es wirklich „neutrale“ Richter gibt, habe ich ohnehin nie geglaubt. Ich denke schon, daß (zwar in Anlehnung an bestehendes Recht) immer ein Tick persönlicher Sympathie oder Antipathie bei unserer Rechtssprechung mitspielt.

    Selbst wenn der Wettermann dank seiner rührigen Anwalts-Armada irgendwie einen Freispruch erzielen kann, eines ist gewiß: dieser Mann ist beruflich ruiniert. Auch eine Form von Strafe… -„im Namen des Volkes“.

  8. Der ganze Prozess und alles was damit verbunden ist, hat einen äußerst üblen Beigeschmack.
    Was aus der Pesse zu erfahren ist, kommt mir recht dubios vor.
    Ich frage mich, wenn eine Frau so so eine Anzeige macht, dann ist sioch soich doch darüber im Klaren, was auf sie zukommt und auch dass sie sich öffentlich total nackig machen muss. Macht man sowas aus „Rache“, weil man dem Ex eins auswischen will.

    Auch frage ich mich, hätten all die jungen Frauen einen Herrn Kachelmann in ihr Bett gebeten, wenn er der Zeitungsverkäufer von der Ecke gewesen wäre?
    Mein Eindruck ist, die Damen wollten alle ganz schön von ihm profitieren und er hat die angebote nicht ausgeschlagen.
    Mir kann doch niemand erzählen, dass ich nicht spüre, wenn mit meinem Freund was nicht stimmt, in dem Falle, wenn er noch was nebenher laufen hat.

  9. Du sprichst mir wiedermal aus der Seele und ich kann nur nicken und Beifall klatschen.
    Ich mag Kachelmann nicht besonders, ich weiß nicht, ob er getan hat, wessen er beschuldigt wird, ich weiß nicht, ob die Frau lügt um sich für irgendwas zu rächen oder nicht – aber wie das Ganze aufgerollt wird ist erschreckend und zeigt mir einen massiven Verfall der Rechtssprechung.

    Und Frau Schwarzer ist wie immer einfach nur peinlich – da schämt man sich fast, eine emanzipierte Frau zu sein.

  10. Du hast alle Punkte genannt, die ich bei Diskussionen zu diesem Fall auch anbringe. Und ich dachte schon ich stehe auf einsamen Posten. Schön, dass noch mehr Leute noch genug Verstand haben, diesen merkwürdigen Prozess zu durchschauen.

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