Journalisten und IT


Es gibt Dinge, die gehen einfach nicht zusammen. Nicht ums Verrecken.

Lehrer und gesunder Menschenverstand. Journalisten und IT.

Was ja eigentlich kein Problem ist – würden sie denn nicht über etwas schreiben, was sie bestenfalls nicht verstehen. Schlimmstenfalls verstehen sie es – und werfen trotzdem Nebelkerzen.

Wie in einem aktuellen Fall die FAZ.

Es geht – mal wieder – um das unerträgliche Thema Cybergrooming. Unerträglich deshalb, weil der Hysteriereport Tatort Internet, gestützt von Frau v. Guttenberg, suggeriert hat, dass es eine Schutzlücke gibt bei dem Thema.

Dass es die nicht gibt, hat sehr schön Dietmar Hipp vom ehemaligen Nachrichtenmagazin *hust* herausgearbeitet. Eine Perle in dem Sumpf da drüben.

Aber darum gehts hier nicht. Es geht darum, dass das Thema Kindesmissbrauch wieder einmal als Totschlagsargument für eine anders politisch nicht durchsetzbare Forderung benutzt wird.

Diesmal die Vorratsdatenspeicherung. Das Bundesverfassungsgericht hat die VDS für verfassungswidrig erklärt. Und wie immer, wenn Kindern das Räppelchen weggenommen werden soll, was sie toll finden, aber was verboten ist, fangen sie an rumzurüpeln.

Leute, wie weit ins Vorfeld sollen diese Geschichten noch getragen werden? Es ist bereits strafbar, Kinder anzugraben. Das, was jetzt gefordert wird, geht sehr in die Richtung „Gedankenverbrechen“. Und die Gedanken SIND nun mal frei.

Man darf eins bitte nicht vergessen: Beim Thema Kindesmissbrauch geht es um die sehr reale und sehr nachhaltige Schädigung von Kindern. Es geht darum, dass Kindern seelische und physische Gewalt angetan wird, es geht um die Manipulation, die so weit gehen kann, dass Kinder ihrer eigenen Vergewaltigung ZUSTIMMEN. Nur damit Papi, Onkel, Opi, Bruder, Schwester, Mutter, Oma, Tante sie wieder liebhaben. Denn, und das geht in der aktuellen Debatte völlig unter: Auch Frauen missbrauchen Kinder.

Sie können es nur besser als Mutterliebe tarnen. Und nein, das ist kein Witz, das ist mein völliger Ernst.

Das heißt im Umkehrschluß:

Mangas sind kein Kindesmissbrauch. Eine Erwachsene, die sich im Chat als 13jährige ausgibt, anzuquatschen, ist kein Kindesmissbrauch. Wenn man, wie von der FAZ gefordert, jetzt auch DAS strafbar machen soll, ist dem Missbrauch des Missbrauches endgültig Tür und Tor geöffnet.

Was soll das jetzt? Missbrauch findet nicht im Internet statt. Er findet HIER UND JETZT in der realen Welt statt. Es hilft nichts, dass man zwanghaft immer wieder versucht, die Opfer wegzudrücken, weil man das Elend nicht sehen möchte, was angerichtet wird. Es schützt kein Kind, wenn man die Strafen verschärft – im Gegenteil, es schadet den Opfern nur. Denn ein Täter, der viel zu verlieren hat, wird auch mehr riskieren. Und dann wird er für sein Opfer gefährlich.

Es ist nicht gut, dass Überlebende von Missbrauch immer wieder in die gleiche Opferrolle gedrängt werden. Sicher haben sich einige dort gut eingerichtet, aber viele kämpfen ihr Leben lang mit Klauen und Zähnen darum, dass ihr Status als Überlebender anerkannt wird, aber sie dennoch Herr ihrer Sinne sind.

Unsere Gesellschaft muss sich diesbezüglich wandeln. Jeder einzelne von uns muss sich selbst daraufhin prüfen, ob er denn wieder wegguckt, oder HINguckt.

Denn das ist der beste Schutz für mögliche Opfer: HINgucken. Wahrnehmen. Das Leid sehen. Nicht die Signale aussenden: Kind, ich sehe, es geht dir schlecht, aber ich will nicht wissen warum, denn es kann nicht sein, was nicht sein darf.

Die Gesetze sind ausreichend – und zum Teil bezüglich Internet bereits zu scharf. Es kommt darauf an, dass  sie HIER UND JETZT konsequent angewendet werden. Es kommt darauf an, dass Oasen der Sicherheit für Opfer geschaffen werden. Es muss Aufklärung in die Schulen kommen, von der Grundschule an. Und zwar konsequent an jeder Schule. Das darf nicht mehr im Lehrplan freigestellt werden, ob das gelehrt wird oder nicht: Das MUSS rein (in NRW ist das meines Wissens nach nicht verpflichtend).

Und die Anlaufstellen müssen eine gescheite Finanzdecke bekommen und ausgebildete Kräfte, nicht unterbeschäftigte Amateure wie Frau v. Guttenberg und der Rest dieses adeligen Hausfrauenvereins namens Innocence in Danger (welch ekelhafter Name das doch ist).

Aber das kostet Geld, Tatkraft und den Willen, auch mal HINzusehen. Aber alleine schon, dass  die Mitglieder des „Runden Tisches“ gezwungen werden musste, auch die Opferverbände zuzulassen, zeigt ja, dass es nur wieder mal um Gegruschel geht statt um tatkräftige Maßnahmen.

Es wäre soviel anzupacken. Das Internet weiter zu dämonisieren und alle Nutzer als potentielle Kinderschänder hinzustellen, das dauerhafte Krakeelen nach Strafverschärfungen: All das nutzt weniger als nichts. Es schadet massiv.

Und dass man auf dem Weg auch noch versucht, die unsägliche Vorratsdatenspeicherung durchzuboxen, ist widerlich, ekelhaft und abstoßend.

Veröffentlicht am 2. November 2010, in Allgemein. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 3 Kommentare.

  1. Du verlangst Zivilcourage. Ich fürchte, dafür ist unsere Gesellschaft noch nicht reif. Weggucken ist ja so viel einfacher (…aber natürlich hinterher -vorzugsweise vor Kameras, damit man sich selber abends im Fernsehen sieht!- darüber reden, daß es ja schon merkwürdig/auffällig/unübersehbar gewesen sei, was man da habe beobachten/hören konnte…).

    Ich finde es aber schön, daß ich nicht die einzige „Träumerin“ bin, die sich eine verantwortungsbewußte, mündige und aufgeklärte Gesellschaft wünscht.

    • Hingucken ist möglich und gerade bei dem Thema MUSS man das verlangen. Nur – angesichts der aufheizten Stimmung bei dem Thema frage ich mich, wie das noch möglich sein kann.

      Alle sind so Täterorientiert, mehr Strafen, Kopf ab, Bein ab, Schwanz ab…egal, hauptsache gestraft.
      Aber so hilft man nicht denen, denen man vorgibt zu helfen.

      Wie hab ich gestern noch gelesen: Strafen sind eine Katharsis der Gesellschaft, die sich von dem Übel selbst reinigt.

      Passt zu 100%. Aber wenn man das macht, soll man bitte nicht vorgeben, dass man damit den Opfern/Überlebenden hilft.

      DAS nämlich ist wiederum Bigotterie, und dieses Schlangenöl finde ich bei dem Thema Gallonenweise.

  2. nochmal eine ähnliche Sichtweise wie meine. Schön, dass nicht jeder gedankenlos nachplaudert, was im TV und Presse vorgibt.

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