Tag der Toten


Allerheiligen, der 1. November.

Ein trüber Tag war es heute, es wurde nicht richtig hell und der Nebel hob sich auch den ganzen Tag nicht richtig. Auf der Straße lag eine dicke Schicht herabgefallener Blätter.

Ein Tag, wie geschaffen dafür, über die nachzudenken, die nicht mehr hier sein können.

Weil sie tot sind.

Als allererstes kommen mir immer meine Großeltern in den Sinn. So unglaublich unterschiedliche Leute, dass man sich größere Kontraste kaum vorstellen konnte.

Der Großvater väterlicherseits: Ein zeitlebens bescheidener Mann. Der mit dem, was er hatte, zufrieden war. Der hochtraumatisiert aus einem Krieg wiederkam, den er nie führen wollte. Der 3 Tage verschüttet war – und der lange Zeit brauchte, um sich wieder zurechtzufinden.

Leider auf Kosten seines Sohnes, den er nicht gut behandelt hat.

Als er starb, hatte er seinen Frieden mit meinem Vater gemacht – aber das hatte fast 50 Jahre gedauert.

Seine Frau, meine Großmutter – ganz das Gegenteil davon. Nie zufrieden, immer im Vorwurf, lebte sie im Gestern und im Morgen. Nie im Jetzt.

Viel hat sie mich alleine durch ihre Art gelehrt und ich hoffe so sehr, dass sie ihren Frieden letztlich gefunden hat. Alle Mächte wissen, dass sie ihn im Leben nicht hatte.

Die Eltern meiner Mutter – auf ihre Art genauso traumatisiert, aber bedeckt durch eine dicke Flauschdecke materieller Fröhlichkeit und Jovialität. Meine Oma, die sich trotz schwerstem Rheuma nie -NIE- aufgegeben hat. Und die zum Schluß sagte: „Kinder, trauert nicht um mich, ich hatte ein schönes Leben. Und irgendwann muss Schluß sein.“

Sie starb schnell und ohne größere Schmerzen, was ein Segen war, denn sie starb an einer Bauchfellentzündung, weil der Darm einfach durchgebrochen war. Sie hatte zwar Bauchschmerzen, aber wer 25 Jahre mit Rheuma lebt, dass die Finger nicht mehr zu biegen waren, der merkt diese Schmerzen nicht sehr.

Mein Opa, der immer herrisch war (und den meine Oma trotzdem problemlos untergebuttert hat), der immer sehr dominant und bestimmend war: Auch er machte seinen Frieden mit sich und der Welt. Bis dahin war er der typische Motzke. ER weiß, was richtig ist. Und wer dem nicht folgt, der hat ziemlich verloren gehabt.

Schwierige Leute, doch was bleibt in der Erinnerung?

Mein Großvater, ein Blick, der mehr als Worte sagte, wie sehr er mich liebt. Meine Oma, die selbst schwerkrank, trotzdem viele Kilometer mit dem Kind Tante Jay gelaufen ist, um sie zu einer Ferienspaßsache zu bringen.

Seltsamerweise habe ich an meine Großmutter die geringsten Erinnerungen. Sie war immer so seltsam unpersönlich, immer so verschlossen. Ich könnte nicht sagen, was in ihr vorgegangen ist.

Sie sind nicht mehr da, und doch: Genauso wie die Freunde, die vor uns gegangen sind, wie Menschen, die unseren Weg ein wenig begleitet haben, vor uns eine Abzweigung genommen haben und uns nicht mehr begleiten können, haben sie Spuren in uns hinterlassen.

Niemand geht für immer. Solange jemand da ist, der sich erinnert, solange bleibt auch ein Stück des Menschen da. Und dass ist es, woran Allerheiligen erinnern sollte.

Abseits vom Halloween-Trubel, von den „Events“.

Es ist ein Tag, um zurückzublicken, nicht um zu trauern. Sondern um zu feiern, dass wir diese Menschen ein Stück begleiten konnten.

*schnief*

Ich vermisse euch alle.

Veröffentlicht am 2. November 2010, in Allgemein. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 5 Kommentare.

  1. Der letzte Gefährte meiner Mutter ist vor nicht ganz zwei Jahren plötzlich und unerwartet (jaja – wirklich!) verstorben. Sie hängt echt an ihm – schließlich waren sie etwa 17 Jahre lang ein Paar und immerhin 4 oder 5 Jahre verheiratet.

    Das einzige was mich ’n büschen ärgert, ist die Tatsache, dass ich ihn nicht etwa näher kennenlernen konnte. Er war nämlich ’n Inschenör – und da kann man ja noch was von lernen (wenn man’s kann 😉 ). Meiner Mutter jedenfalls hat’s nich‘ geschadet, dass er bei ihr war (und sie bei ihm).

    Ein Gutes hatte sein Ableben allerdings – das Verhältnis meines Bruders und mir zu unserer Mutter ist besser denn je!

    😀

    PS: das Stück Musik passt ganz gut zu dieser Thematik du!

  2. Le vrai tombeau des morts, c’est le coeur des vivants!

    Ma mémoire est une immense nécropole…
    Loin des tombeaux et des acropoles
    S’y retrouvent tous ceux que j’ai aimé,
    Tous les amis qu’un jour j’ai apprécié
    La cohorte des personnes si chères à mon coeur
    A jamais disparus sans connaître le bonheur.

  3. n ur eine klitzekleine Anmerkung vorweg: der Liturgie zufolge wird den Verstorbenen der eigenen Familie am 2. November (Allersselen) gedacht – Allerheiligen ist „eigentlich“ für Alle Heiligen (die die heiliggesprochen wurden wie auch die, deren Heiligkeit nur Gott bekannt ist) gedacht. Eigentlich.

    Ja, ich habe dieses Jahr auch wieder an verstorebene Verwandte gedacht – an die beiden Großeltern, die ich kennengelernt habe (die anderen sind lange vor meiner Geburt verstorben), an meine Großtante, die regelmäßig bei uns war und bereitwillig alles mit sich machen ließ was Kinder so benötigen — spielen, vorlesen, …
    Und an zu viele andere, die ich nicht alle erwähnen kann.

    Ja, es ist gut, dass es einen solchen „Besinnungs-Tag“ im Jahr gibt.

  4. Ich habe an meinen Vater gedacht. Ein im besten Sinne gütiger Mensch. Wir haben uns eigentlich immer ohne viele Worte gut verstanden. Selten haben wir ausführlich geredet. So blieb vielleicht manches ungesagt. Irgendwann war es dann zu spät dazu, ich konnte nicht mehr zu ihm durchdringen, er hat mich nicht mehr erkannt. Er ist schon lange tot aber manchmal doch noch präsent.

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