vorweihnachtliches Irrenhaus


Es ist ja nicht nur so, als wäre die Vorweihnachtszeit für alle eitel Sonnenschein. Ich rede jetzt von Wikileaks.

Ich steh hier nur noch mit offenem Mund und lese den gesammelten Unfug mit zunehmender Irritation.

Paypal ist eine Bank. Eine Bank soll gefälligst die Gelder ihrer Kunden verwalten. Aufgrund von Gesetzen *kann* eine Bank Gelder einfrieren, mir fällt aber als Tatbestand hier nur der „Kreuzzug gegen den Terrorismus“ ein und Organisiertes Verbrechen.

In allen Fällen jedoch muss eine Strafverfolgungsbehörde (!) die Gelder des Kunden (die nich die Gelder der Bank sind) per Anordnung (!!) einfrieren. D.h. zumindest in Deutschland gibt es für derartige Ansinnen den Richtervorbehalt.

Was bitte hat jetzt Paypal geritten, einfach mal Gelder der Wau-Holland-Stiftung, die eine rechtmäßig arbeitende Organisation ist, einzubehalten, weil die Wikileaks projektiert haben? Die  Stiftung hat ihren Sitz in Deutschland. Es gelten die deutschen Gesetze. Es ist kein Ermittlungsverfahren bekannt, in dessen Zuge die Behörden die Gelder eingefroren haben. Und Paypal benimmt sich wie ein moderner Raubritter und kassiert die Kohle mal einfach ein. Paypal gefällt Wikileaks nicht und daher werden die Unterstützer drangsaliert.

Gesetzt den Fall, die wären damit durchgekommen – wo wär die Kohle denn hingeflossen? Hätten die die behalten und ein paar hübsche neue Server angeschafft? Und dass die die Gelder erst nach massiven Protesten wieder freigegeben haben, macht die Sache nicht besser.

Oder diese Anklage gegen Julian Assange inklusive Auslieferungsantrag und Internationaler Haftbefehl. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass für einen Vergewaltigungsfall jemals so ein Aufhebens veranstaltet wurde. Mal im ernst: Es wäre schön, wenn es so wäre, denn Vergewaltigung ist eins der widerlichsten Verbrechen, die man einem Menschen antun kann. Aber das Timing ist da echt zu knapp.

Irak-Videos werden veröffentlicht und keine paar Tage später taucht jemand auf und klagt Assange wegen Vergewaltigung an. Der Staub legt sich, die schwedischen Ermittlungsbehörden fahren offenbar auch ein paar Gänge zurück, da kommt Cablegate und *schwupps* wird ein Internationaler Haftbefehl beantragt und ein Auslieferungsgesuch gestellt.

Das Timing ist ziemlich offensichtlich. Und da die Leute das auch subtiler können, glaube ich, dass das so offensichtlich sein soll, da es Trittbrettfahrer abschrecken soll. Assange soll persönlich diskreditiert werden, dann soll er für Jahre im Knast verschwinden und Wikileaks soll so den Stempel des verbrecherischen bekommen, als unseriös abgestempelt werden.

So ist das aber nicht. Wikileaks ist eine grandiose Quelle für alle investigativ arbeitenden Journalisten. Wikileaks tritt vor Veröffentlichung jeweils an die Regierungen heran, um z.B. Schaden von Personen abzuwenden. Etwas, was Wikileaks ja jedesmal vorgeworfen wird: Sie gefährden Menschenleben.

Und genau darum, um diese Verlogenheit, diese Arroganz der Macht und dieses widerliche Gesocks zu entlarven, das uns da regiert, genau aus dem Grunde brauchen wir Wikileaks.

Spenden bitte. Reichlich. Die brauchen die Kohle, nicht zuletzt für eine Phalanx von Anwälten.

Veröffentlicht am 9. Dezember 2010, in Allgemein. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 18 Kommentare.

  1. Mal abgesehen davon, dass die Art und Weise in der hier agiert und agitiert wird, unter aller Sau ist, nutzt es denjenigen, die jetzt am meisten Stress machen, nichts, wenn sie „nur“ Assange einlochen.

    Ein Kommentator (vom Guardian glaub ich) traf den Nagel auf den Kopf, als er meinte, nur wenn das komplette Internet abgeschaltet würde, könne man dem Trend, den Wikileaks angestoßen hat, aufhalten.

    Wobei man sagen muss, dass große Teile der Infrastruktur für das Internet in den USA beheimatet sind. Mal sehen, was die sich als nächstes einfallen lassen.

    Mein Fazit zu der ganzen Geschichte: China lässt grüßen und die Welt grüßt mit Kusshand zurück.

    *erstmal auf’s klo gehe und mich erbreche*

  2. Was PayPal da getan hat, war natürlich völlig ungerechtfertigt. Konten sperren ist ja evtl. noch rechtens, aber Geld einbehalten nicht. Anderersets fand ich es interessant, was für einen Bammel die auf einmal bekommen haben müssen, dass sie unter dem Druck ihrer eigenen Kunde (viele haben ihrer Accounts gelöscht/gekündigt) die Spendengelder wieder freigegeben haben. Ich hoffe trotzdem, dass es rechtliche Schritte gegen PayPal geben wird. Habe zwar ebenfalls (noch) ein Paypal Konto, aber da ich nicht drauf angewiesen bin werde ich es ggf. auch auflösen.

    Zur Festnahme von Assange: Ich finde es wirklich erstaunlich, dass ein mutmaßlicher Vergewaltiger (noch steht es nicht fest) von Interpool zur Fahndung ausgeschrieben wird. Ich bin aber nicht 100%ig sicher, dass es wirklich eine Kampagne der USA gegen Assange ist. Ihm könnte auch seine schlafartige Bekanntheit zum Verhängnis geworden sein, ähnlich wie bei Kachelmann. Interessant fand ich auch die angebliche Aussage der beiden mutmaßlichen Opfer (glaube auf SpOn gelsen), dass sie keinen ungeschützen Verkehr mit Assange wollten, aber geschützt wäre i.O. gewesen.
    Das klingt für mich wie, als hätten sie sich zu was überreden lassen, was sie nicht wollten und stellten es erst als Vergewaltigung dar, als die beiden Frauen von einander erfahren haben.

    Ob nun schuldig oder nicht, wird sich zeigen, aber der „Prozess“ beginnt ähnlich verworren wie der von Kachelmann, welcher lange unbegründet in U-Haft saß.

    • Vor allem ist jetzt auf einmal statt von Vergewaltigung von sexueller Belästigung die Rede…
      Schauen wir mal was da rauskommt.

      • Das wird immer lächerlicher. Ich hoffe, dass diese Frauen (falls sie falsch ausgesagt haben) auch dafür gerade stehen müssen und angezeigt werden. Ich hasse es, wenn aus falschem Scham ein Menschenleben ruiniert wird.

  3. Zum Thema der Damen, die Assange angezeigt haben, gibts beim Lawblog nen interessanten Link:
    http://www.faz.net/s/RubFC06D389EE76479E9E76425072B196C3/Doc~E87EEE82032EB4D1785FF2CA29EE4814D~ATpl~Ecommon~Scontent.html

    • Danke. Ist wirklich interessant der Text. Vor allem die Stelle „nach schwedischem Recht Nötigung oder Vergewaltigung in einem minder schweren Fall vorliegen kann, wenn sich eine Frau nach dem Sex unwohl fühlt oder sich ausgenutzt vorkommt.“

      Ich frage mich allerdings, wieso man Assange nicht gleich befragt/verhört hat. Steckt wohl doch noch mehr dahinter.

      • Ob ein Mann in Schweden auch Nötigung oder Vergewaltigung anzeigen kann wenn er schlechten Sex hatte?
        Bin mal gespannt was da raus kommt. Das ist doch nach den bis jetzt herausgesickerten Informationen irgendetwas zwischen beleidigten Groupies und durchgeknallten Männerhasserinnen, sorry.
        (Ja, ich weiß, ich habe die Entwicklung der Political Correctness nicht unbedingt mitgemacht. Lasst also bitte den Knüppel im Sack. Es stört mich eh nicht (mehr).)

        • Bei den Schweden könnte ich mir das durchaus vorstellen, dass auch die Männer da Anzeigen erstatten könnten. Ich denke aber da wird sich kaum einer trauen …

    • Das sind ja faszinierende Umstände.

  4. Und genau deshalb habe ich kein Paypal-Konto!

  5. Mich wundert bloss das bei der niedrigen Schwelle für eine Anzeige die Schweden sich noch fortpflanzen.

    • Wahrscheinlich kommt daher der Ausspruch „Alter Schwede“.
      Die sterben doch langsam aus weil sie sich vor lauter Anzeigen nicht mehr fortpflanzen.

  6. Ich hab da ein interessantes Video zum Thema im Netz entdeckt 😉

  7. Nachdem das jetzt mit der „Vergewaltigung“ nicht richtig vorwärts geht, scheint man in den USA zu übrlegen, wie man ein olles Gesetz von 1917 betreffs Spionange so umstricken kann, dass man eine Anklage zusammenzimmern kann, um die Auslieferung zu beantragen. Was nicht passt, wird eben passend gemacht.

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