Kommunikationswege
Juuuuuuuuuppsss – da ist jemand furchtbar böse auf mich. Und hier läuft das dann so:
Tante von Tante Jay böse auf Tante Jay. Tante von Tante Jay ruft Mutti von Tante Jay an. Beide reden sich in Rage ob meiner „unverantwortlichen“ Tipps an Cousinchen. Und dass ich die doch in den sicheren Untergang treibe. Wenn die denn da alleine in der großen Stadt ist und überhaupt, wie ich denn sowas mache, wo ich die Situation überhaupt nicht…
Mutti dann: „Ich red mal mit ihr, dass muss die zurücknehmen.“
Mutti ruft mich an und motzt mich an, was ich mir denn einbilden würde, dass ich die arme kranke Cousine, die eh schon so zu knabbern hat und der es so schlecht gehen würde, in die Großstadt treibe, wo sie ohne mütterlichen Beistand ist.
Ich höre schon, dass es nicht möglich ist, in die Schimpftirade zwischenzukommen und lege den Hörer mal auf den Tisch und arbeite weiter. Denn schließlich ist es ja so, dass sie mich mit sowas durchaus auf der Arbeit nervt.
So nach 15 min muss sie mal Luft holen und fragt: „Hörst du mir überhaupt zu?“
Antwort von mir: „Nö, ist nichts hörenswertes, was du da quatschst.“
„Werd nicht unverschämt, du rufst heute abend noch bei Cousine an und redest ihr das aus.“
„Wie komm ich denn dazu?“ „Die kann nicht ohne Hilfe leben.“
„Mag sein, aber die Hilfe muss ja nicht zwangsläufig Tante sein. Sondern das kann durchaus auch eine Haushaltshilfe sein, die die Krankenkasse in solchen Fällen auch bezahlt. Und im übrigen: Sie kann doch noch ne Menge. Langsam, aber sie kann. Lasst sie doch mal machen, Himmel noch eins. Ihr nehmt ihr alles aus der Hand, behandelt sie wie einen zerbrechlichen Invaliden, nehmt ihr jede Luft zum Atmen mit diesem erstickenden Etwas, was ihr „Fürsorge“ nennt – und wundert euch dann, dass sie depressiv ist. Ich kenn MS-Kranke, die überhaupt nicht depressiv sind, die haben aber auch ne Familie, die nicht glauben, dass man mit der Krankheit auch gleichzeitig jegliche Lebensbefähigung verloren hat.
Wenn sie in die Großstadt gehen will, werde ich ihr weiter zureden. Und ihr könnt mich genau gar nicht daran hindern. Ich hab ihre Telefonnummer und sie hat meine.
Das hat nämlich auch nicht geklappt, von wegen, du erzählst ihr, ich wär zu krank und Tante erzählt mir, dass sie zu krank wär. Was denkt ihr euch eigentlich? Cousinchen ist verdammt noch eins erwachsen. Sie hat ne Krankheit, die sie in bestimmten Bereichen einschränkt und natürlich wird das schlimmer werden.
Aber ihr behandelt die doch jetzt schon wie Pflegestufe 3. Und die ist noch nicht mal 1. Nu is gut jetzt, lasst sie atmen und leben. Hängt der nicht ständig auf der Pelle.“
*schnauf* *wutschnaub*
Mutti keifte dann noch rum, dass mir doch meine Cousine völlig egal wäre und was für Unverschämtheiten ich mir denn alles erlauben würde, wie undankbar ich doch noch wäre und so weiter und so weiter.
Thema ist für mich durch. Ich geh heute abend mal mit Cousinchen telefonieren 🙂
Veröffentlicht am 12. Januar 2011, in Familienbande. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 12 Kommentare.
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Kommunikationswege
Juuuuuuuuuppsss – da ist jemand furchtbar böse auf mich. Und hier läuft das dann so:
Tante von Tante Jay böse auf Tante Jay. Tante von Tante Jay ruft Mutti von Tante Jay an. Beide reden sich in Rage ob meiner „unverantwortlichen“ Tipps an Cousinchen. Und dass ich die doch in den sicheren Untergang treibe. Wenn die denn da alleine in der großen Stadt ist und überhaupt, wie ich denn sowas mache, wo ich die Situation überhaupt nicht…
Mutti dann: „Ich red mal mit ihr, dass muss die zurücknehmen.“
Veröffentlicht am 12. Januar 2011, in Allgemein. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 12 Kommentare.
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Stellt sich unwilkürlich die Frage, wer hier der Pflege bedarf. Ist’s kindlich, wenn der Abnablungsprozess mütterlicherseits verhindert wird?
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Nein. Therapiewürdig.
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Ich bin froh, daß es bei mir erst diagnostiziert wurde, als es für meine Mutter(!) zu spät war, mich durch solches Verhalten zu erdrücken. Wirklich. Heilfroh.
Dafür kann ich jetzt beobachten, was meine Schwester aus Mann und Kindern macht…
Und was die Pflege angeht: Keiner der Beteiligten bedarf der Pflege, aber bei einigen würden deutliche Worte sicher nicht schaden. Das musste mein mütterlicher Vorfahrenstrang auch über sich ergehen lassen… >:->
Daumen hoch, Tantchen. -
Zitat: „Dieser Eintrag wurde veröffentlicht unter Familienbande“
Familien-Bande wäre irgendwie passender…. -
Irgendwie typisch dieser „Kommunikationsweg“: Bloß nicht jemanden direkt darauf ansprechen, was man von seinen/ihren Äußerungen oder Handlungen hält – da könnte man einer Konfrontation dann nämlich nicht mehr ausweichen.
Du könntest deine Tante ja ’n Hundchen oder ’n Kätzchen oder so schenken, damit sie jemanden hat, den sie bemuttern kann. Notfalls geht auch ’ne Topfpflanze oder ’n Tamagotschi…
Ich gehe doch recht in der Annahme, dass deine Cousine nicht im Koma liegt. Sie sollte es mit Michael Ende halten: „Tu was du willst.“ (aus: Die unendliche Geschichte)
Ich wünsch‘ ihr alles Gute und dass es ihr im neuen Job, in der neuen Stadt besser gehen möge als jetzt!Falls erforderlich fahr ich nach deine Tante hin und mache ihr ein Angebot, das sie nicht ablehnen kann 😉 (is‘ natürlich nur als Spass gemeint).
-
Ach, wie gut ich diese kleinen, halben Sätze kenne! „Kannst du das dann überhaupt?“ „Ach, und wie willst du das schaffen?“ „Aber bedenke, dann ist keiner mehr da…“ „Wie, DU hast das selbst gemacht?“ Von Geburt an chronisch krank, bin ich mit solchem Quark aufgewachsen. Kann sich einer vorstellen, wie das ist, wenn eigenständiges Leben nichts Selbstverständliches ist, sondern mühsam immer wieder neu erkämpft werden muss? Wie viel Kraft dieses zusätzliche Durchbeißen kostet, wenn man nicht so viele Kraftreserven hat wie „Normale“?
Glücklicherweise haben mich meine paar funktionierenden Gehirnzellen noch rechtzeitig dazu gebracht, einer lebenslänglichen Umklammerung zu entkommen. Ich führe ein stinknormales Leben, nur halt ein bisschen langsamer.Cousine würde es sicher gut tun, so schnell wie möglich Land zu gewinnen, bevor die Depression vollends zuschlägt. Das Drumrum (Wohnung, Therapien, Einkaufsmöglichkeiten etc.) ist schnell geregelt. Das gegenseitige „Loslassen“ würde außerdem beiden, Mutter und Tochter, mehr als gut tun. Und überhaupt – wie lange würde die Mutter all diese „Pflege“ leisten können? Wenn die Tochter um die 40 ist, ist Muttern doch sicher über die 60 hinaus? Wie stellt sie sich das auf Dauer vor?
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Pu, das hast du auf den Punkt gebracht. Und ich finds toll, dass du das gepackt hast. 🙂
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Ich habe eine passende Verwandte, die meint alles selbst zu können, aber für jeden Kleinkram bei mir anruft (auch auf der Arbeit), damit ich helfe (mache ich aber nicht). Jetzt will sie sich ein Auto kaufen, damit sie einkaufen fahren kann (7 Minuten Fußweg). Eigentlich ist sie eine Gefahr für den öffentlichen Verkehr (Reaktionszeiten gehen stetig gegen Null).
Wenn wir Tantchens Tante und meine Verwandte zusammen bringen, sind vielleicht alle zufrieden.
Grüß deine Cousine und wünsch ihr viel Erfolg. Wenn es in den Norden geht, einfach bei mir melden. Ich komme aus der Nähe von Bremen. Vielleicht kann ich ja zur Hand gehen, wenn es erforderlich ist.
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(Reaktionszeiten gehen stetig gegen Null).
Eher gegen unendlich, oder?
Wenn ich Reaktionszeiten gegen null hätte, ich wär begeistert!-
lol.
Natürlich.
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Nu, so ist das halt, man bekommt in den seltensten Fällen das, was man braucht (oder zumindest meint zu brauchen). Das ist aber auch nicht ganz einfach für die werte Verwandtschaft (noch nicht mal für den Partner), da eben das, was der Einzelne braucht, individuell sehr verschieden ist. Es gibt eben auch Menschen die sich sehr wohl gern in Watte packen lassen, ob das ihnen und ihrem weiteren Lebensweg immer zuträglich ist, sei mal dahingestellt, aber auch diese Wünsche darf man nicht einfach ohne weiteres übergehen. Egal in welcher Richtung, jede Attitüde im Sinne von, ich weiß schon, was für Dich gut ist, ist immer von Übel. Vollständige Betüddelung und der Versuch das Leben eines Menschen an sich zu reißen, ist natürlich in jedem Falle die allerschlechtste Möglichkeit.
Eine Person, die mir persönlich schon das ein oder andere Mal hilfreich zu Seite gestanden hat, drückte es gegenüber den Ärzten, die bei ihr in Ausbildung waren so aus: Hört einfach mal Euern Patienten zu, die wissen in der Regel ganz gut, was sie brauchen. -
Ich kenn MS-Kranke, die überhaupt nicht depressiv sind, die haben aber auch ne Familie, die nicht glauben, dass man mit der Krankheit auch gleichzeitig jegliche Lebensbefähigung verloren hat.
Kenn ich auch, eine fängt demnächst eine Umschulung zur Bürokauffrau an, und nebenbei unterrichtet sie eine Jugendgruppe im Kampfsport und liebt die Tierfotografie. Ich hoffe wirklich, dass deine Cousine stark bleibt und diesen Schritt wagt, und sich nicht wieder von Muttern und Tante bequatschen lässt, dass dies ein Risiko ist, und was sie denn ohne Familienanhang macht usw… Das Leben geht für alle weiter, für deine Cousine, die sich in der Forschung einbringen und damit verwirklichen will, und für deine Mutter und Tante, die merken, dass es eine bessere Hilfe ist, wenn sie nicht wie die Helikopter-Mütter um deine Cousine rumschwirren und jeglichen Freiheitsdrang im Keim ersticken.
Schick deiner Cousine doch mal dieses Video:
Stellt sich unwilkürlich die Frage, wer hier der Pflege bedarf. Ist’s kindlich, wenn der Abnablungsprozess mütterlicherseits verhindert wird?
Nein. Therapiewürdig.
Ich bin froh, daß es bei mir erst diagnostiziert wurde, als es für meine Mutter(!) zu spät war, mich durch solches Verhalten zu erdrücken. Wirklich. Heilfroh.
Dafür kann ich jetzt beobachten, was meine Schwester aus Mann und Kindern macht…
Und was die Pflege angeht: Keiner der Beteiligten bedarf der Pflege, aber bei einigen würden deutliche Worte sicher nicht schaden. Das musste mein mütterlicher Vorfahrenstrang auch über sich ergehen lassen… >:->
Daumen hoch, Tantchen.
Zitat: „Dieser Eintrag wurde veröffentlicht unter Familienbande“
Familien-Bande wäre irgendwie passender….
Irgendwie typisch dieser „Kommunikationsweg“: Bloß nicht jemanden direkt darauf ansprechen, was man von seinen/ihren Äußerungen oder Handlungen hält – da könnte man einer Konfrontation dann nämlich nicht mehr ausweichen.
Du könntest deine Tante ja ’n Hundchen oder ’n Kätzchen oder so schenken, damit sie jemanden hat, den sie bemuttern kann. Notfalls geht auch ’ne Topfpflanze oder ’n Tamagotschi…
Ich gehe doch recht in der Annahme, dass deine Cousine nicht im Koma liegt. Sie sollte es mit Michael Ende halten: „Tu was du willst.“ (aus: Die unendliche Geschichte)
Ich wünsch‘ ihr alles Gute und dass es ihr im neuen Job, in der neuen Stadt besser gehen möge als jetzt!
Falls erforderlich fahr ich nach deine Tante hin und mache ihr ein Angebot, das sie nicht ablehnen kann 😉 (is‘ natürlich nur als Spass gemeint).
Ach, wie gut ich diese kleinen, halben Sätze kenne! „Kannst du das dann überhaupt?“ „Ach, und wie willst du das schaffen?“ „Aber bedenke, dann ist keiner mehr da…“ „Wie, DU hast das selbst gemacht?“ Von Geburt an chronisch krank, bin ich mit solchem Quark aufgewachsen. Kann sich einer vorstellen, wie das ist, wenn eigenständiges Leben nichts Selbstverständliches ist, sondern mühsam immer wieder neu erkämpft werden muss? Wie viel Kraft dieses zusätzliche Durchbeißen kostet, wenn man nicht so viele Kraftreserven hat wie „Normale“?
Glücklicherweise haben mich meine paar funktionierenden Gehirnzellen noch rechtzeitig dazu gebracht, einer lebenslänglichen Umklammerung zu entkommen. Ich führe ein stinknormales Leben, nur halt ein bisschen langsamer.
Cousine würde es sicher gut tun, so schnell wie möglich Land zu gewinnen, bevor die Depression vollends zuschlägt. Das Drumrum (Wohnung, Therapien, Einkaufsmöglichkeiten etc.) ist schnell geregelt. Das gegenseitige „Loslassen“ würde außerdem beiden, Mutter und Tochter, mehr als gut tun. Und überhaupt – wie lange würde die Mutter all diese „Pflege“ leisten können? Wenn die Tochter um die 40 ist, ist Muttern doch sicher über die 60 hinaus? Wie stellt sie sich das auf Dauer vor?
Pu, das hast du auf den Punkt gebracht. Und ich finds toll, dass du das gepackt hast. 🙂
Ich habe eine passende Verwandte, die meint alles selbst zu können, aber für jeden Kleinkram bei mir anruft (auch auf der Arbeit), damit ich helfe (mache ich aber nicht). Jetzt will sie sich ein Auto kaufen, damit sie einkaufen fahren kann (7 Minuten Fußweg). Eigentlich ist sie eine Gefahr für den öffentlichen Verkehr (Reaktionszeiten gehen stetig gegen Null).
Wenn wir Tantchens Tante und meine Verwandte zusammen bringen, sind vielleicht alle zufrieden.
Grüß deine Cousine und wünsch ihr viel Erfolg. Wenn es in den Norden geht, einfach bei mir melden. Ich komme aus der Nähe von Bremen. Vielleicht kann ich ja zur Hand gehen, wenn es erforderlich ist.
(Reaktionszeiten gehen stetig gegen Null).
Eher gegen unendlich, oder?
Wenn ich Reaktionszeiten gegen null hätte, ich wär begeistert!
lol.
Natürlich.
Nu, so ist das halt, man bekommt in den seltensten Fällen das, was man braucht (oder zumindest meint zu brauchen). Das ist aber auch nicht ganz einfach für die werte Verwandtschaft (noch nicht mal für den Partner), da eben das, was der Einzelne braucht, individuell sehr verschieden ist. Es gibt eben auch Menschen die sich sehr wohl gern in Watte packen lassen, ob das ihnen und ihrem weiteren Lebensweg immer zuträglich ist, sei mal dahingestellt, aber auch diese Wünsche darf man nicht einfach ohne weiteres übergehen. Egal in welcher Richtung, jede Attitüde im Sinne von, ich weiß schon, was für Dich gut ist, ist immer von Übel. Vollständige Betüddelung und der Versuch das Leben eines Menschen an sich zu reißen, ist natürlich in jedem Falle die allerschlechtste Möglichkeit.
Eine Person, die mir persönlich schon das ein oder andere Mal hilfreich zu Seite gestanden hat, drückte es gegenüber den Ärzten, die bei ihr in Ausbildung waren so aus: Hört einfach mal Euern Patienten zu, die wissen in der Regel ganz gut, was sie brauchen.
Ich kenn MS-Kranke, die überhaupt nicht depressiv sind, die haben aber auch ne Familie, die nicht glauben, dass man mit der Krankheit auch gleichzeitig jegliche Lebensbefähigung verloren hat.
Kenn ich auch, eine fängt demnächst eine Umschulung zur Bürokauffrau an, und nebenbei unterrichtet sie eine Jugendgruppe im Kampfsport und liebt die Tierfotografie. Ich hoffe wirklich, dass deine Cousine stark bleibt und diesen Schritt wagt, und sich nicht wieder von Muttern und Tante bequatschen lässt, dass dies ein Risiko ist, und was sie denn ohne Familienanhang macht usw… Das Leben geht für alle weiter, für deine Cousine, die sich in der Forschung einbringen und damit verwirklichen will, und für deine Mutter und Tante, die merken, dass es eine bessere Hilfe ist, wenn sie nicht wie die Helikopter-Mütter um deine Cousine rumschwirren und jeglichen Freiheitsdrang im Keim ersticken.
Schick deiner Cousine doch mal dieses Video: