Selbst schuld


Lara Logan ist CBS-Reporterin und Kriegsberichterstatterin.

Sie gehört zu den Leuten, die uns das Grauen der Kriege nahebringen und uns immer wieder daran erinnern, dass es „chirurgische Schnitte“ nicht gibt und dass Bomben nicht zwischen Kombattanten und Zivilisten unterscheiden – egal, wer sie wirft.

Lara Logan hat auch von den Aufständen in Ägypten berichtet. Und wurde von Mubaraks Schlägern angegriffen und bedrängt.

Und man merkt sehr deutlich, wie sehr in den Köpfen noch drinsteckt, dass Opfer immer selbst schuld an ihrer Misere. Dass sie sich „in Gefahr“ begeben hätten. Und dass der Angriff auf die sexuelle Selbstbestimmung folgerichtig ist, wenn man in Krisengebieten ist.

Ist es das wirklich?

Wann geht in die Köpfe der Leute *endlich* rein, dass Opfer niemals schuld sind? Dass ausschließlich die Täter die Schuldigen sind, dass die Überlebenden rein gar nichts tun konnten, um diesem Angriff zu begegnen.

Man mag dagegen halten, dass Lara Logan ein schlechtes Beispiel ist – ich sehe das nicht so. Im Gegenteil. Denn es muss auch für Frauen möglich sein, aus einem muslimischen Krisengebiet zu berichten, ohne dass sofort jeder Kerl sein primäres Geschlechtsteil auspackt und es dem „Weib“ mal richtig zeigen will.

Dieses Dominanzgehabe von Möchtegernalphamännchen ist echt so über wie ein Kropf. Und die können sich da noch so sehr auf ihren Glauben berufen: Das ist gepresste Krümelkacke. Es geht nicht darum, dass die an was glauben, oder dass es die gerechte Strafe für irgendein ominöses Fehlverhalten der Frau ist. Da gehts nur um galoppierende Testosteronsucht und Machtgeilheit. Nicht mehr und nicht weniger.

Man kann noch dagegen halten, dass in einer derart aufgeputschten Menge sowas normal ist, menschlich.

Trotzdem ist es ein Unding, dass man dann über das Opfer den Stab bricht und sagt, es wäre selbst schuld an dem, was ihm widerfahren ist.

Der Täter ist schuld. Sonst niemand. Niemals.

Veröffentlicht am 2. März 2011, in Allgemein. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 10 Kommentare.

  1. Ja – das mit dem Männlichkeitsgehabe hat sich mir (männlich, 41 Jahre alt) bisher auch noch nicht erschlossen.
    Und das mit dem „Die hat doch selber schuld!“ geht mir auch ganz gewaltig auf die Nerven – denn da stimme ich dir zu:

    DER TÄTER IST SCHULD! UND NUR DER! BASTA!

    Leider muss man in Krisengebieten immer damit rechnen, dass man auf’s Maul bekommt. Gibt genügend Leute, die das ausnutzen, um ihre Triebe (welcher Art diese auch sein mögen) zu befriedigen oder auszuleben.

    Aber am Ende ist dann immer das Opfer schuld… *sigh*

  2. Naja, da muss ich widersprechen, es gibt nicht umsonst den Begriff Teilschuld.

    Ich kann auch nicht in einen Löwenkäfig steigen und dann wenn ich gebissen werde sagen nur der Löwe ist schuld…

    • Ne, sorry. Ein Löwe weiß nicht, dass das, was da in seinem Käfig ist, kein Futter ist.

      Ein Mensch weiß sehr genau, dass er einem anderen kein Leid antun soll. Wenn er es trotzdem tut, aus welchem Grund auch immer, ist das – außer in den seltenen Fällen der Affekthandlung und hier gibts vorher auch noch ne Geschichte – eine bewusste Entscheidung.

      Und gerade, was da mit Lara Logan passiert ist, ist ein „wir zeigens der westlichen Hure mal so richtig“. Und nix anderes.

      Es geht, wie immer bei solchen Angriffen, mal wieder nur um Macht.
      „Warum tust du das?“
      „Weil ich es kann“

      Nicht entschuldbar. Und vor allem nicht die Schuld der Reporterin. Prügeleien mögen noch durchgehen. Sie sind geschlechtsneutral und gehören – leider – zum täglichen Brot eines Reporters, der in einer Gewaltzone steckt und daraus berichtet.
      Aber sexuelle Übergriffe finden ausschließlich gegen Reporterinnen statt. Und die sind durch nichts entschuldbar. Und die in Frage kommende Reporterin hat da auch definitiv keinerlei Schuld.

  3. Mal abgesehen davon, dass in Ägypten möglicherweise mehrere Punkte völlig anders gesehen werden als bei uns, wird gern von genau hundert Prozent Schuld ausgegangen, die irgendwie zu verteilen sind oder bei einem der Beteiligten landen. Richtig ist, dass man keine Zweidrittelverbrechen begehen kann. Richtig ist auch, dass ein Geschädigter die gegen ihn gerichtete Tat begünstigt haben kann. Wohlgemerkt: Begünstigt, nicht mitbegangen. Und so etwas kann auch Folgen haben. Der Ausdruck „Mitschuld“ ist aber wohl ein bisschen irreführend, den lässt man besser im Reich der Verkehrsunfälle.

  4. Das Leben ist doch nicht schwarz-weiß.

    Wenn ich mich in ein Krisengebiet begebe, wo auch noch klar ist, dass dort andere ethische Ansichten vorherrschen, muss ich mich nicht wundern, wenn meine Maßstäbe keine Geltung haben.

    Natürlich ist es aus unseren moralischen Vorstellungen einfach falsch, was in diesem Fall passiert ist. Aber sie ist dieses Risiko bei vollem Bewusstsein eingegangen. Wer sich in Gefahr begibt, kann darin auch umkommen.

    Wirklich nachvollziehen kann ich diese Tat allerdings auch nicht. Selbst mit allen möglichen „Entschuldigungen“ für die Täter, ist wohl eher davon auszugehen, dass diese die Situation ausgenutzt und ihre „Regeln“ nach männlichem Wahn ausgelegt haben.

    Sie ist sicher das Opfer. Allerdings muss sie sich des Risikos auch bewusst gewesen sein. Ansonsten wäre sie schon ziemlich naiv.

    • Sie ist sich *sicher* des Risikos bewusst gewesen, dass sie verprügelt wird. Oder dass sie in Schlägertrupps gerät und dort verdroschen wird.

      Das passiert männlichen Reportern auch andauernd. Das ist tatsächlich sowas wie Berufsrisiko.

      Aber ne Vergewaltigung ist hier deutlich ein anderes Thema. Und guck doch bitte mal in die konservative amerikanische Presse und in deren Blogs – die weisen komplett die Schuld ihr zu. Und faseln noch was davon, dass sie doch Mutter sei und an ihre Kinder überhaupt nicht gedacht habe.

      Dass der Vater da durchaus vorhanden war und auf die Kleinen gut acht gegeben hat…das fällt untern Tisch.

      • Sorry, aber die amerikanische Presse und so einiges andere in den Staaten nehme ich nicht ernst. Mit deinen Hinweisen bestätigst du da meine Ansichten auch mal wieder.

        Trotzdem muss sie sich gerade als Frau dieses besonderen Risikos in so einer Gegend bewusst sein. Ich bedaure die Frau zutiefst und sehe in ihr auch das Opfer. Aber gerade in Krisengebieten sind Vergewaltigungen nicht sowas ungewöhnliches (jedoch durchaus verwerflich). In Krisen- und Kriegsgebieten gilt sehr oft die Macht des Stärkeren, da es nur eine schwache Kontrollinstanz (Polizei, Militär o.ä.) gibt. Und in der Regel sind Frauen schwächer als Männer und daher eben auch Ziel. Männer kann man nicht so einfach vergewaltigen. Mit Frauen ist das schon einfacher. Hinzu kommt in diesem Fall noch die besonderen Ansichten zu (ungläubigen) Frauen in der Region.

        Nach meiner Meinung ist sie ein unnötig hohes Risiko eingegangen. Mein Mitgefühl hat sie trotzdem und ich hoffe, dass sich an diesen merkwürdigen Ansichten irgendwann mal etwas ändert.

  5. Mal so eine Frage: Wer sagt denn „selbst schuld“? Jedenfalls nicht der verlinkte Wikipedia-Artikel und auch nicht die CBS-News dort in der Fußnote.

    Aber wie dem auch sei, natürlich hat der Täter Schuld, nicht das Opfer. Aber – mal weg vom konkreten Vorfall – man sollte doch auch irgendwo nach einer Eigenverantwortung fragen dürfen. Um es plastisch zu sagen: Würde die Dame sich in Teheran ohne Kopftuch auf die Straße stellen und das Mikrofon zücken? Und sich dann beschweren, wenn die Mullahs sie deshalb in den Bau werfen? Würde sie aus 2 Metern Entfernung vom Bombenräumkommando berichten, das gerade ein Minenfeld entschärft? Und was sagt sie, wenn eine Mine hochgeht?

    Wer die Gefahr sucht, kommt darin um, wie es so (un)schön heißt. Unsere ganze Medienlandschaft schaukelt sich derart hoch, dass interessante Nachrichten eigentlich nur noch solche sind, bei denen der Zuschauer – und erst Recht der Reporter – „das Pulver schmecken kann“. Da reicht es nicht mehr, einfach nur im Bild zu stehen mit der Hauptstadt im Hintergrund, nein, heutzutage muss sich der Reporter mitten rein stellen. Auf der Seite der Medien und des Zuschauers ist es Sensationsgier und Voyeurismus. Aber auf der Seite des Reporters ist es eben auch Profilierungssucht. „Hey, schaut mal, ich trau mich näher ran als mein Kollege vom anderen Sender“.

    Und genau das, diese Einstellung, ist es, was mich am Selbstverantwortungsgefühl der Reporterin zweifeln lässt. Würde jemand von uns seine Gesundheit oder sein Leben für seinen Job bzw. höhere Einschaltquoten riskieren? Also ich jedenfalls nicht.

    Sicher sind Übergriffe, insbesondere sexuelle Übergriffe, durch nichts zu rechtfertigen. Aber mein Unverständnis für ein derart (selbst-)verantwortungsloses Verhalten der Reporterin steht eben auf der anderen Seite. Mitschuld? Nein, soweit gehe ich nicht. Aber eine Mitverantwortung trägt sie.

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