Das Gesicht der Katastrophe


Es ist leicht,  Emotionen von einer Katastrophe fernzuhalten. Es ist leicht, entsetzt zu sein, aber eben nicht wahrnehmen, was das für die Leute eigentlich wirklich bedeutet. Es ist alles zu groß, als das zumindest mein Verstand das aufnehmen und realisieren könnte.

Und dann kommt bei jeder Katastrophe der Moment, wo einen genau das einholt. Wo alles ein Gesicht bekommt. Wo das Große heruntergebrochen wird auf das Kleine und begreifbar wird. Stellvertretend für die vielen Toten, Vermissten und auch der Hinterbliebenen.

Bei mir war es das Video der Tagesschau. Wo ein Mann, nur mit einem Fahrrad ausgerüstet, seine Frau suchte. An sein Fahrrad hat er ein Schild mit dem Namen der Frau befestigt. Und er zeigt Fotos rum. Ob denn nicht *irgendjemand* seine Frau gesehen hat? Hoffnungsvoll mit jeder Frage, um dann doch noch enttäuscht zu werden.

Er sucht sie. Ungeachtet der Tatsache, dass die Chancen verschwindend gering sind. Denn offenbar ist ihm nicht mehr geblieben. Ich werde vermutlich nie erfahren, ob er sie finden wird. Ich wünsche es ihm.

Das Gesicht einer Katastrophe – für mich eins der stärksten Bilder dieser Katastrophe. Und sie lenkt den Blick zurück auf die Menschen, weg von dem Kraftwerk.

Sie haben es verdient.

Veröffentlicht am 14. März 2011, in Allgemein. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 10 Kommentare.

  1. *Tränewegzwinkernd*

  2. Du bist fies. Bis eben konnte ich das noch verdrängen.

  3. Ich muss zugeben, dass ich sehr vorsichtig dabei bin, mir die menschliche Seite genauer vorzustellen.
    Da geht einer morgens aus dem Haus zur Arbeit und dann ist nicht nur das Haus weg, sondern auch die Straße, die Nachbarn, das Stadtviertel, die ganze Stadt. Keine Erinnerungsgegenstände, nur noch das, was man mit sich hatte. Auf der Suche nach Familie, Freunden, Nachbarn.
    Und das nicht nur einmal, sondern tausendfach.
    Die Vorstellung läßt mich schaudern und weckt in mir den Wunsch mir meinen Mann ans Handgelenk zu ketten und andere geliebte Menschen nicht mehr aus den Augen zu lassen.

  4. Auch diese Satellitenbilder von vor und nach dem Tsunami sind unglaublich – die eine Küstenstadt, die da wechgewischt wurde, ist so groß wie die Stadt, in der ich aufwuchs (ca 20.000 Einwohner). Da ist fast nichts mehr von da – einfach weg! Da sind zwei oder drei Gebäude stehen geblieben, der Rest ist einfach wech. Man stelle sich das vor: in einem Moment gehen die Leute noch zur Arbeit, schlabbern ’nen Kaffee, unterhalten sich und im nächsten Moment wird all das weggeschwemmt.
    Und es gibt ja mehrere solcher Bilder/Orte.
    Der arme Mensch, der seine Frau sucht, wird sie hoffentlich bald finden – und sei es nur, dass er weiß, dass sie ihm genommen wurde, kann man besser mit klarkommen, als mit der Ungewissheit.

  5. das (leider sehr konkret existierende) Gespenst ist leider mächtiger, aber Du hast Recht, dass die Menschen um die Zunami-Katastrophe ein massives Recht haben, dass man auch sie wahrnimmt (mehr kann man von hier aus ohnehin leider nicht tun).
    Wer jedoch ebenfalls nicht in Vergessenheit gelangen sollte, sind die Menschen, die in den AKW verzweifelt versuchen, zu retten, was überhaupt noch zu retten ist.
    .. sicherlich im Bewusstsein eines schrecklichen Todes.

    • Hajo, es sind so unglaublich viele Facetten an dieser Katastrophe, dass man unmöglich alle wahrnehmen kann.
      Für mich ist es so, als ob man aus einem sehr hellen Raum in die absolute Dunkelheit blickt. Man kann nur das wahrnehmen und seine Aufmerksamkeit darauf lenken, wo zufällig gerade der Strahl der Taschenlampe hinfällt.

      Für mich war der Lichtstrahl, der etwas erhellt dieser Mann, der seine Frau suchte. Und wenig später dieser vielleicht 16jährige Junge, der zur Schule ging und jetzt verloren auf den Trümmern seines Elternhauses saß, in dem Bewusstsein, dass er ganz alleine ist. Alle anderen sind tot.

      Ein anderer Lichtstrahl ist in der Tat die Arbeit der Ingenieure in Fukushima. Ich weiß nicht, ob wir je erfahren werden, was für Anstrengungen unternommen wurden, weit jenseits aller Leistungsfähigkeit, um die Reaktoren doch noch zu retten.

      Aber wenn ich mir die Pressekonferenz ansehe, wenn ich sehe, wie schon die Pressesprecher am Ende ihrer Kraft sind, dann kann man vielleicht ein bisschen extrapolieren, wie es vor Ort aussieht.

      Fukushima – für mich ist das der Anfang vom Ende der Atompolitik. In den USA fangen die Diskussionen auch an. In Frankreich wurde die eine Ministerin sehr wütend, als die Frage nach der Sicherheit der Kraftwerke gestellt wurde. Aber ich glaube, auch die französische Regierung muss lernen, dass die Atomkraft am Ende ist.

      Und je eher, je besser.

      Und ich suche immer noch die richtigen Worte, um damit umzugehen. Es wirkt alles so klein, so erbärmlich angesichts dieser Katastrophe. 😦

  6. Recht hast Du Tante, recht hast Du.

  7. Und dann gibts da noch unsere tollen Nachrichtenagenturen, die im Newsticker schreiben:
    „Bei Fukushima seien Radioaktivitätswerte von bis zu 400 Millisievert pro Stunde gemessen worden, meldete die Agentur Kyodo. Am Morgen lag der Wert noch bei mehr als 8000.“ (Quelle: 20min.ch)

    Ehm, hallo? 8000 *Milli*sievert (=8 Sievert/h) sind gemäss Wikipedia ziemlich problematisch, ja tödlich innert kurzer Zeit. Wenn die hingegen 8000 *Micro*sievert meinen (was ich vermute) kommt das schon eher hin.
    Andere Quellen nennen die 400 mSv/h als bishherigen Höchstwert, was auch nicht auf die leichte Schulter zu nehmen ist, aber wahrscheinlich eher hinkommt…

    • Bei 8 Sievert lebt nichts mehr, bzw. nicht mehr lange. Das wird eine Fehl-Information sein.

      Die Jahresbelastung für Leute, die mit Strahlung arbeiten (Fachbegriff: beruflich, strahlenexponierte Personen), ist 20 mSv/a. Bei 400 mSv/h … das kann jeder von euch selbst ausrechnen, wenn ihr Spaß daran habt.

      Im Mittel haben wir in D eine Belastung von 4 mSv/a. 400 mSv/h sind da schon dramatisch und wird erhebliche, gesundheitlich Folgen haben.

      Achso, für Personen, die nicht mit Strahlung zu tun haben, also der Normalbürger, gilt ein Grenzwert von 10 mSv/a. Wer also häufig zum Röntgen muss, sollte mal nach einem Röntgenpass fragen, damit man nicht durch die Untersuchungen anderen Gefahren ausgesetzt wird.

      • Lustig find ichs ja, wie die Schlagzeilen von 10facher oder sogar 22facher Strahlenbelastung in Tokio berichten und dann bei Messwerten sich mal so eben um den Faktor 1000 irren…

        Die 10/22x Strahlenbelastung in Tokio geht zwar schon einiges über den von dir genannten Grenzwert für Normalbürger (10mSv/y), ist aber angesichts des Ausmasses der aktuellen Ereignisse nicht weiter verwunderlich.
        Und glaubt man der englischen Wikipedia (Artikel „Sievert“), überschreitet ein Raucher seinen Grenzwert für Normalbürger permanent: „Smoking 1.5 packs/day = 13 mSv/year“

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