In weiter Ferne?


Der zweite Weltkrieg – er ist lange her. Ich denke mal, dass alle, die hier mitlesen, die Geschehnisse nicht aus erster Hand kennen. Die meisten noch nicht mal aus zweiter oder dritter.

Deutschland war nach dem Krieg am Boden. Moralisch und technisch. Die Städte waren Trümmerlandschaften, es gab Hungersnot. In den Feuerstürmen von Dresden sind unzählige umgekommen – ich halte es für Geschichtsklitterung, wenn man da von 14.000 Toten spricht. Dresden war voll von Flüchtlingen, als es abgefackelt wurde.

Ich will das nicht bewerten, „sachlich“ bewertet worden ist in der Vergangenheit sehr vieles. So unglaublich sachlich, dass das Grauen, was Krieg bedeutet, was Katastrophen bedeutet, in den Hintergrund gedrängt wurden. Und ich gestehe, dass ich mich zum ersten mal mit einem Artikel richtig schwer tue, um die Aussage hinzubekommen, die ich treffen will.

Denn wenn ich mir die Berichte ansehe: Sie sind *alle* geprägt von Hysterie, Selbstsucht und vorgetäuschtem Mitleid. Denn immer schwingt unausgesprochen die Frage mit „was bedeutet das für uns hier?“. Alles wird beleuchtet vor dem Hintergrund, ob es *UNS* gefährden könne.

„Katastrophe“ wird von einigen wohl übersetzt mit „Verdammt, ich krieg meine Playstation jetzt nicht mehr“. Und ja, da beziehe ich mich auf einen Bekannten, der die „Japsentechniker“ genau dafür verflucht. Dass sie das Atomkraftwerk nicht im Griff hatten und er jetzt auf seine Sachen warten muss, weil nix mehr produziert wird. Er war richtig erstaunt, als ich ihm fast den Hals umgedreht hab.

Was die Menschen in Japan bereits verloren haben und was sie noch verlieren werden, was die Katastrophe, die eine ähnliche Trümmerlandschaft zurückgelassen hat, wie sie sonst nur ein Bombenteppich schafft, kann man ein Stück weit erfühlen, wenn man sich ein Video aus dem Mainzer Karneval ansieht.

Der Sänger war sein Leben lang ein bescheidener Mann, so wie die meisten seiner Generation. Ihnen wurde die Demut mit Bomben eingehämmert und sie haben ihre Lektion gut gelernt.

Sein Name war Ernst Neger.

Das Video ist nicht vollständig, aber mir geht es weniger um das Lied als um die Menschen, die es hören. Sie sind von unserer Großeltern-Generation. Sie haben erlebt, wovon er singt. Und man sieht es ihnen an. Nicht wenige kämpfen mit den Tränen. Wer es vollständig hören will, kann das hier tun.

Wir haben soviel zu verlieren. Und wir tun alle so, als würde es uns gar nicht betreffen. Und wir blenden das Leid mal wieder aus, wie jedesmal, wenn wir hilflos vor einer Sache stehen, die wir nicht ändern können.

Seht hin. Und nehmt wahr, was die Leute damals fühlten – und was sie heute wieder fühlen sollten, aber oftmals nicht tun. SEHT HIN. Und seht nicht nur mit den Augen.

Das sollte man auf so vielen Gebieten endlich wieder tun.

Veröffentlicht am 18. März 2011, in Allgemein. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 8 Kommentare.

  1. Tantchen, Du nimmst Dich da aber einem Thema an, das grundsätzlich vielen Ereignissen zugrunde liegt (Haiti, Sahel-Zone und all die vielen Krisenzonen).
    Fast verfluche ich unsere heutige in aller Richtung vernetzte Zeit.
    Wer kannte denn noch zu Beginn des vorigen Jahrhunderts die Nachbarstaaten (mal von gewissen „Feind-Staaten“ abgesehen und auch die kannte nicht wirklich jemand)?
    Aber ist nicht Egoismus eine Eigenschaft, die uns die Natur mitgegeben hat?
    Und warum, denkst Du, hat der Mensch die Eigenart (auch von der Natur mitgegeben), schlechtes/schlimmes zu verdrängen und ggf. auf einen fernen Festplatte abzulegen?
    Klar müssen wir jetzt helfen, zumal es uns doch (noch) sehr gut geht! Bedauerlicherweise hat es sich in der Vergangenheit oft gezeigt, dass die Hilfe nicht immer dort angekommen ist, wo sie hin sollte.
    Nichtsdestotrotz: Hilfe ist nötig, dringend nötig, aber man muss sich schon vorher gut informiereren (aber nicht zu viel Zeit lassen!!!), an welche Organisartion man das (meist sauer verdiente) Geld spendet. Nur so als Denkanstoss!
    Liebe Grüße (von einem Mac – wenn auch nicht unbedingt aus Überzeugung 😉 )
    Hajo

  2. „Bescheidenheit ist eine Gier“

    Du kannst doch nicht wirklich von heute lebenden Menschen (zumal wenn sie in Deutschland leben) erwarten, dass sie auf _irgendetwas_ verzichten – in einem Land, da selbst die Ärmsten noch leben wie Fürsten, verglichen mit vielen Menschen in anderen Ländern (Libyen, Ägypten, Jemen, Indien, China fallen mir da spontan ein). Wo Sachen, die kleinste Macken haben in den Müll wandern! Wo angeknickte (ansonsten intakte) Getränkepackungen nicht im normalen Verkauf landen (aber häufig später zur Tafel gehen). Und wehe einer der Kekse in der Packung ist „defekt“ – böse möse, gleich umtauschen. Oder – ach je – die Plastiktüte hat ’n Eselsohr – nö – die nehm‘ ich nich‘!

    Naja – ich hör‘ lieber auf, sonst schreib ich mich noch in Rage.

    😀

  3. Manche werden’s nicht mehr verstehen, aber Ennnst Neescher lässt mich ein klitzkleines Tränchen verdrücken, ich hab das Lied früher ganz oft gehört, und es war fast immer so.

    Ich denke, wir können und sollen mit_fühlen_, mit_leiden können wir nicht, es würde auch nicht nützen.

    Was die Hilfe betrifft: Hier ist rationales Denken und Handeln gefragt. Wir können den Menschen mit Expertenwissen und -rat, mit technologischer Hilfe und ggf. auch mit Geld zur Seite stehen und sollten dies auch unbürokratisch und schnellstmöglich tun, _wenn dies von den Empfängern so gewünscht wird_. MEHR können wir nicht tun, aber das ist auch genug.

    Was nicht helfen wird, ist eine künstliche Emotionalisierung, wie z.B. die schon gestartete Heldenverehrung der 50 verbliebenen Kraftwerksmitarbeiter als Menschen, die dort im Angesicht des sicheren Todes ausharren, um Japan zu retten. Ob und was ihr Einsatz für Folgen für sie haben wird, wird man wissen, wenn die Geschichte vorbei ist. DANN können ihre Landsleute und ggf. auch wir ihnen immer noch unsere Referenz erweisen, und DANN solten wir es auch tun, Meine Respekt haben sie unabhängig davon bereits jetzt. Aber den haben auch die vielen, vielen anderen auch, die bei unter Null in Notquartieren ausharren, die diszipliniert Energie sparen, um die Versorgung nicht zusammenbrechen zu lassen (ob das hier z.B. in Frankfurt auch so wäre?) , die buchstäblich alles verloren haben und weiterleben und -arbeiten (müssen) und die vielen anderen, die man nicht einzeln benennen kann….

    …. und die, die gerade dabei sind einen Despoten zum Teufel zu jagen, und so lange auf die erbetene Unterstüzung warten mussten.

    • Ich will nicht künstlich emotionalisieren, aber mir kommt die ganze Diskussion so gespenstisch vor. Man unterhält sich darüber, als ob es einen nicht selbst beträfe – und das tut es doch in so vieler Hinsicht. Bloß nichts an sich herankommen lassen, bloß nicht zugeben, dass man doch betroffen ist.

      Ich weiß, dass „betroffen“ so ein beschissenes Wort ist, weils nicht das richtige ausdrückt. Ich will nicht, dass man jetzt hysterisch Geigerzähler kauft. Aber ich möchte schon die Leute ein Stück weit dazu bringen, dass man sich vergegenwärtigt, was wir denn alles zu verlieren haben, wenn so ein Kraftwerk bei uns mal in die Luft fliegt.

      Und dass es noch nicht dazu gekommen ist, ist meines Erachtens purem Glück und nicht irgendwelchen superduper Ingenieursleistungen zu verdanken.

      Aber die Demos machen mich doch ein wenig hoffnungsfroher diesbezüglich.

      • „Und dass es noch nicht dazu gekommen ist, ist meines Erachtens purem Glück und nicht irgendwelchen superduper Ingenieursleistungen zu verdanken.“
        Sicherlich haben wir Ingenieure auch nicht die Weisheit mit Löffeln gefressen, aber wenn Du mal die Historie betrachtest, war nicht diese Gruppe die Ursache, sondern Verbrechen wie Korruption und Mauschelei von Börsen-hörigen Kreaturen!

        • OK, der Punkt geht eindeutig an dich 😉

          Und ich hab vergessen, dass die Ingenieure die Praktiker sind, die ja durchaus feststellen und die Physiker diejenigen sind, die „Machbarkeitsstudien“ mit „Wahrscheinlichkeitsrechnungen“ kombinieren und dann aus der Schnittmenge ein „Restrisiko“ bilden.

      • Nee, das mit der Emotionalisierung ging auch nicht an Dich, sondern an die regelmäßig auftretenden Merkwürdigkeiten z.B. in Facebook. Und Betroffenheit ist ja vollkommen ok, auch wenn wir (im Moment) nicht selbst betroffen sind, sind wir doch auf eine adnere Art Betroffen.
        Ich möchte nur nicht, dass die Anliegen der Kernkraftkritiker durch solche Auswüchse und andere unüberlegte Schnellschüsse aus der Hüfte (hier auch der andere Thread) in Misskredit gebracht werden, denn ich sehe durchaus die Manager der Energiekonzerne bereits die Hände reiben und die Messer wetzen. Die selbst haben zwar auch nicht unbedingt mehr Ahnung, aber sie haben das größere Knowhow auf ihrer Seite (was im übrigen ebenfalls tragisch ist). Und DEREN Experten sind wesentlich besser darin, die harten Fakten entsprechend ihren Interessen in die richtige Richtung zu biegen, denn DIE wissen genau Bescheid.

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