Häppchenweise


Anders kann man die Informationspolitik in Japan gerade nicht beschreiben.

Häppchenweise kommen die Details ans Licht. Die extrem erhöhte Strahlung, die furchtbaren Geschichten über die „Wegwerfarbeiter“, Leiharbeiter von Drittfirmen, die mal eben in einem Abklingbecken tauchen geschickt werden, offenbar ohne sie darüber zu informieren, was in dem Becken da genau abgeht.

Tepco versucht Arbeiter da rauszuholen, weil die gefährdet sind. Und hat Richtlinien erlassen, wie lange die Leute da arbeiten dürfen: Aber das gilt alles offenbar nur für die eigenen. Leiharbeiter haben leider nicht soviel Glück und folgerichtig sind auch alle Berichte über verstrahlte Arbeiter gerade Berichte über Arbeiter von Drittfirmen.

Aktuell gibt es Berichte über Strahlquellen, die 10 Millionen mal höher sind als die natürliche Strahlung. Sie kommt aus Reaktorblock 2, der die größte Explosion hinter sich hat.

So bewundernd wie sich aktuell viele über die „besonnene“ Berichterstattung in Japan äußern: Etwas mehr Penetranz bei den Nachfragen hätte gutgetan. Ohne Klugscheißen zu wollen (naja, ok, vielleicht doch): Nach der Explosion von Block 2 wurden die Stimmen, die sagten, dass das wie Tschernobyl aussah, sofort überbrüllt von denen die sagten „man kann noch nichts mit Genauigkeit sagen, weil man nicht nah genug rankommt“. Berichte über freiliegende Brennstäbe wurden sofort dementiert und wegdiskutiert.

Aber das kann man nicht, die Realität holt einen immer ein. Inzwischen gibt selbst die japanische Regierung angesichts der unglaublich hohen Strahlungswerte auf See und an Land zu, dass Block 2 offenbar offenliegt. Und dass das Seewasser, was dort draufgekippt wird, die Dinge wohl noch beschleunigt hat. Salzwasser scheint getrocknet zu sein und die Salzkristalle haben sich an den Brennstäben niedergelassen. Und die weitere Kühlung erschwert, so dass man jetzt mit Süßwasser kühlt.

Die Beschwichtigungsversuche fallen in Japan den Behörden gerade voll auf die Füsse. Strahlung läßt sich nicht wegdiskutieren. Und sie ist unbeeindruckt von den Versuchen, mittels Neusprech eine andere Deutung zuzulassen.

Ich weiß aktuell nicht, wie man angesichts der Werte überhaupt noch von einer „teilweisen“ Kernschmelze ausgehen kann. Ich hoffe wirklich, dass die sich vor Ort bewusst sind, dass man eher von einer vollständigen Kernschmelze in mindestens 2 Blöcken ausgehen muss und dass man entsprechend handeln muss.

Auch die These, dass sich die Radioaktivität im Wasser besser verteilt und verdünnt, scheint so nicht mehr haltbar.

Fukushima wird direkt keine Auswirkungen hier auf uns haben – außer vielleicht der endlich durchzusetzenden Erkenntnis, dass die Dinger sofort und ohne Umwege komplett in jedem Land abgeschaltet werden müssen.

Tschernobyl, Fukushima – welches Kraftwerk geht als nächstes hoch?

Und nein, das ist keine Panikmache. Die Gefahren sind da durchaus real. Und die Protagonisten sind durchweg von einer Kaltschnäuzigkeit, die beängstigend ist. Sowohl hier als auch in Japan

Veröffentlicht am 27. März 2011, in Allgemein. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 10 Kommentare.

  1. Wenn ich mich nich‘ irre, dann haben die das ganze doch auf Stufe 4 (oder war’s doch 5) auf dieser Skala für nukleare Unfälle eingestuft. Da geht’s IMHO um die Menge an nuklearen Spaltprodukten, die freigesetzt wird. Wenn ich mir die Chose jetzt so anschaue, dann haben wir da ’nen SuperGAU und mindestens Stufe 6 von 7, wenn nicht Stufe 7 – bei dem Scheiß, der da schon rausgekommen sein _muss_.

    Kommt also ganz nah an Tschernobyl ran – bloß dasses nich‘ in Europa ist, wo mehr als ein Institut messen tut – daher wird man’s nie genau erfahren!

    Aber das kennen wir ja schon – auch von hier: nur zugeben, was nicht mehr geleugnet werden kann – bloß nichts sagen, was noch keiner weiß. Und auf gar keinen Fall die Schuld bei sich selbst suchen.

    • Nein, der Unfall ist schon auf Stufe 6 eingestuft – drüber gabs bislang nur einen Unfall, das war Stufe 7 und betraf bislang nur Tschernobyl.

      Nach dem, was bislang bekannt geworden ist, tippe ich darauf, dass der Unfall auch noch hochgestuft wird. Dass der noch nicht Stufe 7 ist, ist meines Erachtens derzeit eher der politischen Situation geschuldet als einer Einschätzung der Realität.

  2. Ein Glück, dass wir alle von der EU beschützt werde und damit keine Radioaktivität hier rüber kommt. Na dann, guten Appetit:

    http://www.rhein-zeitung.de/regionales_artikel,-Conrad-Nicht-Grenzwerte-fuer-japanische-Lebensmittel-erhoehen-_arid,224496.html

    • Jetzt muss die EU nur noch die Toleranzwerte aller Bürger gegenüber Radioaktivität erhöhen dann schadet es uns auch nix =^.^=

    • Na super – japanische Gesundheitszertifikate für die dort getesteten Lebensmittel. Warum beruhigt mich das jetzt so gar nicht…? 😦

  3. Tantchen, dat Du ümmer so „pissimistisch“ bist!
    Dat Licht in den Kontrollräumen brennt doch wieder… 😉
    Also, es geht aufwärts.

  4. Mir blieb heute früh das Brötchen fast im Schlund stecken, als ich von der „kurzzeitigen“ Kernschmelze im TV hörte … Donnerwetter, aber ich hab´s ja immer gewusst, die japanische Atomlobby erfindet die dortige Atomphysik neu! Da können sich unsere AKW-Betreiber ja noch nen ordentliches Stück Sushi von abschneiden!

    • Bei der „vorübergehenden“ Kernschmelze hab ich auch heute gedacht, mein Schwein pfeift. Alles, bloß nicht zugeben, dass man da einen mehrfachen Super-GAU hat.

      Die Strahlung WAR so hoch wie ursprünglich gemessen, die Techniker sind da nicht umsonst fluchtartig abgehauen. Nur, weil mans um den Faktor 10 runterlügt, heißt das doch nicht, dass da nix ist.

      Und auch die Strahlung die da im Wasser ist, ist nicht von schlechten Eltern. Das ganze läßt sich wirklich nur noch mit freiliegenden Brennstäben erklären.

      Na dann Prost Mahlzeit. Die EU hat ja erstmal die Grenzwerte für Strahlung in Lebensmitteln erhöht.
      Unsere Steuergelder bei der Arbeit…

  5. Naja, komplette Kernschmelze oder teilweise ist ja eh mal nicht so der Punkt. Ob der Kern zu 30, 50, 90 oder 100% schmilzt, die Freisetzung radioaktiven Materials ist dann schon immer wahrscheinlich. Jedoch ist natuerlich die Chance umso hoeher je mehr da zur Metallschmelze wird, da es dann umso schwerer kuehlbar ist. Ein Metallpool hat eben eine kleinere Oberflaeche als viele Staebe. Dazu kommt, das dann ausser mit Bor etc. reinkippen das ganze auch schlecht moderierbar wird.

    Mit der Meerwasserkuehlung ist es so, das sie funktioniert, nur lagert sich halt mit der Zeit das Salz an (so wie dein Teekocher zukalkt) und irgendwann ist dann Sense mit kuehlen. „Schlimmer“ macht es erstmal nichts, man kann es nur nicht allzu lange machen. Korrosion macht dann auch den nicht geschmolzenen Restkern (bzw. die Brennelemente im Lagerbecken) unbrauchbar. Das heißt mehr Sauerei beim Recyclen bzw. Demontieren des Ganzen am Ende.
    Salz laesst sich aber auch wieder ausspuelen, wenn man denn dann irgendwann die Suesswasserkuehlung um Laufen gebracht hat.

    • Ich bin – leider – kein Physiker. Kern schon gar nicht.
      Ich lese mir das alles nacheinander an – nicht auf Expertenniveau. Und such mir halt Quellen dazu. Scienceblogs ist eine Quelle. Und viel steht hier auch in den Kommentaren, das zumindest für mich hochinteressant ist. 😉

      Das Problem, was ICH gerade sehe, ist diese Schnitzeltaktik von TEPCO und der japanischen Regierung. Ich weiß nicht, wie du das siehst, aber ich würds ehrlicher finden, wenn man jetzt hingeht und sagt: „Ähm, sorry, aber die Dinger sind durch. 1 und 2 auf jeden Fall, bei den anderen wissen wirs nicht genau. Was wir grad noch machen, ist Schadensbegrenzung, mehr bleibt leider nicht.“

      Denn so siehts doch momentan aus: Reaktor 2 ist freiliegend, die ersten Berichte gabs imho schon vor über einer Woche darüber, als ein Helikopter sich das mal angesehen hat. Was da hochgegangen ist, war nicht das Außengebäude sondern offensichtlich das Containment.
      Ich kapier ja inzwischen, dass keine Sau genau weiß, was da abläuft, eben weils keiner sehen kann. Man kommt nicht nah genug heran um zu gucken, Meßgeräte existieren nicht mehr und Kameras konnte man noch nie einsetzen, weil die harte Strahlung die einfach ganz schnell kaputtmacht, selbst in funktionierende Reaktoren. Also ist man auf Rückschlüsse aufgrund der Strahlenwerte angewiesen – und HIER kommt jetzt das menschliche Element ins Spiel: Man WILL nicht, dass die Dinger offen liegen also sucht man jeden, aber auch jeden noch so kleinen Strohhalm, um leugnen zu können, dass der Super-GAU bereits stattgefunden hat.

      Man möchte noch nicht mal an die Möglichkeit denken – daher ja jetzt auch die Begriffe „Vorübergehende Kernschmelze“ – bei dem Oberbegriff dachte ich, mein Schwein pfeift. Wie soll ich mir das vorstellen? Brennstab denkt sich: „mhm, mir is grad bisschen heiß, ich geh mal bisschen schmelzen, wenns kühler wird hör ich damit auf und werd wieder zum Brennstab“?

      Man packt sich bei sowas doch an den Kopf…und den Idioten, die sowas verbreiten soll man noch *irgendwas* glauben??

      Selbst wenn die das jetzt runtergekühlt kriegen: Die können meiner Meinung nach den ganzen Komplex nur noch einsargen in einen Betonsarg und hoffen, dass der 200.000 Jahre hält. Mehr nicht mehr.

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