Die Angst vor den Grünen


Ich gestehe, manche Leute verstehe ich nicht.

Journalisten z.B. sind manchmal so weit von den Realitäten weg, dass man meint, die leben auf einem anderen Planeten.

Aktuell gehts um die Süddeutsche Zeitung. In Baden-Württemberg geht ja jetzt das bürgerliche Schreckgespenst eines grünen Ministerpräsidenten um. Man kann es direkt vor sich sehen, wie die guten Schwaben, die brav immer CDU wählen, die Nase rümpfen, als hätten sie Abfall vor sich und mit hoher Stimme angewidert sagen: „Ein Grüüüüüüüüüüner…. ihhh…jetzt gehts bergab mit dem Ländle“.

Denn nur die CDU ist weise genug, dafür zu sorgen, dass es im Ländle allen gut geht. Das war schon immer so und sollte auch immer sein. Aber jetz? Ein Grüner, oh Himmel.

Willfährige Wasserträger dieser „wir haben schon immer CDU gewählt und noch nie ist was schlechtes bei rumgekommen“-Fraktion, die die diffusen Ängste weiter schürt, sind, wie immer, die Journalisten.

Aktuell ist es einer der Süddeutschen Zeitung. Wenn das Satire wäre, hätte man drüber lachen können, allein: Ich glaub, der meint das ernst.

Alleine schon die abstruse Vorstellung, dass ein grüner Ministerpräsident das Porschewerk schließen lassen müsste, weil die Porsches so umweltfeindlich sind – und die Unterstellung von Heuchelei, wenn er das nicht tut, sind schon so unglaublich weltfremd und abseits jeder Realität, dass man sich fragt, ob der Autor noch ganz nüchtern ist.

Das ist auch so dermaßen lächerlich, dass man es nur mit den Ängsten von Spießern zu tun haben kann, die Umweltschutz als Zerstörung der Arbeitswelt begreifen. Und nicht als Chance, neue Industriezweige zu eröffnen und neue Forschungsgebiete, die unser Leben letztlich besser gestalten. Und diese Unterstellung geht natürlich auch an allen Realitäten vorbei: Seit wann kann eine Regierung beschließen, dass ein Privatwirtschaftlich organisiertes Werk geschlossen wird? SO groß sind die Eingriffsmöglichkeiten da ja nu nich. Und 7500 Arbeitsplätze wird auch ein grüner Ministerpräsident nicht so einfach riskieren. Angekommen, Süddeutsch? Ja? OK, dann weiter im Text.

Ich zitiere:

Der global verbreitete urbane Lebensstil ist durch die Ökologie insgesamt in Frage gestellt: Mobilität durch Bildung, Pendelverkehr und Flugreisen, kapitalistische Produktvielfalt, Ästhetik des Konsums, Partizipation durch Wohlstand, leuchtende Städte, Massenmedien, der riesige Stromverbrauch des Internets, beheizte Wohnungen und warme Duschen – all das steht auf dem Spiel oder müsste massiv eingeschränkt werden, wenn die Gesellschaft tatsächlich radikal auf Nachhaltigkeit umgestellt würde.

Äh, whut? Das heißt, wenn alles auf Nachhaltigkeit umgestellt wird, wird im Winter nicht mehr geheizt und wir müssen alle kalt duschen? Und das Internet und die Straßenbeleuchtung wird ausgeknipst?

DAS ist doch mal eine herbe Vereinfachung unserer aktuellen Probleme. In der Tat ist eine der Hauptfragen, wo wir genügend Energie herbekommen, damit uns nicht eines Tages die Lichter ausgehen.

Und Windkraft, Solarstrom und Erdwärme sind hier durchaus mögliche Antworten in einem umfangreichen Energiemix der Zukunft. Die nicht von Atomstrom abhängig wird und wo auch die Kohlekraftwerke nach und nach abgeschaltet werden müssen. Es ist dringend notwendig, weltweit die Energieerzeugung auf neue Beine zu stellen, die Forschung voranzutreiben und Alternativen aufzuzeigen. Daneben ist aber auch eine Neuausrichtung unseres Verhaltens erforderlich.

Man muss nicht mit dem Auto zum Briefkasten um die Ecke fahren. Man muss nicht alle Geräte auf Standby lassen, weils so bequem ist. Man muss nicht den ganzen Tag im Hintergrund die Glotze dudeln lassen auch wenn keiner hinguckt. Auch muss nicht den ganzen Tag *irgendeine* Berieselung, und sei es durch das Radio, erfolgen. Jeder einzelne von uns hat sicherlich, wenn er konsequent guckt, Sparpotenzial, was ohne größere Unbequemlichkeit genutzt werden kann. Und das sollte man auch tun. Alleine schon dem eigenen Geldbeutel zuliebe.

Aber weiter. Ich zitiere wiederum:

In Baden-Württemberg wird das Dilemma nun augenfälliger denn je. Viele Menschen wünschen sich aus ehrenwerten Motiven, dass die konsumptive, raumgreifende und gefährliche Dynamik der Moderne von den Grünen gebremst wird. Sie müssten aber, wären sie konsequent, eigentlich verlangen, dass zusammen mit den Atomkraftwerken auch gleich die Kohlekraftwerke und die Autofabriken abgeschaltet werden.

Äh, aber WARUM denn? Da steht nur „müsste abgeschaltet werden, weil sonst isses verlogen“ – aber Gründe, warum dem so ist, kann man allenfalls dem unverständlichen Geschwurbel weiter oben entnehmen, wo irgendwelche abstrusen Worthülsen aneinandergereiht werden die allenfalls im Suggestivbereich Sinn machen.

Machen wir es kurz:

Der Autor malt ein Schreckgespenst einer grünen Hölle, die es so nicht gibt. Gleichzeitig unterstellt dieser Dünnbrettbohrer er den Grünen Heuchelei, wenn sie Realpolitik betreiben, weil Realpolitik ja mit Nachhaltigkeit nicht vereinbar ist. Und, wenn ich das Textmonster richtig verstanden hab, kritisiert er einerseits, dass die Grünenwähler Aldi doof finden und im Kleinen versuchen, Energie zu sparen, aber die „großen Änderungen“ der Partei überlassen – aber wie bitte soll das denn auch sonst gehen?

Johan Schloemann ist ein ängstlicher Mensch, der sich nicht vorstellen kann, dass „sein“ Ländle von einem Grünen regiert wird und der den Untergang des Abendlandes kommen sieht. Er ist ein uninformierter Angsthase obendrein, der Wissen durch Polemik ersetzt. Er führt seinen Kampf im Wolkenkuckucksheim und nicht in der Realität, die ihn bereits lange überholt hat.

Gott, nu hab ich Migräne, lange nicht mehr soviel den Kopf geschüttelt….

Veröffentlicht am 1. April 2011, in Allgemein. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 15 Kommentare.

  1. Muss man Journalismus nicht studieren? Impliziert das nicht, dass ein Mindestmaß an Intelligenz vorhanden sein muss?

    Hilfe mein Kopf. Ich muss den dringend festbinden, sonst bekomme ich auch Kofpschmerzen vom Kopfschütteln.

    Ich fürchte, dass der Artikel von sehr vielen Menschen ernst genommen wird.

    • In der Bild – sicher. In der SZ- na ja, leider doch teilweise… 😦
      Simop, die ihren abgefallenen Kopf wieder auflesen geht…

    • Naja, guck dir doch die Qualität der Berichte über Japan an und so Stilblüten wie „vorrübergehende Kernschmelze“ ist das Ding nu geschmolzen oder nicht ? Von alleine wird der jedenfalls nicht wieder heil, der Schneemann steht ja auch nicht wieder Kerzengrade, nur weil nach Tauwetter die Temperaturen nochmal fallen…

      • das mit der „vorübergenden Kernschmelze“ ist von der japanischen Regierung verlautbart worden, da kann die Journaille ausnahmsweise mal nix dazu. Das kann auch ein Übersetzungsfehler sein, ich kann außer „Domo arigato“ so genau gar kein japanisch. Wobei „vorübergehend“ tatsächlich eine beschissene Übersetzung von „teilweise“ sein kann, denn klar ist wohl inzwischen, dass die Brennstäbe bereits geraume Zeit zumindest teilweise (so sie nicht noch im Kühlwasser standen) geschmolzen sind.

        Aber zumindest DAS kann man den Journalisten nicht ankreiden. Den Rest der nachgerade beschissenen Berichterstattung allerdings sehr wohl.
        Mal wieder den aktuellen Stand anlesen….

  2. Dabei hat er die Chancen ausgelassen. Man könnte beispielsweise endlich mal dafür sorgen, das alle Fahrzeuge, die vorwiegend in der Stadt fahren, mit alternativen Antrieben ausgerüstet sind (Hybrid, Elektro, Gas). Als da wären Taxis, Stadtbusse, kommunale Fahrzeuge u.s.w.

  3. „leuchtende Städte“? Die sollen mal nach Frankreich kommen, da kannst du nachts um zwei ohne Licht durch die Stadt fahren, und keiner merkts…
    Aber an der luminosen Umweltverschmutzung kann schon einiges getan werden. Moderne Lichttechnik beispielsweise, die nur das ausleuchtet, was ausgeleuchtet werden muß: Fußwege zum Beispiel. Nicht aber die Kronen zwölf Meter hoher Alleebäume. Auch nicht den Kirchturm oder das Bayer-Gebäude. Und leuchtende Werbung dürfte auch gern mal zurückgefahren werden – obwohl auch da die Deutschen Pfarrerstöchter sind, gemessen an dem, was die Nachbarschaft so illuminiert.

    Davon mal abgesehen: die Grünen sind längst nicht mehr die Ökos von damals. Fragt mal Frau Höhn, Bärbel mit Vornamen, die hat sogar Tagebaue genehmigt… für die nun wahrlich keine Notwendigkeit bestand.

  4. ach was, dieser grüne Ministerpräsident (so er’s wird) ist doch soooo brav. ’n bisschen heisse Luft spucken, aber ansonsten will der doch nur spielen.

  5. Ach lassen Sie uns mal ganz langsam beginnen. Und zwar am Montag mit grünen Nudeln auf der Speisekarte der Landtagskantine.

  6. Wenn der Artikel von heute ist – naja…

  7. Der Autor ist definitiv weltfremder als es den Grünen oft vorgeworfen wird. Hmm, dachte eigentlich, von der SZ könnte man mehr erwarten.

    „grüne Hölle“ ist ja witzig. Beabsichtigte Anspielung?

  8. Zwar glaubt man manchmal, Voraussetzung für einen Job bei den Medien sei Unwissen gepaart mit Lernresistenz.

    Trotzdem kann man bei diesem von den Medien doch als so bieder dargestellten kommendem MP von BaWü bei funktionierendem Gedächtnis Bedenken haben.
    Der war mal in einer Partei, wo man sich cool fand dem ehrenwerten Herrn Pol Pot zu gratulieren.
    Ich habe in der vom Massenmord betroffenen Region Verwandschaft, mir kommt also dieser MP nicht bieder vor.

    Daß der nun ein Bundesland regieren soll, was soll’s. Politiker sind eben so.
    Der Skandal in meinen Augen ist: der Mann soll ETHIK-Lehrer sein.

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