Gunter Sachs
Ich gebe zu, ich tue mich schwer mit dem Thema.
Es ist nun mal so, dass sich Herr Sachs entschieden hat, aus dem Leben zu treten. Die Gründe sind hinlänglich bekannt, sie waren, objektiv betrachtet, offenbar nicht stichhaltig.
Aber ist das schon alles? Ende der Geschichte?
Wohl kaum. Gunter Sachs hat, soweit man den Medien trauen kann, über eine Selbstdiagnose Alzheimer festgestellt. Als Konsequenz hat er sein Leben beendet, da er die Vorstellung nicht ertragen konnte, als ein völlig anderer weiterzuleben – noch derselbe Körper, aber nicht mehr derselbe Geist. Und nicht wenig wird die überkommende Vorstellung vom sabbernden, inkontinenten Schwachsinnigen, sich selbst und allen eine Last, zu dem Entschluß getrieben haben.
Es geht mir jetzt nicht um die Prognose von Alzheimer und einer Richtigstellung dieses falschen Bildes. Sondern es geht mir darum, wie jeder einzelne von uns mit dem Suizid und dem Grund dafür umgeht.
Von „alles richtig gemacht, so will ich auch nicht enden“ bis hin zu einer strengen Verurteilung des Suizides, da er Leben beendet hat war alles dabei, beide Extreme. Ein Beispiel für die eher moralinsaure Seite findet man im Focus. „Keine Heldentat“ wird da im Titel angegeben – aber eine Heldentat hatte Herr Sachs wohl auch nicht im Sinn.
Von Anfang bis Ende werden alle Handlungen von Herrn Sachs in Frage gestellt, jedoch ohne zu reflektieren, wie es ihm dabei ging und was ihn letztlich zu dem Schluß getrieben hat.
Ich behaupte mal, dass kein Mensch morgens aufsteht, sich überlegt, dass er doch eigentlich so gar keine Lust mehr hat zu leben und sich dann die Pistole an den Kopf setzt. Suizide sind nahezu immer, häufig unbewusst, in einem Menschen herangereift. Eine Situation wird von Tag zu Tag auswegloser, man selbst nimmt Auswege überhaupt nicht mehr wahr und eines Tages sieht man nur noch einen Ausweg: Seinem Leben ein Ende zu setzen, dass mehr Qual als Leben war.
Zurück bleiben entsetzte Angehörige, Freunde und Verwandte, die sich immer wieder fragen, wieso sie denn um Himmels willen nichts bemerkt haben. Oder die immer wieder im Zweifel stehen, ob sie etwas hätten anders machen können. Und immer wieder die Frage: „Wieso ist er/sie nicht zu uns gekommen? Wir hätten doch alles getan“.
Bei allem wird aber gerne eins vergessen: Bei aller Hilfe, bei aller Liebe: Jeder Mensch bestimmt über *sein* Leben. Und nur er alleine. Hilfe von außen wirkt schnell entmündigend. Man bekommt schnell das Gefühl, dass man selbst zu nix mehr nütze ist, dass man selbst nichts mehr auf die Reihe bekommt und selbst für kleinste Handreichungen die Hilfe anderer benötigt.
Und genau dass ist das Problem gewesen, was Gunter Sachs umtrieb: Die Ängste, auf einmal allen eine Last zu sein. Die Furcht, sich selbst zu verlieren und es noch nicht einmal zu bemerken, weil das Gedächtnis eben weg ist. Hinzu wird sicherlich eine Depression gekommen sein, denn ein Mann wie er steckte es wohl nur schwer weg, dass er sich den 80 näherte und er alt war.
Die Lehre, die wir daraus ziehen können lautet: Lasst niemanden alleine. Seht hin, wie so oft, nehmt wahr, wie sich die Menschen verändern. Helft soweit es möglich ist. Aber auch: Lasst jeden sein Leben leben. Hilfe bedeutet nicht Entmündigung. Es muss möglich sein, Hilfsangebote auch abzulehnen.
Und wenn alle Hilfe nicht reicht, dann trauert. Trauert um jemanden, der sich jenseits aller Hilfe befand – der Auswege vielleicht selbst dann nicht hätte sehen können, wenn sie ihn in den Hintern gebissen hätten. Trauer ist gut.
Aber zieht ihn nicht in den Dreck und verurteilt den Suizid, nur weil ihr Suizide ablehnt. Ein Suizid hat immer eine Geschichte, die sich lohnt, zu hören. Denn zu schnell kann man in derselben Situation sein.
Und wer weiß, wie ihr dann entscheidet.
Veröffentlicht am 17. Mai 2011, in Allgemein. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 11 Kommentare.
„Und wer weiß, wie ihr dann entscheidet.“
Falls für den Betroffenen _subjektiv_ überhaupt noch eine Entscheidung in die eine oder andere Richtung möglich ist
Er bestimmt über sein Leben. Hm, manchmal kann er es. Ich frage mich nur, ob es richtig ist, darüber zu entscheiden. Das zweifle ich an. Wobei ich mir, ehrlich gesagt, nicht sicher bin, wie ich in solch einer Situation dann entscheiden würde. Denn Leben ist für mich ebensowenig ein Dahinvegetieren (oder die Aussicht darauf).
Ist schwierig. Erst freut man sich des Lebens, dann genießt man es, will ewig leben – und es dann beenden? Muß man wohl wirklich mal drüber nachdenken.
Suizid – leider schreiben die meisten über dieses Thema, ohne diesen Zustand selbst erlebt zu haben. Die Beweggründe von Herrn Sachs wage ich nicht einmal zu be- oder verurteilen. Meistens wissen die Betroffenen einfach nicht, wie mit der Situation umzugehen. Wie du schreibst: nicht alleine lassen.
Wie soll ich den Geisteszustand in dem Moment beschreiben, wenn man es tun will…? Das Wort verdreht trifft es wohl am Besten. Alle Gedankengänge enden nur noch in einer einzigen Lösung. Die Welt verengt sich darauf – man will nur noch sauber abschließen und dann die Tür hinter sich zumachen – endlich seine Ruhe bekommen… … wie hier vor der Angst und dem Gedanken, anderen eine Last zu sein.
Laßt andere nicht alleine – Suizid kündigt sich meist in sehr feinen Signalen an. Verurteilt diese Leute nicht, sondern hört zu!
nun, liebes Tantchen, Gunter Sachs war eine „öffentliche Person“, wie immer man das auch sehen mag. Das bedeutet, dass allüberall über ihn und sein „Schicksal“ in epischer Breite berichtet wird. Nur das ist es, was mir an der Sache aufstösst.
Sicherlich komme ich damit in der Verdacht, Sozialneid zu empfinden, dem ist definitiv nicht so.
M.E. ist G.S. einfach nicht mit der Vorstellung klar gekommen, dass es mit „einem Schlag“ aus sein könnte mit seinem bisherigen Leben und davor hatte er schlichtweg Angst.
Angst ist etwas Natürliches und verursacht bei Eingen den Gedanken an Flucht, Andere werden motiviert, gegen die Angst anzukämpfen.
Wir sind halt verschieden.
Ich weigere mich nur, den Selbstmord zu „glorifizieren“: das ist ein Schlag ins Gesicht Aller, die den Kampf aufnehmen.
meint
Hajo
Ich kann noch will mich zu Gunter Sachs nicht äußern, ich habe so gut wie keine Informationen.
Ich weiß nur, daß eigentlich jeder, der zu guten Zeiten zu irgendeinem Zustand gesagt hat, „so will ich nicht leben, dann geb ich mir die Kugel“ (oder so ähnlich) das ziemlich anders sieht, wenn er erst einmal in dieser Lage ist. Weil man tatsächlich kein Leben, keine Lebenslage wirklich begreifen und erfassen kann, wenn man nicht drinsteckt. (Das war dann auch mein Kommentar zu deiner „Zwischenmeldung“.) Dann siehts eben doch anders aus, ob das noch ein Leben ist, und manches, das einem vorher grausam vorkam, ist gar nicht so schlimm.
Was mir aktuell Sorge bereitet, ist nicht die „Entsündigung“ der Selbsttötung an sich. Die ist gut und notwendig, und wer seinem Leben ein Ende setzt, tut das nicht aus Jux und Dollerei, sondern weil er es nicht mehr aushält. Sorge macht mir der „assistierte Suizid“, was auch nur ein anderes Wort für „aktive Sterbehilfe“ ist und im Strafgesetzbuch ganz dicht bei „Tötung auf Verlangen“ steht. Damit wird einerseits suggeriert, „wenns nicht mehr geht, haben wir den Ausweg“. Aber andererseits entsteht eben auch ein Druck, „bevor du den Kindern auf der Tasche liegst, mach dich lieber fort“. Das ist in den Niederlanden deutlich dokumentiert: für eine große Zahl der Anträge auf medizinisch unterstützte Selbsttötung ist nicht das eigene körperliche oder (selten!) seelische Leiden ausschlaggebend, nicht die Auswirkungen des Verfalls auf den Patienten selbst, sondern die Auswirkungen auf seine Familie. Bis hin zu „die sollen doch mal erben; da kann doch nicht das Haus für meine Pflege draufgehen“.
Und es wird dabei ausgeblendet, quasi manchmal hinter einer Rauchwand versteckt, daß es sehr gute Möglichkeiten gibt, auch dem alten und verfallenen Menschen das Leben noch leicht zu machen. Freilich nicht zum Nulltarif, aber: meine Eltern haben mich zu Lebzeiten mit so viel Geld und auch immaterieller Unterstützung über Wasser gehalten, da ist es mir herzlich egal, ob da nun achtfuffzich oder hunderttausend im Erbschein stehen. Das Geld haben SIE erarbeitet, SIE sollen sich davon auch was Gutes tun. Und nicht drauf schielen, daß sie was vererben wollen.
Ich glaube es geht da oft nicht darum, ob es noch was zu vererben gibt.
Nach meinem Kenntnisstand, müssen die direkten Verwandten für die Kosten aufkommen, wenn die eigene Kohle aufgebraucht ist. Dabei kann es runter bis zum Existenz-Minimum gehen und dem Verkauf sämtlicher Vermögenswerte.
Wenn ich das meiner Familie antun müsste, weiß ich nicht, ob ich zu einer ähnlichen Entscheidung kommen würde.
Mein Vater ist ein Pflegefall und meine Mutter kurz davor. Aktuell reicht deren Geld noch für ein paar Jahre. Wenn es dann soweit ist, dass ich zahlen muss, sind meine Kinder zum Glück nicht mehr von mir abhängig. Es kann aber bedeuten, dass es sich für mich nicht mehr lohnt zu arbeiten und ich mein Haus verkaufen muss. Geschwister habe ich leider nicht.
Natürlich gäbe es noch die Möglichkeit, die Pflege in unserem Haus zu machen, aber meine Frau hat bereits einen Menschen bis zum Schluss gepflegt. Nochmal muss das nicht sein. Und mein Vater kann ungewollt/unkontrolliert zu Gewaltausbrüchen reagieren. Auch das möchte ich nicht für meine Familie riskieren.
Sollte ich mit meinen Informationen falsch liegen, dann bin ich über aktuelle Infos dankbar.
Dass das, was man als noch oder nicht mehr erträglich empfindet, in der konkreten Situation völlig anders beurteilt werden kann als zu einem früheren Zeitpunkt unterschreibe ich, denn ich habe das bei verschiedenen Personen erlebt. Auch muss man gefährdeten Personen jede nur mögliche Hilfe gewähren, und da liegt vieles im Argen.
Andererseits geht es nicht an, jemanden, der, aus welchen Gründen auch immer, einen Suizid versucht oder ausführt, zu verurteilen. Und es muss in letzter Konsequenz möglich sein ggf. nach entsprechender gründlicher Reflexion, sein Leben selbstbestimmt zu beenden. Auch ich habe mit dem assistierten Suizid erhebliches Bauchgrimmen wegen der sehr großen Gefahr des Missbrauchs, aber es gibt Menschen, die nicht mehr in der Lage sind, allein ohne Hilfe aktiv aus dem Leben zu scheiden. Wenn man den anderen das Recht zugesteht, ihr Leben selbst zu beenden, dann muss man es auch diesen zugestehen, alles andere wäre scheinheilig.
Eine, auch nicht perfekte, Lösung könnte eine Patientenverfügung sein, die im Extremfall auch eine Verfügung zum assistierten Suizid beim Eintritt bestimmter Bedingungen enthalten könnte (ich weiß, dass das rechtlich noch nicht vorgesehen und auch nicht unproblematisch ist). Allerdings müssten daran sehr klare Bedingungen geknüpft sein, die sicherstellen, dass das nicht unter Druck zustande gekommen ist, und natürlich muss eine solche Verfügung in regelmäßigen Abständen sorgfältig überprüft und aktualisiert werden, da sich eben die Beurteilung einer scheinbar ausweglosen Situation sehr schnell ändern kann. Wer so konsequent ist, dass er für sich den assistierten Suizid in Erwägung zieht, dürfte darüber, im Unterschied zu Suizidenten z.B. aus einer Depression heraus, durchaus rational ausgiebig reflektiert haben, sodass eine detailierte Verfügung zumutbar sein sollte.
Auch wenn ich das anderen zugestehe, sehe ich das für mich selbst im Übrigen nicht als möglichen Weg an.
Danke kall, deine Ausführungen fassen meine noch wirren Gedanken sehr gut zusammen :-). Ich glaube, dass Suizide einen ähnlichen Umgang erfordern wie Abtreibungen: Die Betroffenen haben das Recht sich dafür zu entscheiden und dürfen nicht verurteilt werden, wenn sie es wahrnehmen. Das Umfeld und die Gesellschaft als Ganzes stehen in der Verantwortung, jene Unterstützung und Sicherheit zu gewährleisten, die ein Nein zu diesem Schritt ermöglichen.
Zum Suizid von GS kann ich nichts sagen.
So eine Entscheidung, kann wohl nur jeder für sich selbst treffen. Sowas sollte aber keine Spontan-Entscheidung sein, was leider in einer emotionalen Stress-Situation passieren kann. Helfen können da im ersten Schritt nur aufmerksame Freunde und Verwandte, die ein Gespür für so eine Situation haben.
Aus meinen bisherigen Erfahrungen weiß ich: Wer über Suizid redet, will *gerettet* werden, braucht Hilfe. Bei den *Anderen*, merkt man nichts, hört man nichts, die machen es. Da gibt es keine Vorwarnungen.
Demenz bringt jeden Betroffenen und auch die Angehörigen an Grenzen: geistige, körperliche, emotionale und finanzielle … Ich habe das gerade hinter mir. Ob ein Betroffener das auf sich nehmen will, muß immer seine Entscheidung sein. Und dass es eine andere Hilfe-Infrastruktur braucht, als die, die der Mehrzahl der Betroffenen zur Verfügung steht, um das in Würde zu durchleben, ist auch klar. Hoch problematisch finde ich nur die Signalwirkung, die von Sendungen und Berichten im Stil „ist Selbstmord besser als Demenz“ ausgehen. Verständlich finde ich die Selbsttötung von Herrn Sachs. Eine Heldentat war sie nicht. So war sie von ihm wohl auch nicht gedacht, aber manche Medienberichterstattung legt das nahe.