Tepco


Das ist doch nachgerade un-fass-bar.

Tepco handelt echt wie der Vogel Strauß: Steck ich den Kopf in den Sand, ist alles gut.

Erinnert sich noch jemand an die „vorübergehende Kernschmelze“? Und daran, dass Tepco meinte, sie hätten alles unter Kontrolle? Bei den Explosionen sind nur die Gebäude explodiert, aber na-tür-lich nicht der Reaktor. Das unglaubliche Video, mit denen die japanischen Kinder beruhigt werden sollten, und deren Eltern wohl auch gleich mit.

Und jetzt – nun wurde erstmal zugegeben, dass es wohl doch eine Kernschmelze in 3 Reaktoren gab. Einstufung auf INES 7 ist damit zu recht erfolgt, aber bei DER Katastrophe müsste Tschernobyl runter auf 6 oder eine Stufe 8 eingerichtet werden.

3 Reaktoren durchgegangen. Die Strahlung frei fließend. Und dennoch wiegelt Tepco weiter ab: Die Strahlung ist ja jetzt viel geringer, da eine Wasserschicht auf der geschmolzenen Schlacke liegt. Wie da Wasser draufliegen kann, ist mir persönlich ein Rätsel: Wasser verdampft bei 100 Grad, die Schlacke dürfte irgendwas um 2200 Grad haben.

Dass Tepco einen gigantischen Verlust eingefahren hat, verwundert angesichts dieser Informationspolitik  wohl niemanden. Alles, was zu vertuschen ist, wird vertuscht, es wird nur zugegeben, was definitiv nicht mehr zu leugnen ist.

Selbst die freigegebenen Strahlenwerte sind getürkt: Eine Universität hat jetzt mal selbst gemessen und herausgefunden, dass zumindest in Tokio die Strahlung an verschiedenen Punkten gemessen wurde und dann gemittelt. So siehts freundlicher aus. Der Hintergrund ist der, dass Strahlung nicht gleichmäßig ist. „Verseuchtes Gebiet“ heißt nicht, dass es wirklich komplett verstrahlt ist. Es gibt „kalte“ Zonen, wo die Strahlung relativ gering ist – und gleich nebenan Zonen, wo es dich grillt und du merkst es nicht.

Wenn man jetzt an verschiedenen Punkten misst und dann die Mittelwerte nimmt, drücken die kalten Zonen die heißen im Mittel unter den Grenzwert. Und das ist unlauter – es unterschlägt, dass es in einigen Bereichen durchaus Gefahr gibt. Und das in Tokio, was gut 300 km von Fukushima entfernt liegt. Das Gebiet dazwischen – davon redet keiner.

Tepco ist unzuverlässig. Aber die Frage, die sich mir stellt ist: Wie würden *UNSERE* Energieversorger in dem Fall mit Informationen umgehen? Wie würden unsere Energieversorger handeln?

Und die Frage wird nicht bequem beantwortet: Genauso würden sie handeln. Abwiegeln, keine Panik, wenn jemand Krebs bekommt, trägts schon die Krankenkasse.

Und darum verstehe ich allmählich die Forderungen, dass die Infrastrukturbetriebe zwingend wieder in die Hand des Staates übergehen müssen. Weil gewinnorientierte Betriebe zu unzuverlässig sind. Und man sich in Krisenfällen nicht auf sie verlassen kann. Zuerst kommt der Gewinn, dann die eigenen Leute und irgendwann die Bevölkerung.

Staatliche Betriebe, die nicht auf Gewinn orientiert sind, haben hier andere Handlungsspielräume, weil sie nicht dauernd mit einem Auge auf die Börse schielen müssen. Und – nebenbei: Kostenfreien Zugriff auf den Katastrophenschutz.

Veröffentlicht am 24. Mai 2011, in Allgemein. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 26 Kommentare.

  1. Ich war ja bisher *für* eine *moderate* Privatisierung einzelner Bereiche (nicht jedoch bei der Grundversorgung wie z.B. Wasser) – inzwischen stimme ich dir immer umfassender zu! >:-(

    Weißt du eigentlich, dass die Mineralölfirmen in ihrer großen Freundlichkeit ihr Benzin fast verschenken? (Meldung im Radio als Zitat eines Sprechers) Und die armen Energieversorger ja beinahe Pleite gehen, wenn sie mit weniger Atomstrom die Preise nicht erhöhen dürfen nach Gusto?

    • Die Benzinpreise in Deutschland sind Europa tatsächlich am unteren Ende. D liegt dabei auf einem der letzten 5 oder 6 Plätze. Durch die Steuer landen wir erst im oberen Drittel.

      Sicher wird da nichts verschenkt, aber der Sprit ist bei uns ziemlich günstig, wenn man die Preise Mineralölfirmen (also Netto) als Grundlage nimmt.

  2. Es mag sein, dass staatlich geführte Unternehmen weniger auf den „share holder value“ schauen müssen, als private. Aber auch in solchen Unternehmen werden alle Dinge, die nicht passen, gerne unter den Teppich gekehrt, karrieregeile Cheffes und duckmäuserische Untergebene (Mitarbeiter hat’s in Behörden eher selten) sorgen dafür, dass alles schön intern geregelt, also vertuscht wird.
    Verzeiht mir also, wenn ich Zweifel hege ob der staatlichen Unternehmensführung.
    Aber in einem gebe ich euch Recht: Es wäre immernoch besser als das, was wir jetzt haben!

    Btw: Wer misst da in Tokio eigentlich „offiziell“? Ist das nicht auch ’n regierungseigenes Institut?

    • .. nur das mit der Verstaatlichung kann (wird?) doch auch gründlich „in die Hose“ gehen – siehe Griechenland 😉
      Oder glaubt jemand, dass deutsche Beamte und Staatsangestellte anders gestrickt sind? Es sind doch auch „nur“ Menschen, oder?

      • Griechenland ist ne ganz andere Hausnummer. Und die Griechen sind zwar nicht unschuldig dran, aber auf die eigentlichen Schuldigen guckt grad mal wieder keine Sau.
        Merkt eigentlich keiner, dass da grad wieder Steuergelder in großem Stil privatisiert werden? Griechenland wird von den Ratingagenturen runtergeratet, die als Tochterfirmen der großen Investmentbanken doch die Zinsen steuern, die ein Land, also eine staatliche Organisation am Markt für Kredite zahlen müssen.

        Wenn also Standard & Poor hingeht und Griechenland einfach mal runtervotet, dann steigen die Zinsen. Und mit einem Schwung steigen auch die Beträge, die in einem Jahr aufgebracht werden müssen um die Zinsen zu zahlen. Von diesem Geld hat der griechische Steuerzahler mal genau nix. Das sind reine Zinserhöhungen, die auch das Land nicht wieder voran bringen, was notwendig wären.

        Abseits von Korruption, Verschwendung und allem darf man nicht vergessen, dass die Griechen gerade bewusst an den Rand des Ruins getrieben werden, weil man hofft, Steuergelder in die eigene Tasche stecken zu können. Das ist ein Krieg – Banken gegen staatliche Organisationen. Und die Banken gewinnen gerade.

    • Offiziell misst da Tepco – das ist wohl wirklich so, dass die den Bock noch mit dem Hüten des Grases beauftragen.

      Weil eigentlich irgendwie kein Wissenschaftler die Werte noch so glauben konnte, die Tepco da veröffentlicht hat, ist die Uni Tokio mal mit dem Geigerzähler rumgegangen und hat das Mittelwertspielchen von Tepco aufgedeckt. Die haben solange gemessen, bis sie genügend kalte Stellen gefunden hatten um die Messwerte entsprechend nach unten zu drücken. Aber die Werte in Tokio sind deutlich höher.

      Ich hab grad nen schönen Artikel dazu gefunden.

      • Interessant dabei die Höhe der Entschädigungen. Das würde bei uns sicher nicht viel anders aussehen.
        Bei einem GAU haften die Betreiber nämlich nicht da das unter Restrisiko fällt.

  3. Ja, Tepco ist wirklich ein Ass in Sachen „Horroszenarien nett verpacken“. Und der Nuclear Boy schlägt alles …

    Mir ist schlecht!

    • Ich sag ja: „Vorübergehende Kernschmelze“ – der Ausdruck alleine gehört schon prämiert. Mit dem goldenen Fliegenschiss.

      • .. vielleicht ein Kandidat für das Unwort des Jahres?

      • Naja,
        ist doch so! Irgendwann ist alles vorüber. Oder so. Und nun stellen wir uns wegen dieser paar Jährchen doch nicht so an. Die Ungenauigkeit befindet sich doch darauf bezogen im Promillebereich!

        Obwohl – Promille wären glaub ich ganz gut, damit das alles ertragen kann. Leider dauert das „Vorübergehend“ dann nicht genauso lang …

  4. Die Lügen würden in jedem Fall die selben bleiben. In solchen Fällen sind auch bei staatlichen Institutionen gewisse Dinge zu berücksichtigen. Panik in der Bevölkerung durch schonungslose Wahrheit ist auch nicht immer zielführend.

    Allerdings bin ich auch der Meinung, dass die Privatisierung zu weit getrieben wird. Grundversorgung muss unter staatlicher Kontrolle bleiben. Dabei muss aber klar abgegrenzt werden, was überhaupt Grundversorgung ist. Außerdem interpretiere ich Kontrolle durchaus so, dass nicht-staatliche Subunternehmen daran beteiligt sein können. Es darf nur keine Abhängigkeit von diesen Unternehmen entstehen.

    Das Thema ist allerdings so komplex, dass man das kaum vollständig abdecken kann. Wie meistens üblich, liegt der „ideale“ Weg irgendwo zwischen den Extremen.

    • Komplex ist das Thema definitiv. Aber wenn ich mir Berlin so ansehe – da hat die Privatisierung nur Nachteile gebracht. Die Nebenkosten ufern aus, die Infrastruktur geht den Bach runter (zumindest in den weniger lukrativen Vierteln) und alles dort verrottet so Stück für Stück. Nur in dem Kernbereich, da ist alles schick, die Peripherie ist nur in Teilbereichen noch gut.

      Das ist der Nachteil von Privatisierung. Staatliche Organisationen haben alles im Blickfeld, die privaten nur die Dinge, die auch Geld bringen. Binsenweisheit, ist aber nicht bis zur FDP vorgedrungen.

  5. Ich hätt dann doch mal eine Verständnisfrage:
    Wer hat denn wo von „vorrübergehender“ oder „temporärer“ Kernschmelze gesprochen?

    • Die japanische Regierung und Tepco. Gleich zu Beginn der Katastrophe. Einfach mal Tante Google fragen. 😉

      • Da war von _teilweiser_ Kernschmelze die Rede, was noch wie vor korrekt ist, und nicht von _vorrübergehender_ Kernschmelze

          • Offenbar haben damals (Artikel vom 28.3.) viele durcheinander durcheinander geredet und mal eben merkwürdige Statements, alle offziellen Statusberichte, wie sie z.B. auch von der GRS täglich weitergegeben wurden, reden von einer teilweisen Kernschmelze. Die Berichterstattung am Anfang auch durch Medien wie Spiegel war grottenschlecht und wimmelte nur so von technischen Fehlern.

            Und natürlich ist eine Kernschmelze IMMER nur vorübergehend, weshalb der Begriff an sich irgendwo keinen Sinn macht, weil das Zeug nicht ewig flüssig bleibt. Im Moment dürfte es sowieso schon längst wieder in festem Zustand auf dem Boden des/der wahrscheinlich beschädigten Reaktordruckbehälter rumliegen, was aufgrund der gemessenen Außentemperaturen der Druckbehälter keine reine Spekulation sondern mit den Daten bisher gut kompatibel ist. Die spannendere und für das langfristige Ausmaß des Schadens relevantere Frage wäre eigentlich, wie weit die Druckbehälter beschädigt sind und wieviel des radioaktiven Materials nach unten durchgekommen ist. Diese Frage lässt sich aber in absehbarer Zeit nicht seriös beantworten.

            Ich nehme hier auch keineswegs Tepco in Schutz. Dass die Übersetzung eines Berichts ins Englische, der in Japanisch bereits vorliegt angeblich einen Monat dauern soll, ist ein Unding.

            • Äh,
              es liegt nicht auf dem Boden der Reaktordruckbehälter. Da ist es schon durch. Es liegt, wenn ich das richtig gelesen habe, auf dem Boden des Gebäudes. Auf dem Fundament, sozusagen.

              Aber da wird es auch nicht allzulang liegen. Denn durch die Hitze wird der Beton, der darauf gar ncith ausgerichtet war, spröde. Und läßt die dann flüssige Masse — verunreinigtes Wasser, flüssige Kernbestandteile — ins Grundwasser einsickern. Und dann beginnt das jahrzehntelange (oder sollte ich sagen: jahrhundertelange?) Drama erst richtig.

              Mag ich mri gar nicht vorstellen.

  6. Traurig ist, dass bei Tschernobyl vor 25 Jahren deutlich besser und schneller reagiert wurde. Sicherlich auf Kosten einiger Menschen, die als Liquidatoren eingesetzt wurden. Aber unterm Strich wurde schlimmeres so verhindert. Die Bergarbeiter, die den Tunnel bauten um an das geschmolzene Material zu kommen und eine erneute Explosion zu verhindern. Die Bauarbeiter die den Sarkophag bauten. Sogar die Evakuierung klappte besser und schneller.
    In Japan gibt es keinen eisernen Vorhang, keinen kalten Krieg, es sind 25 Jahre nach Tschernobyl vergangen in denen man viele Erfahrungen sammeln konnte und Japan ist finanziell und technisch auf weit höhrerem Niveau.
    Das ist einfach nur erschreckend und traurig. Denn die Folgen sind noch immer nicht absehbar.

  7. „Teilweise Kernschmelze“ hört sich an wie „ein bisschen schwanger“!
    Blödsinn!

    Und dass bei Tschernobyl schneller und besser reagiert wurde, halte für ein Gerücht 😉

    Auch damals sind erst Sachen offiziell zugegeben und erzählt wurden, die schon von anderen Seite aufgedeckt wurden!

  8. Insgesamt ist das so eine Sache mit der Privatisierung und dem Staatsding. Klar ist es gut und schön, wenn der Staat bei den Sachen die Hoheit hat. Allerdings darf er sie auch nicht ausnutzen und der Bürger muß — zumindestens teilweise — mitentscheiden dürfen. Denn schließlich zahlt der Bürger ja dafür.

    Und die Leute müssen loyal sein. Früher gab es sowas sicherlich öfter als heute. Und ob ein Staatsbetrieb dann unbedingt transparent agiert, das bezweifle ich dann doch mal leise …

  9. Mal ganz am Rande…seit dem Reaktorunfall hört man auf der ganzen Welt unglaublich viele „Experten“ die Ihre Meinung in den Äther blasen. Jeder zeigt mit dem Finger und trällert die üblichen „Hätte, Wenn und Aber“
    Auch bei uns sonnen sich diese Experten im Licht der breiten Aufmerksamkeit und schütteln den Kopf was man in Japan alles falsch macht. Ich bin inzwischen der Meinung das dort unten innerhalb einer Woche alles wieder unter Kontrolle ist, wenn alle diese klugen Köpfe sich in einen Flieger setzen und nach Japan flitzen. Dort halten sie dann die Hand über den Reaktor und brummen leise ein „Abraaberhättewenndochdanngrmgrml“ und mit einem leisen Plopp ist alles wieder gut.
    Ich kann das Gerede von „Wieso stellen sich die Techniker da so dämlich an, das ist ein Hightech Land“ nicht mehr hören. Wir sitzen hier sicher vor unseren Rechnern und haben nicht mal annähernd eine Ahnung was dort wirklich passiert und was die Kräfte vor Ort dort alles versuchen. Ich persönlich sehe es schon als Erfolg an, das die drei Reaktoren dort nicht so auseinandergeflogen sind wie es der Eine in Russland getan hat. Dann hätten wir gewiss eine Globale Katastrophe.

  10. Die vielverschrieene „Beamtenbahn“ jedenfalls war wesentlich besser als ihr Ruf, und auch x-mal besser als die Börsenbahn.

Hinterlasse eine Antwort zu Peter Antwort abbrechen