Der Hundekönig


Vor langer Zeit, als die Menschen gerade anfingen, Häuser zu bauen und sich die ersten Dörfer bildeten, da war der Wind nachts kalt. Die Menschen hielten Schafe, da deren Wolle sie wärmte und das Fleisch sie nährte. Wölfe strichen um das Dorf herum, auf der Suche nach Beute.

Nachts heulte der Wind um die Häuserecken und wehte im Winter Schnee und im Sommer Staub durch die Straßen. Das unheimliche Geräusch ängstigte die Dörfler genauso wie die Schafe, die dann jeden Morgen gesucht werden mussten.

Und niemals fand man alle Schafe. Es war kalt, doch da die Schafe immer verschwanden, konnten sie nicht geschoren werden, so dass man keine Wolle hatte, aus denen man warme Kleidung stricken konnte. Auch die Nahrung war zu wenig, denn die wenigen Schafe, die man noch fand mussten genährt werden, damit die Herde nicht ausstarb.

Ein kleines Mädchen sah die Not und die Verzweiflung, die bei den Erwachsenen herrschte. Eines Morgens nahm das Mädchen seinen Mut zusammen. In der Nacht waren wieder viele Schafe verschwunden und viele Dorfbewohner waren krank, weil so wenig zu essen da war.

Das kleine Mädchen, es war fast so blond wie du mein Kleines, ging in den Wald hinein und klagte sein Leid einem Baum. Dass es so hungrig wäre und das es so frieren würde. Denn du musst wissen: Da die Bäume Wärme spendeten, weil man sie verbrennen konnte und weil man auch Häuser aus ihnen baute, haben die Dorfbewohner die Bäume besonders verehrt.

Das Weinen des Kindes wurde vom Wolfskönig gehört. Und obwohl sein Rudel nicht unschuldig am Verschwinden einiger Schafe war, tat ihm das kleine Mädchen sehr leid. Langsam und vorsichtig näherte es sich dem Baum und besah sich die Situation.

Das Mädchen drehte sich um und erschrak fürchterlich – so schlimm, dass es noch nicht mal schreien konnte und das war ein Glück. Denn so ist der Wolfskönig nicht weggelaufen und wer weiß, wie die Geschichte ausging, wenn sie hätte schreien können?

Während das Kind mit weit aufgerissenen Augen den Wolf anstarrte, beschnupperte dieser sanft das Kind und schleckte über ihr Gesichtchen. Dann setzte er sich hin und fragte das Kind (Tiere konnten damals noch sprechen, sie haben die Fähigkeit dann aber aus Wut nicht mehr einsetzen wollen und dann verlernten sie es. Aber das ist eine andere Geschichte), warum es denn so weinen würde.

Langsam begriff das Kind, dass der Wolf ihr nichts tun würde und sie fing an, zu erzählen. Dass das Dorf Hunger litt und alle so furchtbar froren. Der Wolf hörte sich das an und überlegte lange.

Dann rief er sein Rudel herbei, indem er den Kopf in den Nacken warf und laut heulte. Das Rudel trat langsam und lautlos aus dem Waldrand hervor. Lange besah sich der Wolfskönig sein Rudel und stieß schließlich einen Jungwolf und seine Fähe (so nennt man die Wölfinnen auch) an, dass sie ihm folgen sollten.

Er wandte sich dem Mädchen zu und sagte:

„Dies ist mein Letztgeborener Sohn und seine Familie. Ich sende sie mit dir, damit sie auf die Schafherden achtgeben können und bei der Jagd helfen können. Auch Gesellschaft können euch die Welpen leisten, so dass ihr euch nicht mehr so einsam fühlt. Als Gegenleistung möchte ich, dass ihr aufhört, mein Rudel zu jagen. Meinst du, du kannst das versprechen?“

Das Mädchen stockte. Die Dorfbewohner hatten furchtbare Angst vor den Wölfen und wer weiß, was sie mit ihnen machen würden, wenn sie sich freiwillig in ihre Hand begeben würden? Doch dann hatte sie eine Idee.

„Ich bin nur ein Kind, nicht viel älter, als die Welpen dort. Wenn ich Wölfe mitbringe, dann kann ich sie nicht schützen. Die Erwachsenen würden nicht auf mich hören.“

Der Wolfskönig nickte grimmig und meinte: „Du beweist mehr Verstand als die, die du Erwachsene nennst. Lass mich nachdenken.“ Der Wolfskönig drehte sich um und setzte sich auf einen Felsen und sah nachdenklich in die Ferne.

Das Mädchen zitterte vor Kälte und die Wölfin, die das sah und die das Kind dauerte, legte sich so auf den Boden, dass sie das Kind wärmen konnte, denn in ihrem Pelz fror sie nicht. Das Kind kuschelte sich an die Wölfin und ihre Welpen tapsten verspielt herbei, kläfften und zogen an allem, was sie erreichen konnten. Das Kind fing erst an zu kichern und dann lachte es lauthals über die Possen der Welpen.

Der große Wolfskönig kam zurück und beobachtete das Bild eine Weile. Seine Augen verengten sich zu Schlitzen und es sah aus als würde er lachen. Das Mädchen sah ihn, verstummte mit einem Schlag und sah ängstlich zum Wolfskönig auf. Dieser setzte sich vor das Mädchen und meinte:

„Ihr nennt uns Wölfe, doch wir haben uns einen anderen Namen gegeben. Volk des Mondes. Nachts, bei Vollmond, das ist unsere Zeit, da fühlen wir uns am wohlsten. Dieser Name ist euren „Erwachsenen“ nicht bekannt und unter dem Namen sollst du meinen Sohn in euer Dorf bringen. Menschen haben schlechte Augen, wenn man ihnen erzählt, dass etwas so ist, dann glauben sie es, selbst wenn ihre Augen ihnen etwas anderes sagen.“

Das Mädchen nickte begeistert, sie wusste, was der Wolfskönig meinte und stimmte ihm zu. Den Trick hatte sie schon selbst sehr oft genutzt.

„Und in 3 Tagen bringst du euren Rudelführer zu mir in den Wald. Ich muss mit ihm reden, denn du hast recht, du kannst nicht für dein Rudel sprechen.“

Das Mädchen nickte wieder, diesmal entschlossen. Dem Wolfskönig gefiel das Mädchen sehr gut, es würde Wort halten.

Das Mädchen stand auf und fiel dem Wolfskönig um den Hals. Dieser erstarrte erst erschrocken, schleckte dem Kind aber zum Abschied noch das Gesicht ab. „Geh jetzt“, sagte er sanft. „Es wird langsam dunkel und dein Rudel wird sich Sorgen machen“

Der Jungwolf schob sich zu dem Kind und forderte sie auf, auf seinen Rücken zu steigen. „Wenn sie sehen, dass du auf mir reitest, werden sie mich weniger fürchten.“

Das Mädchen, dass allmählich auch sehr müde wurde, stimmte zu und stieg auf den Wolfsrücken. Der Wolf setzte sich langsam in den Trab und steuerte auf das Dorf zu.

Dort standen ihre Eltern schon und suchten den Waldrand ab. In den Wald getrauten sie sich nicht, da dort viele wilde Tiere waren und sie Angst hatten. Als sie ihre Tochter auf dem Rücken eines so großen Wolfes sahen, rissen sie die Augen auf und der Vater hob den Rechen um seine Tochter zu schützen. „Lauf“ schrie er, „ich rette dich“. Doch die glockenhelle Stimme der Tochter sagte: „Das ist kein Wolf, Vater, bitte. Ein Wolf würde doch nicht zulassen, dass ich auf ihm reite. Das ist ein Hund. Er sieht fast so aus, aber es ist kein Wolf. Er hat es mir gesagt.“

Der Vater sah misstrauisch zu dem großen Tier hin. „Wozu hast du ihn mitgebracht? Das ist ein Esser mehr und wir haben so schon zuwenig. “ „Der Hund hat versprochen, dass er unsere Schafe beschützt und dass er bei der Jagd hilft. Bitte Vater, lass es uns versuchen.“ Dabei blickte sie flehentlich zu ihm hin. Der Vater, der seine Tochter sehr lieb hatte, genau wie dein Papa dich sehr lieb hat, konnte ihr noch nie etwas abschlagen. „Na gut, aber sie bleiben draußen.“

Das Mädchen nickte, „ja, das müssen sie auch, denn sonst können sie unsere Schafe nicht schützen. Aber die Kleinen, die sind doch noch jung, können die nicht reinkommen?“ Der Vater sah erst jetzt die Hundewelpen, die leise fiepend zu seinen Füssen lagen und über ihre eigenen Füsse stolperten. Ein lächeln entrang sich ihm und er meinte: „Nun ja, darüber läßt sich reden. Und die Mutter?“ Das Mädchen blickte zur Wölfin hin, die ihre Jungen zu ihr hinschob und sich zu ihrem Wolf gesellte. „Die passt mit ihm auf die Schafe auf. Siehst du?“

„Wir werden sehen“, meinte der Vater, nahm vorsichtig die Welpen in die Hand, die wie verrückt versuchten, sein Gesicht abzuschlecken und trug sie lachend ins Haus.

Der Abend wurde so schön, wie schon lange keine Abende mehr waren. Die Possen der kleinen Wölfe haben alle zum lachen gebracht und selbst der grimmige Dorfschulte, der gekommen war um zu sehen, was der Aufruhr vor dem Haus des Mädchens zu bedeuten hatte, hatte sie bald ins Herz geschlossen.

Am nächsten Tag machten sich die Männer auf, um die Schafe wieder zu suchen, denn sie glaubten nicht, dass die „Hunde“ aufpassen konnten. Wie staunten sie, dass alle Schafe dort standen, wo sie sie in der vergangenen Nacht hingetrieben hatten. Es waren alle Schafe da, etwas, das noch nie vorgekommen war. Die Hunde wurden mit Lob überschüttet und es regte sich Hoffnung im Dorf.

Das Mädchen erinnerte sich an sein Versprechen und bat den Vater am dritten Tage, wie verabredet, mit ihm in den Wald zu kommen.  Der Vater, der schon ahnte, dass es mit den „Hunden“ eine besondere Bewandtnis hatte, ging mit dem Kind mit. Dort schloß er einen Pakt mit den Wölfen: Die Dorfbewohner würden das Rudel nicht mehr angreifen und im Gegenzug würden der Sohn des Wolfskönigs und seine Familie das Dorf beschützen.

Und so kam es. Viele Jahre blieb der erste Hund auch der größte im Dorf. Er wurde der erste Hundekönig und nach ihm folgten viele viele weitere, denn die kleine Hundefamilie wurde rasch größer und auch das Dorf wuchs und gedieh, jetzt, wo man genug zu Essen und warme Kleidung hatte.

Das Mädchen wurde eine Partnerin für die Hunde. Und viele viele Generationen später, da vergaßen die Dorfbewohner ihr Versprechen und jagten wieder die Wölfe.

Aber das ist eine andere Geschichte.

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Muttern hatte heute Geburtstag und Nichte langweilte sich. Und da musste Tante mal kreativ werden und hat ihr die Geschichte vom Hundekönig aus dem Stegreif gedichtet. 😉

P.S.: Ich hatte auf einmal übrigens ganz viele andächtige Zuhörer. *g*

Veröffentlicht am 17. Juni 2011, in Allgemein. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 21 Kommentare.

  1. Kipling hätte das nicht besser schreiben können. ^^

  2. seltsam: es ist auf einmal so feucht in meiner oberen Gesichtshälfte 😉
    Danke, liebes Tantchen!
    Liebe Grüße
    Hajo

  3. Super geschichte ! Vielen Dank dafür

  4. Wow! Schöööööne Geschichte!

  5. Selbst gebaut?
    Respekt!

    😀

  6. Schööööönnnn! 🙂

  7. Danke 🙂 Die werd ich heute Abend Louise erzählen 🙂

  8. Tolle Geschichte, die muss ich mir merken für meine Kinder.
    Und wenns dann doch mal ein Buch gibt, sag Bescheid, damit ich es kaufen kann! Du hast einen tollen Erzählstil!

    (danke an Hajo für den Hinweis 😉 )

  9. Sarkastikum1

    Der Hundekönig gefällt mir sehr.
    Danke für den Link, ich hätte es vermutlich noch eine ganze Weile nicht gesehen, was mich dann ärgern würde.
    Mach‘ mal in Ruhe mit diesen Kurzgeschichten und der Clarissa weiter. Wenn irgendwann genug für’n Buch zusammenkommen sollte, hast‘ hier schon ’n paar Abnehmer. (*freu*)

  10. Erzähl das mal unseren Jägern, die wollen die Wölfe, die sich langsam wieder ansiedeln, aus ihrem (!) Revier haben, notfalls (am liebsten sofort! mit Waffengewalt!

    Gruß,
    Ma Rode

    • ja, Ma Rode, das ist die Folge von der Entfernung von der Natur (Klischee-Beispiel: Milch kommt aus dem Tetrapack, bestenfalls von lila Kühen). Nur so kann ich mir die Angst „der Bevölkerung“ vor freilebenden Wildtieren (Rehkitze und Kaninchen ausgenommen). Blöd, oder?

      • Als ob ’n Wolf ’nem Menschen was tun würde, solange er in Ruhe gelassen wird.
        Aber da wir uns ausbreiten wie Bazillen, wird’s wohl nix mit der Ruhe und dem Platz für Wölfe und andere „Wild“tiere.

  11. Wunderschöne Geschichte. Vielen Dank dafür.

    Nur leider hat der Pakt mit dem nicht angreifen ja leider nicht sehr lange gehalten.

    Liebe Grüße
    Joe

  12. BRAVO … die Geschichte ist dir gut gelungen und ich verstehe , dass du aufeinmal ganz viele Zuhörer hattest.
    LG!

  13. Eine wunder-, wunderschöne Geschichte… Es wäre wundervoll, noch mehr Geschichten von dir zu hören.

  14. Nachdem ich mich gerade richtig schön mit Anlauf aufs Parkett geschmissen habe hab ich mich hingesetzt und den nächsten Eintrag gelesen.. Diesen hier. Seltsam irgendwie, plötzlich tut das Handgelenk viel weniger weh. Und das Knie auch. Und der Bauch. Nur die Flasche wird wohl nichtmehr heile werden 😉
    Was ich damit sagen will: Ich finde die Geschichte wirklich ausgesprochen schön. 🙂

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