Und der nächste…


Gott was ist denn gerade los? Ist euch allen hier unten zu langweilig?

Gerade kam die Nachricht für mich rein – ein Arbeitskollege ist tot. Das schlimme daran: Er hat nicht gewartet bis er dran ist – und sich umgebracht.

Nichts genaues weiß man nicht, aber die ersten, die bei Suizid „Feigling“ brüllen, die gabs wohl schon.

Nein, Suizid ist keine Feiglingshandlung. Sie ist der letzte Ausweg der Verzweifelten.

Man kann auch nicht verhindern, wenn sich jemand umbringen möchte. In dem Moment, wo der Entschluß getroffen ist, sind die Leute tot. Schlicht und ergreifend.

Durch pures Glück kann man vielleicht noch etwas verhindern, aber wer sterben WILL wird das tun.

Aber im Vorfeld kann man viel tun. Wenn jemand depressiv ist, hilft es nicht, ihm immer wieder zu predigen, dass er sich gefälligst zusammenreißen soll. Depressionen sind keine schlechte Laune, sondern eine ernstzunehmende Erkrankung.

Wenn jemand verzweifelt ist, wenn man sieht, dass es jemandem nicht gut geht, dann reicht es häufig, sich 10 min. hinzusetzen und ZUZUHÖREN. Nicht mit guten Ratschlägen auftrumpfen, sondern den anderen die Last von der Seele reden lassen.

Suizide verhindert man nicht heldenhaft in letzter Minute – man verhindert sie durch 1000 kleine Handlungen der Nächstenliebe und der Achtsamkeit. Indem man Menschen signalisiert: Du bist wertvoll. DU bist wichtig. Nicht das, was du für mich tun kannst.

Und auch wenn die Chemie nicht stimmt – die Richtschnur „behandle jeden so, wie du selbst behandelt werden willst“ ist ein guter Fahrplan. Man muss einen Menschen nicht mögen, um mit ihm gut zusammenzuarbeiten.

Für meinen Kollegen sind diese Erkenntnisse zu spät.

Doch feige, das war er nicht. Er hat nur aus seiner Situation – egal wie sie war – keinen anderen Ausweg mehr gesehen.

Und diese Ausweglosigkeit, die sollte niemand erleben dürfen. Und niemand sollte nur noch den Tod als Ausweg sehen müssen.

Leb wohl.

An dieser Stelle ist es für mich höchste Zeit:

Danke.

An alle, die für mich da waren, als ich es gebraucht hatte. Ich hatte mehr Glück als mein Kollege, denn ich hatte ein Netz, das mich auffing.

Ich habe Freunde, die zugehört haben. Die mir das Gefühl geben, nicht wertlos zu sein.

Vielleicht werdet ihr nie wissen, was mir das alles bedeutet, denn ich bin nicht gut darin, Gefühle auszudrücken. Ich kann mich gut erklären, aber ich kann nicht gut Gefühle zeigen.

Danke, das ihr trotzdem da seid.

Veröffentlicht am 18. Januar 2012, in Allgemein. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 9 Kommentare.

  1. Jo, und DU bleibst auch noch ne Weile, ne, versprochen?

    Ansonsten sprichst Du mir aus der Seele. Und wehe, es bricht jetzt wieder jemand die Verantwortungslosigkeit-der-Selbstmörder-Diskussion los.

  2. Ich kann die Worte von Tanchen aus eigener Erfahrung bestätigen. Bei mir machte es von jetzt auf gleich klick und ich war auf dem Weg zu höheren Örtlichkeiten. Wenn mich nicht jemand runtergeholt hätte und in der Klappe abgeladen hätte…

    Ja, es ist in gewisser weise feige, sich so aus dem Leben zu stehlen – aber man sieht nichts mehr – keine Freunde, keine Familie, keine Nachbarn!

    Der Song „Wunderful life“ von Hurts ist seither ein Wegbegleiter geworden und der Gedanke „Wo ist der nächste Strick“ verfolgt mich immer noch – und dabei ist es nun ein paar Jahre her…

    Wie Tantchen schon sagte: Schaut auf die anderen und hört zu…

    • Ich glaube, wenn du eine bestimmte Schwelle überschritten hast, dann geht der Gedanke nie wieder ganz weg.

      Der Tod, der für Kinder und ganz junge Leute so weit weg ist, wird für dich zum Wegbegleiter. Immer irgendwo gefährlich, wenn man nicht aufpasst, aber solange man doch noch leben will – so lange kann man rechtzeitig die Reißleine ziehen.

      Denn man weiß dann auch die Anzeichen zu deuten. Und bestimmte Dinge zu meiden oder eben Gesellschaft zu suchen.

      Für mich eine der besten Bands der Welt, aber hören kann ich sie nicht, ohne das es mir dreckig geht: Pink Floyd. The Wall ist nach wie vor mein Lieblingsalbum aber nach wie vor darf ich es einfach nicht hören – nicht mal einen Song aus dem Stück. :-/

  3. Reblogged this on lebenswort and commented:
    Dieser kleine Abschnitt von Tantchen hat mich bewegt, die Login-Daten von meinem Blog wieder auszupacken. Es geht so verdammt schnell, den Lebensmut zu verlieren und alles nur noch beenden zu wollen – so verdammt schnell…

  4. Genau das ist es, worauf’s ankommt: „ZUZUHÖREN“, zuerst einmal ohne jeglichen Kommentar, wenn Der/Diejenige dann signalisiert, darüber sprechen zu wollen, ist’s immer noch Zeit.
    Und zu Dir, liebes Tantchen, Du hast, neben dem Blog, doch noch eine wichtige Aufgabe: das Betreiben eines Cafes mit wunderschönen Sitzmöbeln 😉
    .. übrigens: wo bleibt meine Schokosahnetorte?
    Liebe Grüsse
    Hajo

  5. Hallo Tantchen,

    ich lese jetzt schon eine Weile mit, habe mich aber bisher noch nicht zu Wort gemeldet. Aber dieser Post hat mich angeregt, mich doch einmal zu melden.

    Du hast völlig Recht: wenn jemand den Entschluss fasst, Suizid zu begehen, dann ist es für diese Person wirklich nur der allerletzte Ausweg aus einer Situation, die ihm hoffnungslos erscheint. Ich leide selbst unter Depressionen, und der Gedanke, alles zu beenden, indem ich mir das Leben nehme, ist immer mal wieder kurz da – besonders in Zeiten, in denen es mir besonders schlecht geht. Und wenn ich nicht meine Frau und meine engen Freunde hätte, bei denen ich einfach sein kann, wie ich bin, und bei denen ich mich auch mal „auskotzen“ kann, dann würde ich wohl auch schon lange nicht mehr unter den Lebenden weilen. Es ist wahr: ZUHÖREN ist die stärkste Waffe, die andere gegen die Depressionen und Selbstmordgedanken eines Freundes oder einer bekannten Person haben. Alles andere wirkt nicht unbedingt, ist im Gegenteil manchmal sogar gefährlich! Ich weiß, dass meine Frau oft selbst verzweifelt ist, weil sie mir einfach irgendwie helfen will, meine Situation aktiv verbessern will – sie versucht, mir Zuspruch zu geben oder mir gute Dinge zu tun, die mir sonst gefallen (z. B. mein Lieblingsgericht zu kochen). Das alles kommt aber nicht wirklich bei mir an, wenn ich im Tief bin. Wenn sie aber einfach nur da ist, mir zuhört und in meiner Nähe ist – das ist besser als jeder Zuspruch.

    • Zitat: „sie versucht, mir Zuspruch zu geben oder mir gute Dinge zu tun, die mir sonst gefallen (z. B. mein Lieblingsgericht zu kochen)“

      Ich kenne das auch und war auch schon ein paar Monate in dem „Wellneshotel zur lockeren Schraube“. Aber ich habe festgestellt, daß, wenn solche Gesten auch im Moment eines tiefs nicht ankommen, daß man sich doch wieder daran erinnert, wenn es einem etwas besser geht und dann weiss man: Da ist jemand, dem ich was bedeute, es ist gut, daß ich den negativen Gedanken nich nachgegeben habe.

      Hier möchte ich an ALLE ein großes DANKE sagen, die solche Kleinigkeiten für uns tun.

      Danke „Tantchen“ !!!

  1. Pingback: Und der Gedanke bleibt… | Fabi Fabi

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