Wie wars denn so – 1 –


Ich hab mir erstmal überlegen müssen, wie ich alles in Blogform packe. Chronologisch bietet sich das nicht an, dafür ist zuviel passiert und ich hab zuviele Eindrücke gewonnen. Darum versuche ich das jetzt etwas anders: Ich picke mir immer mal wieder eine Sache raus und schreib darüber.

Und wenn man mit Schwarzen im Süden ist, worüber redet man da? Genau. Rassismus. Aber das echt später, das wird ein langer Eintrag.

Hier erstmal die To-Do-Liste. 😉

Heroes behind the Hits und Music Root hab ich ja schon geschrieben. Nashville ist – abseits von allen Vorurteilen über kulturlose Amerikaner, ein echtes Kulturhighlight. Nicht nur wegen „Country-Music“. Irgendwie hat da jeder ne grandiose Singstimme (ich war da ne Krähe im Nachtigallenwald) und irgendwie konnte jeder zumindest ein Instrument spielen. Viele mehrere.

Jede Kirchengemeinde hat einen Gospelchor, die meisten haben auch echt was drauf.  „Meine“ Gemeinde hat da ein paar Stimmenleckerchen drin, das war nur noch toll, da zuzuhören. Jeden Sonntag singt eine 12jährige (!) mit einem Stimmvolumen, dass locker an Aretha Franklin heranreicht, die Hymne fürs Abendmahl – oder wie immer man das übersetzt. Tolle Stimme, tolles Kind.

Wie jetzt. Kirchengemeinde und ich? Geht das?

Jupps. Und das sehr gut. 😉

Probleme damit, an etwas zu glauben, hatte ich nie und werde ich nie haben. Ich habe aber massive Probleme mit den Kirchen hier in Deutschland. Missionarischer Eifer, Selbstgerechtigkeit, Heuchelei, alles das ist im Gesamtpaket inbegriffen. Nicht nur von den Pfarrern, Pastoren oder wasauchimmer, sondern immer auch von den Mitgliedern selbst.

Nicht mein Ding. Und die ganzen Skandale rund um Kindesmissbrauch und wie die Kirchen (evangelisch wie katholisch) damit umgegangen sind, haben mich auch nicht gerade in Begeisterungsstürme verfallen lassen. Nett ausgedrückt.

Sehr anders sieht das aber bei „meiner“ Kirchengemeinde dort drüben aus. Metropolitan Interdenominational Church. Mit Betonung auf Interdenominational. Um zu wissen, wie die Leute dort ticken, braucht man nur das Selbstbekenntnis zu lesen. Und das wird dort gelebt, was nicht zuletzt ein Verdienst der beiden Kirchenvorstände, Rev. Edwin Sanders und Rev. John Cross ist.

Diese beiden LEBEN das, was sie jeden Tag predigen. Sie nehmen jeden mit offenen Armen auf und lassen die Leute sein, was sie sind. Wo sonst könnte sich ein Mann offen zu seinem Schwulsein bekennen und die Kirche sagt: „Egal, du bist willkommen, wie immer du bist“. Und in die kirchlichen Belange voll mit einbezogen werden. Es gibt genügend Kirchengemeinden, die versuchen, Schwule mit religiösen Ritualen zu „heilen“.

Und wer glaubt, dass wir in Deutschland darüber stehen, der möge sich mal bei kreuz.net umgucken und staunen.

Ich habe dort die gesamte menschliche Palette kennengelernt, aber nicht ein einziges mal wurde mir vorgehalten, dass ich Weiße bin. Denn das zählt dort nicht. Es zählt einzig und allein, was du bist und wer du bist. Bist du nett: Willkommen. Bist du krank: Willkommen und erzähle deine Sorgen. Bist du ein Idiot: Da ist die Tür. *g*

Auch der Gottesdienst dort macht einfach Spaß.

Und letztlich habe ich dort in den letzten 20 Jahren einige sehr wertvolle Dinge gelernt. Nämlich, dass es wirklich nicht auf die Hautfarbe ankommt. Sondern auf die Personen. Dass es nicht darauf ankommt, wie sich jemand gibt – sondern wie sich derjenige dir gegenüber verhält. Dass es egal ist, ob jemand schwul, hetero oder bi ist, denn dass sind Schlafzimmergeschichten und die kann jeder für sich behalten.

Und die Freundschaften, die ich aufgebaut habe, halten sogar über den Ozean hinweg. Was mich persönlich am meisten freut.

Glaube ich an Gott? Ja.

Glaube ich an Kirchen? Nein.

Glaube ich an Missionierung? An die Rettung von Seelen, indem ich sie zu meinem Glauben bekehre? Never ever. Mein Glaube ist meine Sache. Und ich werde keinem reinreden, der etwas anderes glaubt.

So einfach kanns sein 😉

Veröffentlicht am 5. April 2012, in Allgemein. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 9 Kommentare.

  1. Ja, meine Seele rette nur ich selbst. Ich kann allenfalls um Hilfe bitten.

  2. Was die Kirche in Deutschland (und nicht nur da) angeht, stimme ich dir zu. Um zu glauben braucht niemand einen Verein. Das kann und sollte jeder mit sich selbst ausmachen. Für die Kirche (Konfession: egal) ist man speziell in diesem unseren… nur Zahlvieh. Die bekannten Skandale (und vor allem die sicherlich vorhandenen unbekannten bzw. vertuschten) sind derart desaströs, dass ich jedes mal im Strahl kotzen könnte. Der Grundgedanke mag in grauer Vorzeit mal ganz okay gewesen sein, aber es ist ja hinlänglich bekannt, was im Verlauf der Jahrhunderte daraus geworden ist. Die letzte „interne Revision“ ist ja mittlerweile auch schon wieder eine ganz schön lange Zeit her und hat Europa 30 Jahre lang Krieg gebracht. Das oft in diesem Zusammenhang bemühte Wort „verkrustet“ trifft die Sache nicht mal mehr annähernd. Gut zu hören, dass es auch Gegenbeispiele gibt und das auch Regeln einfach sein können (die Sache mit dem Idioten und der Tür fand ich schon immer gut). Wahrscheinlich gibt es auch hier bei uns positive Bespiele, nur wo? Der Klüngel ist an Masse derart überlegen… Man kann den Leuten nur die Daumen drücken, dass sie ihre Sache weiterhin durchziehen können. Gerade – wirkliche – Toleranz (auch so ein inflationär gebrauchtes Wort in Verbindung mit Glaube und Kirche) ist imho eine der schwersten Aufgaben überhaupt.

  3. Ich danke dir für deine Schilderung. Ich kann nun besser verstehen, warum sich ein Mensch auch und zurecht in einer Gemeinde wohl fühlen kann. Du schreibst sehr gut und nachvollziehbar. Ich erkenne, dass es das ist, was alles Menschen brauchen: ein Zuhause, eine Familie, Dazuzugehören, Anerkennung. So sollte Religion eigentlich sein: integrierend. Halte die guten Gefühle in dir fest für dein weiteres Leben.

  4. toll, dass Du so eine offene Gemeinschaft gefunden hast. Ich mag auch den „alleinseligmachenden“ Anspruch nicht, suche aber gerne Gemeinschaft in – wie wohl auch in Deiner Kirche – einem kräftigen Halleluja nach Gospelart. Es passieren so viele begeisternde Sachen i.S. Gott – abseits der großen Kirchen in Deutschland, dass ich da ganz hoffnungsvoll bin.

  5. So handhabe ich es auch, wenn mich wer missionieren will werde ich sauer. Der Glauben und nicht-Glauben sind Privatsache.

  6. Ich glaube auch nicht an Kirchen. 😛

    Aber die Kirchengemeinden, die so sind, wie es auf kreuz.net steht, die kannst du echt mit der Lupe suchen. Und die deutsche Bischofskonferenz würde kreuz.net gern abschalten, weil die eben völlig abgedreht sind.
    Die sind so repräsentativ für christliche Kirchen in Deutschland wie Obama fürs europäische Judentum.

    • Das hat mit repräsentativ nix zu tun, Wolfram. Mir gehts darum, dass es in *jeder* Religion Idioten zuhauf gibt, die meinen, sie könnten anderen ihre Weltanschauung aufzwingen. Kreuz.net ist ein krasses Beispiel, aber ich kann mir auch keine deutsche Kirchengemeinde vorstellen, die einen Schwulen als Messdiener offen akzeptiert, ohne die Augenbrauen hochzuziehen. Fällt dir eine ein? Mir nicht.

      • Wenn du deine Argumentation auf eine mikroskopische Splittergruppe baust, dann mußt du dir da schon Kritik gefallen lassen… immerhin ist für dich in deinem Artikel der Maßstab nicht die große Mehrheit, sondern die Splittergruppe von kreuz.net – und da solltest du allein schon der Ehrlichkeit halber zur Kenntnis nehmen, daß deine Argumentation einen argen Hang zur sachfremden Polemik hat. Und das drück ich mal vorsichtig aus, denn so oft, wie ich dir das schon gesagt hab, müßtest du es eigentlich besser wissen.
        Ich kanns aber auch noch mal anders sagen: kreuz.net taugt als Beschreibung deutscher Kirchengemeinden gleich welcher couleur ungefähr so gut wie Internetsperren zum Schutz vor Kindsmißbrauch.
        Kapiert?

        Da ich hauptsächlich in Gemeinden verkehre, die überhaupt keine Meßdiener haben, ist die Frage insofern bei mir an der falschen Stelle.
        Aber ich weiß von genügend homosexuellen – bekennend homosexuellen – Pfarrern in den Gliedkirchen der Evangelischen Kirche in Deutschland, um sagen zu können: ja, das ist akzeptiert. Bis hin in die Kirchenordnungen, was nicht ohne große Diskussionen abging, aber angesichts der äußerst klaren Ansagen zu diesem Thema in den Schriften, die die Basis der christlichen Religion bilden, durfte das auch nicht ohne Diskussion durchgehen. „Geduldet“, um einen juristischen Begriff zu bemühen, war es schon lange, mittlerweile ist es also auch rechtsverbindlich festgeschrieben.

        Ich hab auch mal eine Zeit bei einem homosexuellen Pfarrer im Haus gewohnt (wenn man Gerüchten Glauben schenkt, ist er eher bi, aber ich hab ihn nur mit männlichen Partnern gekannt); wir sind im Unfrieden geschieden, aber nicht wegen seiner Homosexualität, sondern weil er nicht bereit war, die Schamgrenzen seiner Mitbewohner zu respektieren. Wenn ich am Pfarrhaus klingele, will ich nicht, daß mir der Pfarrer in Unterhosen die Tür öffnet, und wenn einer bei mir an die Tür klopft, mach ich nicht auf, solang ich nicht angezogen bin. „Mich stört das aber nicht“, sagt er. Ja, mich aber.
        Und daß sein Sexualleben in der Gemeinde Wellen schlägt, liegt nicht an seiner Homosexualität, sondern an seiner Promiskuität und seinem Hang zu deutlich jüngeren Partnern.

  7. Amen, Tante. Viel mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

    Oder vielleicht doch, ein paar Sachen fallen mir dazu ein. Meine Eltern sind Christen und Mitglieder einer Freikirche. Diese bemüht sich ebenso bestenfalls, genau die in deinem Text beschriebenen Werte auch im Alltag einzuhalten (mit wie viel Erfolg kann ich nicht sagen – Ich habe mit den Leuten kaum etwas zu tun). Leider wird ebenselbige Freikirche aber auch gerne und laut als Sekte verschrien, sogar lokalmedial hin und wieder.
    Natürlich ist es im Interesse der Christen, weitere Leute für ihre Religion zu überzeugen. Dasselbe geht ja auch für den Islam und die Juden. Und – seien wir doch mal ganz ehrlich – ist das nicht vollkommen normal? Möchte man nicht möglichst viele Leute für eine Sache überzeugen, die man „gut“ und „richtig“ findet? Für die Einen ist es Religion, für die andere nationale Sicherheit und für die Dritten Menschenrechte. Die Frage ist natürlich immer, wie man an die Sache herangeht. Ich befürworte selbstredend keine Kreuzzüge, ich möchte auch nicht auf der Strasse von jemandem angesprochen werden, ob ich an Gott glaube oder ob ich lieber in der Hölle schmore und ich möchte erst recht nicht als „lediglich Interessierter“ in schwarzer Alltagskleidung eine Kirche betreten und sofort als von Dämonen Besessener abgestempelt und geläutert werden. Aber es spricht doch nichts dagegen, in einem natürlichen, ungezwungenen Gespräch über die eigene Überzeugung zu reden, richtig? Das ist, meines Erachtens, die einzig richtige Missionierung. Niemand sollte zu irgend einem Glauben gezwungen werden.
    Ich selber? Ich bin mir gar nicht sicher, ob ich an Gott glaube. Vielleicht. Ich möchte es jedenfalls. Ich bekenne mich jedenfalls zu keiner Religion, momentan.

    Ich zitiere hier mal sinngemäss den Undertaker: „Die meisten Leute haben kein Problem mit Gott, sondern mit seinem Bodenpersonal.“

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