Elfentraum – II


Gestalt ist relativ
Für dich wird Gestalt immer das sein
als was du dich siehst.
Nichts ist fest. Nichts in Stein gegossen.
Außer du willst es.
-Gondar-

Clarissa saß zu Fuß des großen Baumes und betrachtete die zierliche Figur vor sich. Johvan starrte sie mit einem strengen Gesichtsausdruck an und sagte: „Was soll das heißen, du kannst nicht kämpfen?“

„Ich habe das nie gelernt.“ anwortete Clarissa. „Und ich sehe auch nicht die Notwendigkeit, das je zu lernen.“

Johvan schnaubte. „Du magst ja groß genug sein, um über uns drüberlaufen zu können, aber da draußen gibt es größere Dinge als dich. Und die haben genug Hunger für mehrere von deiner Größe. Du musst lernen, dich zu verteidigen. Ich möchte den Vorfall von neulich nicht wiederholt sehen.“

Clarissa rollte mit den Augen.

Diese Diskussion führte sie bereits seit einigen…Tagen? Es war schwer zu sagen, in diesem Wald der ewigen Nacht. Nur das Sternenlicht tauchte den Wald in ein sanftes Licht und auch nur dort, wo die Blätter dünn genug waren, um das wenige Licht hindurchzulassen. Sonst gab es nur lichtspendende Pflanzen und Pilze, die in der Dunkelheit leuchteten. Blaue, grüne und rote Lichter wechselten sich ab und ergaben ein beeindruckendes Bild. Und wenn man sich daran gewöhnt hatte, war es fast taghell, auch wenn die Farben in nichts dem glichen, was Clarissa je gesehen hatte. Es war schöner als alles, was sie je kennengelernt hatte und sie wollte alles sehen.

Johvan und Jinny hatten es auf sich genommen, ihr beizubringen, wie sie sich im Wald bewegen konnte ohne allzuviel Aufmerksamkeit von unerwünschten Räubern auf sich zu lenken. Was schwierig genug war, denn der Größenunterschied erschwerte alles enorm und Clarissa fühlte sich von Tag zu Tag mehr wie ein Trampel.

Lautlos durch den Wald schleichen – das lernte sie wohl nie. Irgendwo war immer ein Ast oder ein Blatt, das raschelte. Mehr als einmal hatte sie vor Räubern fliehen müssen. Das letzte mal war es ein etwas, das in den Schatten der Blätter aussah wie ein überdimensionaler Ball. Ein Ball mit Zähnen. Mit gemeinen Zähnen. Clarissa schauderte.

Johvan bemerkte es und schnaubte. „Wird auch langsam Zeit, dass du etwas wie Angst zeigst.“ Clarissa furchte die Stirn. Warum sollte sie Angst haben? Es war ihre Welt und es war ja nicht so, dass….sie schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn. Die Lösung für ihr Problem, es lag die ganze Zeit auf der Hand. Aber bevor sie etwas versuchte, musste sie ihre beiden Aufpasser loswerden, die der Ältestenrat ihr zur Seite gestellt hatte. Sie seufzte erneut. Der Ältestenrat. Die Weisesten der Weisen. Pah.

Eher ein Rat von alten Weibern und Männern, die lediglich noch ein Hobby hatten und eine Beschäftigung. Ihr den letzten Nerv zu rauben. „Du bist die Schlafende, du wirst die Zeiten wenden“.

Wenn die wüssten…

Clarissa schüttelte den Kopf und drängte die Gedanken mit Gewalt beiseite. „Johvan, Jinny, könnt ihr mich bitte für eine Weile allein lassen? Ich muss nachdenken.“ Die beiden beäugten sie kritisch und misstrauisch. „Was hast du vor?“ Jinny war eindeutig nicht bereit, so einfach zu gehen. In den letzten Tagen waren die beiden gute Freunde geworden.

„Ich muss nachdenken. Und dazu brauche ich ein wenig Ruhe. Ihr wisst doch, große Gehirne laufen nicht so schnell wie eure kleinen…“

Johvan machte große Augen: „Hast du uns eben beleidigt?“ Clarissa kicherte leise in sich hinein. „Bitte?“

Die beiden sahen sich an, zuckten mit den Schultern und meinten: „Wenn du uns brauchst, weißt du ja wo wir sind.“

Kaum waren die beiden verschwunden, schloß Clarissa die Augen und erinnerte sich an Gondars Worte: „Nichts ist in Stein gemeißelt, es sei denn, du willst es“.

Sie legte beide Hände flach auf den Boden und nahm Verbindung mit der Kraft im Inneren auf, die sie nunmehr so gut kannte. Sie konzentrierte sich und visualisierte ihr neues Aussehen. Die Größe, die Flügel, alles sollte so perfekt wie möglich sein.

Worauf sie nicht vorbereitet war, waren die Schmerzen. Sie veränderte ihre Größe, das ging nicht so ohne weiteres vor sich. Doch sie fühlte, dass es zu nichts gutem führen würde, wenn sie sich ablenken ließ. Und sie hatte definitiv schon schlimmeres erlebt.

Verbissen hielt sie an ihrer Visualisierung fest und überließ es der Kraft, ihre Gestalt diesem Bild anzugleichen. Der bohrende Schmerz wurde schlimmer und riß sie fast aus ihrer Konzentration heraus, doch stur klammerte sie sich an das Bild, das sie als Elfe zeigte.

Nach einer Ewigkeit ebbte der Schmerz ab und sie öffnete die Augen und staunte. Alles wirkte so anders, so groß. Sie blickte sich um und sah nun, dass die Stadt aus ihrer Perspektive so anders wirkte, größer und heimeliger.

„Johvan? Jinny? Seid ihr da?“ fragte Clarissa in ihren Gedanken. Sie wusste, dass die beiden nur darauf warteten, dass sie sie rufen würde. Und wie sie es sich gedacht hatte, schwirrten zwei Pfeile schnurstracks auf die Stelle zu, wo sie sie vermuteten. Genau oberhalb der Stelle stoppten die beiden Gestalten und schwirrten ratlos auf der Stelle. „Clarissa? Wo bist du?“

Clarissa grinste breit und sagte: „Hier unten.“ Die Verwirrung, die von den beiden ausging, wurde womöglich noch intensiver. „Wo? Wir können dich nicht sehen?“ Clarissa flatterte mit ihren neuen Schwingen und winkte hektisch. „Nun kommt doch runter, hier unten.“ Beide sahen nach unten, hörte vor Schreck auf zu flattern und stürzten fast auf den Boden herab. Kurz vor dem Aufprall fingen die Schwingen wieder hektisch an zu flattern und beide landeten etwas wacklig auf dem Boden.

„Clarissa?“ fragte Jinny voll Staunen. Clarissa grinste breit. „Ja, hier bin ich.“ Sie betrachtete Jinny und Johvan aufmerksam. Jinnys Gesicht konnte sie nie richtig sehen, sie hatte ein spitzes Kinn, hohe Wangenknochen und schräg stehende, intensiv grün schimmernde Augen. Die weichen Haare flossen in Wellen bis auf den Rücken hinab. Als sie noch ihre alte Größe hatte, konnte Clarissa die exquisite Schönheit von Jinny nicht richtig würdigen, sie war zu klein für sie. Und Johvan, der sie nun um einen halben Kopf überragte, grinste auf sie herab. Grüne, wuschelige Haare, ein völlig fassungsloser Gesichtsausdruck und ansonsten das genaue Abbild von Jinny. Clarissa war sprachlos.

„Was ist passiert?“ fragte Jinny verstört. „Du kannst doch nicht einfach ein Elf werden. Du warst so groß? Wie hast du das gemacht?“ Clarissa verfluchte sich im stillen. Das war nicht richtig durchdacht. Sie wollte nicht offenbaren, wer sie war. Das hätte zuviele Probleme mit sich gebracht und sie ahnte instinktiv, dass dies eine Barriere zwischen sie und die Elfen stellen würde. Und dazu war sie nicht bereit. Sie wollte eine Weile bei diesem Volk bleiben. Schlafende hin oder her.

Jinny schüttelte den Kopf. „Aber eigentlich ist das gleichgültig, du bist jetzt so groß wie wir und wir können dir endlich beibringen, wie du kämpfen kannst.“ Sie grinste breit und Clarissa stöhnte gequält auf. „Das war eigentlich nicht meine Absicht…“ Johvan unterbrach sie und meinte nur trocken: „Das hättest du dir früher überlegen sollen. Komm mit.“ Er zog sie am Ärmel und flog hinauf.

Clarissa flatterte mit ihren Schwingen, doch sie hatte noch nicht gelernt mit ihnen umzugehen und so konnte sie nicht abheben. Johvan und Jinny beobachteten ihre vergeblichen Versuche mit einem amüsierten Lächeln und schließlich schwebte Johvan herab und nahm sie auf die Arme, um mit ihr zum Saal der Alten hinaufzufliegen. Clarissa, vor Verlegenheit einen hochroten Kopf, meinte nur „ich glaube, ich muss noch viel lernen.“ Jinny lachte laut heraus und auch von Johvan kam ein unterdrücktes Gekicher. Clarissa wurde, sofern das möglich war, noch röter und blickte stur überallhin nur nicht zu den beiden Elfen.

Als sie den Saal der Alten erreichten, wurden sie schon erwartet.

Veröffentlicht am 12. Juni 2012, in Allgemein. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 2 Kommentare.

  1. Es ist vielleicht unhöflich gleich zu meckern – aber hier ist ein Fehler:
    „Johvan, Jinny, könnt ihr mich bitte für eine Weile allein sein?

    Ansonsten bin ich sehr gespannt wie es weitergeht 🙂

warf folgenden Kuchen auf den Teller