Perfektes Timing


Unser Bundespräsident singt das Hohelied der Bundeswehr, wie Charakterbildend und demokratiefördernd doch der Aufenthalt in der Bundeswehr wäre.

Und gleichzeitig kommt eine Studie der Uni Tübingen raus, die feststellt, dass die Rekruten hinter der Persönlichkeitsentwicklung Gleichaltriger hinterherhinken. Und zwar über JAHRE. Das ist nicht nur ein Entwicklungsknick, das ist durchaus was ernsteres.
Äh, Herr Bundespräsident, wie war das doch gleich? *redemanuskript raushol*

Wie bildet man Menschen aus, die solch wichtige Aufgaben übernehmen? An dieser Führungsakademie, das habe ich gespürt, wird kein geistiger Gleichschritt gelehrt. Hier werden Persönlichkeiten gebildet und eine Fülle von Fähigkeiten entwickelt: Entscheidungsvermögen und Übersicht in fordernden Gefechtssituationen, aber auch politisches Urteilsvermögen und diplomatisches Fingerspitzengefühl, die Fähigkeit, Widerspruch in Rede und Gegenrede zu begründen, interkulturelle Kompetenz und der Umgang mit Medien. Alles in allem: die hohe Kunst, Verantwortung zu übernehmen.

Ah ja. Das haben sie gespürt. Wo eigentlich? Da wo andere Menschen sitzen?

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Veröffentlicht am 13. Juni 2012, in Allgemein. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 15 Kommentare.

  1. Mhm, ich hab die Studie gestern auch mal in Ruhe gelesen und bin irgendwie ein wenig hin und her gerissen. Ich habe selber mein Wehrdienst abgeleistet und habe auch immer noch relativ viele Freunde die entweder gerade Soldat sind oder aber ähnlich wie ich ihren Wehrdienst abgeleistet haben.
    Es mag wohl stimmen, dass wir, wenn wir unter uns über die Bundeswehr reden gerne mal in einen Umgangston verfallen, den wohl nur Soldaten oder ehemalige Soldaten, verstehen, aber das wir alle gleich über Jahre in der sozialen Entwicklung zurückgeblieben sind ist mir nicht aufgefallen.
    Wie man selber aus dem Bundeswehrdienst hervorgeht hängt auch immer von der Person ab und davon wie man war bevor man sein Dienst geleistet hat. Ich habe bei solchen pauschalisierten Aussagen immer ein ziemlich mieses Gefühl.

    • Pauschalaussagen sind NIE gut.

      Und der Unterschied zwischen dem, was man selbst wahrnimmt und dem, was in Studien festgestellt wurde, ist eklatant. Ich kann die Studie aus *meiner* Sicht bestätigen. Diejenigen, die in meinem Freundes- und Bekanntenkreis beim Bund waren, haben alle nicht den Sprung ins Erwachsenenalter geschafft.

      Sei es, dass sie Kinder in die Welt setzen, aber weiter so tun, als wären sie Junggesellen, sei es, dass sie weiterhin bei Mutti zu hause sitzen (mit Mitte 30 bis Anfang 40) und das auch noch toll finden, weil sie sich um nix kümmern müssen und ihr ganzes Gehalt für sich haben.

      Die Liste kannst beliebig weiterführen. Möglicherweise hast DU ja ein paar gute Exemplare im Bekanntenkreis und ich den ganzen Müll. 😉

      • Liebes Tantchen,
        den ersten Satz kann ich voll unterschreiben, allerings verfällst Du stante pede in das, was Du im ersten Satz quasi ausschliesst.
        wat denn nu?
        Übrigens kenn ich auch einige „Exemplare“, die (mit entsprechendem Alter) dem „Hotel Mama“ fröhnen, obwohl sie nicht „gedient“ haben. 😉

        • Tantchen sagt, dass Pauschalaussagen nie gut sind (eine Pauschalaussage, ha! Ich bin so witzig heute), sagt danach jedoch aus, dass die Studie generell zutrifft bei den Wehrdienstlern, die sie kennt.
          Klingt für mich ziemlich einfach.

  2. Also wenn du dir dein Zitat anschaust – wo steht da was von, dass in der Akademie die Leute auf den gleichen Persönlichkeitsstand kommen oder gehalten werden wie andere in dem Alter? Ich find da nix.

    Für mich ist es nachvollziehbar, dass die in der Persönlichkeitsentwicklung zurückbleiben. Du lernst während dieser Zeit – die ja heut nicht mehr lang ist, es sei denn, du verpflichtest dich – andere Dinge. Und die dann halt auch mit einem Oberziel: richtig abwehren bzw. richtig töten zu können. Oder angreifen zu können – wie auch immer du es nennen willst. Das sind aber normalerweise nicht die Inhalte der Jahre, in denen sich bei anderen die Persönlichkeit entsprechend weiterentwickelt.

    Von daher verständlich (oder plausibel), jedoch nichts, was ich gut finde. Aber irgendwer muß ja diese Arbeit machen, oder?

    • Müssen wir das wirklich?

      Brauchen wir eine Armee? Wofür? Wovor soll uns die Armee schützen? Wer bedroht direkt an unseren Grenzen unsere Freiheit? Unser Land?

      Welche Arbeit ist es, die getan werden muss? Und zwar so dringend, dass man damit Menschenleben riskieren darf?

      Das ist die grundsätzliche Frage, die nie beantwortet wurde. Zu sagen, dass die Armee die notwendige Arbeit tut, ist eine unbewiesene Tatsachenbehauptung solange man nicht sagt, WELCHE Arbeit sie doch bitte tun soll.

      • Naja,
        die Frage läßt sich relativ einfach beantworten. Was wäre, wenn wir keine Armee hätten?

        Meiner Meinung nach brauchst du heutzutage – leider – immer etwas zur Abschreckung. Gefällt mir nicht, unterstütz(t)e ich nicht. Hab dafür auch wesentlich längeren Zivildienst gemacht. Doch ich denke, du kommst um eine Armee nicht umhin.

        Und die Aufgaben(felder) – ja, die sind mit Sicherheit absichtlich nicht ganz klar definiert.

        • Wer muss denn abgeschreckt werden? Jetzt mal genau? Glaubst du wirklich, dass die Franzosen, Holländer, Polen, Schweizer (ausgerechnet, die haben doch ein Schildkrötenproblem *g*), Österreicher (okaaaaaaaaaay…) oder sonstwer nix besseres zu tun hat, als erstmal bei uns einzufallen und uns zu annektieren? Und glaubst du wirklich, dass dieses ominöse Land dann damit durchkäme? Und nicht weltweit isoliert wäre? Wir sind nicht Tibet, mein Freund, wo es keine Sau interessiert, was aus dem Land wird.

          Und die Aufgabenfelder sind im Grundgesetz SEHR klar definiert. Die Bundeswehr soll unsere Grenzen gegen ausländische Einfälle schützen. Und das heißt: Anrollende Panzer und co. und nicht doofe Ideen von anderen Regierungen. Da steht aber nix von drin, das wir unsere „Freiheit am Hindukusch verteidigen“ müssen…

          • Naja,
            wenn die Grenzen im GG (ich glaub § 115 ist es) so genau beschrieben werden – mit welcher Begründung befindet sich denn dann die Bundeswehr im Auslandseinsatz?

            Meiner Meinung nach ist das doch schon nicht korrekt oder gar irgendwie durchs GG abgedeckt. Es lediglich mit NATO und sonstigen Verbündeten und Terrorismus argumentiert. Gedeckt ist es jedenfalls mMn nicht vom GG.

            Und wofür wir eine Bundeswehr brauchen? Da gibt es viele Gründe:
            – weniger Arbeitslose;
            – sonstige, zivile Arbeitsplätze werden dadurch gesichert;
            – Abschreckung gehört mMn noch immer dazu.

            Bzgl. Abschreckung: es gibt immer Spinner und wird sie wohl auch immer geben, die meinen, sie müßten ganz oben an der Macht stehen, es sei ihre Berufung, wie auch immer. Und die Waffen haben oder sich basteln werden. Egal, ob das eigene Volk dem zustimmt oder nicht.

            Ob die Abschreckung dann letztlich diese Spinner abhält, ist relativ. Hat man aber gar keine Abschreckung, dann hat man laufend mit solchen Spinnern zu tun.

            Und ja, ich hätte auch gerne eine Welt, die mit möglichst wenigen Gesetzen, ohne Geld und ohne Streit auskommt. Aber ich denke, wenn ich mich umschaue und ganz realistisch beurteile, werde ich das wohl nicht mehr erleben. Zumindest nicht in diesem Leben …

            • Nur kurz als Antwort auf die erste Frage. Was genau glaubst du war der Grund für den Hindukusch-Spruch vom Struck. Das war kein Aussetzer , sondern eine bewusste Umdeutung des GG

              • Ja,
                meine Frage war ja auch eher ironisch gemeint. Ich wollte damit ausdrücken, dass die Politiker sowieso machen was sie wollen.

                Wer bestraft sie denn womit, wenn sie gegen das GG handeln? Im Moment doch niemand – wenn ich das zumindest auf die Geschichte „Bundeswehr im Ausland“ beziehe.

  3. Also – äh – ja – man lernt da auch töten, aber hauptsächlich lernt man Gehorsam und Unterordnung! Einfach machen, bloß nicht drüber nachdenken und auf keinen Fall fragen.

    Insbesondere das „ich weiß nicht weiter, ich frag‘ meinen Uffz“ ist da sehr angesagt, wenngleich es natürlich das selbständige Denken nicht gerade fördert. (Uffz == Unteroffizier, meist Gruppenführer, manchmal auch als StUffz == Stabsunteroffizier).

    Kritik ist nicht erwünscht und wird nicht geduldet. Man sollte nicht zuviel selber denken, das kann leicht mal ’ne Nacht in der Arrestzelle nach sich ziehen (wenn man einem Vorgesetzten für einen, pardon, „Dummfick“ Schläge androht z. B.).

    Man braucht sich keine Gedanken zu machen: Aufstehen wird befohlen, die Kleidung wird befohlen, der Zeitpunkt zum Antreten und Essenfassen wird befohlen, die Arbeit wird befohlen, die Zeit zum Mittachmachen wird befohlen, Dienstschluss wird befohlen und, Rekruten kennen das ;), das Zubettgehen wird befohlen (nennt sich auch Zapfenstreich). Es ist vorgeschrieben, wie der Spind eingeräumt wird, wie das Bett zu machen ist, wie die Stube in Ordnung gehalten wird oder wie man ordentlich kacken geht (glaub‘ ich – bin ich aber nich‘ ganz sicher).

    Sogar Sommer und Winter werden befohlen.

    Erwähnt werden sollte noch der „Henkelmann“, also das Strammstehen bei der Meldung, dann das Grüßen der Vorgesetzten durch anlegen der Hand an die Kopfbedeckung usw.

    Und wehe dem, der aus der Reihe tanzt 😀

    PS: Meine Dienstzeit dauerte vom 02.01.1990 bis 31.03.1991 (W15).

    • Da bin ich ja froh, dass ich gleich mehrere Gründe habe, wieso ich nichts mit Militär zu tun haben muss. 😀

  4. @JoynSoft: „Aufstehen wird befohlen, die Kleidung wird befohlen, der Zeitpunkt zum Antreten und Essenfassen wird befohlen, die Arbeit wird befohlen, die Zeit zum Mittachmachen wird befohlen, Dienstschluss wird befohlen und, Rekruten kennen das , das Zubettgehen wird befohlen (nennt sich auch Zapfenstreich). “
    Wo ist der Unterschied zum „normalen Leben?
    Aber komm jetzt bitte nicht mit so Gegenargumenten wie freie Kleidungswahl (in einigen Bereichen wie z.B. Banken, aber auch in Fabriken nicht immer durchsetzbar/sinnvoll), flexible Arbeitszeit (bei Schichtarbeit nicht wirklich sinnvoll) etc.
    Bleibt lediglich das Zubettgehen, aber auch da setzt oftmals der Körper die /Freiheits-) Grenzen. 😉

  5. Die weiteren Punkte sollten aber, obwohl es nicht einmal um eine vollständige Liste handelt, schon gewisse Differenzen zum sogen. normalen Leben aufzeigen.

    Noch was zum Nachdenken:
    Wer pennt freiwillig mehrere Monate lang mit sieben weiteren Männern in einem Zimmer? Und jetzt komm‘ nich‘ mit Montagearbeitern, denn die dürften ein wenig mehr Geld bekommen, als ein Grundwehrdienstleisternder.
    Wie kommt es in der sogen. freien Wirtschaft vor, dass nach einem normalen Arbeitstag noch eine Nachtschicht und eine weitere Normalschicht folgen? Ärzte und Polizisten oder OP-Pfleger etc. bekommen idR höheren Salär als die GWL.
    Wem wird im Zivilleben befohlen, sich in Matschpfützen zu werfen?
    Wieviele Menschen würden im Zivilleben bei 20-25°C unter Null zelten gehen?
    Wem würde im Zivilleben bei solchen Temperaturen mitten in der nacht befohlen, sich unzureichnend bekleidet in eine matschige Stellung zu begeben?

    Zudem sollte es im Zivilleben normalerweise so sein, dass man für der Nichtbefolgen von Anweisungen maximal freigesetzt (vulgo: entlassen) wird, aber nur selten so, dass man im Knast landet. In einem Zivilbetrieb sind Leute, die nachfragen, sich Gedanken und somit fundierte Vorschläge machen, i.A. hochwillkommen, bei der BW kann man für so etwas auch schonmal im Knast landen und muss im Extremfalle auch noch bezahlen.

    Dass auch in der zivilen Wirtschaft/dem Zivilleben gewisse Zwänge und Regeln existieren, bestreite ich nicht, aber ein „Zuwiderhandeln“ hat wenig drastische Folgen und meistens sind die Regeln auch weiter gefasst.

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