Elfentraum – X


Dunkelheit. Nicht enden wollende Dunkelheit. Wärme, die zu brennender Hitze wurde und zu einer alles erstarrenden Kälte wurde. Einsamkeit, Traurigkeit. Clarissa wusste nicht, seit wann sie in dieser Wolke steckte. Alle Sinneseindrücke waren verschwunden. Sie war blind, taub, sie konnte nichts riechen, nichts schmecken, ihren Körper nicht mehr fühlen, alles war verschwunden.

Und dann kamen die Bilder. Bilder aus ihrer Vergangenheit. Als sie ein Kind war, Eltern hatte. Eine Familie. Wieder erlebte sie, wie nach und nach jeder starb.

Nur nicht sie.

Sie erlebte ihre Einsamkeit erneut, als ihr gewahr wurde, dass sie die letzte war. Sie erlebte den Zusammenbruch ihrer Welt erneut. Alles, was sie vergessen wollte wurde gnadenlos nach oben gezerrt, ihr vorgehalten.

Und die Wolke spürte Vergnügen ob ihres Elends. Sie labte sich an ihren Gefühlen. Clarissa durchlebte sie alle, intensiv, ohne den Schutz anderer Sinne. Kein Geruch, der sie ablenkte von ihrer Trauer. Kein Geschmack, kein Schmerz, sie war nur noch Gefühl. Und sie war von der Intensität der Gefühle, die sie tief in sich vergraben hatte, überwältigt. Sie konnte nichts steuern, sie war hilflos der Gewalt ausgesetzt.

Wäre einer der Elfen oder der Drachen in die Wolke geraten – die Gefühle hätten sie getötet. Auch in Clarissa wuchs der Wunsch zu sterben, doch das konnte sie nicht. Sie musste leben, so wie die Welt leben musste.

Doch die schwarze Wolke würgte das Leben aus ihr heraus. Sie war wie etwas lebendiges, das schmierige Finger in die geheimsten Stellen ihres Seins legte, sie grob herauszerrte, um sie zu vezehren. Clarissa konnte den Ekel über die suchenden Gedankenfinger nicht überwinden. Sie fürchtete sich, wie sie sich nie im Leben gefürchtet hatte. Plötzlich sah sie etwas, das die Wolke sie nicht sehen lassen wollte: Sie ernährte sich von ihren Gefühlen. Sie lebte davon. Sie war auf die Gefühle angewiesen. Und das nahrhafteste aller Gefühle war: Angst.

Langam dämmerte das Clarissa und mit dem Wissen kam auch das Bewusstsein zurück, dass die Wolke ihr nichts tun konnte. Sie hatte nur Taschenspielertricks auf Lager, zumindest, was sie betraf. Die Wesen dieser Welt konnte sie problemlos auslöschen, nicht aber sie.

Aus einem versteckten Winkel ihres Seins, das die Wolke noch nicht erreicht hatte, nahm Clarissa den Mut, der Wolke zu widerstehen. Langsam holte sie sich ihre Erinnerungen zurück. Sie erinnerte sich daran, dass ihre Familie nicht völlig tot war. Dass sie wiedergeboren wurde, hier in dieser Welt. Und dass sie sie vielleicht eines Tages finden würde. Und selbst wenn nicht, Teile hatte sie sehen können. In Jinny, Kya, der Hingabe zu ihren Freunden.

In Johvan. Johvan, dem Mann, der ihr gezeigt hatte, dass die Liebe in ihr nicht tot war. Sie klammerte sich an das Gefühl dieser Liebe als hinge ihr Leben davon ab. Und da begriff sie: Es war auf der Schwelle zu Sieg oder Niederlage. Wenn die schwarze Wolke gewann, würde sie alles verschlingen.

Sie sah es jetzt deutlich und fragte sich, wie sie so blind sein konnte. Diese Welt war zeitlos. Es gab keinen Tag und keine Nacht, die Welt war nur erhellt durch das Sternenlicht. Und das war zuwenig, um den Lebewesen und vor allem IHR Hoffnung zu geben. Hoffnung auf etwas besseres. Hoffnung auf Leben.

Das Sternenlicht ist wunderschön, doch es ist nicht genug um Leben hervorzubringen. Es kann die Schatten nicht vertreiben. Die Schatten ihrer Ängste, ihrer Erfahrungen, und den Schatten ihrer Einsamkeit, die sie über so lange Zeit ertragen musste.

Es waren ihre Gefühle, die die Welt erstickten. Clarissa sah es jetzt deutlich. Und mit dem Wissen konnte sie die Wolke auflösen. Sie setzte Hoffnung gegen Einsamkeit. Sie setzte Liebe gegen Hass. Sie setzte sich selbst gegen die Wolke. Und die Wolke verlor.

Als sie sich auflöste, stand Clarissa vor ihren Gefährten. Sie wusste, was sie zu tun hatte, aber wie konnte sie das tun? Die Traurigkeit, die sie fast sichtbar zu umspülen schien, erschütterte ihre Gefährten. Johvan lief auf sie zu und nahm sie in seine Arme.

Doch der Frieden, den sie dort gefunden hatte, war unwiderbringlich dahin.

Veröffentlicht am 19. Juni 2012, in Allgemein. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Ein Kommentar.

  1. Hmmm – also im ersten Absatz steht dieser Satz:
    „Wärme, die zu brennender Hitze wurde und zu einer alles erstarrenden Kälte wurde.“
    Die Wortwiederholung von „wurde“ passt da nicht, mein Vorschlag wäre:
    „Wärme, die erst zu brennender Hitze und dann zu einer lähmenden Kälte wurde.“

    „Alle Sinneseindrücke waren verschwunden.“ Passt da dann aber auch wieder nicht so ganz, denn die Kälte fühlt sie ja doch irgendwie. Und genau das könntest du im folgenden dann ja auch nochmals herausstellen und so Clarissas Leid und Gefühle in der Wolke plastischer machen.

    „Und dann kamen die Bilder. Bilder aus ihrer Vergangenheit. Als sie ein Kind war, Eltern hatte. Eine Familie. Wieder erlebte sie, wie nach und nach jeder starb.

    Nur nicht sie.“ Hier könntest du dir überlegen, ob du nicht lieber „Nur sie nicht.“ schreiben willst, das ist aber Geschmackssache. 😉

    „Sie erlebte ihre Einsamkeit erneut, als ihr gewahr wurde, dass sie die letzte war.“ Besser: „…, als sie gewahr wurde, …“

    Naja – das soll’s ers’ma‘ gewesen sein, aber du musst da nochma‘ „drübber lesen“, denn an der einen oder anderen Stelle hakt’s ’n bissi (und es sind auch Rechtschreibfehler drinne, wenn ich mich nich irre 😉 ).

    An einigen Punkten müsstest du ggf. klarer herausstellen, ob die Wolke oder Clarissa gemeint sind, so kommt’s zwar auch raus, klingt aber etwas holprig. Ab und an statt eines Punktes vielleicht ein Komma oder ein Semikolon, um zu zeigen, dass zwei aufeinanderfolgende Sätze doch zusammen gehören und ggf. auch einige Absätze zusammenfassen.

    😀

    Letztendlich ist’s aber deine Geschichte und die musst du natürlich so schreiben, wie du willst.

warf folgenden Kuchen auf den Teller