Es ist KRIEEG


Wenn eins mir immer wieder Hoffnung gibt, dass dieser ganze Wahnsinn nicht in einem großen Knall endet, sind es Situationen, wo eine Entscheidung zum „Krieg mit allen Mitteln“ nicht einfach so hingenommen wird.

Heute ist es ausgerechnet die Türkei, die diese Hoffnung befeuert und beflügelt.

Aus Syrien sind Granaten auf ein Dorf geflogen. Viel spricht dafür, dass es Rebellen waren, die dem Assad-Regime noch ein wenig Stress bereiten wollen. Erdogan hat einerseits Vergeltungsschläge geübt – was bis zu einem Punkt durchaus als Verteidigung durchgehen kann. Die Granaten sind auf ein Dorf geflogen und haben Menschen getötet, die sich im Frieden wähnten. Von jetzt auf gleich wurden einfach Bomben geworfen.

Dass man da ein paar Bomben zurückwirft und die Absender fragt, ob die noch ganz dicht sind: Jederzeit.

Dann holt man sich den zuständigen Botschafter, haut dem einen Handschuh um die Ohren und dann muss das aber auch gut gewesen sein. Und dann hat man sich verdammt noch eins um die Opfer zu kümmern. Es sind Tote anständig zu beerdigen und traumatisierte Überlebende zu bekuscheln.

Statt dessen brüllt Premierminister Erdogan die altbekannte Vokabel vom „Verteidigungskrieg“ und das türkische Parlament berät aktuell, ob es dem Mann freie Hand lassen soll. Offenbar in der Hoffnung, dass, wenn sich die Staubwolke legt, man noch ein paar Quadratmeter jetzt syrischen Landes sein eigen nennen kann.

Soweit, so gewöhnlich.

NICHT gewöhnlich jedoch, gerade für die Türkei nicht, sind die sich anbahnenden Massenproteste eines Volkes, dass nicht einsieht, dass seine Söhne in einem Krieg verletzt und getötet werden sollen, dessen Berechtigung sie nicht nachvollziehen können.

Auf dem Taksim-Platz versammeln sich Tausende zu einer Spontandemonstration gegen den Krieg.

DAS ist es, was mir Hoffnung bereitet. Wenn ein restriktives Land wie die Türkei es schafft, soviele Menschen gegen etwas zu mobilisieren, was so offensichtlich Unrecht ist – dann schaffen wir das hier auch. Egal bei welchem Thema. Unrecht bleibt Unrecht, egal in welchem Gewand.

Und es ist herzerwärmend, da gerade zuzusehen. Und ich bete zu jedem Gott, den ihr kennt, dass Erdogan das nicht mit Gewalt niederschlagen läßt, sondern auf die Stimme des Volkes hört. Denn es sind die Söhne und Töchter derer, die auf dem Taksim-Platz stehen, die sterben werden.

Nicht seine.

Veröffentlicht am 4. Oktober 2012, in Allgemein. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 11 Kommentare.

  1. ein anderer Stefan

    Leider ist es wieder mal viel komplizierter als das. Erdogan sieht seine Chance, sich als der neue „Starke Mann“ der Region zu etablieren. Das syrische Regime versinkt im Bürgerkrieg, Syrien könnte auseinanderbrechen. Da versucht sich Erdogan im Namen der Stabilität der Region schon mal eine gute Ausgangsposition zu sichern. Außerdem wäre ein schwaches Syrien eine mögliche Basis für ein unabhängiges Kurdistan – was die Türkei mal so überhaupt nicht will. Da kommt ihm so ein eher zufälliger Angriff (wenn es denn einer war, und nicht ein dummer Zufall oder eine gezielte Provokation der Rebellen) gerade recht. Es wäre ja auch denkbar gewesen, nicht gleich drei dutzend Syrer in Vergeltung wegzubomben, sondern sich diplomatisch dazu zu verständigen. Aber das hat die Türkei ja offenbar nicht abwarten wollen. Wenn die NATO sich jetzt noch dazu hinreißen läßt, den Bündnisfall zu erklären, dann gute Nacht, Syrien.

    • Und wie schnell der ausgerufen werden kann, zeigten 9/11 und afganistan. Beten wir mal lieber, daß das nicht so endet… keine lust, unsere jungs auch noch dort rumkrebsen zu sehen. Afganistan und balkan reichen!

      • ein anderer Stefan

        Sind nicht immer noch deutsche Marineeinheiten im Mittelmeer unterwegs? Oder sind die „nur“ vorm Horn von Afrika im Einsatz? Deutsche Bodentruppen in Nahost wären in der Tat eine unschöne Vorstellung. Aber so blöd, die Türkei massiv anzugreifen und den Bündnisfall auszulösen, können eigentlich nicht mal die ganzen durchgeknallten Potentaten der Region sein – Libyen ist ja noch nicht so lange her. Nee, noch mehr Krieg in der Region als jetzt schon braucht keiner.

  2. So aus dem Kopf haben wir derzeit folgende Operationen laufen:
    – Bosnien-Herzogovina (da bin ich mir nicht sicher)
    – Kosovo (Militär, Polizei und Rechtwissenschaften)
    – Afghanistan (Polizei, Militär)
    – Adria / Östliches Mittelmeer wegen Nato-Grenze und Balkan
    – Sehr weit östliches Mittelmeer Seegrenzüberwachung des Libanon
    – Rotes Meer, Horn von Afrika, westl. Indischer Ozean zur Seewegsicherung der Suez-Route)
    – Kleinere Aufträge zur Polizei- und Militär-Ausbildung in verschiedenen Staaten (wenn ich mir die Zeitungsberichte der letzten Monate ins Gedächtnis rufe)
    – Dazu sind noch Überwachungsoffiziere in den AVACs eingesetzt zur Luftraumüberwachung (Europa, Nah-Ost, Nord-Afrika)
    – Einige andere Kooperationen innerhalb der NATO in Form von logistischer und finanzieller Unterstützung der Bündnispartner für deren Aktionen. Nicht jedes Land hält alle notwendigen Kapazitäten bereit und bekommt deswegen Unterstützung von größeren Bündnispartnern.

    Libanon war/ist wegen der Möglichkeit einer Auseinandersetzung mit den israelischen Verteidigungskräften gefürchtet. (Nach meiner Meinung sogar zu Recht)

    Naja – und was einer meiner Vorschreiber schon meinte: Syrien könnten auch die Rebellen gewesen sein. Allerdings scheint die Lage in Syrien noch komplexer zu sein, als zunächst Gedacht.
    z.B. hat die Türkei ein Gesetzt, das ihrem Militär auch Operationen in Irakisch-Kurdist erlaubt. Ein Kommentator im Deutschlandfunk erwähnte gestern die Möglichkeit, daß die Türkei dieses Gesetzt auch auf Syrisch-Kurdistan ausweiten könnte. Zudem scheinen die Kurden in Syrien Assad und seinem Apparat verbunden zu sein, also die Rebellen zu bekämpfen.

    Wenn die NATO nicht aufpaßt, haben wir eine Situation, die die Europa vor dem 1. WK hatte: Das Bündnissystem zwang nach der Zusage des Deutschen Kaisers die Mittelmächte in einen Konflikt zwischen Österreich und Serbien und damit die Alliierten in den Konflikt mit den Mittelmächten.

    Schauen wir uns mal die politische Lage an: (Kein Anspruch auf Vollständigkeit ;))
    – Türkei ist in der NATO und bildet gleichzeitig die NATO-Außengrenze zu Rußland (Schwarzmeerflotte) und dem arabischen Raum.
    – Arabien ist fast schon ein emotionaler Verbund der Menschen, wie die bei einem westlichen Angriff reagieren, hängt von den jeweiligen Herrschern ab und wie diese das Instrumentalisieren
    – Assads Rücken wird mindestens durch den Iran gestärkt
    – Das Gebiet der Kurden überlagert die Staatsgebiete von Osttürkei, Nord-West-Iran, Nord-Irak und Nord-Syrien
    – der säbelrasselnde Iran ist gleich um die Ecke
    – Israel kann mit einer unbedachten Gebärde (diplomatisch wie militärisch) die arabische „Volksseele“ zum Kochen bringen – und hält heute noch zur Wassersicherung teile von Südwest-Syrien besetzt, Friedensvertrag besteht keiner.
    – östlich vom Iran ist Afghanistam-Pakistan-(Kaschmir)-Indien
    – China will Machtpolitisch im afghanischen Bereich auch mitmischen…

    Alles in allem eine sehr vertrackte Geschichte, die durch den Größenwahnsinn einiger Politiker und Nationen nicht gebessert wird. Dazu die Flüchtlingsproblematik – wird also interessant, zumal in Syrien ein Teil der Bevölkerung sehr wohl noch hinter dem Regime steht. (Wenn man denn den Berichten überhaupt trauen kann.)

    Wenn also die Türken schon auf die Straße gehen, warum zwingen wir dann nicht unsere Regierung nicht, „unsere Jungs“ endlich zumindest aus Afghanistan zu holen?! Balkan konnte ich noch verstehen – das ist unser Hinterhof. Der Rest!? Unser Ex-Präsident Köhler hat zumindest in diesem Punkt die Wahrheit gesagt: Die Nationen führen heute Wirtschaftskriege…

    In diesem Sinne.

  3. ein anderer Stefan

    Wirtschaftskriege sind das Stichwort. Mit Größenwahn hat das nur noch selten zu tun. Es geht vor allem im Nahen Osten um Öl. Um Macht geht es sowieso immer, das ist heute hauptsächlich Wirtschaftsmacht.
    Auch Afghanistan kann man so sehen, immerhin ist das ein Teil des Landweges zu den innerasiatischen Rohstoffreserven. Und das alles in den Gebieten, die nahe an China, Russland und Indien liegen, alles drei große Atommächte, die ihren Machtanspruch in Asien nicht aufgeben werden. Deswegen unterstützen die USA ja auch Pakistan, obwohl dort mindestens Sympathisanten mit den Taliban zu finden sind. Eine furchtbar komplizierte Situation, die kaum zu überblicken ist.

    • Ach ja – die A-versicherung… zumal bei indien, pakistan und china die finger etwas sehr locker sitzen. Iran wird für „den westen“ auch bald unangreifbar werden. Lecker 😀

    • Och, du sagst es doch ganz richtig, dass es um’s Öl geht (und um andere Bodenschätze, aber wir verlieren uns ja sonst im klein-klein), also ist die Situation eigentlich ganz übersichtlich, wer den Amis (und allen anderen sogen. zivilisierten, westlich orientierten Staaten) hilft, Öl zu bekommen, bekommt ’nen Keks, wer ihnen nicht hilft bekommt Haue, außer er kann zurückhauen, weil er ’nen Basi zur Hand hat. Den Amis ist es dabei egal, mit wem die sonst so spielen, schon gar, wenn sie sie sowieso nicht hauen können/wollen.

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