Es ist wie es ist
Gerade lesen müssen.
Ein Elternpaar. Freut sich *riesig* auf die kleine Maus. Und dann stellt sich heraus, dass das Kind Trisomie-21 hat und einen Herzfehler.
Eine Tragödie.
Ich möchte jetzt nicht den Sinn oder Unsinn von pränataler Diagnostik diskutieren, das gehört hier nicht hin. Sondern im Laufe der Diskussion kamen *meine* diversen „Krankenhauszwischenfälle“ in den Kopf. Und wie ich damit umgegangen bin.
Beim erstenmal wars noch heftig. Ich hab mit allem gehadert, die Schmerzen einer großen Bauch-OP sind nichts, was ich *irgendwem* wünschen würde.
Ich hab damals wohl ziemlich geschockt reagiert, mich in mich selbst zurückgezogen, so weit, dass ich kaum ansprechbar war. Ich hab einfach nichts mitbekommen. Wollte ich auch nicht.
AUA.
Und ich hab mich schuldig gefühlt, so bescheuert das klingen mag. Aber hallo? Ich war krank, das war ich doch selbst schuld, oder?
Doch irgendwann sah das anders aus. Und bei der letzten OP mit allen ihren Begleiterscheinungen (steht ja ausführlich hier im Blog) hatte ich eigentlich so die grobe Maxime:
Et is wie et is.
Soll heißen: Man kann nichts ändern. Man kann schimpfen, maulen, traurig sein, an den Tatsachen ändert es nix: Man liegt in einem Krankenhausbett und muss halt warten bis alles wieder heile ist.
Et is wie et is.
Was mich zu den Eltern des kleinen, heranwachsenden Hühnchens bringt.
Ich kann mir nicht ausmalen, wie schlimm das sein muss, wenn Eltern zum erstenmal hören, dass ihr Kind behindert sein wird und zudem noch schwerkrank ist. Die Sorgen die man sich um den Wurm macht, 20. Woche ist für so ein Zwergerl VIEL zu früh, geschweige denn für ein krankes Zwergerl, das kann einen um den Verstand bringen.
Das erste, was da einsetzt, sind tatsächlich Schuldgefühle. Man ist doch verantwortlich für den Wurm, wie kann es denn sein, dass er so krank und auch noch behindert ist. Man überlegt, wo man was falsch gemacht hat. Hätte man vielleicht die Pilze nicht gegessen, die strahlen ja auch heute noch. Oder hätte man nicht x oder y gemacht, dass möglicherweise das eigene Erbgut verändert hätte, dann wär Kindchen gesund.
So auch hier. „Ich weiß nicht, ob ich das Kind lieben kann“, so die Aussage, die zu 90% aus Schuldgefühl und 10% aus Angst besteht. Denn die Erfahrung zeigt auch: Natürlich kann er. Er kennt dieses Kind nicht, es ist nur eine Möglichkeit, die heranwächst. Und die kann man durchaus verleugnen. Aber in den meisten Fällen verpufft das völlig, sobald man den Zwerg in der Hand hält.
Et is wie et is.
Und seit ich weiß, dass Dinge einfach passieren, dass man da keinen Einfluß drauf hat. Und seit ich akzeptiert habe, dass es nichts nutzt, sich darüber zu ärgern oder zu weinen, seitdem geht es mir um einiges besser.
Et is wie et is.
Es gibt Dinge, die man beeinflussen kann: Den Umgang mit diesem Kind, dass es schon so früh so schwer hat. Man kann beeinflussen, wie man mit der Umwelt umgeht, die nur zu oft noch von Ignoranz und Überheblichkeit gekennzeichnet ist.
Und das sollte man auch beeinflussen.
Alles andere, was man nicht beeinflussen kann, sollte man hinnehmen und mit den Konsequenzen umgehen.
Und ich wünsche den Eltern beide, dass sie das packen. Trauern ist in Ordnung, trauern über die Möglichkeiten, die dieses Kind wahrscheinlich nie haben wird. Aber dafür hat es andere Möglichkeiten. Und nach der Trauer wünsche ich den Eltern, dass sie mit ihrem Kind eine glückliche Familie werden.
Denn das haben mich die „Downies“ im Bekanntenkreis gelehrt: Sie sind vielleicht nicht die hellsten Lichter unter der Sonne, aber sie sind eine emotionale Bereicherung. Was sie fühlen, geben sie völlig ungefiltert weiter, wenn sie dich lieben, fühlst du dich wie ein König.
Und DAS ist etwas, was man nicht hoch genug schätzen kann.
Veröffentlicht am 20. Oktober 2012, in Allgemein. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 7 Kommentare.
Vielleicht hat die Lütte ja auch Glück und während ihrer Zeit hier auf Erden wird der Umgang mit Behinderten (oder wie immer da der korrekte Neu-Sprech lautet) ungezwungener und ihre Möglichkeiten erweitert. 😀
schön geschrieben, liebes Tantchen
Der Mensch wächst mit seinen Aufgaben, könnte man auch schreiben. Wenn das „Zwergerl“ (wie Du es nennst) erst einmal das Tageslicht (oder zumindest das Kunstlicht des Krankenhauses) erblickt, wandeln sich die Befürchtungen meist in Besorgnis (verpufft, schreibst Du richtig).
„Et is wie et is.“ .. eine gute (Über-)Lebensphilosophie, allerdings sollte man Emotionen nie ganz ausschließen, die Gefahr ist zu groß, dass man dann verroht.
Liebe Grüße
Hajo
Et is wie et is (und et het noch immer jotjejange) ist tatsächlich hilfreich. Man muss lernen Dinge zu akzeptieren, wie sie sind, was schwer genug sein kann, wenn sie sich, und das ist eben der springende Punkt, wirklich nicht ändern lassen.
Leider wird dies von manchen Zeitgenossen auch dazu hergenommen einem den Drang, die änderbaren Dinge auch zu verändern, als Hadern mit dem Schicksal auszulegen: „Stell Dich nicht so an“ „Gib endlich Ruhe, das ist halt so“
Ich denke, es ist aber durchaus sinnvoll und m.E. auch notwendig, sich fortwährend schlau zu machen, was eben doch noch änderbar oder verbesserbar ist. Bei manchen Situationen ergibt sich die Chance dazu auch erst im Laufe der Zeit. Geduld und Akzeptanz sind von Nutzen, vorzeitige Resignation und Fatalismus sind aber nicht angebracht.
ich denke, zu dem Annehmen von „es ist, wie es ist“ gehört aber auch, nach einer gewissen Zeit der Verarbeitung eben auch zu sagen, „Ok, so ist es (leider), und wie kann ich das Beste daraus machen?“ und nicht nur in der Ecke zu sitzen und zu jammern.
OK, Anfangs ist man erst mal im „tilt“-Zustand, je nachdem, was passiert ist, mehr oder weniger und mehr oder weniger lang, aber irgendwann geht das Leben weiter. So hart es anfangs ist. 😦
In jedem Fall wünsche ich den werdenden Eltern alles Gute und viel Kraft – und dem kleinen Wurm das beste, was er haben kann, nämlich trotz Herzfehler ein glückliches Leben. .-)
Natürlich muss man den Zustand zunächst einmal annehmen. Nur verharren wie die Maus vor der Schlange ist eben auch schlecht. Und akzeptieren darf man eben nicht mit Resignieren verwechseln.
Ich denke da an das Beispiel meines Vaters, dem nach dem 2. Schlaganfall wg. seines hängenden Lides von einem Arzt(!) geraten wurde, sich einfach damit abzufinden, das entsprechende Brillenglas durch Milchglas zu ersetzen, da er „in seinem Alter ja sowieso nicht mehr so aktiv“ sei. Das hat er glücklicherweise nicht akzeptiert sondern hat sich zu einer Orthoptistin überweisen lassen und hat täglich lange vor dem Spiegel geübt. Nach 6 Monaten hatte er Lid und den größten Teil der Gesichtshälfte wieder unter Kontrolle. Das mein ich damit, sich schlau zu machen, was vielleicht doch noch gehen könnte, und dies auch zu unternehmen. Die Tatsache, dass da zunächst mal ein Zustand ist, den man akzeptieren musste, heißt nicht, dass es auf ewig nichts zu verbessern gibt.
Karl, wir komplett der gleichen Meinung 🙂
Es mag schon sein, dass Trisomie 21-Kinder nicht die oberen Bereiche der üblichen IQ-Messwerte sprengen. Aber auf der Gefühlsskala sieht das ganz anders aus, da hat man mitunter das Gefühl, selbst „minderbemittelt“ zu sein. In meinem Bekanntenkreis werden diese Kinder übrigens „Sonnenscheinkinder“ genannt. In deren Nähe ist es meist sonnig. 🙂
Den Eltern wünsche ich den Mut, die übliche Meßskala wegzuwerfen und die Skala zu genießen, die ihr besonderes Kind ihnen mitbringt. Ein Sonnenscheinkind-Vater sagte mir mal, er genieße von allen 4 Kindern das Sonnenscheinchen am meisten – da kann die Stimmung noch so bescheiden sein, der findet immer einen Weg, alle happy zu machen. Das schafft kein noch so erfolgreicher Manager.