Einfach ist nicht immer richtig


Juristen haben klar umrissene Welten. Und man kann sich, je nach Argumentation, diese Welt auch durchaus der eigenen Sicht anpassen. Ein Fall passt nicht aufs Gesetz? Such doch mal ein bisschen, da findet sich bestimmt ein Punkt der es dann passend macht.

Die USA und ihr Rechtssystem sind hier ein sehr gutes Beispiel.

In anderen wissenschaftlichen Disziplinen ist das ganze nicht ganz so einfach, Naturgesetze sind zum Beispiel zwar feststehend, aber wir Menschen haben oft noch nicht vollständig begriffen, wie manche Dinge funktionieren, so dass sie in die Naturgesetze hineinpassen.

Man kann, anders als mit juristischen Gesetzen, mit Naturgesetzen auch nicht diskutieren oder sie zurechtbiegen. Sie stehen fest und wir müssen unsere Theorien um diese Naturgesetze drumrumbauen. Nicht immer liegt man dabei richtig.

Sehr schlagend hat das die Erdbebenvoraussage in Italien bewiesen. Das Erdbebenzentrum hat nicht vor einem möglichen Erdbeben gewarnt, „obwohl“ die „Vorbeben“ einen „deutlichen“ Hinweis auf ein starkes Beben gegeben haben. So die Juristen und selbsternannten Erdbebenexperten.

So folgerichtig wie falsch wurden die zuständigen Wissenschaftler jetzt zu langen Haftstrafen verurteilt. Von Juristen, die von den wissenschaftlichen Hintergründen mal genau keine Ahnung haben.

Und von Idioten, die den Boten töten – nicht den Nachrichtenabsender.

Zunächst einmal:

Die Daten waren offenbar nicht einmal halb so deutlich, wie die Juristen es gerne hätten. Das gesamte Gebiet ist hochgradig instabil und Erdbebengefährdet. Auf allen entsprechenden Karten leuchtet es tiefrot.

Beben, auch stärkere, sind dort eher die Regel als die Ausnahme. Und auch Serienbeben, die andernorts ein größeres Beben ankündigen, sind dort öfter anzutreffen. Die Wissenschaftler haben ihre Daten ausgewertet und sind zu dem Schluß gekommen: Kommt nix, Fehlalarm.

Das wirft *allenfalls* ein Schlaglicht auf den aktuellen Stand der Erdbebenforschung, der noch lange nicht so weit ist, dass man Erdbeben vorhersagen könnte. Man kann eine Risikoabschätzung machen und wird das auch tun. Und dabei auch berücksichtigen, dass eine falsche Warnung ebenfalls Schaden anrichten kann.

Ich denke, genau das werden die italienischen Wissenschaftler getan haben: Sie haben sich die Daten angesehen, sie haben extrapoliert, was das bedeutet und dann diskutiert, was man tut: Gibt man Warnung auf die Gefahr hin, dass nichts passiert, evakuiert ganze Gebiete und steht hinterher als Panikmacher da, wenn nix passiert – und geht das Risiko ein, dass beim nächsten mal, wenn es möglicherweise deutlicher ist, keine Sau auf einen hört und es dann richtig rummst? Oder sagt man nix und geht das Risiko ein, dass Menschen sterben, weil sie mitten in einem Erdbebengebiet wohnen?

So oder so ist das keine leichte Entscheidung. Denn beide Optionen gleichen eher einem Lottospiel als einer feststehenden Gesetzmäßigkeit.

Die Forscher haben falsch entschieden, aber das war zu dem Zeitpunkt, als sie die Pressekonferenz hielten, die Entwarnung gab, so nicht vorhersehbar.

Auf der anderen Seite:

Hallo? Das ist ein Erdbebengebiet. Warum sind die Häuser da eingestürzt wie Pappkartons? Wie man an dem Erdbeben in Japan perfekt sehen kann, gibt es eine Menge Möglichkeiten, die Häuser erdbebensicher zu bauen. Der Tsunami hat dort die Hauptschäden angerichtet, nicht das Beben. Selbst Hochhäuser haben gut gewackelt, aber sie sind nicht eingestürzt. Und dann fallen in Italien ganze Neubausiedlungen einfach in sich zusammen? Und DAFÜR steht kein einziger dieser hochkorrupten Baubranche vor Gericht? Das ist doch lächerlich.

DIE hätten verurteilt werden sollen, nicht die Wissenschaftler, die nur ihren Job gemacht haben.

Und so sehr ich die Angehörigen der Toten auch verstehen kann: Auch sie prügeln hier schlichtweg auf die falschen ein. Die Häuser hätten nicht einstürzen dürfen, wenn die Bauvorschriften, die es auch in Italien gibt, eingehalten worden wären.

Sind sie aber nicht, und die Quittung haben nicht die Bauträger zu tragen, sondern die Familien, die Angehörige verloren haben. Aber statt sich darauf zu konzentrieren, entlädt sich der gesamte Volkszorn geballt auf die Boten. Nicht auf den Absender.

Das Urteil zu langjährigen Haftstrafen jedenfalls, wird dieser Situation nicht annähernd gerecht. Das ist reine Unrechts- und Rachejustiz. Und eines Rechtsstaates, der auch nur an der Oberfläche so tut als wäre er einer, unwürdig.

Dieses Urteil ist eine Schande und eine Willkürakt gegen Unschuldige. Ein Bauernopfer, weil man sich an die eigentlich Schuldigen nicht herantraut und *irgendwer* bestraft werden muss.

Und wie sehen die Konsequenzen jetzt auch? Glaubt denn jetzt in Italien wirklich noch jemand, dass auch nur ein Wissenschaftler, der seine Reputation UND FREIHEIT ernst nimmt, auch nur noch eine öffentliche Aussage zum möglichen Eintritt von Naturkatastrophen treffen wird?

Und DAS wird aller Voraussicht nach mehr Menschenleben kosten als es eine falsche Vorhersage tut.

Veröffentlicht am 25. Oktober 2012, in Allgemein. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 5 Kommentare.

  1. Natürlich ist das Urteil eine Sauerei und eigentlich die schimmste Armutserklärung, die sich ein Gericht und ein Justizsystem leisten konnte. Vor allem eine Verurteilung wegen fahrlässiger Tötung ist so ziemlich das Dämlichste, was man sich ausdenken konnte.

    Das Dilemma sich in seinen Aussagen, die eben von der Öffentlichkeit erwartet und eingefordert werden, zwischen zwei Übeln entscheiden zu müssen, taucht für Wissenschaftler immer wieder auf, und eigentlich immer sind sie dann die Dummen.

    Beispiel „Schweinegrippe“: Im Nachherein kann jetzt jeder sagen, die Pandemiewarnung war maßlos übertrieben, alles nur ein willkommener Reibach für die Pharmaindustrie.

    Die Leute, die zu beurteilen hatten ob das entsprechende Virus das Potential für eine weltweite Epidemie hat, saßen von Anfang an in der Klemme und konnten eigentlich nur alles falsch machen: Sagt man, es *könnte* (!) sich eine Pandemie entwickeln und schlägt die entsprechenden Maßnahmen inklusive schnellstmögliche Produktion von Impfstoffen vor, erzeugt man ggf. Panikreaktionen. Tritt dann die Pandemie nicht ein, hat man Millionen bis Milliarden verblasen und es war mal wieder die pöse Pharmaindustrie schuld. Warnt man hingegen nicht und hält still, und es tritt dann der worst case mit Millionen Toten ein, hat man ebenfalls alles flasch gemacht, da man ja nicht gewarnt hat, weil man es hätte wissen müssen. Außerdem sind die Maßnahmen bei einer *eventuell* drohenden Pandemie ja gerade darauf ausgerichtet eben diese Pandemie zu verhindern oder doch zumindest abzumildern, sodass man selbst, wenn man mit einer Warnung recht gehabt hätte, aber die Pandemie *erfolgreich* verhindert hat, immer noch die Arschkarte gezogen hat, weil ja alles nicht so schlimm geworden ist, wie man angeblich vorausgesagt hat. Letzteres stimmt natürlich nicht, da man nur gewarnt hat, es *könnte* so schlimm werden , wenn man *keine* Maßnahmen ergreift.

  2. Ich hoffe das die ganzen Wissenschaftler genug Mumm besitzen jetzt zu sagen das sie nicht in dem Bereich arbeiten werden und Italien dann ohne Erdbebenforscher dasteht. Das Urteil ist eine Frechheit.

  3. Lochkartenstanzer

    Zumindest in der Türkei hat man da vor ein paar jahren die richtigen eingeknastet. Da hab sie die Baupfuscher (fast) alle am schlafittchen gepackt.

    Da sind nämlich auch neubauten reihenweise eingestürzt, obwohl es da auch Bauvorschriften für „erdbebensicheres“ bauen gibt..

    Mit dem Urteil würde es mich nicht wundern, wenn da über kurz oder lang es gar keine Erdbebenforscher in Italien gäbe.

    lks

  4. ich finde es immer schlimm, wenn „alle Welt“ sich in Urteils-/Gerichtschelte übt, dabei gibt es auch (immer öfter vorkommende) Gegenbeispiele.
    Auch hier wurden naturwissenschaftliche Phänomene in juristische Grenzen gezwängt, das Ergebnis ist niederschmetternd.
    Warum studieren Naturwissenschaftler und Ingenieure so selten Jura (und vertrocknen dort)?

  5. Irgendeiner muss die Schuld in die Schuhe geschoben bekommen. Die Wissenschaftler boten sich an, verurteilt zu werden, damit nicht nachgeschaut wird (werden muss), woran es wirklich lag.

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