Richtig diskutieren


Heute:

Welche Argumentationsstränge man bei der Debatte um die Beschneidung besser nicht benutzt.

„Das ist doch bescheuert, da war vor Tausenden von Jahren ein Mann, der glaubte, er hörte Stimmen. Daran zu glauben ist doch blöd.“

Tjo, für DICH vielleicht. Aber für die, die dran glauben, ist es das nicht. Für die ist das bitterer ernst, was glaubt ihr eigentlich, warum sofort so ein Shitstorm losgebrochen ist?

Religion ist eine GLAUBENSsache. Man kann dran glauben oder nicht. ReligionsFREIHEIT hingegen bedeutet: Auch wenn ICH nicht dran glaube, darfst du trotzdem glauben woran du willst.

Über den Sinn und Zweck von Religionen an sich zu diskutieren ist bescheuert und im letzten Ende erfolglos. Denn wenn sich Leute angegriffen fühlen, wenn sie meinen, sie werden aufgrund ihres Glaubens verspottet oder in eine Ecke gedrängt, in die sie nicht gehören, dann machen die zu, hören nichts mehr und sind auch nicht für Kompromisse zu haben, dann gehts nur: Du bist für oder gegen mich.

Tja, guckt euch den Verlauf der Diskussion rund um die Beschneidung mal an. Genau das ist passiert.

Wenn man sich das mal genau betrachtet, war der erste Aufschrei nach der  Veröffentlichung des Urteils genau so erwartbar. Das waren in erster Linie die Ultraorthodoxen, die aufgejault und davon gefaselt haben, dass ohne Beschneidung in Deutschland kein jüdisches Leben mehr möglich ist.

Hätte man das jetzt souverän ausgesessen, sich mit deren Argumenten genauer beschäftigt und die einen nach dem anderen widerlegt, also das ganze diskussionstechnisch auf eine Sachebene zurückgeführt, wären wir jetzt wahrscheinlich einen deutlichen Schritt weiter.

Denn genausowenig wie die Reformjuden maßgeblich für das jüdische Leben sind, sind es die Ultras. Sie versuchens, wie alle religiösen Fanatiker, aber sie sind nicht maßgeblich oder bestimmend für den Großteil der jüdischen Bevölkerung. Ich denke mal, der Großteil der Israelis wirds mit der jüdischen Religion halten so wie wir mit dem Christentum. Lauwarm. 😉

Aber als dieser Shitstorm losbrach, passierte reflexhaft die Abwehrhaltung der Deutschen. Es wurde „Holocaust“ gebrüllt, „Nazi“ und „Volksverhetzung“ und schwupps konnten wir zweierlei Reaktionen sehen.

1. Trotz: Die Fronten von Befürwortern und Gegnern fingen an, sich zu verhärten. Die einen sahen sich in eine Nazi-Ecke gestellt (wo nicht alle reingehörten, einige aber schon) und die anderen haben die Dramaqueen-Seifenoper zum Mittel der Diskussionswahl gewählt. Ich erinnere an diese lächerliche Demonstration vor 300 Figuren, als ein Rabbi dramatisch die Anklageschrift eines Kinderarztes hochhob und danach ins Widderhorn trötete um die Gläubigen zu versammeln.

Das hatte schon was von Surrealismus.

2. Pawlowscher Folgereflex. „Er hat Nazi gesagt, das sind wir aber nicht, also müssen wir die Beschneidung erlauben um zu beweisen, das wir keine Nazis sind“.

Yay. Namentlich für diese Reflexe sind hier Mutti Merkel und Volker Beck genannt, die hier in erster Linie nicht schnell genug auf eine gesetzliche Lösung an unserem Grundgesetz vorbei dringen konnten. Und entsprechend furchtbar ist dieses Gesetz auch geworden. Beschneidungen an Jungen werden jetzt aus jedem Grund erlaubt. Und wenn ihr religiöse Beschneidungen schon für furchtbar haltet, dann hört euch bitte das Gerante einer werdenden Mutter an, die missbraucht wurde. Und die einen Sohn beschneiden lassen würde und zwar sofort nach der Geburt, damit der NIE was böses mit seinem Schwänzchen machen kann.

Nein, das war NICHT in meiner Familie.

Und dann gibts dann noch diesen Gesetzeschreiber im Justizministerium, der dieses Gesetz verbrochen hat. Den sollte man gleich einsperren.

Wie kommt man aus der Kiste jetzt wieder raus?

Leider nur noch auf dem langen Weg. Der kurze ist verbaut, durch den Fundamentalismus auf beiden Seiten.

Der lange Weg heißt: Wir werden noch viele tote Babies zu beklagen haben. Wir werden weiterhin viele junge Männer haben, die erst nach und nach merken, was ihnen angetan wurde.

Wir werden noch viele Leidensgeschichten hören müssen und über kurz oder lang werden sich viele Eltern fragen müssen: „Was haben wir unserem Sohn da angetan?“

Und diesmal wird die Antwort NICHT lauten:

„Weil wir es nicht besser wussten.“

Denn wir wissen es besser. Die Genitalverstümmelung ist geschlechtsneutral. Sie betrifft Jungen und Mädchen gleichermaßen.

Mädchen sind im Zuge der Aufklärung und der Gleichberechtigung vom Haken. Es wird höchste Zeit, dass die Jungen auch losgelassen werden.

Jedes Kind, gleich welcher Religion, hat das Recht auf einen unversehrten Körper. Und es wird Zeit, das ALLE das anerkennen.

 

Veröffentlicht am 24. November 2012, in Allgemein. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 4 Kommentare.

  1. und ich überlege immer noch, was passieren würde, wenn ich beantragen würde, meine Tochter auf Grundlage dieses Gesetzes nun beschneiden zu lassen…
    (natürlich ohne das wirklich zu wollen – ist nur mal ein Gedankenspiel zum Wachrütteln)

    • Wär wirklich spannend. Denn wir haben den Gleichberechtigungsgrundsatz, der ja mit de Gesetz massiv ausgehebelt wird.

      Ich überlege mal. Wenn du glaubst, dass die Beschneidung ein „Vorteil“ ist, dann wird deine Tochter aufgrund dieses Gesetzes „benachteiligt“. Und dann könntest du theoretisch sogar klagen, weil deine Tochter aufgrund ihres Geschlechtes von den „Segnungen“ der Beschneidung ausgeschlossen ist.

      Oo Yay, aber DIE Chuzpe muss mal jemand aufbringen, geschweige denn, dass man jemanden findet, der so verdreht argumentieren kann… oO

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