Angst essen Seele auf


Henning Mankell hat Krebs. Und er macht seine Erkrankung öffentlich. Er reiht sich damit ein in die Reihe der Autoren, die über ihre Krebserkrankung berichtet haben. Manche waren bekannter als andere. Wolfgang Herrndorf. Christof Schlingensief. Die Chaoskatze. Echium. Ich selbst. Und jetzt Henning Mankell.

Krebs ist eine fiese Krankheit. Und sie macht Angst. Und erstaunlicherweise haben oft die Leute, die eigentlich nicht betroffen sind, die meiste Angst. Dass es sie treffen könnte. Wer an Krebs erkrankt ist, wird schnell feststellen, auf wen er sich verlassen kann und auf wen nicht. Denn viele ducken sich weg, wollen das alles nicht hören.

Und lassen den Kranken damit dann alleine. Mit seinen Ängsten, Befürchtungen, dem Stress und der Verzweiflung, die bei der Diagnose IMMER mitschwingt. Denn Krebs, der alte Feind der Menschheit, hat objektiv viel von seinem Schrecken verloren. Doch subjektiv nicht.

Doch das Wegducken ist auch die Weigerung, sich mit der Tatsache zu beschäftigen, dass man selbst eines Tages möglicherweise an Krebs erkrankt. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch. Irgendwo habe ich mal eine Zahl gesehen, dass 75% aller Menschen in ihrem Leben irgendwann einmal an Krebs erkranken. Und nicht jeder schafft es.

Also gucken wir weg. Wir wollen das Leid nicht wahrnehmen – und übersehen dabei die Hoffnung. Wir gucken bei so vielen Gelegenheiten weg, beim Missbrauch und der Misshandlung von Kindern. Bei häuslicher Gewalt. Und eben bei schweren Krankheiten. Das sind Dinge, die wollen wir alle vergessen.

Es ist noch okay, wenn das einen Einzelnen betrifft. Das muss jeder mit sich selbst ausmachen, ob er es für richtig hält, einen guten Freund in der Stunde der Not alleine zu lassen.

Eine ganz andere Aussage bekommt das aber, wenn dieser ängstliche Mensch plötzlich fordert, dass die Menschen doch in aller Stille sterben sollten. Diskret, zurückhalten. Nicht so egoistisch sein und die eigene Krankheit allen aufdrängen. Das würde doch niemanden weiterbringen.

In der Zeit steht dieser Kommentar und verfasst hat ihn Ulrich Greiner, ein Mann, der selbst fast 70 Jahre alt ist und dem  Schicksal „Krebs“ offenbar bislang mit Glück entgangen ist.

Es ist ein ängstlicher Kommentar eines alten Mannes, der Angst vor dem Sterben und dem Tod hat. Wer öfter mal bei Tom mitliest, weiß, dass Sterben und Tod nach wie vor Tabubehaftet sind. Man möchte mit diesen Dingen wenig zu tun haben, nicht daran erinnert werden, dass die eigene Zeit begrenzt ist. Aber man erfährt auch, dass man wunderbare Erlebnisse haben kann, wenn man dieses Tabu überwindet und den Tod willkommen heißt. Das heißt nicht, dass man das Leben dafür ablehnen soll. Aber der Tod gehört zum Leben und das Leben zum Tod. Das eine kann es nicht ohne das andere geben – und das Gefühl dafür ist leider vielen abhanden gekommen.

Und so stirbt man oftmals heutzutage eben nicht mehr narzisstisch zu Hause, und belästigt die Angehörigen damit, sondern bescheiden und anständig und steril im Krankenhaus. Wen wundert es denn bitte, dass unter solchen Bedingungen die Angst vor dem Sterben zunimmt und nicht abnimmt?

Greiner bezieht sich hier auch auf die bürgerliche Gesellschaft, die in Buddenbrooks nachgezeichnet wird. Es handelt sich um eine Gesellschaft, in der man den Nachbarn mit seinen persönlichen Befindlichkeiten verschont. Derjenige, der dagegen verstößt, wird als Negativbeispiel genannt, dem das „Gleichgewicht“ fehle.

Das kann gut sein, denn die Diagnose Krebs ist sehr gut geeignet, um das eigene Gleichgewicht zu stören. Wer diese Krankheit hat bzw. hatte, weiß: In dem Moment wo die Diagnose gestellt wird, wird das bisherige Leben zerstört. Es ist in jedem Fall eine Zäsur, es gibt „davor“ und „danach“. Und eine Rückkehr ist unmöglich, denn auch man selbst verändert sich. Krebs ist keine Krankheit für Hasenfüße.

Herr Greiner möchte überdies eine Kultur des Wegsehens etabliert wissen. Eine Kultur, die das „unangenehme“ ausblendet, die nicht wahrnehmen muss, was nicht schön ist. Doch genau diese Kultur haben wir bereits zu lange gepflegt, zu oft haben wir weggeguckt wo wir hätten hinsehen müssen. Es ist die Kultur der alten Menschen. „Geht mich nichts an“ – gefolgt von einem empörten Aufseufzen, wenn wieder jemand stirbt. „Hat denn keiner was gesehen?“ Nein, denn: „Geht mich ja nichts an.“

Was Herr Greiner aber völlig übersieht ist: Man muss das nicht lesen. Ein Blog, eine Veröffentlichung ist ein Angebot, etwas wahrzunehmen. „Hier sieh, das bin ich. So bin ich, das bin ich, das macht mich aus.“ – und man kann dieses Angebot annehmen oder ablehnen. Keiner zwingt einen, etwas zu lesen, was man nicht erträgt. Wenn er es doch tut, kann er nicht den Autoren des Narzissmus bezichtigen. Sondern höchstens sich selbst der Inkonsequenz.

Die Zeiten des puritanischen Spießbürgertums, wo menschliche Regungen nicht vorgesehen waren, die ist zum Glück seit langer Zeit vorbei. Auch für einen Herrn Greiner.

Er kann Henning Mankells mutiges (!) Angebot annehmen. Oder er kann es ablehnen. Aber ihn zwingen, auf sein Angebot zu verzichten, oder ihn dafür zu verurteilen, dass kann und darf er nicht, wenn er sich nicht selbst als ängstlicher alter Mann darstellen möchte, der dieses Angebot nicht verkraftet.

Und ehrlich gesagt: Ich lese lieber Chaoskatze als Greiner. Ich lese lieber, wie ein Mensch trotz widrigster Umstände das Leben bejaht, anstatt den Tod, der ja auch zum Leben gehört, hübsch verpackt in der ihm gebührenden Ecke parkt.

Denn aus dem Tod erblüht Leben. Das Leben ist nichts ohne den Tod. Wir wissen, es endet irgendwann. Und alles, was wir tun können, ist doch, das Beste draus zu machen.

Henning Mankell tut das.

Ulrich Greiner nicht.

/update: Das kursive nachgereicht.

Veröffentlicht am 31. Januar 2014, in Nachdenkliches. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 6 Kommentare.

  1. Kommt es mir nur so vor oder fehlt beim drittletzten Absatz (»Auch für einen Herrn Greiner. Die Zeiten, wo«) etwas?
    Aber ich stimme dir zu, das mit dem verdrängen ist wirklich ein Problem in unserer Zeit.

  2. Dieser Artikel hat mich zutiefst berührt – Danke!

    Ich selbst verlor vor fünf Jahren meinen langjährigen Lebensgeführt durch diese tückische Krankheit.

  3. Ich komme langsam zu der Überzeugung, dass diese immer mehr zunehmende Neigung zur Verdrängung der eigenen Endlichkeit und vorher schon der Weigerung des Eingestehens der eigenen Verletztlichkeit in vielen, auch anderen Zusammenhängen auftaucht. Bei Thema Krebs konzentriert sich das nur. Ein Phänomen, das meines Erachtens auch damit zu tun hat, ist die implizite Schuldzuweisung, die wir an anderer Stelle gerade bei einem anderen Thema hatten, die aber ganz prominent bei Krankheiten und hier gerade bei Krebserkrankungen eine Rolle spielt.

    Ja, wir wissen, dass es Risikofaktoren gibt, Rauchen, Alkohol, Übergewicht und etliche andere gehören dazu. Nur auch derjenige, der ALLE diese Risikofaktoren ausschließt ist nicht vor einer Erkrankung geschützt. Natürlich macht es Sinn, sie zu vermeiden, (sich zwanghaft von ihnen fernzuhalten übrigens aus meiner Sicht nicht, weil auch das bereits wieder pathologisch ist). Es ist sicher auch nicht schädlich über Risikofaktoren aufzuklären, aber es macht keinen Sinn einem Betroffenen damit zu kommen „Hättest Du mal …., dann wärest Du vielleicht nicht …..“, denn was genau, welches Ereignis, welcher Einfluss, zu seiner konkreten Erkrankung geführt hat, ist völlig offen und wird sich auch nie klären lassen. Allein die Frage „Wie bekommt man denn sowas?“ ist obsolet, denn er hat es ja bereits, und da es keine konkrete Antwort gibt, geben kann, ist es eine rethorische Frage, und sie zielt oft (unbewusst) auf die Schludfrage ab. Und die ist letztlich Ausdruck der eigenen Angst, auch „sowas“ bekommen zu können.

    Von da ist es nicht mehr weit, bis zur „Krebspersönlichkeit“ und dem unsäglichen Schwachsin Hamers und der neuen germanischen Medizin.

    Ich habe vor einiger Zeit selbst mal dazu ein paar Gedanken gesammelt:
    http://drkall.wordpress.com/2010/09/10/die-schuldfrage/

    • Nachtrag: In dem verlinkten Blogpost ist (am Ende) ein lesenswerter Artikel aus der Süddeutschen von 2010 verlinkt, der sich unter anderem mit dem Thema des victim blaming im Zusamenhang mit Krankheiten und Gesundheitspolitik befasst.

  4. Gut geschrieben, liebe Tante Jay.
    Ich habe schon Kinder an Krebs sterben sehen, mit Eltern, die so hilflos waren, dass sie das Kind beim Sterben alleine ließen. Angst essen Seele!
    Aber – besonders bei Kindern (aber nicht nur bei Kindern) – gibt es auch eine realistische Chance auf Heilung.
    Ich hoffe für Mankell und für alle, die grad kämpfen.

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