Loveparade – Zwischenfazit


Ich krieg ja grad die Krise, wenn ich mich durch die verschiedenen Artikel zur Loveparade klicke. Ich mein – Hallo? Da sind 20 Tote und über 500 Verletzte, und die Verantwortlichen zeigen in jede Richtung und sagen „er wars“?

Mal versuchen, ein Fazit zu ziehen:

Man plant ein Event, das in der Vergangenheit 1,5 Millionen Leute angezogen hat, auf einem Platz, der laut Genehmigung gerade mal 250.000 Leute fasst. Der rundrum eingezäunt ist, die Leute hatten also auch keine Gelegenheit, auszuweichen. Der Platz selbst war verwahrlost, Bauschutt lag überall herum.

Die Zuwegung ist so, dass diese 250.000 Leute durch einen 18 m breiten Tunnel geführt werden, der als Ein- UND Ausgang dient.

Zwei Besucherströme. 10.000 rein, 10.000 raus – rein rechnerisch.

Ich bin selbst ab und an in Großveranstaltungen involviert und hier reden wir von Personenzahlen im mittleren fünfstelligen Bereich und selbst ich weiß: das KANN nicht funktionieren.

Direkt neben dem Gelände befindet sich die A59. Die hätte man dichtmachen müssen und als weitere Zuwegung nehmen – und nichts wäre passiert. DASS das nicht passiert ist, wissen wir. Dass es im Raum stand, genau das zu tun und zwar in dem Sicherheitskonzept von Feuerwehr und Polizei, das abgelehnt wurde, wissen wir inzwischen auch.

Metern wir mal die Protagonisten auf:

– Roland Schaller. Organisator und Geldgeber.

Will nichts von Sicherheitsproblemen gewusst haben. Meint, die Polizei wäre schuld, weil die das Gelände abgeriegelt haben.

Herr Schaller – ganz ehrlich? So blöd KÖNNEN sie nicht sein. Ich weiß, dass die Polizei hier sehr genau und sorgfältig auf Sicherheitsmängel hinweist und auch gern mal eine Notbremse zieht und sagt, dass man Sachen so nicht machen kann, weil da eine massive Personengefährdung hinter steht.

Ich glaube eher, sie haben nach dem Motto gehandelt „wird schon gutgehen, hat ja bisher auch immer“. Nur mussten diesen Leichtsinn jetzt 20 Menschen mit dem Leben bezahlen. Sie hätten es in der Hand gehabt, aber alles in die Musiktechnik und nichts in die Security zu investieren war noch nie eine gute Sache.

– Adolf Sauerland. OB von Duisburg

Bei weitem nicht die arme Sau, für die er sich grad hält. So ein Event wird nicht auf untergeordneten Ebenen organisiert. Die Entscheidungen werden oben getroffen. Und ich kenne eigentlich keinen Sachbearbeiter, der sich NICHT nach oben hin absichert, insbesondere, wenn er schon sieht, dass das Gelände zu klein ist.

Polizei und Feuerwehr haben ein eigenes Konzept entwickelt – das aus Kostengründen abgelehnt wurde. Das tut kein Abteilungsleiter. Das tut die Verwaltungsspitze. Also erzählen sie keine Märchen, hören sie auf zu lügen und gestehen sie endlich ein, was Sache ist. Sie sind nicht getäuscht worden. Sie wussten genau, was die Polizei dazu zu sagen hat. Aber sie haben entschieden, nicht zuzuhören.

– Polizeichef von Duisburg

sieht grad ein wenig blass aus gegen den Kollegen aus Bochum, der die Loveparade aus Sicherheitsbedenken abgesagt hat, oder? Sieht auch ein wenig blass aus, wenn man bedenkt, dass er offenbar ein gescheites Konzept HATTE und sich trotzdem hat übern Tisch ziehen lassen.

– Schreckenberg, der Verkehrsforscher

Arroganz der Gewohnheit. Er war Schreckenberg, der Verkehrspapst. Er weiß wie Menschen funktionieren. Und ohne sich das Gelände anzusehen kann ER als einziger ein KOnzept entwerfen. Doof nur, dass die Leute sich nicht an *seine* Regeln gehalten haben. Hätten sie natürlich diesen Regeln, die vor Ort überall gut leserlich angebracht waren, gefolgt, wäre nichts passiert.

Fehler hat er natürlich keine gemacht. Und außerdem können Schweine fliegen.

Persönliche Konsequenzen wie Verurteilungen oder Schadensersatzzahlungen sind eher nicht zu erwarten. OB Sauerland wird natürlich zurücktreten müssen – aber das mit einem goldenen Handschlag. Roland Schaller wird McFit verkaufen, weil er die Loveparade nur mit 7,5 Mio. Euro versichert hat. Der Schaden wird deutlich höher ausfallen. Das heißt, es steht zu hoffen, dass er viel Lehrgeld zahlen wird. Aus dem Privatvermögen. Zu gönnen wärs ihm. Der Polizeichef hat seinen Job verfehlt, er ist keine Führungspersönlichkeit. Er möge sich am Bochumer Polizeichef ein Beispiel nehmen.

Kommen wir nun zur „Arme-Schweine-Fraktion“.

– die Polizisten vor Ort, die den Platz abgeriegelt haben:

Es waren 250.000 auf dem Platz. Es drängelten eine halbe Million nach. Sie waren vor Ort – und sie hatten die Entscheidung zu treffen: Teufel oder Beelzebub.

Wurden von allen im Stich gelassen, die entscheiden konnten. Arme Schweine.

– der Abteilungsleiter, der die Genehmigung unterschrieb

Die Vorgesetzten wollten zwar das Event aber nicht dafür haftbar gemacht werden. Sie nötigten einen Abteilungsleiter so lange, bis er unterschrieben hat. Dieses Trommelfeuer von Vorgesetzten kenne ich sehr gut – es gibt nur wenige, die nicht einknicken, wenn sie sowas erleben. Und die werden auch nie Karriere machen, da sie unbequem sind.

Folgerichtig zeigt die Verwaltung nun mit allen Fingern auf eben diesen Abteilungsleiter. Und der kann echt am wenigsten dafür. Er hat ja noch sein bestes getan mit der Begrenzung auf 250.000 Personen.

Strafrechtlich werden aber genau die Leute der Arme-Schweine-Fraktion zur Rechenschaft gezogen. Die Entscheidungen wurden woanders getroffen, sie haben nur ausgeführt. Ich kann nur hoffen, dass die im Giftschrank entsprechende Vermerke haben und dass dieser Giftschrank GUT verschlossen ist.

Aber es wird leider wie immer laufen: Die Kleinen hängt man auf, die Großen läßt man laufen.

Aber die Polizei Duisburg hat nach Köln abgegeben. Das läßt zumindest hoffen.

Veröffentlicht am 27. Juli 2010 in Allgemein und mit , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 13 Kommentare.

  1. Das wird eine prima Trauerfeier werden – die Angehörigen der Toten dürfen sich hinten hinsetzen, wenn vorne die Politiker so tun, als ob sie trauern würden – Haie, die grad aus Blut Geld gepresst haben, und die nur traurig sind, weil es nicht mehr geworden ist und sie auch noch erwischt wurden.
    Ich kann alle verstehen, die jetzt schon mit faulen Eiern in der Gegend auftrauchen.

  2. Scheinheiligkeit ist heutzutage immer wieder präsent!
    Aber wenn man immer nur auf den Gewinn (ob materiell oder beim Image, ist egal), wird wieder so etwas passieren. Zumindest das Image ist jetzt unwiderruflich (wirklich?) perdu.
    Nur, dass Du den Abteilungsleiter derart in Schutz nimmst, finde ich nicht ganz richtig: schon mal was von Zivilcourage gehört?
    Ach nee, ich vergaß, dass das in grauer Vorzeit von J.F.K. geprägte (?) Wort nicht mehr so ganz aktuell ist.

    • Du hast das noch nicht erlebt, wenn die Vorgesetzten in Behörden etwas *haben* – aber selbst nicht dafür geradestehen wollen.

      Trommelfeuer beschreibt das nur unzureichend, was dann passiert.
      Neudeutsch ist das „Bossing“ – und das Problem ist, dass das nur wenige Leute auf Dauer aushalten ohne umzukippen.

      Der Druck war hoch. Sauerland wollte die Loveparade, Pleitgen wollte sie auch und Schaller wollte sie in Duisburg machen und hat offenbar mehr oder weniger seine Bedingungen diktiert – und Sauerland war nur zu bereit, diesen zu folgen.

      Was dann folgt ist typisch für JEDE Behörde: Scheff will haben, Schnuller, SCHNELL und wenn Scheff Schnuller nicht bekommt, wirds unangenehm.

      Das geht tatsächlich soweit, dass die Leute von ihren Posten abgezogen und irgendwohin versetzt werden, wo sie *garantiert* versagen, weil der Job ihrem Naturell genau gar nicht entspricht aber sie wegen der Allzuständigkeit der Beamten trotzdem gute Arbeit leisten müssen.

      Es gibt eine Menge Folterwerkzeuge – und alleine die Tatsache, dass die Genehmigung nur 2 Seiten umfasst und von einem Abteilungsleiter unterschrieben worden ist, sagt mir eigentlich, dass die auch ausgepackt wurden.

      Rolf (?) Cebin, der vorherige Polizeichef von Duisburg, hat gewarnt. Und gesagt, dass das Fest so nicht stattfinden kann.

      Der Mann ist jetzt in Frührente. Und der ist LANDESbediensteter. Und sein Nachfolger hat sich über den Tisch ziehen lassen. SO funktioniert das. Und ich wette mit dir, dass die den Posten so lange getauscht haben, bis die nen Deppen hatten, der das unterschrieben hat.

      Das hat mit Zivilcourage wenig zu tun. Sondern mit knallhartem Kalkül.

      • wenn der betreffende Abteilungsleiter nicht genug A… in der Hose hat, hat er dort nichts zu suchen – basta!
        .. schliesslich wird er von Geld bezahlt, die in Form von Steuern von Bürgern eingezogen werden – ebenfalls basta!
        auf diese Art (klingt jetzt vielleicht zynisch, ist aber allenfalls sarkastisch gemeint) entzieht er sich seine eigene Existenzgundlage in finanzieller Hinsicht: Tote zahlen keine Steuern mehr.
        Sorry, Tantchen, ich weiss, dass es Mobbing (oder wie man es auch nennen mag) in „Ämtern“ gibt, aber glaubst Du wirklich, dass es so etwas im „wahren Leben“ (Privatwirtschaft) nicht gibt?
        traurige Grüße
        Hajo

        • hajo, ich hab nicht gesagt, dass ich das richtig finde. Nur – dass ich das verstehen kann. Ich kann auch jeden in der Privatwirtschaft verstehen, der ein derartiges Trommelfeuer nicht aushält.

          In einer perfekten Welt würde jemand unter diesem Druck nicht zusammenbrechen. Aber in einer perfekten Welt gäbe es diesen Druck auch nicht.

        • Hajo, mach dich mal schlau, wer da gerade Abteilungsleiter ist und wie lange schon. Und was mit dem Vorgänger passiert ist.

          • Das übliche wäre:
            Vorgänger hat sich geweigert, weil er das Risiko nicht eingehen wollte. Daraufhin wird er „weggelobt“ = Kaltgestellt. Im schlimmsten Fall so schwer gemobbt, dass er langfristig krank wird.

            Danach kommt dann jemand dahin, von dem man weiß, dass er die Füsse stillhält und tut was man ihm sagt.

            Wieviel Punkte hab ich?

  3. Ach so, hier ein Bericht von so einem „bekifften, besoffenen Raver“:
    http://juliasloveparade.blog.de/
    Dass der Hermann da nicht das Blut in den Adern gefriert, wahrscheinlich kann sie nicht lesen, ist ja „naturblond“

    • Es mag ja sein, dass es dort Leute gibt, die „Bekifft“ oder besoffen sind. Und auch gewaltbereite Menschen.

      Wenn 1,4 Millionen Menschen aufeinandertreffen, bleibt es nicht aus, dass eben solche und solche dabei sind.

      Was die „Dame“ mit ferngesteuert meint… *seufz*
      mal Raver gesehen, die die ganze Nacht getanzt haben? Die sind so voll mit körpereigenen Drogen dass die tatsächlich high sind. Die tanzen sich in einen Rausch.

      Die künstlichen Drogen brauchen die oft nicht mehr.

      Jo und? Das darf man. Ganz einfach.

    • Danke für den Link – Julias Geschichte hat mich mehr berührt als jeder Fernsehbericht…

  4. warum ausgerechnet koeln, das ist mir suspekt.
    die haben ja auch noch den fall mit der u-bahn aufzuklaeren.
    es waere doch sehr praktisch, wenn man in ein oder zwei jahren beide faelle wegen arbeitsueberlastung einstellen muesste.

  5. Es ist wie immer: keiner will’s gewesen sein. Und (wie schon jemand schrieb) selbst wenn jemand zu rVeranrwortung gezogen, dann wird das kein OB oder PC oder ähnliches sein sondern tatsächlich „nur“ ein Abteilungsleiter (meiner Ansicht nach zu Recht: Schwanz einziehen und buckeln ist meine Welt nicht).

    Am Ende wird es so sein, dass im Grunde genommen gar nichts dabei rauskommt – keiner ist wirklich richtig schuld und tja – äh – Pech gehabt!

    PS: ich nehm‘ jetzt gerade mein 2 Bier zu mir!

    Skall!

  6. Wenn man sich das ganze mal in seinem vollen Umfang vor Augen führt, muss man fast froh sein, dass nicht noch mehr Menschen ihr Leben verloren haben. Zumal natürlich jedes Opfer schrecklich ist.

    Das Fehlverhalten der Verantwortlichen kann ich nur als skandalös bezeichnen.

    Ich bin nicht in der Lage, mich zu Frau E.H. zu äußern. Mir fehlen die Worte angesichts solcher Dämlichkeit.

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