Kevin


Kevin ist war ein 2jähriger Junge, der von seinem Stiefvater getötet wurde und dann im Kühlschrank „zwischengelagert“. Was den Fall so tragisch macht, ist, dass Kevin eigentlich unter Amtsvormundschaft stand, also für ihn ein Betreuer eingesetzt wurde, der genau das hätte verhindern sollen.

Heute ging die juristische Nachbearbeitung zu Ende – und sie hinterläßt einen schalen Geschmack.

Was sich herausgestellt hat, ist: Jeder der Amtsvormünder (es waren 3) hatte ~ 250 Fälle in der Bearbeitung. 250 Kinder, 250 Schicksale. Aber: Betreuung ist das nicht, das ist pure Aktenverwaltung. Für alles andere ist kein Platz mehr.

Wie sich herausgestellt hat, ist der „Case-Manager“ (was für ein widerliches Wort in dem Zusammenhang) dauerhaft erkrankt. Man spricht von Alkoholmissbrauch. Und schlägt jetzt unreflektiert auf den Mann ein.

Doch zu Recht?

Sozialarbeiter in Jugendämtern studieren in der Regel nicht, um hinterher Akten zu sortieren. Sie übernehmen diese Aufgabe in der Regel nicht, um Kinder zu verwalten. Die Sozialarbeiter, die ich kenne (so krude sie manchmal sind) sind durch die Bank engagiert, kinderfreundlich und haben den unbedingten Willen, zu helfen. Und zwar genau bis zu einem Punkt: Wo die Arbeit auf Dauer überhand nimmt und man ihrer nicht mehr Herr wird. Wenn die Akten beginnen, sich zu stapeln. Wenn man nicht mehr weiß, wie man alles noch bewältigen soll.

Einige werden dann krank. Burnout ist keine Modekrankheit – sie ist Zeichen von seelischer und körperlicher Überlastung. Und kommen dann noch private Probleme hinzu, greifen einige zum Alkohol. Alkohol betäubt, man muss sich nicht mehr mit dem Schlimmen auseinandersetzen.
Gut ist das nicht – aber, wie immer, menschlich.

Und hier kommt nun einer meiner Lieblingsklugscheißer ins Spiel: Herr Ehrmann von der deutschen „Kinderhilfe“. Die Kinderhilfe ist absichtlich in Anführungszeichen gesetztn, denn um Kinderhilfe gehts der Kinderhilfe nicht. Lest mal bei MOGiS nach, warum nicht. Der Kinderhilfe gehts ums Geld verdienen. Nicht jedoch darum, Kinder zu unterstützen. Aufgrund der undurchsichtigen Geldströme hat der deutsche Spendenrat den Verein auch ausgeschlossen. Der Wikipedia-Eintrag zur Deutschen Kinderhilfe ist seltsam dünn und nichtssagend. Aber die Versionen sind noch da. Da wurde kräftig rumeditiert.

Herr Ehrmann schlägt unreflektiert auf den Fall-Manager ein, ohne irgendwelche Fakten zu kennen ohne die tatsächlichen Gegebenheiten zu berücksichtigen. Ein Mensch wird nicht „nur mal so“ zum Alkoholiker. Da liegen Gründe vor. Und wenn ich die Zahlen sehe, die ein Sozialarbeiter da zu bearbeiten hatte, wird mir schlecht. Das war krassestes Versagen der Führungsspitze. Da hätten viel viel früher zusätzliche Mitarbeiter kommen MÜSSEN. Aber die kosten Geld, lieber kann man ja die eigenen Leute auspressen wie eine Zitrone. Und wenn die dann zusamenbrechen, weil sie den Druck nicht mehr ertragen, kann man sie ja verrenten und durch Frischfleisch ersetzen.

Genau das findet täglich in den Amtsstuben dieses Landes statt. Aber es ist ja wohlfeil, die Schuld bei denen zu suchen, die „versagt“ haben – und nicht bei denen, die diese „Versager“ in eine unmögliche, nicht mehr zu bewältigende Situation manövriert haben. Und die dann hilflos die Hände ausstrecken und sagen „hätte er doch nur mal eher was gesagt“.

Denn bei einer Sache bin ich mir sehr sicher: Es WURDE was gesagt. Es wurde darauf hingewiesen, dass die Arbeitsbelastung zu hoch ist. Es WURDE darauf hingewiesen, dass die Leute zusammenbrechen, die Krankenstände dürften entsprechend sein.

Dass nichts geschehen ist, sagt mir, dass die dieselbe Antwort bekommen haben wie ich sie Tag für Tag bekomme, wenn ich sage, dass das für eine Person alles ein klitzekleines bisschen zuviel ist:

„Wissen wir, tut uns auch furchtbar leid, aber wir haben Einstellungsstopp“

Herr Ehrmann – Dieter Nuhr läßt grüßen: Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal FRESSE HALTEN.

Fazit: Wenn wir Kinder schützen wollen, gerade Kinder wie Kevin, die in prekären Situationen sind, dann brauchen wir *dringend* mehr Geld in dem Bereich. Dass muss bezahlt werden. Kinder wie Keven dürfen nicht nach Kassenlage geschützt oder nicht geschützt werden.

Veröffentlicht am 25. August 2010, in Allgemein. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 16 Kommentare.

  1. Tja so läuft das in unserem Land: In allen Fällen des Versagens des staatlichen Wächteramtes wird immer der unterste Ebene Schuld zugewiesen – oder gar den Opfern selbst. So wie in Duisburg, so wie zzt. in Mains, wo den Krankenschwestern die Schuld zugeschoben werden soll: http://www.fr-online.de/politik/meinung/mainzer-todesfaelle–eine-welt-voller-bakterien/-/1472602/4585600/-/index.html

    Und in allen Fällen hat der Staat versagt: Die Einzelfallhilfe des Jugendamtes wurde systematisch zusammengestrichen und sie wird größtenteils durch „freie Träger“ durchgeführt (privatisiert), wie ich auf den MOGiS-Seiten gezeigt habe. Da fällt so ein kleiner Junge einfach mal durchs Raster.

    Es ist so einfach, dem Sachbearbeiter, der Krankenschwester, dem Security-Personal vor Ort die Schuld zuzuweisen, das lenkt von der eigenen Schuld ab.

    Und so unterbelichtete Leute wie der Ehrmann sind jetzt im Deutschen Jugendkuratorium und dürfen für meine Steuergelder die Politik mitbestimmen. Kein Wunder, dass niemand mehr der Politik vertraut.

    • So schrecklich das Geschehen ist – nicht immer ist die Privatisierung von Nachteil. Bei uns hat das zwar nicht die immer noch horrend hohen Fallzahlen (80 – 100 pro Bearbeiter) gesenkt, wohl aber die Betreuung der einzelnen Familien verbessert. Jeder „private“ Betreuer (i.d.R. Sozialpädagogen) hat zwischen 10 und 20 Fällen (immer noch genug), um die er sich kümmert. Auch wenn dadurch die Arbeit im Jugendamt noch mehr in Richtung „Aktenablage“ geht, ist doch der Einzelne entlastet, was Sinn der Sache ist. Der Betreuer ist in der Regel im Außendienst und hat daher nahen Kontakt zu den Familien. Sollte sich natürlich unter den „privaten“ Betreuern ein faules Ei befinden, bekommt das u.U. das Jugendamt nicht mit – aber dafür gibt es ja auch noch den (privaten) ARbeitgeber. Ich will damit nicht sagen, dass so ein grausamer Fall bei uns nicht passieren kann und die Sachbearbeiter und Betreuer nicht dennoch am Limit arbeiten, ich denke aber, dass diese Variante nicht die allerschlechteste ist.
      Über den sinnlosen Aktionismus gewisser Personen, der von den eigentlichen Problemen ablenkt, will ich jetzt lieber nicht anfangen. Denn dass es Probleme gibt, ist unbestritten. Viele Probleme.

  2. 10 bis 20 Fälle hört sich gut an. Nur: Wie sieht das aus der Sicht der betroffenen Sozialarbeiter bei den privaten Trägern aus was Bezahlung, Supervision etc. betrifft?

    • Ich kann nur für einen Träger sprechen, für den eine Freundin arbeitet:
      – Bezahlung ist etwas schlechter als im ÖD, aber noch ok.
      – Ihre Arbeitsstunden sind – je nach Bedarf – sehr flexibel. Das heißt, wenn sie etwas erledigen muss, versucht sie durchaus ihre Termine passend zu legen. Allerdings kann es auch einmal sein, dass abends auf ihrem Diensthandy ein „Notfall“ eingeht – den sie individuell (von „machen wir morgen“ über „ich rufe die Polizei/Rettung/…“ bis hin zu „…ich komme“) bearbeitet. Allerdings ist das – Gott sei Dank – die Ausnahme.
      – Supervision ist nach ihrer Aussage gut durch geregelt – individuelle und gemeinsame kollegiale Supervision. Externe Supervisoren gibt es meines Wissens nach nicht.

      Gerade bei der Bezahlung gibt es aber auch schwarze Schafe in der Branche – umso größer der Anbieter, desto schlimmer… 😦 Das gerade beschriebene Unternehmen wurde von zwei Sozialpädagogen gegründet, einer war die Tretmühle Sozialamt leid, der andere die Ausbeutung mancher Bildungsträger. Daher haben die beiden sich – trotz einer Größe von inzwischen rund 50 Angestellten – noch ein bißchen Idealismus bewahrt.

      • Ich fürchte, ich muss auch widersprechen. Diese Art der Kinderfürsorge DARF nicht abgegeben werden. Nicht an (zwangsläufig) gewinnorientierte „Anbieter“.

        Ich kann die Sozialpädagogen verstehen, die die staatliche Tretmühle nicht wollen, und das scheint (!) bei dir auch zu klappen, aber der Staat, so er denn kein Nachtwächterstaat werden soll, darf sich gerade aus diesen Aufgaben nicht herausziehen. Und das tut er.

        Die Jugendämter brauchen in erster Linie zweierlei Dinge: Funktionierende Kontrollstrukturen (die es nicht wirklich gibt) und mehr Personal.

        Und JoyntSoft hat recht: Egal wo Private die staatlichen Leistungen übernommen haben, es wurde schlechter. Ob Müllabfuhr, Stadtreinigung, wo du hinguckst: Verfall und Gewinnstreben. Und dem Gewinnstreben fiel die Qualität zum Opfer.

        Die Kommunen haben das Gewinnstreben nicht. Sie arbeiten Aufgabenorientiert. Und wenn die Aufgabe „Müllabfuhr“ lautet, dann wird das getan.

        Bei der Kinderfürsorge, die privatisiert wird, ist es häufig ähnlich: Kinder werden auf Teufel komm raus befürsorgt, ob sie oder die Eltern das brauchen oder nicht. Jeder Fall bringt Geld und das wird zum Erhalt der Fürsorge gebraucht.

        So darf das aber nicht gehen – Kinderfürsorge darf nur Aufgabenorientiert angegangen werden, nicht pekuniär orientiert. Und ein privater Träger MUSS das Finanzorientiert sehen, sonst ist er bald pleite.

        Und was immer auf der Strecke bleibt sind die Kinder.

        Und – um mal den Vergleich zu ziehen, wie es früher lief und wie heute. Guckt raus und guckt hier:

        • SIeben Uhr? Hier ziehen die um halb fünf durch die Wohngebiete der Innenstadt!

          Ob sechs auf dem Wagen oder vier, läßt sich diskutieren – es ist sicher kein Fehler, wenn die Leute ihre Tonnen selbst rausstellen, andererseits hat in meiner Geburtsstadt schon vor 20 Jahren offenbar Akkordlohn bestanden, so daß die orangen Jungs die Tonnen immer irgendwie dahinknallten, statt sie ordentlich hinzustellen, und niemand kam mehr an den Tonnen vorbei. Da wär „reinbringen“ mal ne nette Alternative gewesen. Aber zwei Jungs mehr auf dem Wagen, das heißt auch, entsprechend höhere Müllgebühren.

          Davon abgesehen bin ich deiner Meinung: hoheitliche Aufgaben dürfen nicht an private Unternehmen ausgequollen werden, und müssen auch hinreichend bezahlt werden. An anderen Stellen müßte man dann vielleicht mal sparen… zum Beispiel am PKW-Fuhrpark? Wenn der Bürgermeister nämlich Bus fahren muß, wird er ein Interesse daran haben, daß der Bus ordentlich fährt!

        • Schade, dass ich hier keinen Ton habe… und die runden Tonnen – bei uns aus Metall – ja, an die erinnere ich mich… die sind ja heute aus Gründen des Arbeitsschutzes nicht mehr zulässig – keine Rollen und so…

          zum Thema:
          Ein gewisser „Erfolgsdruck“ ist vielleicht manchmal gar nicht so schlecht. Eine andere Freundin ist – in einem Modellprojekt bei einem privaten Träger – als „Berufseinstiegsbegleiterin“ an einer Hauptschule. Das heißt, sie arbeitet mit den Jugendlichen – zusätzlich zum Unterricht – um sie einerseits fit für eine Ausbildung zu kriegen (welche Defizite Hauptschüler gerade im Bereich Sozialkompetenz haben, weißt du, Tantchen, wohl auch) und auch mit ihnen an Bewerbungsstrategien zu arbeiten. Und sie wird an ihren Erfolgen gemessen.
          Natürlich kann man nicht jeden Jugendlichen in Ausbildung bringen – sie hat immer wieder Jugendliche mit nicht erkannten Teilleistungsstörungen, die sich dann in allgemeinem Frust und Verhaltensauffälligkeiten manifestieren, zweiteres kann sie abmildern, ersteres hätte schon früher erkannt werden müssen und dann hätte man manches kompensieren können.
          Auch das sollte eigentlich Aufgaben des Staates sein, indem
          a. mehr Schulpsychologen zur Verfügung stehen (der Landkreis, in dem ich arbeitete, hatte 1(!) für alle Schularten),
          b. solche Heil- und Sozialpädagogen in genügender Zahl fest an den Schulen etabliert werden und
          c. die Lehrerausbildung mehr diagnostische Fähigkeiten vermittelt.
          So lange dies aber noch nicht ist, ist der Spatz in der Hand (private Trägerschaft) besser als die Taube auf dem Dach (gar nix).

  3. @simop:

    „nicht immer ist die Privatisierung von Nachteil.“

    Muss ich dir widersprechen!
    Ich kenne keinen Fall von Privatisierung öffentlicher Aufgaben, bei denen es nach der Privatisierung nicht:
    1. teurer geworden wäre als vorher,
    2. die Arbeit/das Ergebnis schlechter war als zuvor.

    Vllt. trifft das bei euch nicht zu, aber ich kann es nicht glauben.

    • Nehme die Privatisierung der Eigenbetriebe – gebe ich Dir sofort Recht. Nehme Post und Bahn – keine Widerrede.
      Vermutlich ist die Lösung bei uns nach Euro gerechnet etwas teurer – dafür hast Du aber mehr Betreuer vor Ort.
      Es kann gut sein, dass die entsprechende Anzahl von Stellen im Amt selbst günstiger sein könnte – nur kriegst Du die Planstellen in dieser Menge nicht. Und wenn es gerade um die Chancen von Kindern geht, dann lieber ein paar Euro mehr, als tote oder misshandelte Kinder, die durch das Raster von Jugendamtsangestellten mit 250 Fällen rasseln… 😦
      Und das ist unbezahlbar. 😦

      • Da stimme ich zu, gerade bei der Betreuung von Kinnings darf man nicht sparen. Jetzt stellt sich nur och die Frage, ob der private Anbieter auch wirklich für eine Verbesserung der Situation sorgt/sorgen kann – denn die Fallzahl je Mitarbeiter alleine sagt noch nicht viel aus. Es ist zwar so, dass bei einer um 90% geringeren Anzahl von Klienten (so will ich sie mal nennen) rein theoretisch mehr Zeit für den Einzelnen da ist, aber wie die Zeit genutzt wird, dass steht auf einem anderen Blatt.
        Ich hoffe nur, dass die Lösung, die bei euch gefunden wurde, auch wirklich was bringt.
        Wäre eine Ausnahme – leider.

  4. „Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal FRESSE HALTEN.“

    Wäre die Welt schön, würden das mehr Leute beherzigen.

Hinterlasse eine Antwort zu Garfield Antwort abbrechen