Elfentraum – XI


Lange zogen die Drachen über die Ebene und suchten einen Platz, der von den Wolken noch nicht eingenommen wurde. Letztlich fanden sie einen Hügel, der eine Weile Schutz vor der zunehmenden Dunkelheit versprach.

Als die Drachen landeten, drehte sich Clarissa mit dem Rücken zu ihnen. Sie wusste nicht, wie sie anfangen sollte. Die Gefährten schienen das zu spüren und drängten sie nicht.

Lange Zeit stand sie da und sah den näherkommenden Wolken zu. Noch waren sie Einzelwesen, doch sie wusste, dass es nicht lange dauern würde und die Schwärze, die sich jetzt rund über alle Berghänge aus den äußeren Bereichen ergoß, würde alles auch hier verschlingen. Die Zeit lief ab.

Langsam begann sie mit ihrer Erzählung: „Das, was ich euch jetzt sage, wird nach euch niemand mehr erfahren. Ihr werdet die einzigen sein, die es je wissen werden.“ Sie blickte nachdenklich über die Ebene hinweg. „Wie ihr wisst, gibt es eine Kraft, auf die ich zugreifen kann. Sie läßt mich Dinge tun, die andere nicht tun können.“ Sie warf einen kurzen Blick nach hinten und lächelte wehmütig. „Wie zum Beispiel Elfen vergrößern.“ Leises Lachen antwortete ihr doch verstummte schnell.

„Diese Kraft hält die Welt zusammen. Alles besteht aus ihr, alles liegt ihr zugrunde. Irgendwann wird sie sich verbraucht haben, doch solange wird diese Welt Bestand haben. Und solange werde ich leben.“ Sie hörte, wie Johvan hinter ihr nach Luft schnappte und lächelte traurig. Mit jedem weiteren Wort würde sie zwischen sich und ihren Gefährten eine Kluft aufmachen und erweitern. Und am Ende würde sie wieder alleine dastehen.

„Ich bin ein Mensch. Wie ihr Elfen seid. Meine Rasse gibt es auf dieser Welt noch nicht. Vielleicht niemals. Ich weiß es nicht. Aber ich war diejenige, die den Übergang der Welt, in der ich geboren wurde in diese hier eingeleitet hat. Ich war diejenige, die alles geschaffen hat. Und ich bin auch der Grund für diese Wolken.“

Johvan sprang auf und schrie:“Nein, das glaube ich nicht. Du könntest so eine….Scheußlichkeit niemals hervorbringen.“ Clarissa drehte sich zu ihm um, das traurige Lächeln wich nicht von ihrem Gesicht: „Oh doch, das kann ich. Diese Wolken, sie sind meine Ängste, meine Wut, mein Hass und meine Hoffnungslosigkeit. All das ist in mir und es zerstört diese Welt, die doch gerade erst angefangen hatte zu leben.“

Johvan sah sie an, der Mund ging auf und zu als wollte er etwas sagen und ihm fehlten die Worte. Clarissa konnte ihn gut verstehen. Jinny und Kya hielten ihre Hände fest umschlungen und blickten nicht vom Boden auf. Die Drachen waren weniger gut zu lesen, doch sie wirkten nicht überrascht.

Jai’nan bewegte sich etwas näher zu Johvan und schien ihn trösten zu wollen. Johvan lehnte sich instinktiv an den Drachen heran und Clarissa spürte den Stich der Eifersucht. „Ja“, dachte sie bei sich, „auch das ist ein Gefühl, das zerstören kann.“

Sie drehte sich wieder um auf die Ebene. „Es sind Schatten. Meine Schatten. Es gibt nur eins, was Schatten vertreiben kann und das ist Licht.“ Jinny blickte zum Himmel auf und meinte: „Es sind Sterne am Himmel, die Licht geben.“ Clarissa drehte sich nicht um. „Das reicht nicht.“

Johvan suchte verzweifelt nach einer Lösung. „Kannst du nicht diese Kraft nehmen und eine Fackel machen?“ Clarissa schüttelte den Kopf, etwas amüsiert. „So funktioniert das nicht. Die Kraft benötigt etwas, worauf sie sich stützen kann. Sie kann nicht aus sich selbst heraus existieren. Würde ich nur eine große Lichtkugel aus Kraft an den Himmel hängen, dann würde sie die Kraft aus der Welt hier in sehr kurzer Zeit heraussaugen. Ich brauche etwas, in das ich die Kraft leiten kann.“

Sie überließ es ihren Gefährten, auf die richtigen Schlüsse zu kommen. Kya, wie immer die schnellste von allen, schnappte schließlich nach Luft. Sie blickte Jinny an, erstaunt und ehrfürchtig. Jinny sah zu ihr hin und blickte sie fragend an. Doch alles, was Kya herausbringen konnte, war:

„Wir?“

Johvan, der gerade zu einer neuen Tirade ansetzte, erstarrte wie zu einer Salzsäule. Jai’nan drängte sich näher an ihn heran.

Clarissa drehte sich nicht um. Sie wollte die Gefährten nicht ansehen. Nicht Johvan, den sie von ganzem Herzen liebte. Nicht Jinny und Kya, die ihr teurer geworden waren als ihr eigenes Leben.

Sie spürte, wie Johvan sie herumriss. „Wie lange?“ verlangte er zu wissen. „Wie lange wusstest du es schon?“ Es lag Wut in seinen Augen. Und das Gefühl, betrogen worden zu sein, was Clarissa wehtat. „Seit ich in der Wolke war.“

Johvan fluchte und riss sie in die Arme. „Ich liebe dich. Wie kannst du so etwas tun?“ Clarissa blickte ihn an. „Was glaubst du, was ich tun werde?“ „Du brauchst Licht – und etwas das brennt. Du wirst uns verbrennen, damit diese verdammte Welt leben kann.“ Clarissa schüttelte den Kopf und auch Kya sah ihn missbilligend an. „Nein, Johvan. Das werde ich nicht tun. Wie könnte ich das? Wie kannst du so etwas auch nur glauben?“ Und Kya ergänzte: „Wenn wir verbrannt würden, dann wäre die Kraft wieder ohne Träger, bitte Johvan, denke doch nach, bevor du etwas sagst.“

Clarissa setzte sich auf den Boden, zog die Beine an sich und schlang die Arme um die Knie bevor sie vor Kummer zersprang.

Kya blickte Clarissa an: „Erklär bitte genau, was du vorhast!“ Clarissa schluckte. „Die Drachen sind der Schlüssel. Aber sie brauchen jemanden, der sie auf ihrem Weg begleitet. Sie brauchen jemanden, damit sie nicht alleine sind.“ flüsterte sie fast unhörbar. „Sie können das nicht alleine tun.“ Kya nickte und Jinny griff nach ihrer Hand. „Und dann?“

„Ihr fliegt auf den Drachen so hoch wie ihr könnt und dann noch höher. Und sobald ihr oben seid, werde ich die Kraft auf euch überleiten und euch helfen, auf den endgültigen Pfad zu kommen, dem ihr folgen müsst.“ Jinny blickte Clarissa ängstlich an. „Was ist mit Kya.“ Clarissa blickte die Elfin an: „Ich kann euch nicht trennen. Wenn Kya dir folgen will, dann soll es so sein.“

Johvan blickte traurig auf sie herab. „Jinny hat Kya. Wen habe ich?“ Clarissa weinte jetzt offen.“Jai’nan, doch sonst niemanden.“ Johvan ließ die Schultern sinken. Traurigkeit und die Einsamkeit, zu der sie ihn verurteilt hatte, strahlten bereits aus ihm heraus. Jai’nan blickte Clarissa an. Sie sah ihn fragend an und Jai’nan nickte. Unbemerkt von den anderen holte sie einen Kraftstrahl aus dem Boden und leitete ihn auf Jai’nan über. Als sie fertig war, schien der Drache zu seufzen. Doch es war alles, was sie für beide tun konnte.

Clarissa blickte zu Johvan, Qual lag in ihrem Blick. Sie liebte ihn – und sie musste ihn gehen lassen. Einem Schicksal entgegen, dass dem ihren an Ungewöhnlichkeit nicht nachstand.

Johvan sah sie an. Sie sah, dass er sich langsam mit dem Wissen abfand. „Wann?“ Clarissa blickte ihm in die Augen: „So schnell wie möglich. Wir haben nicht mehr viel Zeit.“ Sie zeigte auf die Ebene, die sich während ihres Gesprächs weiter mit Schatten gefüllt hatte. Sie zog etwas Kraft aus dem Boden und formte einen Schutzwall rund um den Hügel. Die Schatten konnten sie nun nicht mehr erreichen.

Clarissa sah Jai’nan bittend an. Und der Drachen nickte und drehte sich um. Ebenso wie die anderen Drachen. Jinny und Kya verschwanden in Richtung des Kopfes von Koh’nan, ihre leisen Stimmen drangen zu ihnen.

Sie drehte sich zu Johvan um, der verstand und sie in die Arme schloß. Ein letztes mal trafen sich ihre Lippen und die Welt versank um sie herum.

Lange Zeit später lagen sie Arm in Arm und sahen sich an. Johvan hatte Tränen in den Augen als er sie ansah und sagte: „Ich werde dich besuchen kommen.“ Clarissa zögerte: „Ich weiß nicht, ob das möglich ist.“ Johvan sah sie entschlossen an und sagte: „Ich werde es möglich machen.“ und zog sie an sich, in einer letzten Umarmung.

Als er sich von ihr löste, sah Clarissa, dass die Schutzkuppel von Schwärze umgeben war. Die Schatten hatten sie erreicht. Sie ging zu Un’nan und saß auf seinem Rücken auf. Johvan bestieg Jai’nans Rücken, Kya und Jinny saßen schon engumschlungen auf Koh’nans Rücken.

Clarissa formte eine Schutzkugel rund um jeden Drachen, so dass ihre Bewegungen nicht behindert waren und sie hoben ab.

Tentakel peitschten nach ihnen, versuchten, den Start zu verhindern, aber das war nicht mehr möglich. Clarissa wollte nicht an das denken, was ihnen bevorstand, sie saß still und emotionslos auf dem Drachen, der sie zu ihrem Ziel trug.

Als sie hoch genug waren, formte Clarissa eine Plattform in der Luft, auf der die Drachen landeten. Johvan beugte sich für einen letzten Kuss zu ihr herhüber und ließ Jai’nan dann aufsteigen. Clarissa beobachtete, wie Drache und Elf höher und immer höher flogen. Als sie den höchsten Punkt erreicht hatten, den der Drachen fliegen konnte, zog Clarissa an den Kraftfäden in der Erde. Zum erstenmal wurde ihr bewusst, wieviel von dieser Kraft noch übrig war. Es war gewaltig.

Sie flocht die Fäden zu einem kontinuierlichen und starken Strahl und warf sie auf den Drachen über ihnen. Der Drache verlor das Gleichgewicht, als der Strahl ihn traf und die Verwandlung begann. Sie hob den Drachen höher und höher, bis er nicht mehr zu sehen war und sie nur noch die Verwandlung fühlte. Sie formte eine Sphäre rund um Drache und Elf und füllte sie mit Kraft. Diese Sphäre wurde zu ihrem Heim im Himmel. Die Verwandlung schritt weiter fort und sie spürte die Hitze, die beide ausstrahlten durch den Kraftstrahl auf sie zurückfallen. Doch sie hielt fest und unterstütz von Un’nan leitete sie mehr und mehr von der Kraft auf die beiden über.

Endich spürte sie, dass die Verwandlung vorüber war. Sie zog den Kraftstrahl zurück und fiel erschöpft über sich zusammen. Doch noch war die Arbeit nicht getan. Sie blickte zu Jinny und Kya hinüber, die entschlossen nickten. Ihr Drache stieg auf, ebenso wie es Jai’nan vor ihnen getan hatte.

Als sie angekommen waren, flocht Clarissa das Kraftseil erneut, diesmal aber feiner, sanfter. Sie warf es auf den Drachen und fühlte, wie die Veränderung diesmal sanfter über die beiden Elfen und den Drachen kam. Weiter und weiter leitete sie das Kraftseil auf Koh’nan über. Sie formte auch hier eine Sphäre, in der die drei leben konnten und nicht eine Ewigkeit durch den Himmel fliegen mussten. Sie positionierte Jinny und Kya gegenüber von Johvan und zog dann den Kraftstrahl zurück.

Sie war erschöpft bis ins Mark. Müde und einsam. Sie sackte auf Un’nans Rücken zusammen und weinte haltlos bis sie keine Tränen mehr hatte.

Unter ihr hörte sie die sanfte Stimme des Drachen: „Du hast es gut gemacht. Ihr alle habt es gut gemacht. Sieh nur.“

Clarissa hob die Augen an den Horizont, wo in diesem Moment Johvan seine Runde beendet hatte und sein Licht über sie erstrahlen ließ. Sein Licht streichelte ihre Wange und Clarissa lächelte in die Sonne hinein.

Unter ihr verschwanden die Schatten, weggebrannt vom Licht der Sonne, die die Hoffnung auf die Welt zurückbrachte. Und sie kamen nicht wieder, denn jeden Morgen begann Johvan seinen Weg über den Himmel und erhellte alle Winkel der Welt. Und nachts badete Jinny mit ihrem Licht die Welt in sanftem Schein. Die Schatten zogen sich in wenige Winkel zurück, wo sie darauf warteten, dass die Sonne wieder verschwand.

Und dann und wann, wenn man genau hinsieht, wenn die Sehnsucht Johvans nach Clarissa zu groß wird, sieht man einen feurigen Strahl den Himmel überqueren und Johvan stiehlt sich eine Nacht in Clarissas Armen.

Veröffentlicht am 19. Juni 2012, in Allgemein. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 5 Kommentare.

  1. Typos:
    Worte. Clarissa konnte sie gut verstehen. – ihn gut verstehen? sie gut hören (die unausgesprochenen Worte)?
    „Erklär bitte genau, was du vorhast?“ – … vorhast!“

    Und was wird aus Un’nan?

  2. Schöööööööön 🙂 will mehr

  3. Wann geht es weiter?

  4. Ich bin gespannt…

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