Mobbing im Web


Tja und nun.

Da wurde ein Vortrag über Hate-Speech anlässlich der #Aufschrei-Debatte verfasst. Und was da zum Teil losgelassen wurde, war nicht mehr unter der Gürtellinie. Es war unter der Sockenlinie.

Und nun?

Hinweis: Das folgende ist der Weg wie ICH mit dem Thema umgehe. Andere mögen das anders sehen und vor allem anders bewerten. Aber das ist mein Weg – und ich fahre damit nicht schlecht.

Gott, Leute, ich bin seit 1996 online. Ich habe meine Erfahrungen mit Drohungen gemacht, ich hab Morddrohungen bekommen (damals noch AOL, ich war Boardscout und jemand mochte es nicht, dass ich seine Postings moderiert habe), ich habe mehrfach bekommen „du musst mal wieder ordentlich ge*fiep*t werden. Das war eigentlich so das Haupt“argument“. Der Morddroher wurde gesperrt und durfte sich ne neue Spielwiese suchen. Ich weiß noch, dass ich damals tagelang kopf- und hirnlos rumgelaufen bin, vor meinem eigenen Schatten Angst hatte. Morddrohung. Örks.

AOL war pleite, ich hab die Szenerie gewechselt, 2007 dann die ersten Blog-Gehversuche. Immer wieder mal Leute, die mir Untervögelung oder PMS oder irgendetwas unterstellt haben, die versucht haben, mich persönlich niederzumachen.

Meine MMO-Erfahrungen. Tank und Nahkämpfer in einem Raid (Gruppe von bis zu 40 Mann schließt sich zusammen und metzelt koordiniert über Teamspeak Pixel). Als Frau. Yay. Und IHR beschwert euch über Sexismus? *g*

Die Erfahrungen hätten mich niederschmettern können. Haben mich einige Male niedergeschmettert.

Aber immer kam irgendwann eine Erkenntnis:

Es ist Internet. Da sind anonyme Leute, die nichts von dir wissen. Die kennen dich nicht, die beurteilen dich einzig und allein anhand von Dingen, die mit deiner Realität genau nichts zu tun haben. Wenn dich jemand beleidigt, weil er nicht versteht oder verstehen will, was du sagst, dann tut das zwar weh, aber bei mir setzten dann schnell die Mechanismen ein: „Was will das Arschloch überhaupt?“

Kamen keine vernünftigen Argumente wurde derjenige mit sanfter Hand und fiesem Grinsen in den Spamfilter befördert, wo er sich in Ruhe austoben konnte. Ich hab sein Gerante beobachtet und hatte recht oft viel Spaß.

Das „Internet“ ist nun mal ein Raum, wo man sich anonym schnell Luft machen kann. Wo man die Anonymität nutzen kann um die Rampensau zu spielen. Wo man, ohne befürchten zu müssen, entdeckt zu werden, einfach mal gepflegt den Hammer kreisen lassen kann. Zumindest bis die Gefährder-Ansprache der Polizei zeigt, dass das Internet eben doch nicht der rechtsfreie Raum ist, als den ihn viele beschwören.

Und in manchen Leuten bringt diese vermeintliche Anonymität das Schlechteste hervor.

Und anstatt jetzt die Leute in einem öffentlichen Vortrag an den Pranger zu stellen – warum nicht souverän reagieren statt angepisst? Warum diese billige Selbstjustiz?

Wenn jemand Drohungen raushaut, kann man die mit pointierten Kommentaren anonym veröffentlichen. Wenn jemand ein Blog mit Beschimpfungen für mich aufmacht kommt er in die Blogroll – mit entsprechendem Kommentar. Wenn jemand stalkt (hatte ich auch schon), gehen alle Nicks, sobald ich sie sehe, automatisch in den Spamfilter und seine Kommentare wandern hinterher. Ich hab da problemlos den längeren Atem.

Es ist gut, wenn man zeigt, dass die angenommene Anonymität im Netz im Menschen die Wildsau hervorbringt, solche Vorträge sind an sich sehr wichtig, denn sie können die Mechanismen aufzeigen, sie können Menschen zum Nachdenken bringen.

Dieses Nachdenken setzt aber nicht ein, wenn man konkrete Personen hat, von denen man sich abgrenzen kann. „Oh, wie sieht der denn aus? Ne, sowas bin ich nicht, das mach ich nicht, was der macht“ – und schon ist das eigene Fehlverhalten anhand der Person marginalisiert und man muss nicht mehr reflektieren. Man hat das Schwein ja ausgemacht, man ist es nicht selbst.

Von beiden Seiten wäre ein wenig Ruhe angebracht. Und ein wenig Beruhigung. Die Geschichte mit der OM13 ist zudem ein gutes Beispiel wie Dinge völlig ungehemmt eskalieren können – von allen Seiten. Jeder hat nur immer wieder weiter Öl ins Feuer gegossen, einige mit der Ölkanne, als gedroht wurde, dass Video bitte „unzensiert“ wieder ins Netz zu stellen, sonst würde der „Zensurmeister“ das bitter bereuen.

Vor dem kommentieren einen innerlichen Schritt zurückmachen. Und wenn man das nicht kann, weil man grad auf 180 ist (passiert mir selbst oft genug), dann ist die andere Seite gefragt.

Denn: Diese Beleidigungen mögen persönlich gemeint sein, sie können es aber nicht sein. Mein virtuelles Gegenüber kennt mich nicht. Es kennt nur meine Schreibe. Die wenigen Menschen, die mich tatsächlich kennen, wissen, dass mein eigentliches Ich, was ich hier zeige und das Ich, was ich „da draußen“ im realen Leben zeige, nicht annähernd zusammenpassen. Glaubts oder nicht, aber ich bin „in real“ tatsächlich schüchtern.

Also reicht es aus, sich zu vergegenwärtigen, dass derjenige das nicht ernst meinen kann. Selbst wenn er anderes glaubt. Fiese Kommentare werden daher gelöscht. Die Kommentatoren verwarnt und danach ebenfalls geblockt. Bei Twitter und Facebook hat jeder seine Chance, aber auch da nutze ich konsequent die Blockmöglichkeiten.

Morddrohungen, so sie kommen, gehen an die Polizei und an meinen Anwalt.

Kein Grund zur Aufregung, kein Grund für Stress. Es ist tatsächlich so unspannend.  Und ja, ich weiß an der Stelle, dass es Menschen gibt die andere Erfahrungen gemacht haben. Und da würde ich mir dann andere Möglichkeiten überlegen, denjenigen zur Räson zu rufen. Möglichkeiten gibt es fast immer. Kleines Gedankenspiel: Wieviel kostet eigentlich die Renovierungstruppe der Hells Angels? 🙂

Ja, wenn mich jemand beschimpft, ist das Mobbing. Wenn mich jemand stalkt, kann dass ernsthafte Auswirkungen haben. Ja, ich habe viel Zeit und kann die auch in die Kommentarmoderation investieren. Andere haben diese Möglichkeiten nicht. Dann muss man andere Möglichkeiten suchen.

Aber das virtuelle Mobbing, ohne es kleinreden zu wollen, ist noch eine ganz andere Hausnummer als das „Real-Life-Mobbing/Bossing“. Wenn sich Arbeitskollegen zusammenschließen und einem das Leben so schwer wie möglich machen, wenn Chefs sich einen Mitarbeiter ausgucken und als verbalen oder auch realen Punchingball benutzen.

Mobbing kann Menschen zerstören. Aber virtuelles Mobbing hatte immer nur dann die Macht, mich kleinzukriegen, wenn ich es zugelassen habe.

Inzwischen gehen mir unsachliche Kommentare da vorbei wo ich drauf sitze. Sachliche Kommentare, auch kritische, auch härter formulierte: Auf die gehe ich ein und wenn sie fundiert sind, nehme ich die Kritik gerne an.

Ein „du Schlampe“ oder „du müsstest mal wieder durchgevögelt werden, gut das ich dein Impressum kenne“ ruft bei mir als Reaktion weniger Angst als Gleichgültigkeit hervor. Wer so kommentiert steht so weit unter mir, dass es keinen Weg gibt, mich zu erreichen.

Und wer seine Drohungen wahr macht und vor der Tür steht mit der Intention mir zu schaden darf sich gerne auf die eine oder andere Überraschung gefasst machen.

Wie gesagt, so gehe ICH mit dem Thema um. Ich lasse es nicht an mich heran, Beleidigungen tropfen ab. Sie amüsieren mich kurzfristig, wenn sie kreativ sind und sie langweilen mich, wenn sie belanglos sind.

Aber nahe geht mir keins davon. Und so kann man mich online auch nicht mobben. Und mit einer konsquent geführten Blocklist lebt es sich verdammt angenehm.

Aber ich verstehe auch, dass es andere gibt, die das möglicherweise anders sehen.

Veröffentlicht am 30. August 2013, in Nachdenkliches. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 4 Kommentare.

  1. Danke! Leider nimmt hier im www nicht jeder diesen Weg. Er würde den Mobbern den Wind aus den Segeln nehmen.Und irgendwie hab ich mehr und mehr das Gefühll, dass Mobbing ein Volkssport ist….. nicht nur online, sondern auch offline. 🙂

  2. ein anderer Stefan

    Um damit so gelassen umzugehen, wie Du es schilderst, braucht es eine gehörige Portion Lebenserfahrung (auch und gerade der negativen Sorte), und die intellektuelle Kapazität, über diese Erfahrungen nachzudenken und Schlüsse daraus zu ziehen. Die Erfahrung fehlt sowohl der Bloggerin (19 Jahre oder so?) wie auch der Piratin (24?), nehme ich an. „Mit jedem Tag wächst zwangsläufigerweise die Zahl derjenigen, die mich am Arsch lecken können.“ Dahin muss man erst mal kommen. Nur: Bis dahin wird womöglich eine Menge Flurschaden angerichtet, bis hin zu Mobbing-Opfern, die sich umbringen. Die psychische Stärke hat nicht jeder.

    • Ja. Vor 20 Jahren hätte ich das auch ganz anders gesehen. „Hilfe, Morddrohungen“.

      Und ja, darum auch die Einschränkung: ICH sehe das so, aber ich weiß auch, dass das nicht jeder kann.

      *seufz*
      Am Ende steht eine Eskalationsstufe, die niemand wollte, alle sind angepisst und der Flurschaden übersteigt eine Truppenübung in der Lüneburger Heide.

  3. Angesichts der Tatsache, dass man auch im Internet mit Menschen kommuniziert, sollte man immer so mit ihnen umgehen, wie man dies auch von Angesicht zu Angesicht täte.
    Tut jemand dies nicht, so sollte man ihn darauf hinweisen und bei wiederholtem Nichtbeachten der Umgangsformen sperren.
    Was man aber genauso wenig tun darf, wie jemanden zu beleidigen oder zu verunglimpfen, ist ihn bloßzustellen, gar an den virtuellen Pranger. Auch im Internet ist Selbstjustiz nicht statthaft und wer sie dennoch meint ausüben zu müssen, disqualifiziert sich selbst!

    *weiterpopkornkaut*

warf folgenden Kuchen auf den Teller

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