Der Balanceakt zwischen Anklage und Rufmord


„Unschuldig bis zum Beweis des Gegenteils“ ist ein ehernes Prinzip unserer Justiz.

Es gab die Kampagne „#metoo“ – und ich habe teilgenommen. Hätte ich gewußt, wohin sie sich entwickelt, hätte ich geschwiegen. Denn an Hexenjagden möchte ich nicht Teil haben.

George Takei wird heute durch die Gazetten gezogen. Weil er Anfang der 80er einen Mann sexuell belästigt haben soll.

Und jetzt wirds ne Achterbahn.

George Takei hat – recht glaubwürdig und völlig am Boden zerstört – die Anschuldigungen zurückgewiesen.

Und im Zuge der Recherche habe ich ein paar Ungereimtheiten gefunden (mehr: Bin drüber gestolpert), die mich haben aufhorchen lassen.

Der erste Artikel, auf den alle referenzieren, ist der Hollywood Reporter. So auch Breitbart in einem Artikel. Breitbart referenziert *explizit* auf den Hollywood Reporter Artikel als Quelle. Nur: Hier gibts ein Problem.

Der Breitbart-Artikel ist 4 (in Worten: VIER) Stunden älter als der Hollywood Reporter Artikel. Die konnten auf den Artikel zum Zeitpunkt des publizierens überhaupt nicht verlinken, weil der nicht existierte. Und hier steht und fällt das gesamte Narrativ mit Google News: Wie zuverlässig sind deren Timestamps?

Denn, dieser Screenshot is frisch gemacht (11.11.2017, 16:50 Uhr):

Gleichzeitig, dieser Screenshot ist vom 11.11.2017, 16:52):

Vier Stunden älter. WENN der Google Timestamp nicht verfälscht wird, hat nicht Breitbart sich auf den Hollywood Reporter bezogen, sondern der Hollywood Reporter hat einen Breitbart-Artikel ungeprüft übernommen und als eigenen Stoff verkauft. Aber es kommt noch mehr.

Der Mann, der laut Hollywood Reporter „ein ehemaliges Model“ sein soll existiert offenbar nicht. Es gibt keinen Facebook-Account des Namens, es gibt keinen IMDb-Eintrag, es gibt kein Bild von ihm. Nichts. Kein Newsartikel, nichts.

Selbst wenn jemand zurückhaltend ist: Irgendeine Spur hinterläßt er. Aber der Mann kommt *nirgends* vor. Selbst die Artikel beziehen sich nur auf Gespräche mit Dritten – er selbst kommt nicht einmal zu Wort. Es gibt eine Webseite – gay UK – die sich hinter Mr. Brunton geklemmt hat. Selbst die haben NICHTS finden können. Aber halt andere Schlüsse als ich gezogen.

Mein Fazit zu diesem Zeitpunkt muss lauten:

Das ganze ist eine Rufmordkampagne, gestartet von Breitbart, um eine der mächtigsten Stimmen für LGBT-Rechte für immer zur Ruhe zu legen. Hier wurde im Zuge der #metoo-Kampagne gezielt ein Mensch ins Ziel genommen, mit einer Geschichte die vollständig erlogen wurde.

„Fake News“

Indeed.

/edit: Dieser Artikel wurde um 16:59 Uhr veröffentlicht. Mal sehen, was Google daraus macht, wenn ich editiere. Wenns bei 16:59 Uhr bleibt – gut. Wenn nicht, hab ich möglicherweise grad nen Bock geschossen. 😉

 

 

Veröffentlicht am 11. November 2017, in Mediales. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 10 Kommentare.

  1. Ohne jetzt auf die Sau, die gerade durchs Hollywooddorf getrieben wird einzugehen und als einfache nicht weiter geprüfte Überlegung: Die USA erstrecken sich doch über vier Zeitzonen. Wenn Hollywoodreporter nun an der Westküste und Breitbart an der Ostküste sitzen?

  2. Eventuell bezieht sich der Zeitstempel allerdings auf den Zeitpunkt der letzten Aktualisierung bzw. Aufnahme in den Index. Die Bots von Google werden vermutlich nicht bei jeder abgegrasten Website erst den eigenen Index durchsuchen, um dann keinen erneuten Eintrag mehr vorzunehmen.

  3. Was ich persönlich an der ganzen #metoo geschichte am traurigsten finde: da werden jetzt Ereignisse zitiert, die teilweise vor jahrzehnten stattgefunden haben. Warum wurde das damals nicht geäussert/angezeigt/öffentlich gemacht? Wie soll sich etwas ändern, wenn man nicht sagt, dass die Situation so nicht passt, sondern erst auf so ne Flutwelle warten, blos damit die eigene Stimme unter Umständen darin unter geht?

    Aber: Vielen Dank für diese Recherchearbeit, das ist ein wichtiger Hinweis und mal wieder eine gute Erinnerung, gelesenes zu hinterfragen.

    • ein anderer Stefan

      Warum die Opfer nicht schon früher an die Öffentlichkeit gegangen sind? Ganz einfach: Dann wären sie unter einer Flut von Kommentaren wie „selber Schuld“, „Spielverderberin“, „frigide Zicke“, „Weichei“, und allerlei hämischen Gelächter verächtlich gemacht worden, ihre Karriere wäre trotzdem zum Teufel gewesen. Irgendwo habe ich heute gelesen, dass Courtney Love nach ihrer öffentlichen Warnung vor Weinstein (vor etlichen Jahren) von ihrer Agentur gesperrt worden wäre.
      Mit anderen Worten: das System der Gewalt und Unterdrückung funktionierte jahrzehntelang so perfekt, dass die Opfer ein zweites Mal zum Opfer geworden wären. Man schaue sich den teilweise jahrzehntelangen Missbrauch in (vor allem katholischen) Schulen etc. hierzulande an, da hat dieses Schweigekartell genauso funktioniert.
      In den USA soll es um die dortige Form der Studentenverbindungen ein ganz ähnliches Schweigekartell um sexuelle Gewalt geben – möglicherweise sehen wir hier erst die Spitze des Eisbergs…

    • Persönlich habe ich das zwar auch so gehalten, dass man entweder sofort was sagt oder für immer schweigen sollte, aber ich finde das soweit gut nachvollziehbar, dass die Betroffenen erst so viel später darüber reden – noch dazu damit an die Öffentlichkeit gehen. Außerdem dauert das auch, bis man sich wieder erinnert wegen der Verdrängungsmechanismen.

      Persönlich bin ich aber für mich zu dem Schluss gekommen, dass ich nun – 20 Jahre nachdem ich als Kind missbraucht worden bin von einem Familienmitglied – das auch nicht mehr publik machen und der Person ihr Leben damit kaputt machen muss. Da hätte ich als Kind drüber sprechen sollen oder eben nicht. Ich habe mich für nicht drüber reden entschieden und sehe mich darin bestätigt, wenn ich die Reaktionen auf solche Sachen verfolge, egal ob nun metoo oder Prozesse über die berichtet wird.

      Aber ich finde es mutig, dass die anderen sich das trauen z. B. im Rahmen dieser metoo-Sache. Es ist ja eher ein Makel, der ihnen zugeschrieben wird, wenn sie sich als Betroffene outen und irgendwas werden sie schon falsch gemacht haben in der Situation und sie verpfuschen damit anderen deren Leben, obwohl das olle Kamellen von vorvorgestern sind – so der gängige Tenor, den man oft hört.

      Dazu kommen (echte) vorsätzliche Falschbeschuldigungen oder dass man etwas zu negativ wahrgenommen und verzerrt bewertet hat (versehentliche Falschbeschuldigungen). Man muss damit rechnen, dass man diesem Spektrum der Falschbeschuldiger zugeordnet wird. Ich denke, wenn man eh gerade am Boden ist, ist das alles zusätzlicher Ballast, der schwierig oder nicht zu händeln ist. Das muss man erstmal abkönnen dann.

  4. Hm, steht eigentlich fest, daß Takei schwul ist? Wieviele von der ersten Brücke leben überhaupt noch? Solche alten Geschichten…

    • Oh bitte. Takei ist sehr offen damit und das ist offiziell. Ein absoluter Hinweis ist auch, dass Takei mit seinem Mann inzwischen verheiratet ist O.o

  5. So, jetzt ist die Hexenjagd perfekt. Jetzt kann man jeden Mann aus dem Hinterhalt medial abknallen mit teilweise 40 Jahre alten Vorwürfen, die sich vermutlich weder beweisen noch widerlegen lassen. Aktuell James Levine

    http://www.tagesschau.de/kultur/met-levine-101.html

    Wozu wird das führen, wenn es so weitergeht? Man wird Frauen rigoros im beruflichen Umfeld ausgrenzen, weil zu gefährlich. Und dann haben Feministinnen endlich die Welt in real, von der sie immer schwadronieren.

warf folgenden Kuchen auf den Teller

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