Der syrische Eiertanz


Wenn man gerade die Berichterstattung und die Äußerungen von Politikern zu Syrien liest, bekommt man eine ziemlich konkrete Vorstellung des Begriffes „Eiertanz“.

Assad ist ein Diktator. Diktatoren sind böse. Aber die Rebellen sind ja nun auch nicht gerade lupenreine Demokraten – und vor allem sinds meistenteils keine Syrer, sondern „Importierte“. Die Köpfe sind Syrer, aber die Kämpfer nicht.
Assad hat sich mit der bösen Hisbollah gemein gemacht. Aber die Rebellen sind offenbar zum Teil kannibalistisch. Will man auch nicht.

Und man kann die damit beschäftigten Diplomaten direkt rufen hören: „Geht’s nicht ein bisschen einfacher?“

Und jetzt auch noch ein Giftgasangriff. „Auch das noch“.

Die Rebellen haben nahezu unverzüglich auf Bashar al-Assad gezeigt, der unverzüglich – und verdammt heftig – dementiert hat.

Fakt ist: Irgendein Verbrecher hat da Saringranaten auf eine hilflose Zivilbevölkerung geworfen. Doch ich halte die Chance, dass es wirklich Assad war, für sehr gering.

Die Rebellen stehen in Syrien mit dem Rücken zur Wand. Viel steht für sie auf dem Spiel: Macht, Geld und vor allem das eigene Leben. Denn wenn man die Anführer der Rebellen je lebendig fangen sollte, haben sie von der Regierung in Damaskus keine Gnade zu erwarten. Und ja, Assad greift durchaus auch auf Sippenhaft zurück. Er hat die Familie von Brigadegeneral Idriss exekutieren lassen.

Entsprechend skrupellos gehen die Warlords vor. Während man am Anfang noch versucht hatte, die Türkei als Kombattant auf Rebellenseite mit reinzuziehen, indem man mal grenznahe türkische Städte bombardiert hat und versuchte, dass Assad in die Schuhe zu schieben, hatte man kurze Zeit später syrische Rebellen der al-Nusra-Brigade mit Sarin-Giftgascontainern in Adana gefasst.

Den Türken war übrigens ziemlich egal, wer die Granaten jetzt auf ihre Städte abgefeuert hatte – sie haben mal grob zurückgeschossen und die Rebellen wurden danach auch ziemlich kleinlaut. Die Botschaft Erdogans war klar: Das ist nicht unser Krieg, lasst uns in Ruhe und seht zu, wie ihr klarkommt.

Parallel versuchen die Rebellen immer wieder, Reporter dazu zu bringen, in ihrem Sinne zu berichten. Sie sind ausländischen Journalisten gegenüber recht offen und beschützen diese auch, soweit es möglich ist. Im Gegenzu dessen bekommen sie dann die gute PR, die sie dringend brauchen.

Denn die Rebellen sind keine Freiheitskämpfer, um das mal in aller Deutlichkeit zu sagen. Es sind keine Helden, die sich gegen ein diktatorisches und korruptes Regime auflehnt. Die Mehrheit der Syrer hält nach wie vor zu Assad. Und sie hat Gründe dafür.

Es ist richtig, dass Bashar al-Assad nach einer vorsichtigen Öffnung von der Explosivität der neugewonnenen Meinungsfreiheit offenbar überrascht wurde und die Anfänge der gesellschaftlichen Öffnung flugs zurückgefahren hatte. Doch er hatte auch gesehen, wo die Reise bereits damals hinging und was wir in Ägypten derzeit in voller Breite erleben dürfen: Islamische Fanatiker versuchten, die Diskussion an sich zu reißen. Syrien ist kein religiöses Musterland, die Fanatiker wollen es dazu machen.

Warum hat sich eigentlich nie einer gefragt, warum Assad diese Demokratieversuche überhaupt zurückfahren konnte ohne das ihm das Land um die Ohren geflogen ist? Anders als in Ägypten zum Beispiel?

Die Bevölkerung stützte Assad. Wer Kritik auf sich zog, war seine Frau, die für viele Syrer zu selbständig ist. Und viele sehen in seiner „Unfähigkeit“, seine Frau zu „bändigen“ auch eine Schwäche Assads. Ich persönlich halte das für eine seiner Stärken.

Das Ehepaar Assad hat sich um die Bevölkerung gekümmert, endlich mal ein Schulsystem aufgebaut. Und auch wenn Syrien nach wie vor kein Land ist, in dem ich würde leben wollen, ist es für die Mehrheit der Bevölkerung doch ein Land gewesen, wo man leben *konnte*. Es gibt gerade in der Region eine Menge Beispiele dass das dort anders ist.

Assads Regierung ist gekennzeichnet von einem ewigen Eiertanz. Man merkte ihm an, dass er etwas verändern wollte, aber auch ein Assad steckte in der Zwickmühle einer Gesellschaft, die sein Vater Hafiz aufgebaut hatte. Assad hatte einen völlig anderen Bildungshintergrund und für mich wirkte das ganze, als würde er eine Art Second-Hand-Demokratie aufbauen wollen, ohne jedoch den islamischen Fundamentalisten zuviel Handlungsfreiheit zu geben.

Letztendlich ging das nach hinten los, Generäle wie Selim Idriss desertierten und gründeten die FSA – die Freie syrische Armee. Idriss war es, der bei einem Besuch der EU erzählte, dass der syrische Geheimdienst mit den al-Nusra-Brigaden (einem al-Kaida Ableger) kooperieren würden und der auch als *erstes* die Besorgnis äußerte, dass Assad möglicherweise auf Giftgasangriffe zurückgreifen würde.

Selim Idriss, der als ehemaliger Brigadegeneral genau weiß, wo die syrischen Giftgascontainer (über die Assad unstreitig verfügt) lagern. Und Oberst Riad al-Asaad, der, leider aus einem sehr guten Grund, einen persönlichen Rachefeldzu gegen Assad führt.

Und jetzt wurde eine Rebellenhochburg mit Sarin beschossen.

Nein, tut mir leid. Ich glaube diesen beiden Männern nicht, dass Assad die Granaten geworfen hat. Bashar al-Assad hat zuviel zu verlieren. Wenn ihm der Giftgasangriff nachgewiesen werden kann, verliert er die Unterstützung Russlands und damit den Bürgerkrieg. Denn die EU und die USA haben ihre eigenen Ziele in diesem Konflikt. Syrien ist ein Ölland.

Würde ich Selim Idriss zutrauen, die Giftgasgranaten auf die eigenen Leute zu werfen? Jederzeit. Der Mann hat nichts zu verlieren und wenn er glaubt, dass er die Granaten werfen kann ohne dass es auf ihn zurückfällt, dann wird er das tun.

Und am Ende stehen tote Männer, Frauen und Kinder, die von dem unsichtbaren Tod überrascht wurden.

Der Tod durch Sarin ist kein leichter Tod. Umso wichtiger, dass der wahre Schuldige an diesem Massaker gefunden wird.

Veröffentlicht am 23. August 2013, in politisches. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 2 Kommentare.

  1. ein anderer Stefan

    Ich denke, das trifft es sehr gut. Man mag über Assad vieles sagen, aber er ist kein Dummkopf. Er weiß sehr genau, dass es heftig auf ihn zurückfiele, setzte er Giftgas ein. Und was passiert, wenn die Amerikaner irgendwann tatsächlich sagen, es reicht, hat er ja an Saddam genau studieren dürfen. Gegen eine vielschichtige Opposition im eigenen Land mit aller Härte vorgehen, aber zugleich nicht noch zusätzlich Flanken für Kritik und womöglich Interventionen aus dem Ausland öffnen – ein ziemlicher Balanceakt. Ja, er ist ein grausamer Diktator – die Alternativen sind aber allesamt nicht besser. Demokraten sehe ich da keinen. Da kann auch das Ausland nur verlieren, denn egal, wen sie unterstützen, es ist immer jemand, der über Leichen geht – zu tausenden.

  1. Pingback: Ulf. Mehr oder minder täglich Privatkram.

warf folgenden Kuchen auf den Teller

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