Archiv der Kategorie: Nachdenkliches
Verkannte Helden
Es ist ja auch ein Kreuz mit diesem Internet. Verdienste werden nicht ausreichend gewürdigt, wenn man sich denn dann mal ehrlich schämt und seine Verfehlungen juristisch einwandfrei wieder gutmacht, kommen sofort alle mit der Moralkeule.
Perfide: Es hilft noch nicht mal, wenn man sich karitativ betätigt.
Dieser fiese Internetmob aber auch. Moderne Hexenjagd. Pranger. Mobbing. Rufmord. Denunzierung.
Gut, sie hat im Grunde genommen das gleiche gemacht, wie Uli Hoeneß: ordnungsgemäß versteuerte Gelder in der Schweiz gelagert und dafür keine Zinsertragssteuer bezahlt. Sie hat also grundsätzlich – genau wie Uli Hoeneß – Steuern bezahlt.
Auf der anderen Seite muss man jetzt mal sehen, dass Uli Hoeneß mit einem Bein im Knast steht während Frau Schwarzer öffentlich herumweinen kann, dass doch gerade alle so furchtbar böse zu ihr sind.
Wenn zwei dasselbe tun ist es noch lange nicht das gleiche. Jaja, ich weiß, der eine hat sich blöd angestellt, die andere war clever. Aber macht mir hier nicht mein schönes Narrativ kaputt, dafür genieße ich die Situation mit der Schwarzer gerade viel zu sehr.
Warum? Ich bin doch eine Frau, ich sollte doch froh sein über Alice Schwarzer?
Über die frühe Alice Schwarzer war ich das auch. Sie hat Krusten aufgebrochen, sie ist mit einer Verve, die ihresgleichen sucht vorgegangen und hat unbeirrt, stur, wie sie nun mal ist, gezielt alte Zöpfe abgeschnitten und Patriarchalisches benannt wo es normalerweise verschwiegen wurde.
Sie hat gezeigt, dass Frauen nicht nur bessere Heimchen am Herd sind.
Aber heute?
Frau Schwarzer hat sich selbst überlebt. Sie stilisiert sich selbst zur Ikone des Feminismus hoch, sie ist diejenige, die in Deutschland immer noch für Feminismus und IHRE Art des Feminismus steht. Wer für Frauenrechte kämpft, ohne Schwarzers Position einzunehmen, muss damit rechnen von ihr abgestraft zu werden. Und ihre publizistische Macht ist groß, sie gehört zu den mächtigsten Medienfrauen Deutschlands und ist in einer Reihe zum Beispiel mit Friede Springer zu stellen.
Dabei bringt sie bereits seit Jahren keine neuen Impulse mehr, sondern feiert nur noch sich selbst und „ihren“ Weg des Feminismus. Kritiker kritisieren nicht Frau Schwarzer, sondern direkt den Feminismus – sie sieht sich selbst als Verkörperung der Bewegung. Eine Trennung zwischen der Person Alice Schwarzer und der Bewegung der Feministinnen ist von ihr seit Jahren erfolgreich verhindert worden.
Und wenn dieser Steuerskandal dazu beiträgt, dieses Bollwerk aufzuweichen und den in Selbstgefälligkeit und Selbstgerechtigkeit erstarrten Feminismus wieder zu vermenschlichen, dann bin ich dafür, dass wir noch eine Schlagzahl zulegen.
Denn der Feminismus der Alice Schwarzer hat nicht die Antworten, die wir heute brauchen. Dafür gibt es andere Frauen, die, völlig zu Unrecht, in dem gewaltigen Schattenwurf der Alice Schwarzer verschwinden.
Und wenn sich DAS ändern würde, könnte man den Feminismus auch wieder ernst nehmen.
Missbrauch
Eins vorweg: Ich halte Dylan Farrow für das Opfer von Missbrauch. Sie IST eine Überlebende. In jeder Beziehung. Nur halte ich einen anderen Täter für möglich.
Linksammlung
Ein paar Links für die sich keine eigenen Artikel lohnen, die mir aber im „Social Web“ vorbeigerauscht sind.
Europeana 1914 – 1918. Der Erste Weltkrieg persönlich und bedrückend hautnah
steuerlich absetzbarer Exorzismus via Skype. Nur knapp 300 Dollar.
Balls of steel award 2014. DAS ist nicht mehr zu toppen.
Vollmond. Äpfel. Und von der Anziehungskraft des Aberglaubens.
Slam Poetry. But don’t slam poetry.
Ich schreibe selbst. Und ich weiß, wie stark Worte sein können, wenn sie richtig gesetzt werden. Die Feder ist nach wie vor mächtiger als das Schwert. Das tötet nur – Worte können vernichten oder aufbauen, je nach Intention dessen, der die Feder führt.
Einer der stärksten Vertreter der Slam Poetry Zunft ist Shane Koycan. Doch auch andere haben etwas zu sagen. Und mit dem Instrument der Slam Poetry verleihen sie ihrer Aussage eine Durchschlagskraft, die, wenn man zuhört und versteht, nicht das Leben ändern kann, aber doch neue Impulse verleihen, Sichtweisen verändern oder zumindest etwas zum Nachdenken geben. Denn auch, wenn man eine Sichtweise nicht teilen kann: Es lohnt sich oft, zumindest drüber nachzudenken.
Und es ist gerade bei der Slam Poetry noch kein Meister vom Himmel gefallen. Um die nötige Eindringlichkeit zu erreichen, braucht man Lebenserfahrung und Übung.
Wegen eines sprachlichen Aussetzers auf einem Künstler herumzuhacken, ist daneben. Denn auch wenn der Aussage die Druckkraft eines Dampfhammers fehlt, wenn die Intonation nicht stimmt – sie ist da. Und wert, angehört zu werden.
Angst essen Seele auf
Henning Mankell hat Krebs. Und er macht seine Erkrankung öffentlich. Er reiht sich damit ein in die Reihe der Autoren, die über ihre Krebserkrankung berichtet haben. Manche waren bekannter als andere. Wolfgang Herrndorf. Christof Schlingensief. Die Chaoskatze. Echium. Ich selbst. Und jetzt Henning Mankell.
Umweltschutz schadet nur
Über Jahre hinweg mussten wir uns alle Verbesserungen beim Umweltschutz mit Klauen und Zähnen erkämpfen. Teilweise waren es lokale Bemühungen, indem zum Beispiel kleinere Bachläufe aufwändig renaturiert wurden (d.h. die frühere „Begradigung“ zurückgenommen wurde) oder eben auch größere Gesetzesvorhaben, wie die Grenzwerte für Feinstaub und andere Umweltbelastungen.
Und immer immer immer hörte man das mahnende Aufjaulen der Industrie, dass das doch Arbeitsplätze vernichten würde.
Ganz ehrlich? Wenn wir auf diese Idioten gehört hätten, würde es bei uns jetzt wohl auch so aussehen. Oder so. Oder so.
Da lass ich doch lieber die Industrie weinen als kleine Kinder, die verzweifelt in einer vergifteten Luft nach Atem ringen.
I was an NFL Player
Was Feigheit, Bigotterie und menschliche Niedertracht anrichten können, sieht man plakativ am Beispiel Chris Kluwe.
Der NFL Punter hat sich für die Gleichstellung der Ehe ausgesprochen. „Gay marriage“. Sein Trainer, offenbar latent homophob, hat mehrfach versucht, ihn davon abzuhalten – nett ausgedrückt. In Deutschland wäre da schnell der Verdacht der Nötigung aufgekommen.
Als das nichts fruchtete, griff er auf Mobbing zurück, isolierte Chris Kluwe gezielt im Team und hat ihn dann gefeuert, weil er die „Leistung nicht mehr bringen konnte“.
Solche Beispiele sind – leider – wichtig. Denn an ihnen sieht man recht gut, wie einfach es ist, jemanden der einem nicht in den Kram passt, mit kleinen Kniffen aus der Gruppe zu trennen und dann loszuwerden.
Doch am Ende steht dann meist eine Herde Schafe und keine Individuen mehr.
Rückgrat ist manchmal eben doch keine Frage der Moral sondern eine Frage, die einen selbst viel tiefer berührt:
„Was macht es aus mir, wenn ich schweige?“
Und die Antwort, die viele sich dann ehrlicherweise geben müssten, ist nicht sehr bequem.
Über das Stalking
Stalking ist eine Form der Nachstellung, bei der ein Täter sich auf sein Opfer fixiert.
Dabei sieht der Täter sich selbst überhaupt nicht als Täter, denn er meint, er hätte aufgrund vergangener Erlebnisse ein Recht darauf, dass sein Opfer ihm bestimmte Dienste erweist.
Online-Stalking ist relativ neu und unbekannt.
Und um diese Sonderform des Stalkings soll es heute gehen.
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Blackfacing
Wetten, dass…? und das Blackfacing. Alles nicht so schlimm? Doch, leider noch viel schlimmer. Und nur weil man die Probleme nicht wahrnimmt, heißt das nicht, dass die nicht existieren. Lesebefehl für das Ephemera-Blog an der Stelle, Anatol Stefanowitsch hat sehr sachlich und sehr herausragend erklärt, warum die Sendung des ZDF rassistisch war und warum es kein Zufall war, dass so gehandelt wurde.
Aber man hört oft das Argument: „Darf denn jetzt auch kein Schauspieler mehr den Othello spielen?“ – weil der Othello klassisch mit schwarz geschminkter Haut gespielt wird. Der Mohr von Venedig. Und ich glaube, es ist hier mal an der Zeit, ein bisschen mit Mythen aufzuräumen und vielleicht den Artikel Ephemeras um einen Punkt zu erweitern.
Spaß für den ganzen Tag
Ich prokrastiniere. Ich gebe es zu. Aber dieser Derailing-Artikel ist, von dem Schnitzer mit der Beschneidung mal abgesehen, eine echte Fundgrube. Echt jetzt.
Beispiele gefällig?
Gesetzestreue
Zwei Aussagen, die mir heute bei Twitter an der Timeline vorbeiliefen.
An Gesetze hält man sich nicht, weil es gute Gesetze sind, sondern weil es Gesetze sind (alles andere wäre total witzlos).
Der einzige legitime Grund, sich an Gesetze nicht zu halten, ist, dass sie im Widerspruch zu anderen, höheren Gesetzen stehen.
Antje Schrupp, eine an sich sehr kluge Frau, hat sie geäußert. Doch bei allem Respekt: Dem kann ich nicht zustimmen.
Typische Typisierung
Seit ich mich mit Aurelas Fall etwas mehr beschäftigt habe, habe ich mich auch mit der Typisierung und der daraus entstehenden Probleme beschäftigt.
Vor allem vor dem Hintergrund ausufernder Datenbankschnüffeleien erschien es mir als medizinischem Laien recht naheliegend, dass die Ermittlungsbehörden sowie die Geheimdienste doch nach einer derartigen Gendatenbank lechzen müssen. Wo sonst bekommt man so umfangreiche Genotypen frei Haus abgesammelt?
Also hab ich mich mal an das DKMS gewandt. Spannender Schriftwechsel, den ich mit freundlicher Genehmigung hier auch veröffentliche.
Warum tust du das eigentlich?
Die Frage wird mir in letzter Zeit immer öfter gestellt.
Warum tust du das? Du setzt dich für ein Ende der Beschneidungen ein, du schreibst gegen Rassismus an und für Schwulenrechte.
Du kämpfst an so vielen Fronten – warum tust du das?
Und immer hab ich genau eine Antwort darauf.
Doppelte Dröhnung
Neues von Aurela. Der Zustand hat sich verschlechtert, die Chemo muss verdoppelt werden. Ulf geht Montag zur Apotheke, die Medikamente kaufen und danach per Zug an den Kurier liefern. Denn in Uglar, wo Aurelas Familie lebt, sind die Medikamente nicht zu bekommen.
Wer zahlt das? Ulf. Aus seinem persönlichen Geldbeutel. Denn die gesammelten Spendengelder sind *ausschließlich* für die Stammzelltransplantation, die hoffentlich die endgültige Heilung bringt.
Wohlgemerkt: Ulf ist arbeitslos und würde HartzIV beziehen, wenn seine Frau nicht „zu reich“ wäre. Lies: Sie verdient knapp zuviel.
Und der nächste, der mir was von „Hartzies“ und „Schnorrern“ erzählt, dem hau ich mit Anlauf eins in die Schnauze.
Blutspende deluxe
Wir hören es doch an jeder Ecke:
Spende Blut. Es rettet Leben.
Es gibt viele Organisationen, die Blutspenden einsammeln. Das Blut wird gesammelt, getestet und dann für jemanden bereitgehalten, der das Blut dringend benötigt.
Doch es gibt auch potenzielle Spender, die sind auf Lebenszeit von jeder Blutspende ausgeschlossen. Lies den Rest dieses Beitrags
Atombomben
Es gibt Atomwaffen länger als ich lebe. Das Manhattan-Project war von 1948, 3 Jahre nach dem Krieg, der alle Kriege beenden sollte. Haidanai böser Ausrutscher. Joynt hat recht. Das Manhatten-Project war das Projekt, dass den 2. Weltkrieg beenden sollte. Merke: Don’t blog and drink Glühwein. Sorry.
Federführend war Dr. Robert Oppenheimer. Ein Physiker, Nuklearwissenschaftler und eigentlich DER Mann, der mit der Atombombe in Verbindung gebracht wurde.
Wir hören so viel von Wissenschaftlern, die ihre Ethik und Moral vergessen haben. Die den Fortschritt über alles stellen.
Wie ist Dr. Oppenheimer mit der Tatsache umgegangen, dass er etwas geschaffen hat, was problemlos das Potenzial hat, die Menschheit in die Steinzeit zurückzubomben?
Seht selbst. Lies den Rest dieses Beitrags